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Bis 2035 muss die Autoindustrie den kompletten Umstieg auf Elektroautos wie beispielsweise den ID.4 schaffen.Bild: dpa / Sina Schuldt
watson antwortet

Verbrenner-Aus ab 2035: Was bedeutet das Verbot für Autofahrer?

10.06.2022, 12:24

Am Mittwoch hat eine Mehrheit der Abgeordneten des Europaparlaments dafür gestimmt, dass die Hersteller ab 2035 in der EU nur noch Autos und Transporter auf den Markt bringen dürfen, die keine klimaschädlichen Treibhausgase ausstoßen – und damit das Ende für Autos mit Verbrennungsmotoren in der EU besiegelt. Eine Mehrheit im EU-Parlament sprach sich dafür aus, dass keine synthetischen Kraftstoffe angerechnet werden können, mit denen ein klassischer Motor klimaneutral betrieben werden könnte. Die Abgeordneten folgten mit ihrer Entscheidung einem Vorschlag, den die EU-Kommission als Teil des angestrebten Klimapakets "Fit for 55" vorgelegt hatte.

Der Beschluss des EU-Parlaments ist gültig, seine konkrete Umsetzung bleibt aber vorerst noch zustimmungspflichtig in den Regierungen der einzelnen Mitgliedsländern. Bis Ende des Monats wollen die Mitgliedstaaten ihre Position dazu festlegen. Danach müssen beide EU-Institutionen einen Kompromiss finden, damit die Vorgabe in Kraft treten kann.

Was bedeutet die Entscheidung für Autofahrer? Watson hat Antworten auf nun drängende Fragen gesammelt.

Wie steht die deutsche Politik zum EU-Beschluss?

In der deutschen Politik wird gerade noch heiß diskutiert: Nach Ansicht von Finanzminister Christian Lindner (FDP) widerspricht der Beschluss des Europäischen Parlaments dem Geist des Koalitionsvertrags von SPD, Grünen und FDP, wie er der Deutschen Presse-Agentur sagte. Auch Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) sprach sich gegen das Verbot ab 2035 aus: "Wir wollen, dass auch nach 2035 Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor neu zugelassen werden können, wenn diese nachweisbar nur mit E-Fuels betankbar sind."

Umweltverbände mahnen: "Schaffen Klimaneutralität nicht mit einer Frist bis 2035"

Der Naturschutzbund dagegen bewertet das Verbrenner-Aus als zu spät: "Die Emissionen des Verkehrssektors stagnieren seit Jahren und er droht zum Bremsklotz der gesamten Klimapolitik zu werden", schreibt Nikolas von Wysiecki, Referent für Verkehrspolitik beim Naturschutzbund (NABU) auf Nachfrage von watson. "Die Bundesregierung muss jetzt entweder Maßnahmen ergreifen, die nachweislich vor 2030 Emissionen reduzieren, wie eine Anpassung der Kfz-Steuer oder der Dienstwagenregulierung. Oder aber die Bundesregierung muss auf EU-Ebene Druck für höhere Grenzwerte bis 2030 machen. Eins von beiden muss passieren, sonst sind die deutschen und europäischen Klimaziele nicht einzuhalten."

Das Umweltbundesamt dagegen hält ein Verkaufsverbot von Neuwagen mit Verbrennungsmotor ab 2035 für notwendig, um Klimaziele zum Verkehrsbereich erreichen zu können.

"Jetzt ist das Ende des Verbrennungsmotors eingeleitet und Automobilunternehmen werden sich jetzt darauf konzentrieren, die Zukunft zu bedienen."
Dirk MessnerPräsident umweltbundesamt

Vor allem löse ein Verkaufsverbot ab 2035 Innovationsdynamiken in der Automobilindustrie aus. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir schon vor 2035 keine Verbrennermotoren mehr auf dem Markt sehen werden. Jetzt ist das Ende des Verbrennungsmotors eingeleitet und Automobilunternehmen werden sich jetzt darauf konzentrieren, die Zukunft zu bedienen und sich auf die Zukunft zu orientieren", sagt Dirk Messner, der Präsident des Umweltbundesamts.

Reichen 13 Jahre für die Autobauer zur Umstellung auf E-Mobilität?

"Ganz klar ja", urteilt Jörg Sigrist, Experte für nachhaltige Mobilität und ehemaliger Geschäftsführer der Umwelt Arena Schweiz. "Die Umstellung auf die E-Mobilität kommt ja nicht von heute auf morgen. Die ersten Autobauer haben schon 2010 eine Umstellung auf Elektrofahrzeuge eingeleitet und verfügen heute über einen großen Erfahrungsschatz." Er ergänzt: "Zudem haben diverse Hersteller schon frühere Ausstiegsdaten aus dem Verbrennungsmotor beschlossen, vor 2035."

Wie steht es um die Ladeinfrastruktur für E-Autos?

"Noch sind die Ladestationen an beispielsweise Raststätten und Autobahnen nicht überfüllt, in dem Bereich hat sich einiges entwickelt; doch das Ladeangebot muss weiter wachsen, da auch die Anzahl der E-Autos steigt", sagt Jürgen Grieving, Unternehmenssprecher des ADAC. "Am Ende steht und fällt alles mit dem Lade-Netz, ob ausreichend Strom vorhanden ist, der bezogen werden kann und an einem attraktiven Angebot für Verbraucher auf dem E-Automarkt", sagte er gegenüber watson.

Auf die Frage, wie die aktuelle Situation für frei parkende Autofahrer in Innenstädten sei, die auf die öffentlichen Ladestationen angewiesen sind, räumt Grieving ein: "Hier muss noch einiges geschehen, damit einfaches und regelmäßiges Laden möglich wird."

EU-Beschluss gibt Planungssicherheit für Ladeinfrastruktur

Trotzdem gebe es Fortschritte, wie Mobilitätsexperte Sigrist betont: "In Deutschland schreitet der Ausbau der Ladeinfrastruktur rasch voran und ist vergleichbar mit der Schweiz. Der Entscheid von Brüssel gibt zudem eine Planungssicherheit, was den Weiterausbau beschleunigen wird." Deutschland fördere zudem gerade auch die Installation von Wallboxen. So werden private Ladestationen beispielsweise in der eigenen Garage genannt.

"In den verbleibenden 13 Jahren wird es auch kein Problem sein, die Tankstellen umzurüsten."
Jörg SigristMobilitätsexperte

Auch der NABU blickt zuversichtlich auf die Entwicklungen: "Aus unser Sicht ist das Thema Ladeinfrastruktur kein Problem", äußert sich der NABU auf Anfrage von watson. "Die Zahl der Ladepunkte in der EU steigt rasant an, 2021 gab es bereits über 50.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte. Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 eine Million Ladepunkte am Netz zu haben."

Sigrist ergänzt: "In den verbleibenden 13 Jahren wird es auch kein Problem sein, die Tankstellen umzurüsten." Die Investitionen blieben überschaubar. "Wer auf seinem Privatparkplatz keine Möglichkeit hat, sein Fahrzeug zu laden, kann diese dann problemlos an den öffentlichen Ladestationen tun. Moderne Fahrzeuge nehmen hohe Schnellladeleistungen auf, was die Ladezeit stark verkürzt", erläutert er.

Haben wir genug Strom und Batterien für den kompletten Umstieg auf E-Mobilität?

"Bis 2035 gibt es genug Ladesäulen – das Problem ist, ob wir bis dahin ausreichend grünen Strom aus Wind und Solar haben. Der grüne Strom ist der Engpass, doch durch den Ukraine-Krieg wird der Umstieg beschleunigt", sagt Professor Andreas Herrmann, Direktor am Institute for Mobility, an der Universität St. Gallen auf Nachfrage von watson.

"Die Strommenge bereitzustellen, wird eine Herausforderung sein", meint auch Experte Sigrist. Er verweist als Lösung auf einen gezielten und raschen Ausbau der erneuerbaren Energien. Eine weitere Herausforderung seien die Leistungsspitzen, die entstehen, wenn viele Autos gleichzeitig ans Stromnetz geschlossen würden. "Die Technik – sogenannte Lastmanagement-Systeme – sind dafür aber vorhanden, um diese Spitzen zu glätten", sagt Sigrist.

Auch gebe es grundsätzlich genügend Rohstoffe für die benötigten Auto-Batterien, wobei Lieferengpässe nicht auszuschließen seien. Sigrist ergänzt: "Mittel- bis langfristig wird die Automobilbranche jedoch nicht an der Kreislaufwirtschaft vorbeikommen." Die für den Antrieb nötigen Lithium-Ionen-Batterien und Lithium-Polymer-Batterien würden bis 2035 jedoch "zu 95-99 Prozent recyclebar sein", antwortet Experte Herrmann.

Verändert das festgesetzte Enddatum jetzt das Kaufverhalten auf dem Automarkt?

"13 Jahre als Übergangszeit ist noch lange, aber es ist klar, dass bei uns der Markt für gebrauchte Verbrenner einbricht", sagt Herrmann. Mit Blick auf Konsumveränderungen im internationalen Automarkt gäbe es allerdings weiterhin noch Asien, Afrika und Südamerika als Absatzmärkte für die in der EU dann gesperrten Fahrzeuge.

"In Deutschland stellen wir heute schon ein geändertes Kaufverhalten fest", ordnet Sigrist ein – die Nachfrage nach E-Autos steige hier laufend. "Denn neben Umweltthemen gibt es viele andere Gründe, auf ein E-Auto zu wechseln." So zum Beispiel seine Laufruhe, Fahrkomfort, ein hohes Drehmoment, gute Beschleunigung oder auch geringere Wartungskosten. "Wer mal ein E-Auto gefahren ist, kehrt in der Regel nicht mehr zum Verbrenner zurück." Wichtig sei aber vor allem, dass auch die Autohändler zu E-Auto-Kompetenzzentren werden, "doch damit tun sich viele noch schwer", befürchtet Mobilitätsexperte Sigrist.

Vor allem über ein niedrigeres Preisniveau könnten E-Autos für viele zukünftig attraktiver werden, wie Jürgen Grieving vom ADAC betont: "Zwar gibt es inzwischen eine Reihe von Modellen mit unterschiedlichen Reichweiten, nötig sind aber vor allem mehr Angebote im unteren Preissegment. Denn bisher gilt: Elektromobilität muss man sich auch leisten können."

USA erzeugen mehr Strom aus erneuerbaren Energien als aus Kohle

Der Strom in den USA wird grüner: Bis zum Jahresende werde über ein Fünftel des Stroms in den USA aus erneuerbaren Energien stammen. Aktuelle Zahlen der US-Energiebehörde EIA zeigen, dass bis zum Jahresende mehr Strom aus Wind-, Sonnen- und Wasserenergie produziert wird als aus Kohle- und Atomkraftwerken. Auf Platz 1 liegt bei den Amerikaner:innen aber noch immer das Erdgas.

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