Nach diesem Tackling gegen Antony flog Mats Hummels vom Platz.
Nach diesem Tackling gegen Antony flog Mats Hummels vom Platz.Bild: www.imago-images.de / Christopher Neundorf
Analyse

Nach umstrittener Karte gegen Hummels: Sportrechtler erklärt Tatsachen-Entscheidungen

05.11.2021, 18:03

Lange wurde über die 1:3-Niederlage des BVB gegen Ajax Amsterdam nicht diskutiert. Schnell ging es in allen Gesprächen um die Rote Karte, die Dortmund-Verteidiger Mats Hummels nach einem Foul an Amsterdams Antony in der 29. Minute sah.

Hummels selbst sagte im Anschluss am Dazn-Mikrofon: "Ich habe keine Ahnung, wie man Rot geben kann. Ich habe keine Ahnung, wie man als Schiedsrichter auf angeblichem Champions-League-Niveau auf die Idee kommen kann, Rot zu geben"

Auch Experte Wagner kritisiert Entscheidung

Ähnlich hatte es Experte Sandro Wagner schon live während des Spiels kommentiert: "Das ist keine Rote Karte. Ich habe bei der ersten Einstellung gezögert, aber es ist niemals eine Rote. Das ist lächerlich." Dennoch: Der englische Schiedsrichter Michael Oliver blieb bei seiner Entscheidung.

Hummels stellte nach dem Spiel bereits fest, dass eine Sperre wohl unumgänglich sei, auch wenn die meisten Experten sich einig sind und der Platzverweis falsch war. Hummels: "Nach menschlichem Ermessen sagst du, da hat der Schiedsrichter ins Klo gegriffen. Wir alle wissen, dass sowas eigentlich immer bestehen bleibt. Deswegen rechne ich fest damit, dass ich die Reise nach Lissabon nicht mit antreten werde."

"Die Uefa hat aber festgelegt, dass sogenannte Tatsachen-Entscheidungen nur in ganz engem Ausmaß überprüfbar sind"
Sportrechtler Dr. Paul Lambertz über Tatsachen-Entscheidungen

Aber warum ist das eigentlich so? Weshalb bleiben Rote Karten bestehen, auch wenn sich eigentlich jeder einig ist, dass es kein Platzverweis war? Selbst Antony, Hummels' Gegenspieler, soll gesagt haben, dass es keine Rote Karte sei.

Die watson-Redaktion hat bei Sportrechtler Dr. Paul Lambertz nachgefragt. Als einer der ersten Anwälte in Deutschland darf er seit Juli 2019 den Titel "Fachanwalt für Sportrecht" führen. Außerdem war er von 2014 bis 2019 Schiedsrichter beim Deutschen Sportschiedsgericht.

Sportrechtler Dr. Paul Lambertz ist einer der ersten Anwälte mit dem Titel "Fachanwalt für Sportrecht" in Deutschland.
Sportrechtler Dr. Paul Lambertz ist einer der ersten Anwälte mit dem Titel "Fachanwalt für Sportrecht" in Deutschland.Bild: Jessica Sturmberg / Jessica Sturmberg

Gegenüber watson erklärt Lambertz: "Vom Grundsatz her ist die Rote Karte gegen Hummels eine justiziable Entscheidung, die man auch im Nachhinein überprüfen könnte. Die Uefa hat aber festgelegt, dass sogenannte Tatsachen-Entscheidungen nur in ganz engem Ausmaß überprüfbar sind."

BVB prüft Einspruch gegen Sperre

Dazu heißt es in Artikel 9 der "Rechtspflegeordnung der Uefa" von 2020:

"Die vom Schiedsrichter auf dem Spielfeld getroffenen Entscheidungen sind endgültig und können von den Disziplinarinstanzen der UEFA nicht überprüft werden."

Nur bei einem "offensichtlichen Irrtum" könnte eine Sperre überprüft werden.

Wohl auch deshalb appellierte BVB-Sportdirektor Michael Zorc nach dem Spiel: "Das ist eine totale Ungerechtigkeit, wir fühlen uns durch den Spielausgang genug bestraft. Wir appellieren an den Gerechtigkeitssinn der Uefa, ein Zeichen zu setzen und den Spieler nicht auch noch zu bestrafen."

Der BVB sei sogar bereit, einen Einspruch gegen den Platzverweis zu prüfen. Dabei gelte es für die Uefa nur "als offensichtlicher Irrtum beispielsweise, wenn statt Hummels ein falscher Spieler bestraft wurde", erklärt Lambertz.

Der Jurist bewertet einen möglichen Dortmunder Einspruch so: "Ich räume dem Einspruch des BVB keine besonders große Aussicht auf Erfolg ein. Allerdings finde ich es richtig und wichtig, in diesem speziellen Fall auch einmal den Weg vor das Uefa-Gericht zu gehen. Denn nur dann, wenn Regelungen überprüft werden, kann Rechtssicherheit hergestellt werden. Für diesen, aber auch für zukünftige Fälle."

Welche Vorteile hat es aber, an den Tatsachen-Entscheidungen festzuhalten? Lambertz erklärt: "Die Uefa möchte dadurch den Wettbewerb schützen. Die Champions League besteht darin, dass die Vereine regelmäßig spielen und nicht nach einigen Wochen über eine Schiedsrichter-Entscheidung verhandelt werden muss."

Laut Lambertz befinde sich die Uefa in einem Zwiespalt: Einerseits sei durch die Tatsachen-Entscheidung die Rechtssicherheit nach einem Spiel gegeben und damit auch das Ergebnis. Aber andererseits nehme man auch in Kauf, "dass die Entscheidungen falsch sein können".

Dazu sieht Lambertz auch ein ganz anderes Problem, wenn es zu Verhandlungen über einzelne Entscheidungen käme: "Was wäre die Konsequenz aus Verhandlungen über Schiedsrichter-Entscheidungen? Ein Wiederholungsspiel? Genauso gilt zu bedenken, wo die Abgrenzung zwischen einer falschen Roten Karte in der ersten Minute und in der 90. Minute wäre."

All diese Überlegungen und Artikel 9 der "Rechtspflegeordnung" sprechen also für eine Sperre von Hummels im fünften Gruppenspiel der Champions League in Lissabon (24. November).

Auch, wenn Dortmund-Trainer Marco Rose auf der Pressekonferenz nach dem Spiel ganz anderer Meinung war. Angesprochen auf die Situation rund um die Rote Karte von Hummels, fragte Rose zurück: "Gibt es irgendeine Person in diesem Raum, die sagt, dass es Rot war?" Die anwesenden Journalisten schwiegen und sagten dadurch wohl genug.

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