Sport
Bild

Hansi Flick (l.) mit Niko Kovac. Bild: SVEN SIMON

Analyse

Zwei Tage Zeit für Löw-Mann Hansi Flick: Beim FC Bayern hat er nur eine Option

constantin eckner

Erst im Sommer stieß Hansi Flick zum FC Bayern München. Nun soll er nach der Trennung von Cheftrainer Niko Kovac kurzerhand als Interimscoach den deutschen Rekordmeister in die Erfolgsspur führen. Am Dienstagvormittag leitete der 54-Jährige sein erstes Training an der Säbener Straße. Mit den Partien gegen Olympiakos Piräus und Borussia Dortmund stehen richtungsweisende Spiele in Champions League und Bundesliga an.

Über Flick, den Cheftrainer, ist allerdings wenig bekannt. Das letzte Mal, als er eine Mannschaft selbst leitete, war 2005 bei der TSG 1899 Hoffenheim, die damals noch ein Mittelfeldklub in der Regionalliga Süd war. Später unterstützte Flick für acht Jahre Jogi Löw als Assistenztrainer der Nationalmannschaft und später in der Funktion des Sportdirektors beim Deutschen Fußball-Bund (DFB).

Seine Trainerhandschrift hat Flick somit im Profifußball noch nirgends hinterlassen. Und angesichts der Tatsache, dass der 54-Jährige seit Juli Kovac assistierte und damit – wie auch immer – in die sportliche Talfahrt involviert war, muss Flick gewiss erst beweisen, die richtigen Lösungen parat zu haben. Andererseits war Flick in seiner Karriere eben auch an Erfolgen der deutschen Nationalmannschaft – allen voran dem WM-Titel 2014 – beteiligt.

Nach Kovac ist die taktische Flexibilität der Bayern gefragt

Die aktuelle Bayern-Mannschaft krankt zu einem gewissen Teil an Problemen, mit denen auch die Nationalmannschaft vor rund zehn Jahren zu kämpfen hatte. Das Spiel ist sehr schematisch und hat nur seltene Überraschungsmomente.

Die Bayern wirken berechenbar, wenn sie in Ballbesitz sind, und wenig druckvoll, wenn sie verteidigen müssen. Genau da kann natürlich Flick ansetzen. Unter Löws und seiner Führung schaffte es die DFB-Elf gerade zwischen 2010 und 2014 mit taktischer Flexibilität offensiv stärker zu werden. Die positionellen Rochaden innerhalb der eigenen Formationen sorgten für Unruhe bei den Gegnern, die teils ihre Deckungsaufgaben nicht mehr wahrnehmen konnten, weil Deutschland so schnell übers Feld kombinierte.

Genau das benötigen die Bayern auch. Sie können sich nicht darauf verlassen, dass sich Serge Gnabry außen durchdribbelt oder Robert Lewandowski mit seiner Physis im Strafraum zum Abschluss kommt. Natürlich sind solche Einzelleistungen hilfreich, aber für einen Cheftrainer geht es darum, die gesamte Mannschaft taktisch richtig einzustellen.

Wie bei der WM 2014

Nun bleibt Flick nicht viel Zeit, um in den kommenden Tagen für Veränderungen zu sorgen, die einen positiven Effekt haben und nicht noch für mehr Verunsicherung in einer ohnehin angeschlagenen Mannschaft sorgen. Deshalb muss er sich auf ein Minimum an taktischen Anpassungen beschränken, die er auch entsprechend in den wenigen Trainingseinheiten und Besprechungen vermitteln kann. Er könnte sich in taktischer Hinsicht an der WM 2014 orientieren. Das ist wahrscheinlich seine einzige Option.

Damals wollten Löw und er für mehr Stabilität in der Mitte sorgen und spielten deshalb mit drei zentralen Mittelfeldspielern, die allesamt Defensivaufgaben übernahmen, aber gleichzeitig auch bis zum gegnerischen Strafraum vorstoßen. Im Finale gegen Argentinien standen deshalb Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos und Christoph Kramer zusammen auf dem Rasen. Mit diesem Ansatz würde Flick das Pressing der Bayern stärken und gleichzeitig für mehr Ballkontrolle im Zentrum sorgen. Zwei Dinge, die in den letzten Spielen Probleme bereiteten.

Ein weiterer Vorteil der WM-Taktik von 2014 wäre die Besetzung der Flügelpositionen. Denn aufgrund der genannten Mittelfeldvariante spielte Mesut Özil damals nominell auf der Außenbahn. Natürlich lief er nicht unablässig die Seite auf und ab, sondern schaltete sich vom Flügel in das Kreativspiel der Deutschen ein. Dadurch wird eine gewisse Asymmetrie in der Formation erzeugt: Der Spielmacher steht nicht direkt im Zentrum und befindet sich dadurch in der Umklammerung der defensiven Mittelfeldspieler des Gegners. Zuletzt war die Formation der Bayern sehr symmetrisch, gerade weil beide Flügelstürmer nahe den Seitenlinien positioniert waren. Solche taktischen Varianten sind für Gegner leicht zu durchschauen und deshalb auch leichter zu verteidigen.

Bild

In Anlehnung an die WM 2014 könnten die Bayern unter Flick in dieser Formation spielen. Coutinho würde den Part von Özil übernehmen. Im Zentrum könnte der laufstarke Leon Goretzka viel Raum abdecken. Bild: Constantin Eckner

Die Bayern müssen Dortmund in der Mitte stoppen

Bei aller sportlichen Krise haben die Bayern immer noch eine ganze Reihe an variablen Spielern, die Flick nun auch anders als Kovac nutzen könnte. Gerade im anstehenden Top-Spiel gegen Borussia Dortmund muss es seiner Mannschaft gelingen, das Spielfeld besser zu kontrollieren und dem BVB nicht zu viel Raum zur Entfaltung zu geben.

Können sich die Dortmunder jedoch über starke Zentrumsspieler wie Axel Witsel und Julian Weigl durch die Mitte kombinieren, verläuft das Spiel eventuell ähnlich wie zuletzt bei der Niederlage gegen Eintracht Frankfurt. Aufgrund der wenigen Zeit, die Flick zur Verfügung steht, kann er wohl nur auf eine taktische Lösung setzen, die seine Spieler ohne größere Probleme umsetzen.

Nicht wenige Bayern spielten vor einigen Jahren noch unter Pep Guardiola oder sind beziehungsweise waren Teil der Nationalmannschaft, in der eben ein System mit kompaktem Mittelfeld und flexibler Flügelbesetzung die Norm war. Flick ist noch kein renommierter Trainer. Er kann jedoch auf einen Erfahrungsschatz aus den vergangenen zehn Jahren zurückgreifen und so versuchen, den schnellen Umschwung beim FC Bayern herbeizuführen.

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Wie Salihamidzic die Transfers des FC Bayern vergeigte – und die Spieler dies ausnutzten

Mia san Mia – darunter geht beim FC Bayern München gar nichts. Der Leitspruch des Rekordmeisters ist auch das eigene Selbstverständnis: "Uns kann keiner was." Dieser eingepflanzte Sieger-Anspruch des Klubs wird derzeit aber auf eine harte Probe gestellt. Der sonst so verwöhnte FC Bayern wirkt auf dem Transfermarkt nämlich weniger wie ein Fuchs, sondern mehr wie eine Ente. Mittendrin: Sportdirektor Hasan Salihamidzic.

Nach monatelanger Suche nach einem Offensiv-Star und einem intensiven Flirt mit …

Artikel lesen
Link zum Artikel