Das Atomkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein soll Ende 2021 abgeschaltet werden.
Das Atomkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein soll Ende 2021 abgeschaltet werden. Bild: imago / Chris Emil Janssen
Analyse

Atomkraft als "nachhaltige" Energiequelle? Welche Argumente die Befürworter anführen – und was die Gegner antworten

04.11.2021, 13:4905.11.2021, 15:07

Welche Rolle soll Atomkraft im Wandel hin zur Klimaneutralität spielen? Diese Frage spaltet die europäischen Staaten auf der Weltklimakonferenz in Glasgow. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete, drängen Frankreich, Polen, Tschechien und fünf weitere osteuropäische Länder die EU-Kommission, Atomstrom wie Erdgas als "nachhaltig" anzuerkennen. Auch innerhalb von Deutschland hatte die Diskussion über den Einsatz von Atomkraft im Kampf gegen hohe Strompreise und den Klimawandel zuletzt ein Revival: Wie eine Umfrage des Instituts Yougov für die "Welt am Sonntag" ergab, befürworteten vor dem Hintergrund der steigenden Strompreise und ambitionierten Klimaziele rund die Hälfte der Befragten eine längere Laufzeit der deutschen Atomkraftwerke.

Wiederauferstehung für Atomkraft?

Das ist ein unerwartetes Comeback – denn eigentlich ist der Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland längst beschlossen. Demnach bleiben die sechs letzten Atomkraftwerke nur noch bis Ende 2022 am Netz. Viele Klimaforscher, unter anderem auch die im Deutschen Klimakonsortium zusammengeschlossenen, halten seit Jahrzehnten am Ausstieg aus der Kernenergie fest.

Was spricht denn für – und was gegen Atomkraft als sogenannte Brückentechnologie auf dem Weg zur Klimaneutralität? Und was sagen Wissenschaftler dazu? Watson hat nachgehakt.

"Nachhaltig" per Definition

Zu den Atomkraft-Befürwortern gehören in Deutschland Vereine wie die Ökomoderne und Nuklearia. Sie setzen sich für eine positive Sichtweise von Atomkraft im öffentlichen Diskurs ein. Der Vorsitzende des Vereins Ökomoderne, Simon Friederich, Professor für Wissenschaftsphilosophie, begründet die Legitimität der Technologie als "nachhaltige Energie" dabei anhand der offiziellen EU-Richtlinie für erneuerbare Energien. "Es gibt im Wesentlichen drei Eigenschaften der Kernenergie, deretwegen sie als nachhaltig und umweltfreundlich eingestuft werden muss", sagt er gegenüber watson. Dies seien die extrem niedrigen Emissionen, die vergleichbar mit denen von Erneuerbaren Energien seien. Ihr sehr niedriger Land- und Ressourcenbedarf und schließlich ihr "sehr geringer und gut beherrschbarer" Abfall. Da Kernenergie die offiziellen Vorschriften für nachhaltige Energieträger erfülle, sollte sie von Steuerbegünstigungen profitieren.

Rainer Klute, Vorsitzender des Vereins Nuklearia, zitiert auf Anfrage von watson eine Studie der EU-Kommission. Diese kommt zu dem Schluss, dass die Kernenergie für Mensch und Umwelt keinen größeren Schaden anrichtet als die erneuerbaren Energien.

Atomkraft: Wirklich nachhaltig?

Professor Dr. Erik Gawel, Wirtschaftswissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, widerspricht dieser Schlussfolgerung. "Atomkraft kann in einer Gesamtschau kaum als 'nachhaltig' angesehen werden", sagt er zu watson. Klimaschutz allein könne die Nachhaltigkeitsfrage nicht beantworten. "Atomkraft scheidet als nachhaltiger Energieträger aus, da sie weiterhin große Sicherheitsprobleme und die ungeklärte Frage der Endlagerung mit sich bringt und dadurch künftige Generationen belastet", erklärt er.

Auch Scientists for Future (S4F) stellen sich in ihrer aktuellen Pressemitteilung gegen Kernenergie als nachhaltigen Energieträger. Sie sei "zu langsam ausbaufähig, zu teuer und zu risikoreich" und behindere strukturell den Ausbau der erneuerbaren Energien, die gegenüber der Kernkraft schneller verfügbar, ungefährlich und kostengünstiger seien.

Das Kostenargument

Dass Atomkraft kostengünstiger ist, ist eines der Hauptargumente der Atomkraftbefürworter. Für ein CO2 -freies Energiesystem auf Basis von Solar- und Windenergie wären enorme Energiespeicher und Übertragungsleitungen notwendig, argumentiert Simon Friederich, Vorsitzender des Vereins Ökomoderne. "Dadurch wird ein solches Energiesystem vermutlich sehr teuer", ergänzt er, "selbst wenn Solar- und Windenergie vergleichsweise günstige Kosten pro Kilowattstunde haben", dass die Kosten weit besser zu beherrschen seien, wenn in größerem Umfang mindestens eine "clean firm source" wie Kernenergie verwendet werde.

Der niedrige Atomstrom-Preis sei aber nur durch ganz bestimmte Voraussetzungen so niedrig, hält Atomgegner Gawel dagegen. Atomstrom beruhe "auf einer Schein-Wirtschaftlichkeit", die nur durch Haftungsfreistellung, vergesellschaftete Endlagerung und Staatszuschüsse erreicht werde, wie er watson erklärt. Der Strompreis, den die Verbraucher beim Atomstrom momentan zahlten, sei nur deshalb niedriger im Vergleich zum Strompreis von erneuerbaren Energien, da er im Voraus bereits vom Steuerzahler bezuschusst würde. "In einer Kilowattstunde Strom aus dem Atomkraftwerk stecken weitaus höhere volkswirtschaftliche Kosten und gesellschaftliche Ewigkeitslasten, die auf keiner Stromrechnung auftauchen."

Kernenergie als Brückentechnologie?

Last but not least bleibt die Atomkraft-Debatte an der zentralen Frage nach ihrer Kompatibilität mit erneuerbaren Energieträgern hängen. In den vergangenen Jahren hieß es dazu immer wieder von sowohl Forschern und Energieexperten als auch Klimaaktivisten, dass Kernkraftwerke nicht kompatibel mit erneuerbaren Energien seien. Der Grund: Ihre Inbetriebnahme sei zu unflexibel – das Werk könne nicht von jetzt auf gleich eingeschaltet werden und als Notlösung dienen, wenn Solar- und Windenergie zwischenzeitig ausfielen.

"Das ist ein Gerücht, das einfach nicht stimmt", meint Rainer Klute von Nuklearia. Außer Gasturbinen-Kraftwerke seien Kernkraftwerke die am schnellsten regelbaren Kraftwerke mit konstanter Energieproduktion, die wir hätten. "Kernkraftwerke können sehr schnell rauf und runter geregelt werden", sagt er zu watson. Nur sei das in den vergangenen Jahrzehnten nicht gemacht worden – aus dem einfachen Grund, weil es dafür keinen Bedarf gegeben hätte. "Kernkraft liefert den günstigen Strom und die Kraftwerke, die den günstigsten Strom liefern, speisen momentan auch am meisten Strom ins Netz ein."

Mittlerweile hätten jedoch Wind- und Solarkraftwerke Einspeisevorrang – "wenn viel Wind- oder Solarstrom im Netz ist, dann werden auch die Kernkraftwerke runtergeregelt", so Klute. Somit passiere es bereits immer häufiger, dass Kernkraftwerke für den Erhalt der Netzstabilität im deutschen Stromnetz einspringen würden.

Scientist for Future: Nukleare Energie ist "keine Option" im nachhaltigen Energiesystem

Auch Professor Friederich bewertet die Kernenergie neben Solar- und Windenergie als "eine der Säulen der künftigen Energieversorgung". Kernenergie sollte seiner Ansicht nach am besten als "clean firm source" für Stromerzeugung eingesetzt werden, also als verlässliche Quelle, deren Erzeugung aber gelegentlich angepasst und heruntergeregelt wird, wenn viel Sonnen- oder Windstrom zur Verfügung steht.

Mit diesem Kompromiss geben sich Scientists for Future jedoch nicht zufrieden: Sie sehen Kernenergie auch weiterhin als "keine Option für den Umbau des Energiesystems in Richtung Nachhaltigkeit", wie sie in einer Pressemitteilung von Ende Oktober erklärten. Das Übergewicht an Ausgaben für die Kernenergie enge ansonsten weiterhin die Ent­wicklung nachhaltiger Klimaschutztechnologien wie Erneuerbare, Speicher und Energieeffizienz ein, so S4F. "Die Menschheit und das Leben auf der Erde im Allgemeinen werden noch über Millionen Jahre von radioaktiven Rückstanden betroffen sein."

Kehrtwende in Deutschland "macht keinen Sinn"

Auch der mögliche Bau von neuen kleinen Atomkraftwerken, sogenannten Small Modular Reactors, wie sie zum Beispiel Frankreich plant – sei nicht akzeptabel. "Für Deutschland macht eine Rückkehr zur Atomkraft überhaupt keinen Sinn", betont auch Professor Gawel vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Deutschland habe den Prozess, sich von der Atomkraft abzuwenden, nach fast 20 Jahren beinahe abgeschlossen. "Ich würde unter keinen Umständen empfehlen, jetzt eine erneute Kehrtwende zu vollziehen. Stattdessen sollte man jetzt seine Hausaufgaben machen und den Ausbau der Erneuerbaren vorantreiben", so Gawel.

Kondome und Tampons in Algen verpackt: Berliner Start-up entwickelt Prototypen

Dass Meeresalgen essbar sind und sogar äußerst schmackhaft sein können, beweist die asiatische Küche, bei welcher die Unterwasserpflanzen als fester Bestandteil des Speiseplans gelten. In Form von Sushi, getrockneten Chips und Suppeneinlage kommt das gesunde Super-Food auch in Europa gern auf den Teller. Wissenschaftler finden gerade heraus, dass Algen jedoch noch viel mehr können als nur lecker zu sein: Sie haben das Potential, Plastik als nachhaltige Variante zu ersetzen (watson berichtete). Diese Entdeckung machen sich bereits einige Unternehmen zu Nutze. So auch das Berliner Start-up Einhorn. Der Kondom- und Periodenartikel-Vertrieb entwickelte kürzlich als Prototyp Verpackungen aus Braunalgen.

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