Hansi Flick holte mit den Bayern 2020 insgesamt sechs Titel.
Hansi Flick holte mit den Bayern 2020 insgesamt sechs Titel.Bild: EIBNER/Sascha Walther/POOL / imago images
Analyse

Neue Bayern-Doku enthüllt: Das sagte Ex-Trainer Hansi Flick bei seinem Abschied in der Kabine

21.10.2021, 07:36

Wolfsburg, am 17. April 2021. Dort spielt die erste Szene der neuen Amazon-Doku über den FC Bayern. Nach dem 3:2-Sieg klatschen sich die Spieler ab, gratulieren sich in der Kabine. Ein nachdenklich wirkender Hansi Flick ist danach im Bild zu sehen.

Er ergreift das Wort: "Männer, einmal mehr: Riesen-Respekt vor eurer Leistung und eurer Mentalität." Kurz danach sagt er: "Ich wusste, dass es heute sehr eng wird, weil es eine gute Mannschaft war. Einfach klasse, auch wenn wir am Schluss zittern mussten. Ich sage nichts Negatives, sondern einfach toll, dass wir hier 3:2 gewonnen haben."

Flick fehlen kurzzeitig die Worte

Eine kurze Pause folgt und er schließt an: "Jungs, ich habe euch etwas zu sagen." Danach fehlen ihm die Worte, er schluckt und spricht weiter: "Ich glaube, wir haben eine ganz gute und enge Beziehung. Das ist für mich eine wahnsinnige Freude, mit euch arbeiten zu können. Ihr habt eine wahnsinnige Mentalität, die ich so noch nicht gesehen habe. Ich bin aber auch am Ende. Es ist mir wichtig, dass ihr es von mir erfahrt." Danach fliegt die Kamera auf die Allianz Arena zu, mit emotionaler Musik untermalt.

Das sind die ersten knapp zwei Minuten der neuen Dokumentation vom Streaming-Dienst Amazon, die am 2. November erscheint. In sechs Teilen soll der Mythos FC Bayern nähergebracht werden. Schon vor dem offiziellen Release durfte watson drei Folgen sehen.

"Diese Doku hat eine Mischform, die ich noch nicht gesehen habe."
Regisseur Simon Verhoeven über die neue Amazon-Dokumentation

In diesen Episoden wird bereits klar, dass die Dokumentation mehr sein soll als nur ein stumpfes Nacherzählen einer Saison. Vielmehr vermitteln die Schicksale der einzelnen Spieler und Funktionäre einen Überblick über den Verein und seine Geschichte. Gespickt werden diese Geschichten mit Eindrücken aus der Kabine aus der Saison 2020/2021.

Simon Verhoeven ist einer der beiden Regisseure. Er drückt es so aus: "Diese Doku hat eine Mischform, die ich noch nicht gesehen habe. Die Mischform bedeutet, dass wir den Verein auch gleichzeitig in seiner Vergangenheit porträtieren und nicht nur in einer Saison mitlaufen." Dabei musste das Filmemacher-Team insgesamt mehr als 2000 Stunden Roh- und Archivmaterial sichten, führte 145 Interviews an über 100 Drehtagen.

Oliver Kahn spricht in der Bayern-Dokumentation offen über den Etat des Klubs.
Oliver Kahn spricht in der Bayern-Dokumentation offen über den Etat des Klubs.Bild: imago images / Jan Huebner

Verhoeven sagt dazu, dass er erstaunt gewesen sei, "wie Bayern immer mehr möglich gemacht hat." Dabei hätten die Münchner theoretisch ein Veto-Recht gehabt bei Szenen, die nicht in die Dokumentation sollen. Verhoeven führt an, dass Vorstand Oliver Kahn offen über den Etat und die Auswirkungen der Corona-Pandemie sprach. Verhoeven sagt: "Als ich es gesehen habe, habe ich gedacht: wow, dürfen wir das so nehmen?" Sie durften.

Aber auch eine Anekdote aus dem 4:2 der Bayern im März gegen Dortmund hat bei Verhoeven für Überraschung gesorgt. Als der BVB nach zwei frühen Toren durch Top-Stürmer Erling Haaland schon nach neun Minuten 2:0 führte, sagte Sportvorstand Hasan Salihamidžić spaßig zur Teammanagerin Kathleen Krüger: "Wie gut ist denn der Haaland? Das ist ja eine Maschine. Morgen rufe ich den Berater an." Obwohl die Regisseure Zweifel hatten, ob diese Szene in die endgültige Version darf, ließ der FC Bayern sie zu.

Verhoeven erklärt: "Das ist ein Witz, aber auch gleichzeitig eine Schlagzeile in der heutigen Medienlandschaft. Das kann aus dem Kontext gerissen werden. Davon gibt es ganz viele Szenen, wo ich schon überrascht war, dass die Bayern sagen, dass es so gemacht wird."

Langer Vorlauf für Bayern-Doku

Die Doku über den FC Bayern ist allerdings für Amazon nicht die erste Sport-Dokumentation. Im englischsprachigen Raum gibt es schon seit einigen Jahren die "All or nothing"-Reihe, die mit Serien über Football-Teams begann und später auch die englischen Fußball-Klubs Manchester City oder Tottenham Hotspur begleiteten. Mit "Inside Borussia Dortmund" gab es sogar bereits eine deutschsprachige Amazon-Dokumentation. Die Bayern ließen aber auf sich warten.

Dazu erklärt Stefan Mennerich, Direktor Medien, Digital & Kommunikation von Bayern München: "Es war für uns ein riesengroßer Schritt. Es gab seit den 2000er Jahren, seit der Steinzeit des Internets, immer wieder Angebote, in die Kabine zu kommen. Da waren auch lukrative Angebote dabei. Die sportlichen Verantwortlichen haben das jeweils immer negiert. Das war in der jeweiligen Zeit auch richtig, aber der Globus dreht sich weiter und speziell die Medienwelt hat sich entwickelt und die Avancen wurden heftiger. Die offensichtlichen Vorteile wurden sichtbar: Die Reichweite, die man erzielt, die Zielgruppe, die man erreicht, die Sehgewohnheiten, die man trifft, die Strahlkraft der eigenen Marke, die man stärken kann."

"Eigentlich habe ich gesagt: Wenn die Kameras in die Kabine kommen, höre ich auf."
Thomas Müller in der neuen Amazon-Doku "FC Bayern – Behind the Legend"

Zudem sei man mit Amazon und der Produktionsfirma W&B Television jahrelang im Gespräch gewesen, sodass eine Entscheidung für die Dokumentation das Ergebnis war. Allerdings mussten zuvor auch die Spieler, Trainer und Funktionäre überredet werden. Nur wenn alle überzeugt seien, würde ein solches Projekt auch Sinn machen. Mennerich erzählt von langen Gesprächen mit dem Trainerteam, dem Mannschaftsrat und einzelnen Spielern: "Sie wollten mitmachen. Da hat sich das Rad der Zeit vielleicht etwas weitergedreht. Die Spieler sind Medien gewohnt, kennen Dokumentationen und haben vielleicht neben einer gewissen Vorsicht auch selbst ein Interesse daran."

Einer der Kandidaten, die überzeugt werden mussten, könnte Bayern-Angreifer Thomas Müller gewesen sein. In einer Episode sagt er schmunzelnd: "Eigentlich habe ich gesagt: Wenn die Kameras in die Kabine kommen, höre ich auf." Letztlich hat aber auch der 32-Jährige zugestimmt und spricht in einer Sequenz auch über seine Isolation während seiner Corona-Infektion.

Thomas Müller überstand im Februar 2021 eine Corona-Infektion.
Thomas Müller überstand im Februar 2021 eine Corona-Infektion.Bild: www.imago-images.de / Frank Hoermann/SVEN SIMON

Das gemeinsame Mittagessen zu dieser Zeit mit seiner Frau erklärt er so: "Ich war im Keller. Da ist bei der Treppe eine Glastür. Ich war komplett alleine. Beim Mittagessen habe ich mich im Keller in den Flur gesetzt mit Tisch und Stuhl und meine Frau saß auf der Treppe und wir haben uns zugewunken."

Das große Thema der vergangenen Bayern-Saison war besonders gegen Ende der Konflikt zwischen Trainer Hansi Flick und Vorstand Hasan Salihamidžić, der mit dem Abgang Flicks endete. Beide waren sich bei Transfers nicht einig, Flick hatte sogar "halt dein Maul" zum Vorstand gesagt. In der Doku wird das Thema nicht explizit thematisiert, immer wieder schwingt es aber mit. Beispielsweise als es um die Entscheidung geht, dass die Bayern nicht mit Boateng verlängern wollen. Salihamidžić spricht von Entscheidungen, die von allen getroffen und deshalb auch von allen getragen werden müssen. Davon abgesehen gibt es immer wieder Bilder aus der Kabine, bei denen Flick und Salihamidžić wortlos aneinander vorbeilaufen, sich teilweise keines Blickes würdigen.

Kameramann nicht immer auf Sendung

Ein großer Punkt, der bei Sport-Dokumentationen wichtig ist, ist die Frage, wie nahe die Filmemacher an die Protagonisten kommen. Der zweite Regisseur und Kameramann Nepomuk Fischer war Teil der Bayern-Bubble in der Corona Zeit, hatte vollen Zugriff zum Spielerhaus und war ab Januar 2021 nach eigenen Ausgaben jeden Tag mit der Mannschaft zusammen.

Fischer erzählt: "Im Spielerhaus sind 40 Menschen und dann kommst du in eine Gruppe rein. Ich wollte nicht unsichtbar werden, sondern Teil der Gruppe werden." Zu Beginn hielt er sich zurück, gehörte nach und nach aber immer mehr dazu. Das zeige sich auch daran, wie er von den Spieler genannt wurde. "Am Anfang war ich der 'Amazon Guy', dann bekommst du einen Namen und sprichst über verschiedene Themen wie Familie. Mit Lewandowski habe ich über unsere Kinder gesprochen."

"Wir haben keinen journalistischen Anspruch, sondern wir wollen von den Menschen erzählen, was treibt sie an und warum sind sie da, wo sie sind."
Regisseur Nepomuk V. Fischer

Dass Fischer allerdings nicht immer die Kamera laufen ließ, verstand er von selbst. "Wir haben keinen journalistischen Anspruch, sondern wir wollen von den Menschen erzählen, was treibt sie an und warum sind sie da, wo sie sind." Durch dieses verständnisvolle Arbeiten wurde Fischer Teil der Gruppe, trat sogar bei Tischtennis-Partien innerhalb der Mannschaft an: "Ich habe verloren mit Thomas Müller im Doppel gegen Sergne Gnabry und Joshua Kimmich. Es war ein sehr hartes Match."

Allerdings bekam Fischer nach Aussage von Verhoeven auch mal "auf den Deckel". Das betraf Situationen, in denen er die Kamera nicht laufen lassen sollte. Beispielsweise bei der 1:2-Pleite der Bayern im Februar in Frankfurt. In der Doku sieht man, wie er zunächst filmt und dann ein Zeichen von Flick bekommt. Daraufhin schaltet Fischer aus. "Generell habe ich mit dem Hansi ein sehr gutes Verhältnis. Wir haben uns auch auf dem Platz sehr gut verstanden auch durch Blicke. Wir haben die Halbzeiten gefilmt. Eigentlich konnten wir ziemlich viel machen."

Aber auch mit der Uefa legte sich Fischer an. Beim Champions-League-Viertelfinale im April gegen Paris schlich sich Fischer vor dem Spiel in den Spielertunnel. Ein Ort, der in der Champions League nur für die Kameramänner der Uefa erlaubt ist. Fischer: "Der Spielertunnel ist Uefa-Terrain. Da darf man eigentlich nicht rein mit der Kamera. Aber ich hatte den Gedanken, wenn die Bayern jetzt ausscheiden ist es das letzte Bild in unserer Serie von der Champions League und es waren auch noch Neymar und Mbappé und ich wollte sie anders zeigen, als nur die TV-Bilder."

Hasan Salihamidžić spricht in der Dokumentation über seine Kindheit im Bosnienkrieg.
Hasan Salihamidžić spricht in der Dokumentation über seine Kindheit im Bosnienkrieg.Bild: ap / Martin Meissner

Insgesamt ist die Mischung aus ernsten Aspekten und interessanten Hintergrundgeschichten spannend. Sei es, wenn Hasan Salihamidžić über seine Kindheit im Bosnienkrieg erzählt oder Oliver Kahn über sein Burnout spricht. Gleichzeitig erhalten die Zuschauer aber auch Einblicke, wie die aktuellen Bayern-Spieler über ihre Sprint-Werte diskutieren oder gemeinsam Fußball schauen.

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