Nach dem Einzug ins Finale der Europa League stürmten die Fans von Eintracht Frankfurt auf den Platz.
Nach dem Einzug ins Finale der Europa League stürmten die Fans von Eintracht Frankfurt auf den Platz. Bild: www.imago-images.de / imago images
Analyse

Europa League: Warum die Fans von Eintracht Frankfurt großen Anteil am Finaleinzug haben

06.05.2022, 13:08

Um kurz vor 23 Uhr brachen bei den Fans von Eintracht Frankfurt alle Dämme. Schon bevor Schiedsrichter Jesus Gil Manzano mit seinem Schlusspfiff den 1:0-Sieg über West Ham United im Halbfinale der Europa League besiegelte, standen zahlreiche Eintracht-Anhänger nicht mehr im Fanblock. Nur mühselig konnten die Ordner sie hinter der Werbebande halten.

Als der Einzug ins Finale der Europa League dann endgültig feststand, kannte die Freude keine Grenzen mehr. Die Anhänger stürmten auf das Feld und feierten ausgelassen mit den Spielern – Selfies, Freudentränen, Rasen, der fotografiert und mitgenommen wurde, sowie ausgelassene Jubelschreie inklusive.

"Die Atmosphäre hat dazu geführt, dass die Spieler maximal konzentriert und extrem engagiert zu Werke gegangen sind."
Fan-Forscher Harald Lange zur Wirkung der Fans auf die Leistung der Frankfurter Spieler

Welchen Einfluss Fans auf die Leistung einer Mannschaft haben können, zeigte sich wohl am besten bei den Leistungen der Eintracht in der Europa League.

"Das war in der Ausprägung gigantisch. Ich weiß nicht, ob ich so etwas schon einmal erlebt habe", resümierte auch Fanforscher Harald Lange im Gespräch mit watson.

Hinteregger braucht Eintracht-Fans, um Top-Leistung zu zeigen

Dass Spieler manchmal diese Atmosphäre brauchen, um die letzten Prozentpunkte an Leistungsfähigkeit aus sich herauszukitzeln, zeigt wohl das Beispiel Martin Hinteregger.

Noch Anfang des Jahres steckte der Österreicher wie die gesamte Frankfurter Mannschaft in einer tiefen Formkrise. Der Verteidiger begründete seine Schwächephase einerseits mit Verletzungen und erklärte, dass sich das Fehlen der Fans im Stadion "brutal" auf seine Leistung auswirke.

"Das darf keine Ausrede sein – ist es auch nicht – aber ohne euch ist der Hinti halt nur ein halber Hinti", erklärte er.

Wie stark Hinteregger sein kann, zeigte er in den K.o.-Spielen des Wettbewerbs, auch wenn er am Donnerstagabend nach neun Minuten verletzt ausgewechselt werden musste. Das tat der Leistung der Mannschaft jedoch keinen Abbruch.

"Die Atmosphäre hat dazu geführt, dass die Spieler maximal konzentriert und extrem engagiert zu Werke gegangen sind. Und das ist das Quäntchen mehr Qualität, das man braucht, um die andere Mannschaft zu besiegen", sagt Fanforscher und Sportwissenschaftler Lange.

Es hätte jedoch auch in die andere Richtung kippen und die Spieler mit dem enormen Druck und der Erwartungshaltung überfordert sein können. Doch Trainer Oliver Glasner habe es geschafft, das "riesige Energiefeld" konstruktiv für sein Team zu nutzen.

Frankfurter Fanszene im Wandel

Vor Jahren wäre das wohl noch undenkbar gewesen. Ihren Abstieg aus der Bundesliga in der Saison 2010/11 feierten die Frankfurter Fans beim Auswärtsspiel in Dortmund mit dem Banner "Deutsche Randale-Meister". Heute sind sie europaweit bekannt und gelten als eine der besten Fanszene in Deutschland.

Was die Situationen heute und vor zehn Jahren verbindet, ist laut Lange die unglaubliche Leidenschaft und Identifikation der Fans mit dem Verein. "Statt Frust, Dampf ablassen und Aggressionen ist es nun pure Freude", ordnet Lange den Wandel ein.

Am deutlichsten sei das beim Platzsturm nach Schlusspfiff gewesen: "Mit dem Bedürfnis, einfach den Spielern, dem Präsidenten und allen anderen nah zu sein."

Frankfurts Verteidiger Evan Ndicka feiert mit den Frankfurter Fans.
Frankfurts Verteidiger Evan Ndicka feiert mit den Frankfurter Fans.Bild: www.imago-images.de / imago images

Hinzu käme die Freude an einer gewissen Selbstinszenierung, die von der Idee getragen wird, als zwölfter oder 13. Mann Einfluss auf das Spiel zu haben. "Und je erfolgreicher Frankfurt in der Europa League ist, desto größter wird die Bestätigung des Sich-Selbst-Feierns und der Inszenierung mit Choreografien", sagt Fanforscher Lange.

Ähnlich bewertete es auch Frankfurts Präsident Peter Fischer im Gespräch mit RTL: "Das ist Frankfurt, das haben alle hier verdient. Guckt euch das doch an. Das ist Lebensfreude, das ist Fußball. Ich bin stolz auf meine Mannschaft." Während des Gesprächs mit dem TV-Sender wurden die Fans auf dem Feld von der Polizei Richtung Fan-Block zurückgedrängt.

Eintracht-Fans greifen englische Anhänger in Pubs an

Doch auch die Schatten der Vergangenheit sind bei den Eintracht-Fans zu spüren. In den Nächten vor der Partie attackierten mehrfach vermummte Personen die West-Ham-Anhänger in Pubs und es kam zu Auseinandersetzungen zwischen den Fanlagern.

"Das ist etwas, das man als Problem bei einer so leidenschaftlichen Fankultur wie bei der Eintracht, nie komplett in den Griff bekommen wird", ordnet der Fanforscher ein.

Denn es werde immer Menschen geben, die mit ihrer Leidenschaft für den Verein nicht umgehen können. "Da braucht es eine enorme Kompetenz, wenn man diese hochgekochte Leidenschaft friedlich ausleben will." Gerade für junge Menschen sei das jedoch ein geeignetes Lernumfeld, um zu erkennen, wo man sich seinen Emotionen voll hingibt und wo gewisse Grenzen sind.

Insgesamt sei es aber unrealistisch, dass es im Fußball zu einhundert Prozent friedlich ablaufen könne.

Nach dem Schlusspfif verhöhnen einige Frankfurter Anhänger während des Platzsturms die West-Ham-Fans.
Nach dem Schlusspfif verhöhnen einige Frankfurter Anhänger während des Platzsturms die West-Ham-Fans. Bild: www.imago-images.de / imago images

Europa-League-Finale mit Rangers könnte "heikel" werden

Wenn die Frankfurter nun im Finale am 18. Mai in Sevilla auf die Glasgow Rangers treffen, kommt es zum Duell zweier emotionaler Fanlager.

Fanforscher Lange glaubt daher, dass es "heikel" werden könnte, denn schließlich muss eine Mannschaft verlieren. Doch grundsätzlich seien die Fans, die ihre Mannschaft zum Finale begleiten, verantwortungsbewusst genug, ihre Leidenschaft in einem positiven Sinn auszuleben.

"Sie haben Lust auf diese Auseinandersetzung mit den Rangers. Aber nicht im Sinne von Prügeln, sondern im Sinne von: Wer hat eigentlich die Vorzeige-Fankultur."

0 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Lewandowski will den FC Bayern wohl verlassen – Fans reagieren zwiegespalten

Robert Lewandowski will den FC Bayern München wohl noch diesen Sommer verlassen. Nach Informationen des Sportmagazins "kicker" hat der Torjäger-Legende den Bayern-Bossen mitgeteilt, dass er seinen 2023 auslaufenden Vertrag – anders als Thomas Müller es in der Vorwoche getan hat – nicht um ein Jahr verlängern möchte.

Zur Story