Nachhaltigkeit
A happy young adult woman enjoys time at her home, the house interior well designed and decorated with an assortment of interesting plants.  She waters one of her plant arrangements with watering can.

Zimmerpflanzen werden immer beliebter. Nachhaltig sind sie aber nur in den seltensten Fällen. Bild: E+ / RyanJLane

Nachhaltig

Zimmerpflanzen sind nicht immer nachhaltig – worauf ihr achten müsst

Efeuranken, die sich ihren Weg durchs Badezimmer bahnen, Kakteenwälder im Bücherregal, Sofas, die fast von Palmwedeln verschluckt werden: Sich die Natur nach Hause zu holen, die Wohnung mit Pflanzen zu teilen und nach und nach in den berühmten #urbanjungle zu verwandeln, ist hip. Gärtnern ist kein Hobby mehr, wofür Oma belächelt wird – sondern eines, womit sich auf Instagram Eindruck schinden lässt. Sogenannte Plantfluencer haben mit Fotos ihrer Pflänzchen Hunderttausende Follower hinter sich versammelt. Tipps zum Umtopfen oder Ableger Züchten und Hilfe bei Blattläusen und gelben Blättern gibt es obendrein.

Bei so viel Inspiration kann man schon mal auf die Idee kommen, sich seinen eigenen Dschungel zu erschaffen. Oder zumindest die Plastikorchidee auf dem WG-Klo gegen echtes Grünzeug auszutauschen. Rund 100 Millionen Zimmerpflanzen werden hierzulande jährlich verkauft, insgesamt 1,5 Milliarden Euro gaben die Deutschen im Jahr 2018 laut der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) dafür aus. Vor allem bei den grünen Zimmerpflanzen ist die Tendenz steigend.

Nur leider sind die nicht so nachhaltig, wie ihre (im besten Fall) grünen Blätter suggerieren. Zwar wandeln sie Kohlendioxid in Sauerstoff um und sorgen für ein gutes Raumklima. Doch Monstera und Calathea sind genauso exotisch, wie sie klingen. "Viele von ihnen werden in Ländern in Afrika oder Lateinamerika vorgezogen, auch wenn ihr EU-Pflanzenpass etwas anderes vermuten lässt", sagt Corinna Hölzel, die beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) für Pestizidpolitik zuständig ist. "Wenn als Herkunft Deutschland oder Holland vermerkt ist, bedeutet das oft nur, dass die Pflanzen dort umgeschlagen und zuletzt dort gegossen und gedüngt wurden."

Insektizide, Fungizide, Stauchungsmittel

Logisch, dass die tropischen Jungpflanzen in Ländern wie Ägypten, Äthiopien, Kenia oder Costa Rica besser gedeihen als im Harz oder Rheinland. Doch das hat nicht nur Auswirkungen auf den CO2-Fußabdruck der Pflänzchen. Denn während in Europa viele Pestizide zu Recht verboten sind, ist ihr Einsatz in zahlreichen Aufzuchtländern ganz normal – und die Arbeiter ihnen oft schutzlos ausgeliefert. "Die Arbeiterinnen auf den Plantagen sind oft ohne Schutzkleidung unterwegs und wissen nicht von den Gefahren, die von den Stoffen ausgehen", sagt Hölzel.

Und die Liste an chemischen Substanzen, die den Jungpflanzen zur vermeintlich besseren Aufzucht gespritzt werden, ist lang: Insektizide gegen Läuse und Raupen, Fungizide gegen Mehltau und Rostpilze. Und damit unsere Pflanzen nicht so hoch austreiben, aber trotzdem viele Blüten und Blätter haben, kommen Stauchungsmittel hinzu.

Dabei hat der Einsatz dieser Mittel nicht nur für Arbeiter und Umwelt fatale Folgen. Absurderweise sorgt das chemische Doping auch dafür, dass die Pflanzen – wenn sie erst einmal in unsere Wohnung eingezogen sind – teilweise schneller schlapp machen. Auch Pflanzen sind Lebewesen, ihr Leben beginnt eben nicht erst, wenn sie bei uns auf der Fensterbank stehen. Und die stressige Kindheit kann am Ende dafür sorgen, dass sie weniger robust und anfälliger für Krankheiten sind.

"Ökologisch aufgezogene Pflanzen wachsen beim Verbraucher dagegen direkt weiter, weil keine Hemmstoffe eingesetzt wurden, die die Pflanzen künstlich klein und kompakt halten", sagt Bioland-Zierpflanzenexpertin Andrea Frankenberg. Durch organische Düngung mit vielen Feinwurzeln wüchsen die Pflanzen außerdem besser an und seien widerstandsfähiger.

Siegel ist nicht gleich Siegel

Nur: Wer im Gartencenter oder Baumarkt eine nachhaltig aufgezogene Zimmerpflanze finden möchte, muss motiviert und geduldig sein. Gerade mal bei 1,7 Prozent liegt dem BUND zufolge hier der Anteil an Bio-Qualität. Online gibt es mittlerweile zwar einige Shops, die damit werben, nachhaltige Zimmerpflanzen zu verkaufen – und damit, dass die Züchter sich verschiedenen Richtlinien verschrieben haben, dass Biodünger und natürliche Schädlingsbekämpfung eingesetzt und auf Plastik verzichtet wird.

Doch auch, wenn sich viele Pflanzenhändler mittlerweile Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreiben – nicht immer ist klar, was nachhaltig im Einzelnen bedeutet und an welche Vorgaben sich die Aufzuchtbetriebe halten müssen. "Für Verbraucher ist kaum zu erkennen, was hinter den Siegeln steckt", sagt Pestizid-Expertin Hölzel. "Begriffe wie 'nachhaltige Produktion' sind nicht geschützt, das ist eine Nullnummer." Zwar gebe es Abstufungen und die Unternehmen versuchten durchaus, etwas zu ändern. Was das konkret bedeutet, wird aber oft nicht ersichtlich. Das oft verwendete MPS-Zertifikat beispielsweise reguliere nicht, welche Mittel ein Betrieb einsetzen darf und wie umweltschonend diese sind, sagt Frankenberg von Bioland. Sie sagt:

"Nur die Bio-Zertifizierung gewährleistet, dass keine chemisch synthetischen Dünger, Pflanzenschutzmittel und Hemmstoffe im Betrieb eingesetzt werden."

Wer sicher gehen will, sollte Fantasielabels á la "bienenfreundlich" deshalb links liegen lassen und sich auf die offiziellen Bio-Labels für Zimmerpflanzen fokussieren: Demeter, Naturland, Bioland und das EU-Biosiegel. "Nur die Bio-Siegel haben starke Kriterien, das sollte kaufentscheidend sein", sagt auch Hölzel.

Neben dem Verzicht auf chemische Pestizide wird bei den mit Bio-Siegeln zertifizierten Pflanzen auf torfhaltige Blumenerde verzichtet – oder deren Anteil in der Erde reduziert. Denn der Abbau von Torf aus zumeist weißrussischen Mooren ist für die Umwelt ein großes Problem. "Dort werden wertvolle Lebensräume zerstört", sagt Hölzel. "Gleichzeitig wird enorm viel Kohlenstoff, der im Moor gespeichert ist, als CO2 in die Atmosphäre freigesetzt."

Auch Pflanzen gibt es Second Hand

Um das zu vermeiden, lohnt sich ein Abstecher in eine Bio-Gärtnerei. Über 200 gibt es davon inzwischen in Deutschland. Wo die nächste zu finden ist, kann auf bio-zierpflanzen.de nachgelesen werden. Lilli Erasin, die im Berliner Blumen-Goldbeck konventionelle und Bio-Zierpflanzen anbietet, bemerkt, dass die Kunden zunehmend nach den umweltfreundlicheren Bio-Blümchen fragen. "Das ist nicht nur für die Umwelt gut, sondern auch für dich selbst. Denn du holst dir die Pestizide, die sonst auf der Pflanze kleben, nicht ins Haus", sagt sie.

Einen richtig großen Markt für nachhaltige Topfpflanzen gebe es aber noch nicht. "Tropische Pflanzen brauchen bei der Aufzucht ein anderes Klima und sind energetisch sehr aufwendig", sagt Erasin. "Sie müssten also deutlich teurer sein als die, die bei Ikea oder Aldi verkauft werden." Und: Nicht immer sehen Pflanzen ohne künstliche Aufputschmittel so makellos aus, wie die Pflanzen, die wir auf Instagram bewundern. Corinna Hölzel sagt:

"Es ist toll, dass der Nachhaltigkeits-Trend von Lebensmitteln auch auf Pflanzen überschwappt. Aber da muss man auch an den Verbraucher appellieren, sich mit einer Pflanze zufriedenzugeben, die ein bisschen einfacher, dafür aber robuster ist."

Dennoch gibt es gute Nachrichten: Trendpflanzen wie Monstera, Einblatt, Grünlilien und Efeututen lassen sich prinzipiell in Bio kultivieren.

Wie bei Kleidung oder Möbeln gilt aber auch bei Pflanzen: Second Hand ist immer nachhaltiger als neu gekauft. Warum nicht einfach eine Pflanze von jemandem übernehmen, der nichts mehr damit anfangen kann? Oder der im heimischen Wohnzimmer Ableger gezogen hat? Zu finden gibt es solche Pflanzen aus zweiter Hand unter anderem auf Ebay-Kleinanzeigen oder in Facebook- und Nachbarschaftsgruppen. In größeren Städten gibt es außerdem regelmäßig Pflanzentauschmärkte, bei denen vor allem Jungpflanzen und Saatgut getauscht werden.

Steht die nachhaltige und umweltfreundliche Pflanze dann endlich auf der Fensterbank, ist es aber noch nicht getan. Auch bei der Pflege gibt es einiges zu beachten. BUND und Bioland empfehlen, statt torfhaltiger Blumenerde Rindenhumus, Kompost oder Holzfasern zu nutzen. Außerdem sollte ein ausreichend großer und plastikfreier Blumentopf aus natürlichen Materialien verwendet werden und bei etwaigen Schädlingen statt auf synthetischen Dünger auf organische Mittel zurückgegriffen werden. "Wichtig ist auch, darauf zu achten, die Pflanzen passend zum Lichtangebot in den Räumlichkeiten zu wählen", sagt Frankenberg. Es gilt also, für jede Pflanze den perfekten Standort in der Wohnung zu finden. Denn selbst der grünste Dschungel ist am Ende nur dann nachhaltig, wenn er überlebt.

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