03.01.2021, Bayern, M

David Alaba (l.) jubelt mit Alphonso Davies (Mitte) und Leroy Sané (r.) Bild: dpa / Sven Hoppe

"Alaba gehört nicht zu den Top-Spielern im Klub": Bayern-Experte Justin Kraft über den Wechsel des Österreichers und die Lage des FC Bayern

Beim FC Bayern München dominieren in dieser Saison zwei große Themen. Der bevorstehende Wechsel von Abwehrchef David Alaba und die Meinungsverschiedenheiten in Sachen Transferpolitik zwischen Trainer Hansi Flick und Sportvorstand Hasan Salihamidzic. Doch trotz aller Nebengeräusche lassen sich die Münchner nicht ablenken und sind auf dem besten Weg, die achte Meisterschaft in Folge einzufahren.

Im Gespräch mit watson erklärt Bayern-Experte Justin Kraft, wie zerstritten Flick und Salihamidzic wirklich sind und warum der Alaba-Wechsel nicht so schlimm ist. Und er blickt auf die anstehende Klub-WM und das Champions-League-Achtelfinale voraus. Der 27-jährige Autor schreibt für den größten deutschsprachigen Bayern-Blog Miasanrot.de und analysierte in seinem Buch "Generation Lahmsteiger" die vergangenen zehn Jahre des FC Bayern München.

watson: Justin, der FC Bayern kämpft schon die ganze Saison über mit Defensivproblemen. Inzwischen stehen die Bayern bei 26 Gegentoren nach 19 Partien. Waren diese Probleme schon zu Saisonbeginn abzusehen?

Justin Kraft: Dass sie durchaus anfällig für Kontersituationen sind, war damals schon zu erkennen. Es hatte sich auch angedeutet, dass kleine Abläufe innerhalb des Spiels nicht mehr reibungslos funktionieren wie noch in der Vorsaison. Ich bin aber generell überrascht, wie gut sie bisher von den Ergebnissen her durchgekommen sind.

Obwohl es immer mal wieder Niederlagen gab und die Bayern lange nicht so souverän spielen wie in der vergangenen Saison, sind sie unangefochtener Tabellenführer der Bundesliga. Was sagt das über die Qualität des Wettbewerbs aus?

Es unterstreicht die Situation, dass Bayern allen enteilt ist. Selbst in einer Saison, wo es nicht ganz so rund läuft, ist keiner der Herausforderer in der Lage, da zu sein. Obwohl verschiedene Manager und Trainer immer wieder ankündigen: 'Wenn die Bayern schwächeln, wollen wir da sein.' Aber das sind sie halt nicht. Zumal die Konkurrenz regelmäßig an individuell schlechter besetzten Mannschaften scheitert.

Nun soll es Unstimmigkeiten zwischen Trainer Hansi Flick und Sportdirektor Hasan Salihamidzic bezüglich der Kaderplanung geben. Könnte die Unruhe ein Hoffnungsschimmer für die Konkurrenz sein?

Ich glaube, die Bayern kommen auch mit Unruhe ganz gut klar und geben die Meisterschaft bei sieben Punkten Vorsprung nicht mehr her. Diese Qualität haben sie in den letzten Jahren mehrfach bewiesen.

Trainer Hansi Flick FC Bayern München Munich Sportdirektor Hasan Salihamidzic FC Bayern München Fußball: Fussball: 1.Bundesliga, Saison 2020/21 Borussia Mönchengladbach,Gladbach - FC Bayern 3:2 München 8.1.2021 Foto: Ralf Ibing/firo/pool via sampics Copyright by : sampics Photographie

Das Verhältnis von Sportdirektor Salihamidzic (l.) und Flick soll nicht das beste sein. Bild: firo Sportphoto / Ralf Ibing

Wie tief sind die Gräben zwischen Flick und Salihamidzic tatsächlich?

Da wird mehr reininterpretiert als aktuell dran ist. Klar, es wird Differenzen geben, aber das ist innerhalb eines Fußballklubs völlig normal. Von allem, was man hört und wie ich Flick einschätze, macht er seinen Job nicht von kleinen Differenzen abhängig. Letztendlich werden sowohl Salihamidzic als auch Flick immer an einem Kompromiss zum Wohle des Klubs interessiert sein.

Die Neuzugänge waren bisher aber alles andere als erfolgreich.

Es ist schon so, dass manche Neuzugänge bisher nicht zu 100 Prozent zu dem passen, was Flick spielen lassen möchte. Aber ich finde die Bewertung schwierig, da man immer schauen muss, was in so einer Corona-Krise finanziell möglich ist. Genauso ist es für den Trainer aktuell schwer, die Neuen optimal zu integrieren, weil er ohne Sommervorbereitung und mit wenig vollen Trainingseinheiten auskommen muss. Aber Flick wird diese Situation annehmen und akzeptieren.

Also bleibt er über den Sommer hinaus Trainer?

Ich halte es für diesen Sommer für komplett unwahrscheinlich, dass er den Verein verlassen wird.

"Aufgrund des Abgangs von Alaba muss man im Sommer einen Spieler holen, der sofort weiterhelfen kann. Upamecano hat für Leipzig mehrfach seine Klasse bewiesen. "

Bayern-Insider Justin Kraft

Anders sieht die Sache bei David Alaba aus. Er wird den Verein im Sommer verlassen. Werden die Bayern den Abgang noch bereuen?

Wenn man aus den verschiedenen Gerüchten herausliest, wie hoch seine Forderungen sein sollen, kann ich nachvollziehen, dass die Bayern in der Corona-Situation da nicht mitgehen wollen.

Aber Alaba ist ihr Abwehrchef. Sollte nicht ein Interesse bestehen, ihn zu halten?

Wenn man sich die Hierarchie anschaut, sehe ich in Alaba einen wichtigen Spieler, der in der Defensive und gerade im Aufbauspiel riesige Fortschritte gemacht hat, aber er gehört nicht zu den wichtigsten Top-Spielern im Klub. Das sind für mich Lewandowski, Kimmich, Müller und Neuer. Das sind die Spieler, die in der obersten Riege stehen.

Glaubt man den Gerüchten, sollen Alaba und sein Berater zwischen elf und 13 Millionen Euro Netto-Jahresgehalt fordern.

Wenn er in diese Riege auf Biegen und Brechen rein will, hätte er in den letzten Jahren konstanter seine Leistungen bringen müssen.

Aber kannst du auch den Standpunkt von Alaba nachvollziehen?

Ich verstehe den Gedanken, nochmal ins Ausland zu wollen und dass er sagt: 'Ich habe so ein überragendes Jahr gespielt, da will ich ein bisschen mehr verdienen.' Wie Bayern-Präsident Herbert Hainer bereits sagte: Da treffen dann eben unterschiedliche Standpunkte aufeinander. Das ist legitim.

FC Bayern zieht Angebot an Alaba zurueck! Archivfoto: Trainer Hans-Dieter

David Alaba (l.) im Gespräch mit Trainer Hansi Flick Bild: Fotoagentur SVEN SIMON / Frank Hoermann/ SVEN SIMON

Vergangenes Jahr hat der FC Bayern seinen Mittelfeldregisseur Thiago zum FC Liverpool ziehen lassen. Diesen Sommer verlässt Abwehrchef David Alaba den Verein. Was ist das für ein Signal an die Konkurrenz?

Natürlich ist das ein kleines Signal für die Konkurrenz, dass sie vielleicht bei dem einen oder anderen Spieler anklopfen und gucken, was geht. Es ist natürlich unglücklich, dass sie zwei wichtige Spieler in so kurzer Zeit verlieren, aber ich würde das auch nicht überdramatisieren. Bayern hat beispielsweise bei Lewandowski gezeigt, dass sie große Spieler halten können.

Hansi Flick macht sich auch immer wieder für Jerome Boateng stark, dessen Vertrag im Sommer ausläuft. Die Bayern-Bosse wollen mit ihm wohl eher nicht verlängern.

Ich kann mir gut vorstellen, dass er bleibt. Wenn Alaba geht, wäre es schwierig, ihn auch noch zu ersetzen. Ich glaube, man ist bemüht, einen Kompromiss mit ihm zu finden.

Wie könnte dieser Kompromiss aussehen?

Dass er vielleicht auf ein bisschen Gehalt verzichtet und bei den Ansprüchen hinsichtlich seiner Einsätze heruntergeht.

Zumal er als Mentor für das französische Super-Talent Taguy Nianzou dienen könnte.

Das kann ich mir auch gut vorstellen. Ich war überrascht, dass Paris ihn hat ziehen lassen. Ich finde es ein bisschen schade, dass Nianzou seit seinem Wechsel mit vielen Verletzungen zu kämpfen hatte, weil ich das wie Ralf Rangnick sehe. Er ist in seiner Altersklasse vielleicht das beste Innenverteidiger-Talent. Aber das heißt natürlich nicht automatisch, dass er seinen Weg bei Bayern machen wird.

Worauf kommt es jetzt für ihn an?

Er muss fit bleiben und darf sich nicht weiter verletzen. Dann braucht er einen guten Start und Flick muss ihm vertrauen. Da gibt es viele Komponenten, aber rein vom Talent her war das ein Top-Transfer. Ich erwarte, dass er in den nächsten zwei, drei Jahren mindestens den Sprung in die erweiterte Elf schafft.

firo : 28.11.2020 Fu?ball: Fussball: 1.Bundesliga Saison 2020/21 VfB Stuttgart - FC Bayern M_nchen 1:3 Einzelaktion , Tanguy Nianzou Kouassi Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON/pool/via/firosportphoto NO SECONDARY (RE-)SALE WITHIN 48h AFTER KICK-OFF

Die Zeit von Tanguy Nianzou beim FC Bayern war bisher von Verletzungen geprägt. Bild: augenklick/Frank Hoermann/SVEN S

Nun hat Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge sein Interesse an RB Leipzigs Innenverteidiger Dayot Upamecano bestätigt. Er kann den Verein durch eine Ausstiegsklausel im Sommer für 42,5 Millionen Euro verlassen. Brauchen die Bayern ihn überhaupt?

Aufgrund des Abgangs von Alaba muss man im Sommer einen Spieler holen, der sofort weiterhelfen kann. Upamecano hat für Leipzig mehrfach seine Klasse bewiesen und in den direkten Duellen Robert Lewandowski in Schach gehalten. Ein besseres Bewerbungsschreiben gibt es nicht.

Dank des Champions-League-Sieges treten die Bayern am 8. und 11. Februar bei der Klub-WM in Katar an. Ist das ein Fluch oder Segen für den Verein?

Wie man aus den Interviews heraushört, freuen sie sich auf das Turnier, weil der Verein und die Spieler jeden Titel gewinnen wollen. Wenn man von der Regeneration ausgeht, ist es sicherlich ein Fluch. Flick muss aufpassen, dass sich kein wichtiger Spieler verletzt. Da muss er gucken, dass er die Belastung gut verteilt.

Am 23. Februar steht dann auch das Achtelfinale der Champions League gegen Lazio Rom an. Wird das ein Selbstläufer?

Wie Ex-Nationalspieler Per Mertesacker schon gesagt hat: 'Unter den letzten 16 Teams ist keine Karnevalsmannschaft mehr.' Es wird helfen, dass man in der Bundesliga einen gewissen Vorsprung hat, weil Flick in der Liga die Kräfte sparen kann. Aber beim DFB-Pokal-Aus gegen Kiel hat man gesehen, dass alles passieren kann.

Alle europäischen Topklubs schwächeln aktuell. Wer kann den FC Bayern an einem erneuten Champions-League-Triumph hindern?

In dieser Saison kristallisiert sich an der europäischen Spitze keiner heraus, den man als absoluten Favoriten sehen kann. Die Bayern haben auch gezeigt, dass sie schwächeln können, aber sie haben durchaus gute Karten. Bemerkenswert ist trotz des Triple-Erfolgs im vergangenen Jahr ihr unbedingter Siegeswille. Das ist nicht selbstverständlich.

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