Nachhaltigkeit
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Bilder der europäischen Weltraumorganisation zeigen, wie der Diesel den Fluss rot färbt. null / ESA

Dramatische Umweltkatastrophe in Sibirien: Fluss färbt sich blutrot

60 Kilometer lang schlängelt sich der Ambarnaya auf dem Weg in die arktischen Karasee durch die sibirische Tundra. Eigentlich ist der Schmelzwasserfluss glasklar, seit Tagen ist er aber blutrot gefärbt. Der Grund: 21.000 Tonnen Diesel und Chemikalien, die aus einem Heizkraftwerk in den Fluss und die angrenzende Tundra geflossen sind. Sogar aus dem All sind die tiefroten Stellen des Flusses zu sehen, das zeigen Satellitenbilder der europäischen Weltraumorganisation ESA.

"Das ist katastrophal und hat enorme Auswirkungen auf die sensiblen Ökosysteme", sagt Christian Bussau, Leiter der Meeresabteilung bei Greenpeace Deutschland gegenüber watson. "Es ist nicht auszuschließen, dass die Natur Jahre brauchen wird, um sich zu erholen."

So dramatisch wie der Unfall an sich ist, dass sich das zerstörerische Öl tagelang ungehindert ausbreiten konnte. Kraftwerkbetreiber Nornickel meldete den Unfall erst nach zwei Tagen. Anschließend dauerte es weitere zwei Tage, bis Einsatzkräfte an dem abgelegenen Fluss in der Nähe von Norilsk, der nördlichsten Großstadt der Welt, eintrafen.

NORILSK, RUSSIA - JUNE 6, 2020: A containment boom deployed during a major cleanup operation following the May 29 fuel spill at combined heat and power plant No 3, at least 20,000t of diesel fuel estimated to have spilled in total. Kirill Kukhmar/TASS PUBLICATIONxINxGERxAUTxONLY TS0DBA14

Schwimmende Barrieren sollen das Öl stoppen - bislang allerdings erfolglos. Bild: www.imago-images.de / Kirill Kukhmar

Mit fatalen Folgen: "Die ersten Stunden der Unfallbekämpfung sind entscheidend", sagt Christian Bussau. "Hätte man sofort reagiert und zum Beispiel Ölsperren errichtet, hätte man vielleicht Schlimmeres verhindern können. Aber so konnte sich das Öl erst einmal ungehindert ausbreiten."

Klimawandel lässt Permafrostboden tauen

Dabei hält schon ein Handyvideo von Ende Mai fest, wie Diesel aus einem Tank des Kraftwerks strömt. Ein anderes Video in den sozialen Netzwerken zeigt, wie eine Person Wasser aus dem verschmutzten Fluss schöpft, Papier darin eintaucht und es dann anzündet – es steht sofort lichterloh in Flammen. Doch warum wurde die Nachricht von dieser Katastrophe nicht weitergeleitet?

"Warum wussten die Behörden erst zwei Tage später von dem Unglück? Sollen wir von Katastrophen etwa aus den sozialen Medien erfahren?" polterte Präsident Wladimir Putin dann auch auf einer Pressekonferenz. "Sind sie noch ganz richtig im Kopf?"

Putins schwere Vorwürfe richten sich vor allem gegen den Haupteigner von Nornickel, Wladimir Potanin – der als der reichste Mann Russlands gilt. Der hat inzwischen angekündigt, die Kosten für die Aufräumarbeiten in Höhe von 130 Millionen Euro zu übernehmen, der regionale Notstand wurde zu einem nationalen ausgeweitet.

Dass das Unglück überhaupt passieren konnte, ist wohl der Kombination aus veralteten Industrieanlagen und einem durch den Klimawandel auftauenden Permafrostboden geschuldet. Meeresbiologe Bussau war selbst mehrfach in Sibirien und kennt die Gegebenheiten. "Die Industrieanlagen in Russland sind oft sehr alt und schrottreif", sagt er. "Bei dem betroffenen Tank wurden bereits 2017 Mängel festgestellt, aber der Betreiber hat nicht reagiert." In Verbindung mit dem auftauenden Boden kann ein solcher Tank zu einer tickenden Zeitbombe werden. Bussau sagt:

"Wenn der Permafrostboden auftaut, sacken ganze Städte, Straßen und Häuser ab. Wenn bei einer großen Industrieanlage der Boden an Stabilität verliert, kann es passieren, dass die Stützpfeiler absacken und sich die Stahlkonstruktion verzieht."

Großes Fischsterben erwartet

Auch die Geschäftsführer von Nornickel glauben einer Erklärung zufolge, dass "die ungewöhnlich hohen Temperaturen" zu einem Auftauen des Permafrostbodens und damit zu dem Ölunglück geführt haben. Medienberichten zufolge war es am Unglückstag mit 25 Grad ungewöhnlich warm.

Der Klimawandel könnte auch künftig für große Probleme sorgen. Schließlich wurden in Sibirien ganze Städte auf Permafrostboden gebaut. Der Förderale Wetterdienst Rosgidromet schätzt zudem, dass der Temperaturanstieg in Russland zweieinhalb mal so schnell verläuft wie im Rest der Welt. Damit würden die Temperaturen in den kommenden Jahrzehnten um jeweils knapp ein halbes Grad steigen.

Welche fatalen Folgen das haben kann, zeigt schon jetzt die Naturkatastrophe am Ambarnaya. "20.000 Tonnen sind eine riesige Menge Diesel. Es ist eine sehr giftige chemische Substanz, die Krebs auslösen, das Nervensystem und das Erbgut schädigen kann", sagt Bussau. "Die Erfahrung bei der Reinigung von Ölunfällen zeigt: Egal wie sehr man sich anstrengt, ein großer Teil der Schadstoffe wird in der Natur bleiben und man kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen, dass diese sich in Organismen anreichern", so Bussau.

"Kurzfristig wird es sehr wahrscheinlich ein großes Fischsterben geben – es gibt zwar bislang keine Daten dazu, aber ich gehe davon aus, dass es schon stattgefunden hat. Zudem werden auch sämtliche Kleinstlebewesen wie Würmer, Muscheln und Krebstiere sterben. Die langfristigen Folgen lassen sich im Moment schwer abschätzen. Es muss aber verhindert werden, dass die Flüsse das Öl Richtung Polarmeer transportieren. Das ist eine Mammutaufgabe und kostet viel Zeit und Geld."

Laut dem Gouverneur der Region Krasnojark muss insbesondere verhindert werden, dass das Öl in den Pjasina-Fluss gelangt, der für die Wasserversorgung der Tamir-Halbinsel wichtig ist.

Trinkwasser gefährdet

Besonders erfolgreich ist man dabei allerdings nicht. Am Freitag hatte das russische Katastrophenschutzministerium die Ausbreitung des Öls zwar offiziell als "gestoppt" bezeichnet, jetzt gestand die Umweltsekretärin der Region, Julia Cumenjuk, gegenüber der Nachrichtenagentur Interfax jedoch: Hinter den schwimmenden Barrieren, die die Ausbreitung des Öls stoppen sollten, wurden "hohe Konzentrationen von Petroleumprodukten" nachgewiesen. Das heißt: Entweder waren die Sperren ineffektiv – oder sie wurden schlicht zu spät errichtet. Den Pjasino-Süßwassersee hat der Ölteppich bereits erreicht.

Eigentlich, sagt Christian Bussau, ist die Arktis ohnehin kein Lebensraum, der Industrialisierung verträgt. Die Natur könne sich nicht so gut regenerieren, weil ölabbauende Bakterien im kalten Klima nicht so aktiv seien. "Aber die Russen dringen mit Macht in die Arktis vor, um Öl und Gas zu fördern."

Bussau fordert die russischen Behörden deshalb dringend zum Handeln auf: "Sie müssen die Industrieanlagen checken und rechtzeitig handeln. Welche Industrieanlagen stehen auf Permafrostböden, in welchem Zustand sind sie, wie entwickelt sich der Boden aufgrund der Klimaerwärmung?" Denn wenn der Permafrostboden weiter auftaut, sagt der Meeresbiologe, ist es "nur eine Frage der Zeit, bis so etwas erneut passiert".

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