Eigentlich wollte der FC Bayern am Sonntagnachmittag mit seinen Fans auf dem Münchner Marienplatz ein versöhnliches Saisonende und die zehnte Meisterschaft in Folge feiern. Doch am Ende drehte sich alles wieder nur um die Zukunft von Robert Lewandowski und den verbalen Rundumschlag von Ehrenpräsident Uli Hoeneß.
Der 70-Jährige teilte gegen die eigene Mannschaft, den direkten Konkurrenten aus Dortmund und die Medien aus. Der Vereinsleitsatz in Form des "Mia san mia" blühte in Hoeneß Ausführungen am Sonntagnachmittag wieder auf.
"Die Reaktion unterstreicht, dass 'Mia san mia' immer noch verstanden wird als: Wir sind etwas Besseres und wir haben immer recht", ordnet Marken- und Kommunikationsexperte Christopher Spall die Reaktion von Hoeneß im Gespräch mit watson ein.
Doch dieser Umgang und dieses Selbstverständnis passe laut Spall einfach nicht mehr in die heutige Zeit.
Hoeneß will unliebsame Journalisten von der Geschäftsstelle in der Säbener Straße aussperren, die Mannschaft mehr unter Druck setzen, damit sie bessere Leistungen bringen und trat gegen Niklas Süle, der im Sommer zum BVB wechseln wird. Dem Dortmunder gratulierte er zudem schon zur Vize-Meisterschaft in der kommenden Saison. "Der zweite Platz ist denen sicher", kommentierte Hoeneß.
"Es ist keine Kommunikation auf Augenhöhe, weder Lewandowski, noch der Öffentlichkeit gegenüber. Vielen Menschen fällt es zunehmend schwer, sich damit zu identifizieren", sagt Spall.
Vorstandsboss Oliver Kahn und Sportvorstand Hasan Salihamidžić versuchten in den vergangenen Jahren bewusst oder unbewusst ruhiger und besonnener zu kommunizieren als Ex-Präsident Hoeneß.
Doch zum Thema Lewandowski äußerte sich Oliver Kahn am Sonntag erstmals ungewohnt deutlich: "Fakt ist: Er hat einen Vertrag, diesen wird er erfüllen. Basta!", betonte der Vorstandsboss des FC Bayern."
Am Samstag erklärte der Pole erstmals öffentlich, dass der seinen bis 2023 laufenden Vertrag nicht verlängern wird und den Verein im Sommer verlassen möchte.
Klare Ansagen von Kahn erwartet Hoeneß nun auch in der Zukunft. "Das wird sich ändern müssen in den nächsten Jahren. Es kann nicht sein, dass der Trainer das übernimmt." So musste sich in diesem Jahr immer wieder Trainer Julian Nagelsmann äußern, als es um die Impfdebatte um Joshua Kimmich, das umstrittene Katar-Sponsoring oder die Verlängerungen von Lewandowski, Müller, Neuer und Gnabry ging.
"In Umbruchphasen geben sie noch kein führungsstarkes Bild ab", resümiert Christopher Spall über die neue Führung des FC Bayern. Denn so wirklich konnten sie sich von ihren Vorgängern Hoeneß und Rummenigge nicht lösen. Beim langjährigen Führungsduo des Klubs waren die Rollen klar verteilt. Während Hoeneß der emotionale Part war, galt Rummenigge als der ruhige Analytiker.
Doch Hoeneß ging es dabei wohl vor allem darum, den seit Wochen zunehmend in die Kritik geratenen Hasan Salihamidžić aus der Schusslinie zu nehmen. "Jetzt soll er allein verantwortlich sein, dass wir die Champions League nicht gewonnen haben. Das kann nicht sein."
Und in seiner emotionalen Art machte Hoeneß auch klar, warum der Pole eine Verlängerung bei den Münchnern ausgeschlagen hat. "Klar ist auch: Es geht nur um Kohle, um sonst gar nichts. Mit einem Abendessen am Tegernsee kann man das Problem nicht lösen."
Dabei ist der Pole mit angeblich bis zu 23 Millionen Euro bereits Top-Verdiener der Münchner. Doch auch aufgrund der Einbußen in der Corona-Pandemie haben die Bayern kaum finanziellen Spielraum.
"Es ist ein Punkt, an dem der FC Bayern die neue Realität anerkennen muss, dass er wirtschaftlich unterlegen ist. Daraus folgt, dass der FC Bayern neue Wege gehen muss, um konkurrenzfähig mit den besten in Europa zu bleiben." Gleichzeitig biete das jedoch auch die Chance, ein eigenes neues Selbstverständnis zu definieren.
Ganz anders lief es beim Konkurrenten in Dortmund ab. Der BVB war auch monatelang mit Gerüchten um den Abgang von Erling Haaland beschäftigt, gab als Verein jedoch ein geschlosseneres und professionelleres Bild als der Rekordmeister ab.
"Ein Abgang eines talentierten Spielers ist für Borussia Dortmund business as usual und Teil des Geschäftsmodells. Dass der FC Bayern seinen Top-Spieler an einen direkten internationalen Konkurrenten verliert, ist in München ungewöhnlich", versucht Spall die teilweise unbeholfene Kommunikation zu erklären.
Hoeneß will von dieser neuen Ordnung jedoch noch nichts wissen. Denn der langjährige Bayern-Boss geht wie Oliver Kahn davon aus, dass Lewandowski seinen Vertrag in München erfüllen wird und vielleicht sogar doch verlängert.
"Das Theater ist am 2. September vorbei, damit können wir gut leben." Und Hoeneß geht sogar noch einen Schritt weiter: "Abgesehen davon ist nicht sicher, dass er in einem Jahr noch weg will, wenn er jetzt bleibt. Mit 35 weiß er, was er am FC Bayern hat."