Mit dem Protestcamp in Lützerath verhindern hunderte Menschen den Ausbau des Kohletagebaus Garzweiler 2.
Mit dem Protestcamp in Lützerath verhindern hunderte Menschen den Ausbau des Kohletagebaus Garzweiler 2.bild: Leonard Frick
watson live dabei

"Ich bin hier, um ein Zeichen zu setzen und zu zeigen, dass es möglich ist, Veränderung zu erreichen": Junge Aktivisten und Aktivistinnen über das Protestcamp in Lützerath

06.11.2021, 16:0208.11.2021, 10:16
leonard frick und Paul krantz

Sollte RWE Lützerath abreißen, dann verfehle Deutschland das 1,5-Grad-Ziel: Davor warnen die Klimaaktivisten, die seit etwa einem Jahr das Dorf in Nordrhein-Westfalen besetzen. In dem Camp in Lützerath leben hunderte Menschen, um den Ausbau des RWE-Kohlebergwerks Garzweiler 2 zu verhindern.

In dem 48 Quadratkilometer großen Tagebau sollen jährlich 35 bis 45 Millionen Tonnen Braunkohle abgebaut werden. Dafür will der deutsche Energiekonzern insgesamt 6300 Menschen und 17 Ortschaften umsiedeln.

Ein Bagger in der Grube des Tagebaus.
Ein Bagger in der Grube des Tagebaus.bild: Leonard Frick

Auch die Klimaaktivistin Greta Thunberg hat das Rheinland besucht und die Kohlemine als "absurd" bezeichnet. Derzeit ist die Schwedin in Glasgow auf der COP26 – der internationalen Klimakonferenz. Dort warf sie den Regierungen vor, keinen ernsthaften Kampf gegen den Klimawandel führen zu wollen. Außerdem kritisierte sie, dass ärmere Nationen zu wenig Mitspracherecht auf dem Klimagipfel erhalten würden, obwohl diese am meisten von einer Klimakatastrophe betroffen wären.

Watson hat bei den Aktivisten in Lützerath nachgefragt, was sie sich von ihrer Protestaktion erhoffen, und wie sie zur COP26 stehen.

Maximilian Heiser

26 Jahre, Ausbildung zum Zimmermann, seit einer Woche in Lützerath

Maximilian Heiser wünscht sich eine positive Zukunft.
Maximilian Heiser wünscht sich eine positive Zukunft.bild: Leonard Frick

Was erhoffst du dir von dieser Protestaktion?

Ich erhoffe mir ganz viel Symbolik von diesem Ort. Selbst wenn wir ihn nicht halten können, ist es ein Stück mehr als der Erfolg im Hambacher Forst. So können wir Schritt für Schritt immer mehr Signale an die Politik senden und sie dazu auffordern, die Gesetze zu beschließen, die nötig sind. Denn die Politik handelt nur, wenn sie weiß, dass die Bevölkerung hinter ihr steht. So funktioniert nach meinem Verständnis Demokratie.

Was erwartest du von der COP26?

Ich wünsche mir ganz klar wissenschaftlich orientierte und einschränkende Gesetze, was unseren derzeitigen Lebensstandard angeht. Die gesamte zukünftige Politik in den Staaten, die dort teilnehmen, muss sich an den klimapolitisch notwendigen Richtlinien orientieren. Ich hoffe, dass die Staaten mit viel Leuchtkraft mitmachen und andere Staaten motivieren. Ich wünsche mir, dass die Staats- und Regierungschefs nicht aus dem Gefühl heraus handeln, dass man etwas verhindern muss, sondern, dass man etwas erreichen kann. Wir brauchen positive Bilder. Die Zukunft, die wir erreichen können, ist viel schöner als die Gegenwart, die wir jetzt haben. Das wünsche ich denen, die da jetzt gerade in Glasgow sitzen: Traut euch, eine schöne Zukunft zu bauen.

"Strukturell sind Staaten daran gebunden, dass die Ökonomie läuft und im Kapitalismus bedeutet das, dass es notwendigerweise immer zu einer Klimazerstörung kommen wird."
Aktivist Florian Özcan über die COP 26.

Florian Özcan

30 Jahre, studiert Philosophie, seit etwa einem Jahr in Lützerath

Florian Özcan betont, wie wichtig Selbstorganisation und Eigenverantwortung im Camp sind.
Florian Özcan betont, wie wichtig Selbstorganisation und Eigenverantwortung im Camp sind.bild: Leonard Frick

Was erhoffst du dir von dieser Protestaktion?

Ich hoffe, dass der Braunkohletagebau hier in Lützerath und die Braunkohleförderung in ganz Deutschland gestoppt wird. Ich erhoffe mir von diesem Protest und von diesem Protestcamp, dass wir es schaffen, eine Klimagerechtigkeitsbewegung in Deutschland aufzubauen, die antikapitalistisch und dekolonialistisch ist und Kritik am Nationalstaat übt – mit diesem Ziel bin ich seit einem Jahr hier. Ich glaube, an diesem Ort gibt es die Möglichkeit, das den Leuten in einer freundlichen Weise beizubringen und ihnen eine Idee davon zu geben, dass Selbstorganisation möglich ist. Auch außerhalb staatlicher Strukturen wie Schule, Universität oder der ganz normalen Lohnarbeit.

Was erwartest du von der COP26?

Ich erhoffe mir nichts davon. Es gab schon einige Veranstaltungen wie die COP und bis jetzt ist dort nie etwas passiert. Es passiert nichts, nicht weil die Staaten böse sind oder die Regierungen nichts tun, sondern deswegen, weil sie nichts tun können. Strukturell sind Staaten daran gebunden, dass die Ökonomie läuft und im Kapitalismus bedeutet das, dass es notwendigerweise immer zu einer Klimazerstörung kommen wird. Auch ein grüner Kapitalismus wird nicht dazu führen, dass wir die Klimakatastrophe aufhalten. Ich erhoffe mir von solchen Events wie der Gegenveranstaltung, dem "Global People's Summit", mehr. Zum Beispiel, dass sich dort unterschiedliche soziale Bewegungen, die es überall auf der Welt gibt – im globalen Norden und im globalen Süden – besser vernetzen und zu einer Bewegung werden, die weltweit einen Impact hat. So könnten wir es schaffen, dass Stimmen aus dem globalen Süden wirklich gehört werden.

Sahra Russek und Anna-Lisa Bendrin

24 Jahre, studiert Biotechnologie, wohnt im Nachbardorf & 24 Jahre, Gärtnerin, wohnt im Nachbardorf

Sahra Russek und Anna-Lisa Bendrin sind im Nachbardorf aufgewachsen.
Sahra Russek und Anna-Lisa Bendrin sind im Nachbardorf aufgewachsen.bild: Leonard Frick

Was erhofft ihr euch von dieser Protestaktion?

Viel Aufmerksamkeit und das hat auch gut funktioniert, es sind sehr viele Leute da. Es ist ein Zeichen an die Politik. Wenn Lützerath abgerissen wird, dann haben wir eigentlich keine Chance mehr das Klimaziel zu halten. Was soll man anderes machen, als sich dagegen zu wehren? In der Politik herrscht derzeit Stillstand. Wir sind dankbar für die Aktivisten, die sich hier einsetzen.

Was erwartet ihr von der COP26?

Wir hoffen, dass viel mehr in erneuerbare Energien investiert wird. Wenn wir vom einen auf den anderen Tag die Kohlekraftwerke und nukleare Energiegewinnung abschalten würden, dann säßen wir im Dunkeln. Aber das liegt daran, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien so stark hinterherhinkt. Auch chemische Prozesse sollten nicht mit fossilen Brennstoffen gemacht werden, sondern mit Bakterien und nachhaltiger.

"Ich will Strukturen zur Verteidigung aufbauen und RWE davon abhalten Lützerath abzureißen."
Blinker über die Besetzung des Dorfes Lützerath.

Blinker*

19 Jahre, seit einer Woche in Lützerath

Blinker will das Protestcamp in Lützerath vor einer Räumung verteidigen.
Blinker will das Protestcamp in Lützerath vor einer Räumung verteidigen.bild: Leonard Frick

Was erhoffst du dir von dieser Protestaktion?

Ich bin nicht hier, um Spaß zu haben, ich denke einfach nur, dass es wichtig ist. Es ist eine Aktion und eine Sache, an die ich glaube. Es wäre großartig, wenn das Enteignungsverfahren im Sinne der Klimaschützer entschieden wird – über der Profitgier der Kohlekonzerne. Das wäre gut für zukünftige Generationen und die Klimagerechtigkeit. Ich will Strukturen zur Verteidigung aufbauen und RWE davon abhalten, Lützerath abzureißen.

Was erwartest du von der COP26?

Ich hoffe, dass die teilnehmenden Staaten endlich realisieren, dass ihr jetziges Verhalten nicht im Sinne des Pariser Klimaabkommens von 2015 ist. Sie sollten es nicht nur ratifizieren, sondern auch umsetzen, was sie beschlossen haben.

Motte*

23 Jahre alt, seit einer Woche in Lützerath

Motte erwartet nichts von der COP26.
Motte erwartet nichts von der COP26.bild: Leonard Frick

Was erhoffst du dir von dieser Protestaktion?

Ich hoffe, dass Lützerath nicht von RWE abgerissen wird. Ich bin hier, um ein Zeichen zu setzen und zu zeigen, dass es möglich ist, Veränderung zu erreichen. Und um zu zeigen, dass Träume Wirklichkeit werden können. Wenn man hier ist, sieht man, wie viele Leute gegen die Pläne von RWE sind.

Was erwartest du von der COP26?

Ich erwarte nichts. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass nach den Klimagipfeln nichts passiert. Aber ich würde mir wünschen, dass jeder der Teilnehmer merkt, wie wichtig es ist, sofort zu handeln.

*Die Aktivisten und Aktivistinnen geben sich während Protestaktionen teilweise Decknamen.

Studie: Grüner Strom könnte bis 2050 zur wichtigsten Energiequelle werden

Strom aus Sonne oder Wind könnte einer Studie zufolge bis zum Jahr 2050 zwei Drittel des Energieverbrauchs weltweit decken. Der "rasante technische Fortschritt" bei den erneuerbaren Energien führe zu einer "fundamentalen Umwälzung" der weltweiten Energienutzung, heißt es in einer Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Demnach sind die erneuerbaren Energien in einem "atemberaubenden Tempo" billiger geworden und eröffnen die Möglichkeit für ein "Zeitalter der Elektrifizierung".

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