Der FC Bayern um Trainer Julian Nagelsmann schied im Viertelfinale der Fußball-Champions-League gegen den FC Villarreal aus.
Der FC Bayern um Trainer Julian Nagelsmann schied im Viertelfinale der Fußball-Champions-League gegen den FC Villarreal aus. Bild: www.imago-images.de / imago images
Analyse

Drei Gründe, warum sich der FC Bayern beim Champions-League-Aus gegen Villarreal überschätzte

13.04.2022, 11:0913.04.2022, 13:17

Noch vor rund einem Monat hatte Bayerns-Sportvorstand Hasan Salihamidžić mehr als selbstbewusst geklungen. "Wir werden den Gegner durchanalysieren, aber wir kennen alle Spieler. Es wird nicht so schwer, gegen diese Jungs einen Matchplan zu entwickeln", sagte er, kurz nachdem der FC Bayern den spanischen Klub FC Villarreal im Champions-League-Viertelfinale zugelost bekommen hatte, im vereinseigenen Fernsehsender.

Am Dienstagabend um 22.55 Uhr musste man jedoch resümieren, dass das komplette Gegenteil der Fall war. Falls Bayern-Trainer Julian Nagelsmann einen Matchplan entwickelt hatte, dann setzte seine Mannschaft ihn weder vor einer Woche im Hinspiel, noch am Dienstagabend im Rückspiel um.

Nach der 0:1-Pleite im Hinspiel und dem 1:1 in der heimischen Arena sind die Münchner nicht unverdient aus der Königsklasse ausgeschieden. Und das, obwohl "das Halbfinale immer das Minimalziel für uns ist", wie Trainer Julian Nagelsmann auf der Pressekonferenz nach dem Spiel sagte.

Es waren nicht europäische Schwergewichte wie Paris Saint-Germain, der FC Liverpool, Real Madrid oder Atlético Madrid, gegen die die Münchner sonst in der Königsklasse ausschieden, sondern eben das vermeintlich kleine Villarreal.

Dabei waren die Gründe für das Aus der Münchner offensichtlich. Trainer Julian Nagelsmann und die Bayern-Bosse hätten sie durchaus verhindern können.

1. Der Matchplan

31 Flanken, null gefährliche Abschlussaktionen – und das allein während der 90 Minuten im Rückspiel. Wenn das der von Salihamidžić angesprochene Matchplan von Julian Nagelsmann war, dann kann er als gescheitert angesehen werden. Im Hin- und ganz besonders im Rückspiel segelte Flanke um Flanke in den Strafraum der Spanier, doch vor Probleme stellte das die Defensive des FC Villarreal nie.

Dass es auch anders geht, zeigten die Bayern beim 1:0-Führungstor durch Lewandowski, als sie sich nach einem Ballgewinn schnell durch das Mittelfeld kombinierten. Doch das war in beiden Spielen tatsächlich die einzig zielstrebige Offensivaktion der Münchner. Der Pole war in beiden Spielen kein Faktor.

Robert Lewandowski (Mitte) wird von vier Villarreal-Spielern gestört.
Robert Lewandowski (Mitte) wird von vier Villarreal-Spielern gestört. Bild: www.imago-images.de / imago images

Ansonsten verschleppten sie viel zu häufig das Tempo und bekamen das eher langsame Verteidiger-Duo von Villarreal aus Raul Albiol und Pau Torres nur selten in Bewegung. Selten gab es direkte Kombinationen über mehrere Stationen, auch die Pässe im letzten Angriffsdrittel waren zu oft viel zu ungenau. Villarreals Torhüter Rulli wurde so in beiden Partien nicht wirklich gefordert.

Thomas Müller attestierte seiner Mannschaft dennoch ein gutes Spiel. "Wir haben ein engagiertes und gutes Spiel gemacht. Wir haben von Anfang an gedrückt." Das hört sich zwar erstmal gut an, doch die Münchner lebten vor allem von der individuellen Klasse ihrer Offensivstars – allen voran Kingsley Coman, der Bayerns bester Angreifer war.

In der Bundesliga würde so eine mittelmäßige Offensivleistung wohl auch reichen, um dennoch als Sieger vom Platz zu gehen und am Ende der Saison Meister zu werden. In der Champions League jedoch nicht, denn dort werden Fehler – besonders in der Defensive – konsequent bestraft.

2. Die Defensive

Schon unter Hansi Flick stand die Defensive des FC Bayern nicht immer ganz sattelfest und kassierte besonders im zweiten Jahr unter dem heutigen DFB-Trainer häufig Konter-Gegentore.

In dieser Saison unter Julian Nagelsmann wackelt die Münchner Abwehr nicht immer mal wieder, sondern ist über 90 Minuten meist ein großer Unsicherheitsfaktor. In dieser Saison kassierten die Bayern bereits fünf Gegentore gegen Mönchengladbach und vier gegen den VfL Bochum.

Und allein nach dem Hinspiel hätten die Münchner sich nicht beschweren dürfen, wenn sie mit einem 0:3 oder 0:4 aus Spanien zurückgekehrt wären.

Beim 1:1 durch Villarreals Chukwueze am Dienstagabend wurde wieder deutlich, dass den Bayern in der Abwehrreihe eine ordnende Hand fehlt. Während Upamecano und Pavard vor dem Ausgleich auf Abseits spielten, hielt Alphonso Davies nicht die Höhe und hob die Abseitsfalle somit auf.

Seit dem Sommer-Abgang von David Alaba fehlt den Münchner ein Abwehrchef, der viel spricht und die Defensive organisiert. Lucas Hernández bleibt weiterhin den Beweis dafür schuldig, dass er die Ablösesumme von 80 Millionen Euro wert war. Dayot Upamecano muss mit seinen 22 Jahren erst noch in die Rolle hineinwachsen. Benjamin Pavard ist nicht mehr als ein solider Verteidiger.

Niklas Süle hätte die Rolle des defensiven Anführers einnehmen können, fehlte jedoch krankheitsbedingt und wird die Münchner im Sommer Richtung Borussia Dortmund verlassen. Für die Bayern-Bosse muss nun klar sein, dass im Sommer ein echter Abwehrboss geholt werden muss.

3. Die Ausrichtung des Klubs

In seinem ersten Jahr als Trainer des FC Bayern hat auch Julian Nagelsmann noch nicht gezeigt, dass es für den Klub richtig war, 25 Millionen Euro für seine Verpflichtung zu zahlen.

Er hat es bisher nicht geschafft, die Bayern-Mannschaft zu stabilisieren und für konstant gute Leistungen zu sorgen. Immer wieder zeigen das Team – und besonders einzelne Spieler – unerklärliche Formschwankungen.

Ein weiteres Problem, das Nagelsmann bereits vor einigen Monaten angesprochen hatte: Die aktuellen Reservespieler machen zu wenig Druck auf die Stammkräfte. Dem Coach fehlen die Alternativen. Aufgrund der finanziellen Einsparungen durch die Corona-Krise gibt es im Kader der Münchner nur noch 13 absolute Topspieler, die die Qualität für ein Champions-League-Viertelfinale haben.

Zwar kündigte Vorstandschef Oliver Kahn kurz nach dem Ausscheiden bereits an: "Wir haben nächstes Jahr wieder die Möglichkeit und werden wieder angreifen." Doch das klappt nur, wenn die Münchner im Sommer den Kader verstärken.

Zudem müssen sich die Bosse eingestehen, dass die Transfers von Spielern wie Bouna Sarr (acht Millionen Euro Ablöse), Marc Roca (neun Millionen Euro) und Marcel Sabitzer (18 Millionen Euro) als Fehleinkäufe bewertet werden müssen.

Weitere solcher Minusgeschäfte dürften sich die Bayern-Bosse nicht leisten, wenn sie im kommenden Jahr wirklich wieder zu den besten vier Teams Europas zählen wollen.

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