Der Tsunami führte im Atomkraftwerk Fukushima zu einer Kernschmelze.
Der Tsunami führte im Atomkraftwerk Fukushima zu einer Kernschmelze.bild: imago images
Nachhaltig

10 Jahre nach Fukushima: "Atomkraft ist nie kontrollierbar"

11.03.2021, 11:4511.03.2021, 15:34

Um 14.46 Uhr Ortszeit bebt am 11. März 2011 das Meer vor der Küste Japans. Es ist eines der stärksten Seebeben, das jemals gemessen wurde. Nur 30 Minuten später erreicht ein bis zu 16 Meter hoher Tsunami das Land, reist Häuser, Autos und Menschen mit und verwüstet ganze Landstriche. 18.426 Tote und Vermisste zählt die Polizei später.

Die Flutwelle spült nicht nur sie fort, sie bricht auch über das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi herein, überschwemmt die Anlagen zur Stromerzeugung und sorgt dafür, dass die Kühlung ausfällt. In drei der sechs Reaktoren kommt es zur Kernschmelze und in den folgenden Tagen zu mehreren Wasserstoffexplosionen. Ausgerechnet in dem auf regelmäßige Erdbeben vergleichsweise gut vorbereiteten Japan mit seinen westlichen Sicherheitsstandards kommt es zum atomaren Supergau, der 150.000 Menschen zur Flucht zwingt. Und der selbst im 9000 Kilometer entfernten Deutschland ein politisches Beben auslöst.

Dort bilden sich nach der Katastrophe kilometerlange Menschenketten gegen Atomkraft. Die Grünen erobern kurz darauf den baden-württembergischen Landtag. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündet das, was ihre Partei nur Monate zuvor selbst wieder rückgängig gemacht hatte: den endgültigen Ausstieg Deutschlands aus der Atomkraft.

"In Fukushima haben wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass selbst in einem Hochtechnologieland wie Japan die Risiken der Kernenergie nicht sicher beherrscht werden können", sagt Merkel damals. Acht von 17 Reaktoren werden sofort abgeschaltet, die letzten verbleibenden sollen Ende 2022 vom Netz gehen.

Das Gebiet um das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ist noch immer Sperrgebiet.
Das Gebiet um das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ist noch immer Sperrgebiet.Bild: www.imago-images.de / Kyodo News

Jetzt, zehn Jahre später, leben in Japan noch immer Zehntausende in Behelfsunterkünften. Noch immer ist die Gegend um das Atomkraftwerk verstrahlt, die Brennstäbe nicht geborgen. Trotzdem wird wieder verstärkt über Atomkraft und deren Nutzen in der Energieversorgung diskutiert:

Bill Gates will mithilfe einer neuen Generation von Atomkraftwerken das Klima retten, US-Präsident Joe Biden will ebenfalls in Atomkraft investieren und selbst der Weltklimarat sprach sich im vergangenen Jahr für den Ausbau der relativ emissionsarmen Atomenergie aus. Erleben wir zehn Jahre nach Fukushima also ein Comeback der Kernenergie?

"Atomkraft hat keine Zukunft"

Nein, glaubt Juliane Dickel, Atomexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). "Die Atomkraft hat ihren Peak schon lange überschritten, weltweit sieht man den Trend, dass Atomkraft rückläufig ist – sie hat keine Zukunft", sagt die Leiterin der Atom- und Energiepolitik im Gespräch mit watson. Tatsächlich ist der Anteil der Atomenergie an der weltweiten Stromproduktion auf zehn Prozent gesunken, um die Jahrtausendwende lag er noch bei 30 Prozent.

"Eine Rückkehr zur Atomkraft ist in Deutschland ausgeschlossen", sagt Dickel deshalb. Gegen Naturkatastrophen oder Ausnahmesituationen wie das Erdbeben und den Tsunami in Japan hätten Atomkraftwerke keine Chance.

"Atomkraft ist letztlich nie kontrollierbar und bleibt eine Hochrisikotechnologie – sobald etwas schiefläuft, besteht die Gefahr des Supergaus." Hinzu kommt der Atommüll, für den noch immer keine Lösung gefunden wurde, und der somit an die nachfolgenden Generationen übergeben wird. "Und dass Uran viel in Gebieten abgebaut wird, in denen indigene Völker leben und die Natur kontaminiert wird", sagt die Atomexpertin.

Nach der Reaktorkatastrophe 2011 wurde auch in Deutschland gegen Atomkraft demonstriert, so wie hier in München.
Nach der Reaktorkatastrophe 2011 wurde auch in Deutschland gegen Atomkraft demonstriert, so wie hier in München.bild: imago images

Doch welche Chancen haben neuere, bessere Generationen von Atomkraftwerken? "Es wird zwar immer wieder propagiert, es könnte in Zukunft Reaktoren geben, die mit Atommüll gefüttert werden. Aber in der Forschung deutet sich da kein Durchbruch an", sagt Dickel. Bill Gates, der an der Firma TerraPower beteiligt ist, die Reaktortypen entwickelt, habe natürlich auch ein ökonomisches Interesse daran, die Atomkraft zu promoten.

Anders dagegen die deutschen Stromversorger. Zur Erinnerung: Erst vergangene Woche wurde nach jahrelangem Rechtsstreit entschieden, dass die Konzerne Vattenfall, Eon, RWE und EnBW eine Entschädigung von knapp 2,43 Milliarden Euro für den vorzeitigen Atomausstieg enthalten.

"Sie haben kein Interesse an einer Weiterführung der teuren Atomkraft", sagt Dickel. "Denn den Atommüll über lange Zeit zu verwahren, ist wirklich unwirtschaftlich. Würde man diese Kosten auf den Strompreis umrechnen, wäre der enorm, vor allem im Vergleich zu den erneuerbaren Energien." Auch eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung stellte 2019 fest: "Atomstrom war, ist und bleibt unwirtschaftlich."

Bergung könnte noch Jahrzehnte dauern

Dabei könnte es am Ende gar nicht nötig sein, den Atomstrom gegen den fürs Klima hochproblematischen Kohlestrom aufzurechnen – wenn die erneuerbaren Energien ausgebaut werden. Eine Studie des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschun (IASS) in Potsdam zeigte 2019, dass es rein rechnerisch möglich wäre, Europa zu hundert Prozent mit erneuerbarer Elektrizität zu versorgen – auch wenn das mit einem hohen Flächenbedarf einhergehen würde. Der BUND berechnete 2018, dass sofort alle Atomkraftwerke abgeschaltet und 2030 die Kohlekraftwerke folgen könnten.

Etwa 150.000 Menschen mussten nach dem Reaktorunglück ihre Häuser verlassen.
Etwa 150.000 Menschen mussten nach dem Reaktorunglück ihre Häuser verlassen.bild: imago images

Die Debatte um die komplizierte Speicherung von Solar- und Windenergie – die nunmal nicht rund um die Uhr verfügbar ist – reißt trotzdem nicht ab. Und so setzt auch Japan zehn Jahre nach der Katastrophe weiter auf Atomstrom, zumindest auf dem Papier. Tatsächlich aber wurden die meisten der 54 Kernkraftwerke nach dem Supergau von Fukushima ab- und nie wieder angeschaltet. Bis heute konnten die Brennstäbe aus Fukushima Daiichi nicht geborgen werden, Experten rechnen damit, dass es 30 bis 40 Jahre dauern könnte, das nukleare Brennmaterial aufzustöbern und sicher zu bergen.

"Nach wie vor sind Reaktordruckbehälter, Sicherheitsbehälter und Gebäudestrukturen – unter Umständen auch Fundamente – in großem Umfang zerstört und undicht. Es kommt deshalb weiterhin zu Freisetzungen von Radioaktivität“, schreibt dazu das Ökoinstitut. Dickel sagt: "Das ist eine anhaltende Reaktorkatatstrophe, die Existenzen zerstört hat."

Streit über gesundheitliche Schäden dauert an

Wie groß die Schäden durch das Reaktorunglück tatsächlich sind, darüber streitet man aber auch noch im Jahr zehn nach dem Supergau. Eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Studie eines UN-Expertengremiums fand keine statistisch nachweisbaren Schäden durch Verstrahlung in der japanischen Bevölkerung.

Das UN-Strahlenschutzkomitee kommt zu dem Schluss, dass die radioaktive Belastung das Krebsrisiko nicht deutlich erhöht habe – eine starke Steigerung an Schilddrüsenkrebs, die bei Kindern in der Umgebung des AKW zu beobachten ist, erklären die Experten mit den engmaschigen Untersuchungen, die mehr Fälle ans Licht brachten.

Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW widerspricht diesem Bericht. "Wie soll man die gesundheitlichen Folgen seriös abschätzen, wenn nur ein kleiner Teil der Bevölkerung der kontaminierten Gebiete auf nur eine einzige strahlenbedingte Krankheit systematisch untersucht wird?", kritisiert der Kinderarzt und IPPNW-Vorsitzende Alex Rosen. Weil noch immer Zehntausende in Behelfsunterkünften leben, beklagen Ärzte außerdem eine erhöhte Rate an Depressionen, Selbstmorden sowie posttraumatischen Belastungsstörungen unter Menschen in den radioaktiv verstrahlten Gebieten.

Auch zehn Jahre nach Fukushima bleiben also viele Fragen offen. Und die Gefahr, dass sich ein solches Unglück wiederholt – auch bei uns. Schließlich hat unser Nachbar Frankreich unlängst die Laufzeiten seiner alten Atommeiler verlängert. Dickel vom BUND hält das für eine ganz schlechte Idee. "In Atomkraftwerken ist physikalisch unglaublich viel los, der Verschleiß ist extrem. Je länger sie am Netz sind, desto gefährlicher werden sie."

Wenn dort ein Supergau passiere, wäre das auch für uns in Deutschland ein großes Problem, sagt sie. Das gleiche gelte für die maroden Meiler in Belgien, die sogar aus Fabriken in Deutschland mit Brennelementen versorgt würden. "Deutschland bleibt damit Teil des nuklearen Systems."

Autobahn aus gebrauchtem Altpapier: Spanien startet umweltfreundliches Straßenbauprojekt

Nach Angaben des Marktforschungsportals Statista misst das deutsche Autobahnnetz 2020 an die 13.200 Kilometer. Nur das Autobahnnetz Spaniens übertrifft das noch, mit einer Gesamtlänge an betonierten Straßen von 15.300 Kilometern. Diese hohen Kilometerwerte bedeuten im Umkehrschluss, dass viel Fläche unter einer dicken Zementdecke verschwindet, um Autos oder Lastkraftwagen den Weg zu ebnen. Um dem umweltfreundlich entgegenzuwirken, wird in Spanien aktuell an einer Autobahn aus verbranntem Recyclingpapier gebaut. Das Pilotprojekt "Paperchain" ist damit nicht nur ein klimafreundlicherer Baustoff als Zement, sondern senkt auch die CO2 -Emissionen um 75 Prozent.

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