Folgenschwerer Zusammenprall zwischen Union Berlins Timo Baumgartl (l.) und Bielefelds Fabian Klos.
Folgenschwerer Zusammenprall zwischen Union Berlins Timo Baumgartl (l.) und Bielefelds Fabian Klos.
Bild: www.imago-images.de / Matthias Koch
Analyse

Gefahr bei Kopf-Verletzungen im Fußball – Experte warnt vor Folgen und kritisiert Bundesliga: "Spieler brauchen eigentlich einige Wochen Pause"

04.10.2021, 14:2605.10.2021, 16:43

Die Verletzung von Christoph Kramer im WM-Finale von 2014 kann man wohl als Vorzeige-Kopf-Verletzung während eines Fußball-Spiels bezeichnen. In der 17. Minute wurde er damals von Argentiniens Ezequiel Garay mit der Schulter am Kopf getroffen und blieb liegen. Nach einer kurzen Behandlung spielte er weiter, wurde allerdings 15 Minuten später ausgewechselt.

Später kam heraus, dass er sogar den Schiedsrichter gefragt habe, welches Spiel er gerade spiele. Ein Zeichen seiner Verwirrung, die durch eine Gehirnerschütterung hervorgerufen wurde. Und ein klares Zeichen dafür, dass er eigentlich nicht mehr hätte auf dem Platz stehen dürfen. Da sind sich die meisten Mediziner einig.

Christoph Kramer (M.) wird von Physio Klaus Eder (l.) und
Christoph Kramer (M.) wird von Physio Klaus Eder (l.) und
Bild: imago sportfotodienst / Pro Shots

Zugegebenermaßen: Dieses Ereignis ist sieben Jahre her. In der Entwicklung des modernen Fußballs eine Ewigkeit. Ständig werden neue Taktiken entwickelt, andere Schwerpunkten finden Beachtung oder weitere Feinheiten werden herausgearbeitet. Aber wie hat sich seither die Sicherheit der Spieler im Bezug auf Kopfverletzungen entwickelt? Welche Maßnahmen werden durchgeführt, um Spieler vor Schäden am Gehirn zu schützen? Und was wird unternommen, wenn der Spieler eine Gehirnerschütterung erlitten hat?

In einem der aktuellsten Fälle hat wenigstens Union Berlin gut gehandelt, zumindest, wenn es nach dem Sportmediziner Robert Margerie geht. Am letzten September-Wochenende war Berlins Timo Baumgartl mit Bielefelds Stümer Fabian Klos zusammengerasselt, war kurz bewusstlos, musste behandelt werden und wurde mit Halskrause und auf einer Bahre weggetragen. Für ihn war das Spiel vorbei, er meldete sich erst am nächsten Tag wieder aus dem Krankenhaus.

Robert Margerie, Sportmediziner, der immer wieder auch Fußball-Profis untersucht hat und beim Sommermärchen 2006 einer der WM-Ärzte war, sagt zu diesem Vorgehen: "Timo Baumgartl nach einem heftigen Zusammenprall ins Krankenhaus zu schicken, durchchecken zu lassen und Ruhe zu geben, ist vorbildlich, sollte in der Bundesliga aber viel öfter angewandt werden."

WM-Arzt
Als WM-Arzt wurde Margerie im Olympiastadion in Berlin eingesetzt. Mal war er am Spielfeldrand tätig für eventuelle Notfälle, mal war er auf der Tribüne, für mögliche Notfälle im Zuschauerbereich.

Was Margerie meint: Immer wieder werden Verletzungen am Kopf auch verharmlost. Baumgartls Gegenspieler, Fabian Klos, spielte beispielsweise die vollen 90 Minuten durch. Sein Trainer Frank Kramer sagte: "Man hat im Spiel gesehen, dass er da einfach drüber weggeht, das abschüttelt und weitermacht. Trotzdem hat er natürlich ein bisschen Kopfbrummen. Das ist ganz normal. Da gehe ich davon aus, dass das ein, zwei, drei Tage Ruhe braucht und dann ist der Fabi wieder dabei. Das ist ein Schlachtross, das kann man mit so einem Zweikampf nicht von der Piste schießen."

Anzeichen können auch erst später auftreten

Genau in dieser Glorifizierung des "starken Profis", der "sich durchbeißt" sieht Margerie allerdings Probleme. Für ihn wäre wohl auch Klos ein Kandidat gewesen, der hätte ausgewechselt werden müssen. Er erklärt: "Je schwerer die Verletzung ist, umso klarer sind die akuten Anzeichen einer Gehirnerschütterung. Natürlich können diese Zeichen auch erst später auftreten, trotzdem sollte man den Spieler im Zweifel schützen und bei einem heftigeren Zusammenprall vom Spielfeld nehmen."

Aber auch eine Aussage von Hertha-Trainer Pal Dardai ist in diesem Zusammenhang zumindest fragwürdig. Nach der Niederlage am vergangenen Wochenende gegen Freiburg (1:2), sprach der Ungar über das Verteidigen bei Standards: "Ich will köpfen und nicht nur am Mann sein. Da musst du dich opfern – auch wenn es sein kann, dass du im Krankenhaus landest. Bei uns wartet da vielleicht einer auf den anderen."

Davie Selke (l.) mit Platzwunde nach dem Zusammenprall mit Freiburgs Nico Schlotterbeck.
Davie Selke (l.) mit Platzwunde nach dem Zusammenprall mit Freiburgs Nico Schlotterbeck.
Bild: www.imago-images.de / Andreas Gora

Mindestens unpassend wirkt diese Aussage, weil beim Spiel gegen Freiburg Stürmer Davie Selke und SC-Verteidiger Nico Schlotterbeck mit dem Kopf aneinander gekracht waren.

Selke hatte im Anschluss mit Turban noch knapp 15 Minuten weitergespielt und war zur Halbzeit vom Platz gegangen. Ähnlich hat es auch Kölns Verteidiger Luca Killian am letzten September-Wochenende gemacht. Von seinem eigenen Torhüter wurde er bei einer Faustabwehr am Kopf getroffen, im Anschluss behandelt und fünf Minuten später ausgewechselt.

Ignorieren führt zu Gesundheitsrisiko

Für Margerie ein Vorgehen, dass so nicht hinzunehmen ist: "Die Gefahr eines zweiten Schädel-Hirn-Traumas bei einem Spieler, der bereits einen Schlag auf den Kopf bekommen hat und weiterspielt, ist enorm hoch. Er kann sich nicht mehr so gut orientieren wie vorher, reagiert unter Umständen langsamer und kann einen weiteren kritischen Körperkontakt mit dem Kopf vielleicht nicht verhindern."

Eine Pause, auch bei einer leichten Gehirnerschütterung, sei daher unumgänglich. Margerie erklärt: "Nach einer Gehirnerschütterung brauchen die Spieler eigentlich einige Wochen Pause und müssten langsam wieder herangeführt werden. Erst mit aerobem, anschließend mit individuellem fußballspezifischen Training, dann Mannschaftstraining ohne Kontakt und letztendlich die volle Rückkehr ins Mannschaftstraining."

"Da das Gehirn nicht 'zu 100% da ist' (Konzentration, Reaktionsgeschwindigkeit, Schutzreflexe u.a.) ist das allgemeine Verletzungs- und Unfallrisiko erhöht."
Die Spezialisten von "Neuromed" auf ihrer Webseite

Noch etwas präziser formuliert es die Praxis "Neuromed" in Berlin. Dr. Oliver Wengert und Dr. Kerstin Irlbacher haben sich auf die Neurologie im Sport fokussiert. Auf ihrer Webseite erläutern sie einen sechsstufigen Plan zur Trainings-Rückkehr nach einer Gehirnerschütterung.

6-Stufen-Plan zum Wiedereinstieg ins Training

Dabei besteht der erste Schritt aus einer Sport-Pause mit Ruhe und Erholung. Anschließend könne man mit leichten konditionellen Einheiten, wie Schwimmen, Radfahren oder Laufen, starten. Der Puls sollte maximal bei 125 Herzschläge liegen. Danach würden sportartspezifische Aktivitäten dazukommen, wie Passübungen und leichte Technikübungen. Im vierten Schritt stünde das Mannschaftstraining ohne Körperkontakt an, ehe danach das Training mit Kontakt folgt. Verkraftet der Spieler all diese Stufen ohne Probleme, wäre er bereit, um zum Spiel zurückzukehren.

Eine wichtige Einschränkung gibt "Neuromed" allerdings: Jede Stufe dauert mindestens 24 Stunden, sollte es zu Beschwerden innerhalb einer Stufe kommen, sollte der angeschlagene Spieler wieder auf die vorherige Stufe zurückgehen.

Bei einer leichten Gehirnerschütterung würde ein Spieler nach diesem Plan also mindestens sechs Tage brauchen, bis er wieder voll spieltüchtig ist. Margerie spricht hingegen von "einigen Wochen Pause", abhängig von der Schwere der Gehirnerschütterung.

Auch ohne Symptome ist der Körper noch geschwächt

Genau an diesem Punkt wird es tückisch, denn, wenn der Einstieg nach einer Gehirnerschütterung zu früh kommt, kann das negative Folgen haben. Die Spezialisten von "Neuromed" schreiben zum Beispiel: "Da das Gehirn nicht 'zu 100% da ist' (Konzentration, Reaktionsgeschwindigkeit, Schutzreflexe u.a.) ist das allgemeine Verletzungs- und Unfallrisiko erhöht." Der Sportmediziner Margerie fügt außerdem hinzu: "Nach Abklingen der Symptome konnte im MRT gezeigt werden, dass die Durchblutung im Gehirn weiterhin beeinträchtigt war. Eine Ruhephase von 15 Tagen wird empfohlen, um mögliche Langzeitfolgen zu verhindern."

Bei "Neuromed" heißt es unter auch: "Der normale Zeitraum bis zu einer kompletten Symptomrückbildung beträgt ungefähr 7-10 Tage. Teilweise sind aber auch nach dieser Zeit Symptome in neuropsychologischer Testung nachweisbar. Man geht davon aus, dass in dieser Phase die Verletzbarkeit des Gehirns gegenüber einer erneuten Gehirnerschütterung größer ist." Dabei könnte eine zweite Kopfverletzung in dieser Phase schwerere Auswirkungen haben als die erste.

"Die Diagnostik einer Gehirnerschütterung setzt eine neurologische Beurteilung voraus. Mir ist kein Neurologe als Mannschaftsarzt bekannt. Das sind in der Regel Orthopäden oder Internisten."
Sportmediziner Robert Margerie über die Diagnostik einer Gehirnerschütterung

Und was macht die Deutsche Fußball Liga (DFL) für die Sicherheit der Spieler? Seit der Saison 2019/20 ist für die Profi-Vereine ein "Baseline Screening" vor der Saison vorgeschrieben. Es werden neurologische Tests (Balance, Merkfähigkeit) durchgeführt, bei denen Standardwerte der Spieler ermittelt werden, die dann im Falle einer möglichen Gehirnerschütterung zum Vergleich herangezogen werden. Während einer Partie haben die Mannschaftsbetreuer bis zu drei Minuten Zeit, die Tests durchzuführen und Vergleichswerte zu ermitteln, um die Spielfähigkeit des Profis festzustellen.

Andere Sportarten sind da weiter. Beim American Football müssen sich Spieler nach harten Zusammenstößen dem "Concussion Protocol" unterwerfen. Die Team-Ärzte und ein neutraler Neurologe bewerten dann in einer ausführlicheren Untersuchung, ob der Spieler noch einmal ins Spiel zurückkehren darf.

Rugby unterstützt Forschung

In der englischen Rugby Premiership müssen Spieler von einem unabhängigen Mediziner freigegeben werden, wenn sie innerhalb von zehn Tagen nach einem Vorfall am Kopf wieder zurückkehren wollen. Außerdem unterstützt die Premiership seit Jahren die Universität Birmingham bei einem Forschungsprojekt. Wissenschaftler entwickeln dort einen Schnelltest, der aufgrund von DNA-Marker im Speichel erkennen soll, ob eine Gehirnerschütterung vorliegt. Angeblich soll er bereits zu 94 Prozent richtig liegen. Professor Antonio Belli, Neurologe und beteiligt an der Studie, bezeichnet die Erkenntnisse als "Game-Changer".

Mark Percival vom St. Helens RLFC wird nach einer Kopfverletzung im Spiel gegen Leeds behandelt, fehlte danach auch beim Spiel in der folgenden Woche.
Mark Percival vom St. Helens RLFC wird nach einer Kopfverletzung im Spiel gegen Leeds behandelt, fehlte danach auch beim Spiel in der folgenden Woche.
Bild: www.imago-images.de / Mark Cosgrove/News Images

Betrachtet man diese Beispiele wird klar, wo ein großer Unterschied zur Bundesliga besteht. Noch immer liegt die Entscheidung über die Spielfähigkeit bei Kopfverletzungen bei den Vereins-Ärzten. Margerie sagt dazu: "Die Diagnostik einer Gehirnerschütterung setzt eine neurologische Beurteilung voraus. Mir ist kein Neurologe als Mannschaftsarzt bekannt. Das sind in der Regel Orthopäden oder Internisten."

In der Süddeutschen Zeitung hat deshalb Ingo Helmich, Neurowissenschaftler der Sporthochschule Köln gefordert, dass solche Entscheidungen von unabhängigen Ärzten getroffen werden sollten, "da diese unabhängig vom Team, Trainer, Spielstand entscheiden können, ob ein Spieler nach einer möglichen Gehirnerschütterung genauer untersucht und ausgewechselt werden sollte."

"Bei Kopfbällen sehe ich an sich nicht das Problem. Der Ball ist nicht so hart, es sei denn man kriegt ihn aus kürzester Entfernung an den Kopf geschossen. Aber natürlich sind die Duelle das Verhängnisvolle."
Sportmediziner Robert Margerie über eine mögliche Gefahr von Kopfbällen

Die Idee, Kopfbälle an sich zu verbieten, findet Margerie übrigens nicht zielführend. Er erklärt: "Bei Kopfbällen sehe ich an sich nicht das Problem. Der Ball ist nicht so hart, es sei denn man kriegt ihn aus kürzester Entfernung an den Kopf geschossen. Aber natürlich sind die Duelle das Verhängnisvolle."

Für Margerie ist deshalb folgendes wichtig: "Wenn man Gehirnerschütterungen in einem Sport mit Zweikämpfen nicht verhindern kann, sollte man sich zumindest im Falle des Eintretens vernünftig verhalten." Eine Erkenntnis, die in anderen Sportarten durch zahlreiche Maßnahmen noch konsequenter umgesetzt wird, als im Fußball.

"30.000 Zuschauer als Sitzschalen verkleidet" – so wurde das El Plastico gefeiert

RB Leipzig gegen TSG Hoffenheim. Der Tabellenvierte gegen den Tabellenachten. An einem Montagabend. Die überhaupt erst siebte Begegnung dieser beiden Teams lockte immerhin noch um die 33.000 Zuschauer in die Leipziger Arena.

Während die Zuschauer im Stadion ein von Taktik geprägtes 1:1 zu sehen bekamen, bestachen die Fans der anderen Vereine mit Schadenfreude über das als "El Plastico" verschriene Duell.

Und weil wir Schadenfreude lieben, wollen wir euch diese natürlich nicht vorenthalten.

(bn)

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