Auch die DFB-Stars Mats Hummels (Nummer 5) und Leon Goretzka (Nummer 18) knieten vor dem Spiel gegen England, um gegen Rassismus zu demonstrieren.
Auch die DFB-Stars Mats Hummels (Nummer 5) und Leon Goretzka (Nummer 18) knieten vor dem Spiel gegen England, um gegen Rassismus zu demonstrieren.
Bild: GES-Sportfoto / Marvin Ibo Güngör
Analyse

watson-Umfrage zeigt: Mehrheit für eine klare Haltung im Sport, doch junge Erwachsene sehen das zwiespältig – Jugendforscher erklärt die Gründe

12.07.2021, 11:0412.07.2021, 15:54

Die Diskussionen um das Trikot der Ukraine, die regenbogenfarbene Münchner-EM-Arena oder das auf die Knie Gehen gegen Rassismus, wie es die englische Nationalmannschaft auch vor dem EM-Finale gegen Italien gemacht hat: Wohl selten war eine Sportveranstaltung so sehr von politischen Symbolen und Haltungen geprägt, wie die vergangene Fußball-Europameisterschaft.

Aber nicht immer waren die Zuschauer mit den Haltungen und Symbolen der Stars auf dem Rasen einverstanden. In Russland wurden die belgischen Spieler, die gegen Rassismus knieten, von den Zuschauern ausgepfiffen. Finalteilnehmer England wurde bei einem Freundschaftsspiel kurz vor dem Turnier von den eigenen Fans für die Geste ausgebuht. Während der Endrunde gab es einen Mix aus Buh- und Jubelrufen.

"Das Ergebnis macht deutlich, dass in der jungen Generation im Hinblick auf den Sport andere Maßstäbe gelten."
Jugendforscher Klaus Hurrelmann

Auch die deutsche Nationalmannschaft setzte sich während des Turniers im sogenannten "Pride Month" Juni für Diversität ein. Manuel Neuer trug eine regenbogenfarbene Kapitänsbinde und die Münchner Arena sollte während der Partie gegen Ungarn in den regenbogenfarben leuchten. Da die Uefa darin aber eine politische Botschaft sah, lehnte sie den Antrag ab.

Dass Sportler immer mehr eine klare Haltung zu gewissen Themen zeigen, ist von einem Großteil der Bevölkerung gewünscht. Dennoch stößt es gerade bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29-Jährigen nicht unbedingt auf Zustimmung. Das zeigt eine exklusive Umfrage, die watson gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey vom 23. Juni bis 1. Juli durchgeführt hat. 5097 Teilnehmer wurden dabei gefragt: "Sollte der Profisport Ihrer Meinung nach eine klare Haltung zu gesellschaftlichen Themen wie Homophobie oder Rassismus einnehmen?"

Nationalmannschaftskapitän Manuel Neuer trug bei der EM die Kapitänsbinde in Regenbogenfarben.
Nationalmannschaftskapitän Manuel Neuer trug bei der EM die Kapitänsbinde in Regenbogenfarben.
Bild: dpa / Christian Charisius

Grundsätzlich stimmten 60 Prozent der Befragten der Aussage zu und finden, dass der Profi-Sport gerade bei Themen wie Rassismus und Homophobie eine klare Haltung einnehmen müsse.

bild: civey

Dabei ist jedoch vor allem bemerkenswert, dass Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 18 bis 29 den größten Anteil an Personen ausmachen, die sich gegen eine klare Haltung des Profisports aussprechen.

"Die jungen Frauen sind bei allem ethischen und moralischen sensibler als Männer und gucken genauer hin."

34,6 Prozent der "Nein"-Antworten stammen genau aus diesem Altersbereich. Im Vergleich dazu sind es bei 40 bis 49- jährigen und über 65-jährigen Teilnehmern lediglich 28,8 und 27,6 Prozent.

bild: civey

"Das ist völlig überraschend, weil ethische Fragen in der jungen Generation eigentlich einen sehr hohen Stellenwert haben", bewertet Jugendforscher Klaus Hurrelmann die Umfrageergebnisse gegenüber watson. Er ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin.

Jugendforscher Klaus Hurrelmann
Jugendforscher Klaus Hurrelmann
Bild: Hertie School

Laut Hurrelmann legen junge Menschen gerade bei Umweltthemen und den ethischen Standards in Produktionsprozessen einen sehr strengen Maßstab an. "Das Ergebnis macht deutlich, dass in der jungen Generation im Hinblick auf den Sport andere Maßstäbe gelten", erklärt der Wissenschaftler.

Dass jedoch gerade in der jungen Altersgruppe die Floskel: "Sport und Politik sollten nicht vermischt werden", besonders gilt, glaubt Klaus Hurrelmann nicht. Denn gerade im Sport würde das Thema Diversität besonders auffallen.

"Es kann sein, dass die jungen Leute noch etwas zögern, ob der Sport jetzt zu seinem Wertemaßstab werden soll, oder ob sie sagen, dass der Sport für sich läuft und ethische und menschenrechtliche Fragen nicht hineinspielen."

Dennoch relativiert Hurrelmann auch und erklärt: "Die Zahlen sind dicht beieinander. Wahrscheinlich darf man das an diesem Punkt nicht überinterpretieren."

Politische Einstellung hat enormen Einfluss

Auffällig ist für den Sozialforscher hingegen, dass die politische Einstellung der Menschen in Zusammenhang mit ihrer Forderung nach einer Haltung des Profisports steht. "Es kommt hier der starke Kontrast zum Vorschein, den es aktuell in unserer Gesellschaft gibt."

bild: civey

Und er fügt hinzu: "Ich vermute, dass es da auch besonders starke Unterschiede in der jungen Generation gibt", sagt Hurrelmann. Während es für ältere Menschen immer noch die Opposition zwischen CDU und SPD gäbe, gibt es für junge Leute eher die Alternative zwischen Grüne und AfD.

Dadurch würde sich auch die Jugend in zwei Lager spalten. Einerseits gäbe es die Position, die sich für Umwelt, Weltoffenheit und Zuwanderung einsetze. Diese sei vor allem durch die Grünen und zu einem kleinen Teil durch die Linke und SPD besetzt. Auf der anderen Seite gebe es vor allem in Form der AfD eine nationalistisch, autoritäre Orientierung, die sich gegen Einwanderung und Ablehnung von Toleranz und Diversität kennzeichne.

"Natürlich fallen vor allem die Personen aus dem toleranten Lager auf, die sich lautstark äußern. Wir übersehen aber, dass der Gegenpol genauso stark ist."
Jugendforscher Klaus Hurrelmann

Und genau durch diesen Unterschied sieht Hurrelmann auch die Zurückhaltung und Unentschlossenheit der jungen Leute in der Frage nach der Haltung von Profi-Sportlern begründet. "Das politische Spektrum ist weit aufgespannt und natürlich fallen vor allem die Personen aus dem toleranten Lager auf, die sich lautstark äußern. Wir übersehen aber, dass der Gegenpol genauso stark ist."

Vor dem EM-Spiel Deutschland gegen Ungarn wurden Regenbogen-Fahnen vor der Arena verteilt, um gegen ein umstrittenes Gesetzt von Ungarns Ministerpräsident Orban zu protestieren.
Vor dem EM-Spiel Deutschland gegen Ungarn wurden Regenbogen-Fahnen vor der Arena verteilt, um gegen ein umstrittenes Gesetzt von Ungarns Ministerpräsident Orban zu protestieren.
Bild: augenklick/firo Sportphoto / Jürgen Fromme

Frauen schauen genauer hin

Anders als bei der politischen Einstellung zieht sich eine Beobachtung laut Hurrelmann durch alle Generationen: Mehr Frauen sprechen sich für eine klare Haltung der Profisportler in gesellschaftlichen Themen aus. "Das ist in der jüngeren Generation sogar noch etwas stärker ausgeprägt", erklärt er.

bild: civey

"Die jungen Frauen sind bei allem ethischen und moralischen Fragen sensibler als Männer und gucken genauer hin und sind im empfindsam und beobachten schneller, wenn irgendwo Benachteiligungen da sind."

Sport muss dauerhaft Haltung zeigen

Doch die Zustimmung der Leute, die sich eine Haltung zu Themen wie Rassismus und Homophobie durch Sportler wünschen, könnte schnell schwinden, wenn sie merken, dass die Protagonisten nur so tun, als sei ihnen das Thema wichtig. Denn gerade die jüngere Generation sei sehr sensibel, was die Authentizität und Überzeugung von vorgetragenen Positionen betrifft.

"Sie sind mit sozialen Medien aufgewachsen. Sie wissen, wie man eine Show macht und ob man nur so tut. Sie können erkennen, ob es nur gemacht wurde, um einen Effekt beim Publikum zu erzielen", sagt Hurrelmann.

Daher sei es enorm wichtig, dass Aktionen wie das Tragen der Regenbogenfahne als Kapitänsbinde oder das Niederknien gegen Rassismus nicht von Funktionären angeordnet wird, sondern aus dem Team kommt. Zudem sei es wichtig, dass es keine einmalige Aktion bleibt, sondern die Haltung zu gewissen Themen über einen langfristigen Zeitraum präsentiert wird.

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