17.02.2022, China, Peking: Olympia, Eiskunstlauf, Einzel, Damen, K
In der entscheidenen Kür am Donnerstag stürtze Kamila Valieva und rutschte von Rang 1 auf Platz 4 ab. Bild: dpa / Peter Kneffel
Analyse

"Das wird eine gravierende Rolle spielen": Sportrechtler klärt auf, wie es im Doping-Skandal um Kamila Valieva weitergeht

22.02.2022, 17:54

Es ist der Fall, der die Olympischen Winterspiele bestimmte: die positive Dopingprobe der erst 15-jährigen Eiskunstläuferin Kamila Valieva. Fast täglich gab es neue Details im möglichen Doping-Fall der jungen Russin. Und obwohl die Spiele für die amtierende Europameisterin im Eiskunstlauf beendet sind, gibt es noch einige Fragen.

War es korrekt, dass die Russin dennoch am Einzelwettbewerb am Dienstag und Donnerstag teilnehmen durfte? Wie geht es nun in dem Verfahren um die positive Doping-Probe weiter und mit welcher Strafe könnte sie und ihre Trainerin bei einer ebenfalls positiven B-Probe rechnen?

Darüber hat watson mit Sportrechtsexperte Dr. Sebastian Longrée gesprochen. Der Jurist bewertet in Deutschland Dopingfälle als Schiedsrichter.

Was wird Valieva vorgewofen?

In einer Dopingprobe der 15-jährigen Athletin wurden laut New York Times gleich mehrere Mittel gefunden, die zur Behandlung von Herzproblemen genutzt werden. Während die Substanzen Hypoxen und L-Carnitin erlaubt sind, steht Trimetazidin auf der verbotenen Liste der Welt-Dopingagentur.

Alle Mittel dienen dazu, den Blutfluss zu beschleunigen, helfen beim Muskelaufbau und der Sauerstoffversorgung der Muskeln bei hoher Belastung. Ein entscheidender Vorteil in einer Sportart wie dem Eiskunstlauf, bei dem es auf die Kombination von Kraft und Ausdauer ankommt.

Die Probe wurde ihr jedoch schon bei den russischen Meisterschaften im Dezember entnommen, das Ergebnis kam erst am 8. Februar. Zuvor hatte Valieva ihre Mannschaft zu Gold geführt und war trotz Favoritenrolle am Donnerstag im Einzelwettbewerb lediglich auf Platz 4 gelandet.

Warum durfte Kamila Valieva trotz positiver Probe starten?

Nach der positiven Probe hob die russische Anti-Doping-Agentur (RUSADA) die verpflichtende Suspendierung der Athletin nach einem Tag wieder auf. Das Internationale Olympische Komitee, die Welt-Anti-Dopingagentur und die Internationale Eislaufunion legten dagegen Einspruch ein.

Daraufhin gab es vor Ort ein Eilverfahren vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas. Dieser wies den Einspruch zurück und begründete seine Entscheidung damit, dass ein Ausschluss zu "irreparablen" Schäden führen könnte, sollte sie unschuldig sein.

Der Cas verwies jedoch darauf, dass es zunächst eine vorläufige Entscheidung sei. Ein endgültiges Ergebnis des Verfahrens und eine mögliche Annullierung wird es erst nach den Spielen geben.

"So, wie das einstweilige Verfahren gelaufen ist, ist es aus meiner Sicht völlig in Ordnung", bewertet auch Sebastian Longrée die Situation. "Für die anderen beteiligten Athletinnen ist das natürlich keine schöne Situation, aber die getroffene vorläufige Regelung war unter Abwägung aller Interessen die richtige Entscheidung."

Sportrechts und Anti-Doping-Experte Sebastian Longrée
Sportrechts und Anti-Doping-Experte Sebastian Longréebild: kümmerlein rechtsanwälte

Wann wird mit einem Ergebnis gerechnet?

Zunächst muss die B-Probe der Athletin ausgewertet werden und auch dann wird das Verfahren laut Longrée noch einige Monate dauern.

"In der Hauptsache wird der Fall ganz sicher erneut vor dem Cas entschieden", erklärt Anti-Doping-Experte Longrée. Dann sei es relativ wahrscheinlich, dass es zu einem Sachverständiger-Gutachten kommt.

"Mittlerweile lässt sich durch biochemische Methoden oft gut nachweisen, ob es tatsächlich zu einem versehentlichen, einzelnen Kontakt kam oder es einen regelmäßigen Gebrauch gab."

Weiterhin würden die Anhörungen Zeit brauchen. "Alle Beteiligten müssen die Möglichkeit haben, ihre Ansichten und den Sachverhalt umfassend darzustellen", erklärt Longrée. Nur so sei es dem Schiedsgericht möglich, ein Urteil zu fällen.

Zusätzlich könne es hier zu Verzögerungstaktiken der Anwälte kommen, um "Zeit zu gewinnen und auch eine Entscheidung des Schiedsgerichts in einer weniger medial aufgeheizten Stimmung zu erreichen."

"Man muss aufpassen, dass man es nicht sofort in die Ecke stellt, dass es nur eine Ausrede ist."
Sportrechtler Sebastian Longrée

Im kurzfristig einberufenen Verfahren erklärten Valievas Anwälte, dass sie aus dem gleichen Glas wie ihr Opa getrunken habe, der die Medikamente nehme. Über den Speichel sei sie mit den Substanzen in Kontakt gekommen.

Der Anti-Doping-Experte und Pharmakologe Fritz Sörgel nannte diese Begründung eine "abgenutzte Ausrede". Es sei nahezu ausgeschlossen, dass Trimetazidin über die minimal Speichelmenge an einem Glas übertragen werden.

Doch auch Longrée erzählt, er habe solch ähnliche Aussagen bereits von Elitesportlern gehört. "Man muss aufpassen, dass man derartige Begründungen nicht pauschal in die Ecke stellt, sondern im Einzelfall prüft, ob es sich wirklich nur um eine Ausrede handelt. Wenngleich natürlich der Verdacht einer reinen Schutzbehauptung im Raum steht."

Denn für seine Anwaltskollegen sei es in der Cas-Anhörung vor allem darum gegangen, "kurzfristig Startrecht durchzusetzen." Und das gelang. "Sie werden ihre Argumentation auch mit einer gewissen, jedenfalls für das Ad-Hoc-Verfahren genügenden, Substanz hinterlegt haben", glaubt er.

Welche Strafen könnten Valieva und ihrem Team drohen?

Da die Eiskunstläuferin erst 15 Jahre alt ist, gehört sie laut WADA zu "schutzbedürftigen" Personen. In diesen Fällen werde besonders genau auf ihr Umfeld geschaut, denn "Trainer, Betreuer und die jeweiligen nationalen Verbände haben eine ganz besondere Schutzfunktion gegenüber sehr jungen Athleten und Athletinnen. Das wird und sollte hier eine gravierende Rolle spielen"

Sollte die B-Probe ebenfalls positiv sein, ginge es vor allem darum zu klären, inwiefern die Eiskunstläuferin von den Medikamenten wusste. Mit 15 Jahren habe sie in gewisser Weise schon eine Einsichtsfähigkeit, muss aber dennoch mit einer nicht allzu harten Strafe rechnen.

"Aber die dahinterstehenden Verantwortlichen werden bei einer Beteiligung Minderjähriger im Zweifelsfall umso härter sanktioniert", verdeutlicht Longrée.

Mit Blick auf ihre umstrittene Trainerin Eteri Tutberidze erklärt der Anti-Doping-Experte: "Eine Trainerin, die eine Minderjährige manipuliert oder dieser sogar ohne deren Wissen verbotene Substanzen zuführt, kann härter bestraft werden als ein Trainer, der das mit einem 25-jährigen Sportler macht, der genau weiß, was er da tut."

Dennoch hänge es immer von den jeweiligen Richtern ab, die im Rahmen des Regelwerks einen gewissen Spielraum haben.

Laut der Nationalen Antidoping-Behörde in Deutschland droht Athleten bei einem erstmaligen Verstoß eine Sperre von vier Jahren.

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