Novak Djokovic wurde die Einreise nach Australien verwehrt.
Novak Djokovic wurde die Einreise nach Australien verwehrt.Bild: www.imago-images.de / Oscar Gonzalez
Analyse

"Muss die Konsequenzen tragen": Darum wird das Einreisechaos von Djokovic nach Australien so zwiespältig gesehen

07.01.2022, 15:51

In einem dunklen, vierstöckigem Gebäude in der Swanston Street 701 im Melbourner Stadtteil Carlton harrt aktuell der beste Tennisspieler der Welt aus. Erst am Montag wird ein Gericht darüber entscheiden, ob Novak Djokovic Australien verlassen muss oder ob er bleiben darf und an den Australian Open (17. Januar – 30. Januar) teilnehmen kann.

Bis zur Verhandlung muss Djokovic im Park Hotel bleiben, das zum Beginn der Corona-Pandemie als Quarantäne-Hotel diente und in dem aktuell abgelehnte Asylbewerber und Asylbewerberinnen untergebracht werden. Der Grund ist klar: Eine fragwürdige Ausnahmegenehmigung, mit der er am Mittwochabend in Melbourne einreisen wollte.

Djokovic erfüllte Voraussetzungen für Ausnahmegenehmigung wohl nicht

Die Grenzschutzbehörde stornierte das Visum, weil der 34-Jährige die Einreisebstimmungen nicht erfülle. In Australien müssen Menschen bei der Einreise vollständig geimpft sein und einen negativen PCR-Test vorweisen oder eine Ausnahmegenehmigung haben. Djokovic hatte noch bei seinem Abflug aus Europa auf Instagram geschrieben: "Ich fliege nach Down Under mit einer Ausnahmegenehmigung". Dort ließen ihn die Grenzbehörden allerdings nicht passieren, weil er offenbar die Voraussetzungen für eine Ausnahmegenehmigung nicht erfüllte.

Zu diesem Schluss kommt auch Klaus Eberhard, Sportdirektor des Deutschen Tennis Bundes. Gegenüber watson erklärt er: "Ihm muss offensichtlich gesagt worden sein, dass er einreisen darf." Genauere Hintergründe kenne Eberhard nicht. Allerdings sagt er auch über die australischen Gesetze: "Ich glaube, dass die Regeln in Australien für alle gleich sein müssen. Wenn Novak Djokovic diese Regeln nicht erfüllen kann, muss er die Konsequenzen tragen."

Weiter ergänzt er: "In der australischen Gesellschaft wurde die vermeintliche Ausnahmeregelung schon heftig diskutiert. Es wäre ein falsches Zeichen der australischen Regierung gewesen, Djokovic die Einreise zu erlauben."

Noch einfacher fasste es der Weltranglisten-Zweite, Daniil Medwedew zusammen. "Wenn er eine faire Ausnahme von der Regel hätte, sollte er hier sein. Wenn er keine hat, dann nicht." Laut der australischen Nachrichtenagentur AAP sei das Missverständnis so zu erklären, dass die Ausnahmegenehmigung lediglich für die Australian Open, nicht aber für die Einreise nach Australien erteilt worden sei.

"Es ist eine Schande, jemanden isoliert eine Nacht am Flughafen in einem Raum zu halten, ihm drei Stunden das Handy zu entziehen und dann zu dem Hotel für Geflüchtete zu transferieren."
Saša Ozmo, serbischer Journalist für den Fernsehsender Sport Klub

Kuriose Ansichten seit der Corona-Pandemie

Die Verwirrung um die Einreise ist allerdings nicht das erste Mal, dass Djokovic während der Corona-Pandemie für Schlagzeilen sorgt. Der Serbe hatte seinen Impfstatus immer offen gelassen und im Sommer 2020, als die Corona-Pandemie noch fast am Anfang war und auch die Tennisturniere ausfielen, organisierte Djokovic höchstpersönlich die "Adria Tour".

Geplant waren insgesamt vier Turniere in Serbien, Kroatien, Montenegro und Bosnien und Herzegowina – ohne Abstand, mit tausenden Zuschauern und Partys. Schon das zweite Turnier, an dem auch Deutschlands Tennis-Star Alexander Zverev dabei war, konnte nicht fertig gespielt werden und die Tour musste abgesagt werden. Djokovic entschuldigte sich letztlich dafür.

Der serbische Journalist Saša Ozmo erklärte gegenüber watson, dass in Serbien die Impfquote nur rund 50 Prozent betrage. Zu Einstellung von Djokovic sagt Ozmo: "Djokovic spricht darüber überhaupt nicht. Er zeigt nicht, ob er für oder gegen etwas ist. Er äußert sich nicht, damit niemand seine Worte für eine Agenda nutzen kann." Trotzdem ist es sehr wahrscheinlich, dass Djokovic nicht geimpft ist und Vorbehalte hat, sonst hätte er wohl keine Probleme bei der Einreise nach Australien gehabt.

Neben seiner Einstellung zur Corona-Pandemie sorgt nun auch das Hin-und-Her wegen der Einreise nach Australien für Ärger. Ozmo vertritt in dieser Diskussion die serbische Sichtweise, erklärt gegenüber watson: "Es ist eine Schande, jemanden isoliert eine Nacht am Flughafen in einem Raum zu halten, ihm drei Stunden das Handy zu entziehen und dann zu dem Hotel für Geflüchtete zu transferieren."

Und fügt hinzu: "So behandelt man niemanden, der viele gute Dinge für Australien gemacht hat und neunmalig die Australian Open gewonnen hat. So behandelt man aber auch generell niemanden. Es wäre total in Ordnung gewesen, wenn sein Antrag abgewiesen worden wäre, bevor er ins Flugzeug gestiegen wäre."

In diesem Haus soll der beste Tennisspieler der Welt die Verhandlung über seine Einreise nach Australien abwarten müssen.
In diesem Haus soll der beste Tennisspieler der Welt die Verhandlung über seine Einreise nach Australien abwarten müssen. Bild: imago images / JOEL CARRETT

Bezüglich der Ausnahmegenehmigung ist sich Ozmo sicher, dass Djokovic gesagt wurde, dass alles in Ordnung sei und er in ein Flugzeug steigen solle. "Bei seiner Ankunft, nachdem er über die halbe Welt gereist war, sagten ihm quasi dieselben Menschen, dass er nicht einreisen kann. Etwas ist in der Luft passiert. Meine Vermutung ist, dass die australische Regierung auf die ersten Reaktionen der Bevölkerung reagiert hat."

DTB-Sportdirektor Eberhard ist der Ansicht, dass das Einreise-Chaos nicht unbedingt hilfreich für das Image von Djokovic sein wird: "Ich glaube, dass Novak Djokovic sich damit keinen großen Gefallen getan hat. Er hat zu Beginn der Pandemie die Adria-Tour veranstaltet. Auch da waren die Schlagzeilen nicht positiv und auch die jetzige Situation ist sicherlich nicht optimal für ihn."

Trotz dieser negativen Berichterstattung ist der Tennisstar in seinem Heimatland in Serbien extrem beliebt. Deshalb verwundert es auch nicht, dass sich sogar Serbiens Präsident Aleksandar Vucic zur verweigerten Einreise einschaltete: "Ich habe ein Telefongespräch mit ihm geführt und ihm gesagt, dass ganz Serbien bei ihm ist."

Held in Serbien, Kritik aus dem Ausland

Ozmo, der für den Fernsehsender Sport Klub arbeitet, erklärt die Popularität von Djokovic in dessen Heimat. Unter allen serbischen Sportler sei Djokovic der größte Athlet. "Er ist auch mehr als nur ein Sportler, weil er sehr eloquent ist und auch viele Wohltätigkeitsaktionen macht. Er hat viele Kindergärten gegründet und ist auch auf der Straße liebenswert. Das macht ihn in Serbien sehr beliebt, aber weltweit gesehen ist das nicht immer so."

Mit seiner "Novak Djokovic Foundation" setzt sich der Tennis-Star beispielsweise für die schulische Ausbildung von Kindern ein. Auf der Webseite heißt es: "Durch die Möglichkeit, jedem Kind eine qualitativ gute Vorschulbildung zu geben, geben wir ihnen die Möglichkeit aufzublühen."

Dann wiederum tauchten in der Vergangenheit auch Bilder von Djokovic mit Milorad Dodik auf. Der bosnische Politiker leugnet immer wieder den Völkermord an tausenden Muslimen beim Massaker von Srebrenica 1995 während des Bosnienkrieges.

Laut Ozmo sei dieses Bild "auf einer Hochzeit" geschossen worden. "Er macht Fotos mit vielen Leuten. Ich glaube nicht, dass Djokovic wirklich politisch ist und er sich viel damit beschäftigt."

Politisch ist nun allerdings auch der Streit um die Einreise des Superstars. Sollte Djokovic wirklich bei den Australian Open fehlen, wäre es rein sportlich ein Verlust. Das sieht auch Eberhard so: "Wenn der Titelverteidiger und neunmalige Gewinner eines Turnieres nicht teilnimmt, ist es grundsätzlich schade. Aber bei fast jedem Grand Slam kommt es vor, dass Top-Spieler ausfallen. Trotz allem ist es irre schwer, einen Grand Slam zu gewinnen, weil viele gute Spieler dabei sind, die in der Lage sind, ins Finale zu kommen."

Die nächste Chance nach den Australian Open auf einen Grand Slam hätte Djokovic dann wohl vom 16. Mai bis 5. Juni bei den French Open. Sollte Frankreich nicht seine Einreiseregeln verschärfen.

FC Bayern jagt Gladbach-Star – Süle-Abgang soll damit fest stehen

Deutscher Meister wird nur der FCB – so war es zumindest in den letzten neun Jahren. Die Gründe dafür sind vielfältig: Der FC Bayern hat das meiste Geld und kauft damit auch noch schlau ein, sichert sich dadurch gute Spieler. Immer wieder wird die Dominanz der Münchner auch damit begründet, dass sie der nationalen Konkurrenz regelmäßig die besten Spieler abkaufen würden.

Zur Story