60 000 englische Fans werden ihr Team am Mittwoch im Londoner Wembley Stadion gegen <br>Dänemark anfeuern.
60 000 englische Fans werden ihr Team am Mittwoch im Londoner Wembley Stadion gegen
Dänemark anfeuern.
Bild: www.imago-images.de / Frank Hoermann/SVEN SIMON
Analyse

EM-Halbfinale vor 60.000 Fans trotz Delta-Variante: Wie es die Uefa wieder einmal schafft, verantwortungslos zu handeln

05.07.2021, 17:18

Man stelle sich nur mal vor, wie sich 60.000 enthusiastische Fußballfans am Mittwochabend im Londoner Wembley-Stadion in den Armen liegen und nach einem Sieg ihres Teams im Halbfinale über Dänemark den Finaleinzug feiern. 60.000 Fans werden bereits am Dienstag beim Spiel zwischen Spanien und Italien und auch beim Finale am Sonntag im Stadion sein. Und das alles trotz der vorherrschenden Delta-Variante des Corona-Virus, die dafür sorgt, dass Großbritannien bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von 252,7 liegt.

Kritik an dem Vorhaben lässt die Uefa an sich abprallen. Wie schon während des kompletten Turniers macht der Verband klar deutlich, dass es ihm nicht darum geht, eine Haltung und Werte zu verkörpern, sondern lediglich um den maximalen Profit.

Die Halbfinals und das Finale der Fußball-EM werden so nicht nur zu Schlüsselspielen für die Akteure, sondern für die komplette Corona-Pandemie.

Schon nach dem Achtelfinale zwischen Deutschland und England, als in der vergangenen Woche "nur" 45.000 Fans im Wembley-Stadion waren, kritisierte SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach bei Twitter: "Das Spiel hat gestern nochmal gezeigt wie eng die Fans stehen, wie oft sie sich umarmen und anschreien. Es haben sich sicherlich Hunderte infiziert und diese infizieren jetzt wiederum Tausende. Die UEFA ist für den Tod von vielen Menschen verantwortlich." In einem weiteren Tweet verwies er darauf, dass Großbritannien auf die Strategie "viele Kranke, kaum Tote" setze, aber gegen viele Erkrankte mit Long-Covid zu kämpfen hätten.

Zum Vergleich: Während der Hochphase der zweiten Corona-Welle Mitte Dezember war der höchste Inzidenzwert in Deutschland bei 212 – und alles war dicht. In Großbritannien liegt sie nun bei über 250 und dort wird hingegen nun sogar überlegt, die Maskenpflicht abzuschaffen.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel machte deutlich, was sie von der Vielzahl an Zuschauern hält: "Ich bin sorgenvoll und skeptisch, ob das gut ist und nicht ein bisschen viel", sagte sie bei ihrem Großbritannien-Besuch am Freitag.

Uefa forderte schon vor dem Turnier eine Zuschauergarantie

Wie egal der Uefa die Auswirkungen der Pandemie sind, zeigte sie bereits vor dem Turnier. Dort forderte sie von den Gastgeberstädten eine Garantie, Zuschauer zuzulassen. Einige Städte verloren daraufhin ihre Spiele, andere kamen hinzu. Als es sich bereits während des Turniers abzeichnete, dass sich die Delta-Variante in Großbritannien schnell ausbreitet, blieb die Uefa hartnäckig bei ihren Zuschauerplänen.

Laut der britischen "Times" soll der Verband Druck auf die Regierung ausgeübt und damit gedroht haben, die Spiele nach Budapest zu verlegen. In den Verhandlungen soll es vor allem darum gegangen sein, dass es für die circa 2500 Sponsoren, Verbandsmitarbeiter, Politiker und Medienvertreter gelockerte Einreisebestimmungen gibt. Eben die Leute, die dem Verband das meiste Geld bringen.

Es ist ein relativ einfacher Schachzug der Uefa, sich hinter den Vorgaben der Regierung zu verstecken, statt selbst einmal Verantwortung zu übernehmen und die Zuschauerzahl von sich aus zu reduzieren.

Bundesinnenminister Horst Seehofer kritisierte auf der Bundespresskonferenz am Donnerstag: Der Kommerz dürfe "nicht den Infektionsschutz für die Bevölkerung überstrahlen". Bei der Uefa scheint es genau andersherum zu sein – der mögliche Profit überstrahlt die Sicherheitsbedenken.

Turnier als Drehscheibe der
Delta-Variante in Europa

Denn aktuell bewahrheiten sich einige der schlimmsten Befürchtungen, die Experten im Vorfeld des Turniers hatten. Die paneuropäische Europameisterschaft in elf Ländern trägt weiter zur Verbreitung des Virus bei. "Die Virusverbreitung unter (reisenden) Fans ist nicht Deltavarianten-spezifisch. Viele Kontakte leisten der Virusverbreitung generell Vorschub", sagte Timo Ulrichs, Epidemiologe an der Akkon-Hochschule Berlin gegenüber watson. Laut der schottischen Behörde "Public Health Scotland" haben sich allein 2000 schottische Fans bei der Reise nach London zum Spiel England gegen Schottland oder beim Public Viewing angesteckt.

Da die gängigen Hygienemaßnahmen wie Maske tragen und Abstand halten in einem Stadion mit 60.000 Fans nicht eingehalten werden, "können sich solche Veranstaltungen zu Drehscheiben auch für die Delta-Variante in Europa entwickeln", erklärt Ulrichs. Auch Leif Erik Sander, Leiter der Impfstoff-Forschung der Berliner Charité, sieht die hohe Zuschauerzahl sehr kritisch. "Wir sind schon noch in einer Übergangsphase in dieser Pandemie und wir sollten nicht zu leichtsinnig werden", sagte er im ZDF.

Dicht gedrängt: Fans auf dem Weg zum Wembley Stadion.
Dicht gedrängt: Fans auf dem Weg zum Wembley Stadion.
Bild: www.imago-images.de / Paul Marriott

Kritik an ihren Zuschauerplänen lässt die Uefa an sich abprallen. Die Pläne seien "vollständig auf die Vorschriften der zuständigen lokalen Gesundheitsbehörden abgestimmt". Zudem würden die "endgültigen Entscheidungen" hinsichtlich der Zuschauerzahlen "in die Zuständigkeit der lokalen Behörden" fallen, erklärte der Verband gegenüber der dpa.

Dennoch räumte die Uefa ein, dass die Infektionszahlen nach den Spielen im Wembley steigen könnten. Doch dies würde nicht nur durch Fußballspiele passieren, sondern durch die örtlichen Lockerungsmaßnahmen, sagte der medizinische Berater des Verbands, Daniel Koch. Die Impfkampagnen und Grenzkontrollen würden "dazu beitragen, dass in Europa keine neue große Welle startet und die jeweiligen Gesundheitssysteme unter Druck setzt."

Es ist ein relativ einfacher Schachzug der Uefa, sich hinter den Vorgaben der Regierung zu verstecken, statt selbst einmal Verantwortung zu übernehmen und die Zuschauerzahl von sich aus zu reduzieren.

Wimbledon vor über 14.000 Fans und die Formel 1 vor 140.000 Zuschauern

Denn die Fußball-EM ist nicht das einzige Sportevent, das aktuell in London vor ausverkauften Rängen stattfindet. Auf den beiden Hauptplätzen des Tennisturniers in Wimbledon werden bei Spielen auf dem Centre Court 14.979 Zuschauer und dem Court 1 über 12.300 Fans auf der Tribüne sitzen.

"Die Virusverbreitung unter (reisenden) Fans ist nicht Deltavarianten-spezifisch. Viele Kontakte leisten der Virusverbreitung generell Vorschub."
Timo Ulrichs, Epidemiologe an der Akkon-Hochschule Berlin gegenüber watson

Auch die Formel 1 gastiert am übernächsten Wochenende in der Nähe von London, in Silverstone. Dann werden 140.000 Zuschauer an der Strecke sein. Zugang soll jedoch nur erhalten, wer einen höchstens 48 Stunden alten Corona-Test oder eine vollständige Impfung nachweisen kann.

Fanreisen aus Italien, Spanien und
Dänemark eigentlich verboten

Beim Spiel der deutschen Nationalmannschaft im Londoner Wembley-Stadion waren nur 2000 deutsche Fans erlaubt, die in Großbritannien oder Irland leben. Nach Gesprächen zwischen dem dänischen Botschafter und der britischen Regierung gilt diese Regelung auch für die dänischen Fans.

Die dänische Nationalmannschaft, die zum ersten Mal seit 1992 in einem Halbfinale steht, muss auf die Unterstützung der circa 6000 Dänen, die in Großbritannien leben, hoffen. Lediglich bei einem Finaleinzug würde es eine Ausnahmeregelung für 1000 dänische Anhänger geben.

Es ist jedoch fraglich, wie viele Fans sich wirklich an die Reisebeschränkungen halten. Das haben bereits die englischen Anhänger gezeigt, die zum Viertelfinale ihrer Mannschaft nach Rom reisten. Die Halbfinale und das Finale der Fußball-EM werden so nicht nur zu Schlüsselspielen für die Akteure, sondern für die komplette Corona-Pandemie.

Trotz vieler Spekulationen: Darum sagte dieser DFB-Star dem FC Bayern ab

Noch im vergangenen Jahr hielt sich kontinuierlich das Gerücht, dass es DFB-Star Florian Neuhaus von Borussia Mönchengladbach zum FC Bayern ziehen könnte.

Die Münchner waren sehr an einer Verpflichtung des 24-Jährigen interessiert und Neuhaus vermied in den zurückliegenden Monaten ein klares Bekenntnis zur Borussia. Zumindest bis jetzt.

"Ich wollte irgendwann auch nicht mehr Stellung beziehen", sagt der zentrale Mittelfeldspieler in einem Interview mit der Rheinischen Post.

Zudem bekannte sich …

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