Bayern-Fans zeigen auf einem riesigen Plakat Vorstandsboss Oliver Kahn (l.) und Präsident Herbert Hainer und kritisieren die Zusammenarbeit mit "Qatar Airways".
Bayern-Fans zeigen auf einem riesigen Plakat Vorstandsboss Oliver Kahn (l.) und Präsident Herbert Hainer und kritisieren die Zusammenarbeit mit "Qatar Airways". Bild: www.imago-images.de / Markus Ulmer
Analyse

"Sponsoring steht im Widerspruch zu den Werten des FC Bayern": Fanforscher und Bayern-Insider erklären, wieso Anhänger gegen Katar protestieren

09.11.2021, 14:0709.11.2021, 22:15

Erstmals seit eineinhalb Jahren wieder 75 000 Zuschauer in der Münchner Allianz Arena. Dazu ein 2:1-Sieg im Spitzenspiel gegen den SC Freiburg und die Tabellenführung auf vier Punkte ausgebaut – der vergangene Bundesligasamstag hätte für den FC Bayern München eigentlich rundum für gute Laune sorgen sollen.

Wäre da nicht das riesige Banner der Bayern-Fans in der Südkurve gewesen. Darauf zu sehen: Vorstandschef Oliver Kahn und Präsident Herbert Hainer mit blutigen Hemden, Geldkoffern vor einer Waschmaschine, auf der "FCB AG" steht. Dazu der Spruch: "Für Geld waschen wir alles rein."

"Ich gehe stark davon aus, dass wir jetzt an fast jedem Wochenende ähnliche Szenen und Fanproteste zu allen gesellschaftlich relevanten Ereignissen in allen Stadien sehen werden."
Fanforscher Harald Lange von Uni Würzburg
gegenüber watson

Damit protestierten die Fans bei der ersten Vollauslastung des Stadions seit eineinhalb Jahren gegen Ärmelsponsor "Qatar Airways" und machten auf die Menschenrechtssituation im Wüstenemirat aufmerksam. Ein Konflikt zwischen Fans und Verein, der schon seit einigen Jahren schwelt und ein gutes Beispiel für die aktuelle Entwicklung der Fanszene im deutschen Profifußball ist.

Probleme im Fußballbusiness sind Thema in der Mitte der Gesellschaft

Während der coronabedingten Geisterspiele fieberten die Vereine vor allem der Rückkehr der Fans und der besseren Atmosphäre im Stadion entgegen. "Was man nicht bedacht hat, ist, dass mit den Fans wieder eine kritische Kontrolle und auch der Protest wieder in die Stadien zurückkommt", sagt Fanforscher Harald Lange von der Universität Würzburg gegenüber watson.

Beim FC Bayern gibt es die Kritik am kommenden WM-Gastgeberland seit dem ersten Trainingslager 2012. Die Bayern-Fans widmeten bereits Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge ein ähnliches Plakat wie Kahn und Hainer am vergangenen Wochenende. 2019 zeigten sie die ehemaligen Bayern-Bosse mit Geldscheinen auf den Augen, während sie in Sprechblasen "Hervorragende Trainingsbedingungen" in Katar lobten, im Hintergrund aber Arbeiter auf einem Feld zu sehen sind.

Das Plakat mit Uli Hoeneß (r.) und Karl-Heinz Rummenigge von 2019.
Das Plakat mit Uli Hoeneß (r.) und Karl-Heinz Rummenigge von 2019.Bild: imago sportfotodienst / MIS

"Leider war das Thema aber lange eines, das nur aus der Ultraszene heraus angetrieben wurde. Das hat es dem Klub recht einfach gemacht, Kritik an der Reise oder später am Sponsoring herunterzuspielen als kleinen Gegenwind, der von einer Minderheit ausgeht", erzählt Bayern-Experte Justin Kraft vom Bayern-Blog "miasanrot.de" gegenüber watson.

Kraft glaubt, dass sich viele Fans nicht wirklich dafür interessierten, welcher Sponsor auf dem Trikotärmel zu finden sei und woher das Geld des Sponsors komme.

Fanforscher Lange hat hingegen eine andere Veränderung beobachtet: "Es interessieren sich nicht mehr nur aktive Fanszenen für diese Themen, sondern diese Themen haben es in die Mitte der Gesellschaft geschafft. Es geht um Strukturen, Hintergründe, Unter- und Fehlentwicklungen." Die Sonderrolle des Fußballs während der Corona-Krise sei dabei "Wasser auf die Mühlen" gewesen, doch eine direkte Verbindung sieht Lange darin nicht. Die Sonderrolle habe eine katalysatorische Wirkung gehabt und den kritischen Blick auf den Fußball geschärft.

Zwischen sportlichem Erfolg und dem Einstehen für die eigenen Werte

Für den Verein ist das Sponsoring der staatlichen Fluggesellschaft aber gerade in der Corona-Krise ein wichtiger finanzieller Faktor, um die sportlichen Ziele zu erreichen. So sollen die Münchner im Rahmen des Fünf-Jahres-Vertrags zwischen 17 und 20 Millionen Euro jährlich einstreichen.

"Andererseits stellen sich einige Beobachter/innen und Fans die Frage, ob man dafür die Werte verraten muss, die man selbst immer wieder propagiert: Offenheit und Toleranz", erklärt Bayern-Experte Kraft. "Das Sponsoring steht hier im klaren Widerspruch zu den Werten des FC Bayern." Die Bayern-Verantwortlichen hingegen argumentieren immer wieder damit, dass nur der Dialog vor Ort etwas brächte.

Diesen Punkt kann Bayern-Insider Kraft zwar verstehen, dennoch kritisiert er: "Es ist aber auch wahr, dass der FC Bayern im Speziellen nur wenig dazu beigetragen hat und sich mitunter sogar instrumentalisieren ließ, um Fortschritte größer erscheinen zu lassen, als sie sind."

Und so protestierten die Münchner nicht nur mit dem riesigen Plakat, sondern reichten für die Jahreshauptversammlung am 25. November auch einen Mitglieder-Antrag ein, um den 2023 endenden Sponsoringvertrag auslaufen zu lassen.

Startschuss einer großen Protestwelle

Doch für Fanforscher Lange ist klar, dass das Plakat der Bayern-Fans nur der Anfang einer bundesweiten Welle von zahlreichen Protestaktionen war. "Ich gehe stark davon aus, dass wir jetzt an fast jedem Wochenende ähnliche Szenen und Fanproteste zu allen gesellschaftlich relevanten Ereignissen in allen Stadien sehen werden."

Dabei seien das jedoch keine Aktionen, um einfach auf den Putz zu hauen, sondern "sehr überlegte Proteste, die viele Missstände anprangern." Durch die zahlreichen Geisterspiele fehlte eine Form der sozialen Kontrolle. "Manche Eskapaden im kommerziellen Fußball werden dadurch jetzt erst wieder ins Licht gerückt und sorgen auch außerhalb der Stadien für Gesprächsstoff", erklärt der 53-Jährige.

"Andererseits stellen sich einige Beobachter/innen und Fans die Frage, ob man dafür die Werte verraten muss, die man selbst immer wieder propagiert: Offenheit und Toleranz."
Bayern-Experte Justin Kraft über das Sponsoring
von "Qatar Airways".

Denn in den Fankurven würden die traditionellen Werte des Sports und des Fußballs eingefordert. Eine Missachtung würde hingegen sofort in gewisser Weise an den Pranger gestellt – wie im Fall des Plakats von Kahn und Hainer.

Auf der Suche nach einer Ethik
des Fußballkommerz'

Diese Form des Protests kann es aber nicht ewig geben. Viel mehr befindet sich laut Lange der Profifußball aktuell an einer speziellen Schnittstelle. Sehe man den Fußball als Industriezweig, wären ethische Maßstäbe in Sachen Kooperation mit Ländern wie Katar eine Stufe tiefer anzusetzen. "Das ist dann business as usual. Die Kooperationen mit Katar haben andere Großkonzerne in Deutschland auch."

Sehe man jedoch den Fußball als ein ganz besonderes Produkt, das historisch gewachsen und gesellschaftlich verankert ist, so habe man eine gesellschaftliche Verantwortung, der man gerecht werden müsse. Zudem spielt laut Bayern-Experte Kraft das Thema Emotionalität eine enorm große Rolle. Denn im Gegensatz zu anderen Großkonzernen in Deutschland, haben Fußballunternehmen eben Fans, die sich mit dem Verein identifizieren.

Um aber eine abschließende Lösung zu finden, bedarf es laut Fanforscher Lange eine eigene Ethik des Fußballkommerz', die sich klar von der Industrie und Wirtschaft abhebt. "Da gibt es einen riesigen Nachholbedarf, ansonsten prasseln die gegensätzlichen Positionen permanent aufeinander ein, und man kann sich auf keinen Konsens einigen."

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