In München sind 14.000 Zuschauer unter anderem beim Spiel Deutschland gegen Frankreich zugelassen. Was sagen die Intensivstationen deutscher Kliniken? Watson hat nachgefragt.
In München sind 14.000 Zuschauer unter anderem beim Spiel Deutschland gegen Frankreich zugelassen. Was sagen die Intensivstationen deutscher Kliniken? Watson hat nachgefragt.
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Söder lässt 14.000 Zuschauer in München zu: Große watson-Umfrage zeigt, dass Intensivstationen in ganz Deutschland EM-Spielen mit gemischten Gefühlen entgegenblicken – Epidemiologe Ulrichs warnt

04.06.2021, 13:0105.06.2021, 09:53

Europa wacht langsam aus dem Corona-Lockdown auf, in Deutschland öffnen Restaurants und die ersten Großveranstaltungen finden statt. Passend zur Lockerungs-Euphorie beginnt auch eines der wichtigsten internationalen Sportevents: Am 11. Juni wird in Rom mit der Partie Italien gegen die Türkei die Fußball-Europameisterschaft angepfiffen.

Während die Fans jubeln, ist die Lage in den Krankenhäusern nach wie vor kritisch. Deutschland steckt weiterhin in der dritten Welle und auf den Intensivstationen befinden sich weiterhin schwerkranke Covid-19-Patienten. Laut der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DiVi) werden aktuell über 2000 Menschen stationär behandelt. Zum Vergleich: Bei der abflauenden ersten Welle Anfang Juni 2020 waren es nur knapp 600.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert trotzdem, dass "die Restaurants draußen länger als 22 Uhr öffnen dürfen, sodass auch alle 21-Uhr-Spiele geguckt werden können". Er stellte fest: "Die Menschen brauchen nach den harten Monaten Momente der Entspannung", sagte er der "Bild am Sonntag". Massenevents mit hunderten Zuschauern hält aber auch er für ausgeschlossen.

14.500 Zuschauer forderte die UEFA

Neben den drei Gruppenspielen der deutschen Mannschaft gegen Frankreich, Portugal und Ungarn wird auch noch eine Viertelfinalpartie in der Münchner Arena ausgetragen. Bisher steht noch nicht fest, wie viele Fans live dabei sein dürfen. Darüber wird wohl am Freitag entschieden, wenn die bayerische Infektionsschutzverordnung ausläuft. Die UEFA forderte Einlass für 14.500 Zuschauer, Bayerns-Ministerpräsident Markus Söder verkündete am Freitagnachmittag, dass 14.000 Fans bei den Spielen zugelassen werden.

"Die Normalität kehrt zurück und die Lage in Deutschland und Bayern entspannt sich deutlich. Das setzt viele positiven Energien frei", sagte Söder. "Die Fußball-EM ist eine Sondersituation, die wir haben. Wir haben uns das sehr genau angeguckt." Aufgrund der geringen Inzidenzzahl von unter 30 im Bundesland Bayern und der Stadt München sei eine 20-prozentige Auslastung des Stadions möglich. Es gilt jedoch auch in der Münchner-Arena ein negativer Test und das Tragen einer Maske. "Es wird auch ein Pilotprojekt für weitere Profisport-Ereignisse in Deutschland", erklärte Söder.

"Die Fußball-EM ist eine Sondersituation, die wir haben. Wir haben uns das sehr genau angeguckt."
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder

Tausende Zuschauer auf engem Raum, die sich möglicherweise jubelnd in den Armen liegen werden, sobald die ersten Tore fallen – kann das während einer globalen, wenn auch abflachenden Pandemie gut gehen? Watson hat bei Intensivmedizinern und Kliniken in ganz Deutschland nachgefragt, was sie von der Idee halten, die EM trotz Corona stattfinden zu lassen, ob sie eine Überbelastung ihrer Stationen befürchten und wie sie mit möglichen Patienten umgehen, die aus dem Ausland angereist und lediglich zu Besuch sind.

Am letzten Spielag der Bundesliga waren bereits 500 Fans in der Münchner Arena zugelassen.
Am letzten Spielag der Bundesliga waren bereits 500 Fans in der Münchner Arena zugelassen.
Bild: imago images / imago images

München: "Werden zusätzliche Kapazitäten schaffen"

Barbara Nazarewska, Sprecherin des Klinikums rechts der Isar in der Gastgeberstadt München, beschreibt die Lage auf der Intensivstation gegenüber watson weiterhin als "angespannt". In der Münchner Klinik werden zahlreiche Covid-Patienten behandelt.

"Unser Ziel ist, die Kapazität für Intensivbehandlungen zu erhalten und die balancierte Behandlung von Nicht-Covid- und Covid-Patienten und -Patientinnen nach Dringlichkeitsstufen zu koordinieren", erklärt sie. Nazarewska gibt sich aber pflichtbewusst: "Sollten weitere Intensivbetten für Covid-19-Erkrankte benötigt werden, wird das Klinikum die erforderlichen Maßnahmen ergreifen, um zusätzliche Kapazitäten zu schaffen."

"Wenn gute Hygienekonzepte eingehalten werden und die Impfungen gut vorankommen, sollte die Gefahr bei Veranstaltungen im Freien überschaubar sein."
Michael Heinold, Oberarzt der Covid-Intensivstation im Stuttgarter Marienhosptial

Michael Heinold, Oberarzt der Covid-Intensivstationen im Stuttgarter Marienhospital, sieht dennoch keine Probleme für die EM – auch, wenn aktuell kaum Betten frei seien. "Wenn gute Hygienekonzepte eingehalten werden und die Impfungen gut vorankommen, sollte die Gefahr bei Veranstaltungen im Freien überschaubar sein", erklärt der Mediziner. Dennoch sei die Lage "schwer abzuschätzen."

Zur Sicherheit arbeiten die Kliniken in Bayern und Baden-Württemberg zusammen. "In der Pandemie gibt es die Kleeblatt-Organisation, in Baden-Württemberg die Aufteilung in Cluster. So kann aus 'Hotspots' in andere Kliniken nach aufsteigender Entfernung verlegt werden", erklärt Heinold.

Für eventuelle Covid-Patienten aus dem Ausland gibt es laut Heinold keine besonderen Regelungen. Sollte es zu einem Corona-Ausbruch unter den Zuschauern kommen, würde mit internationalen Gästen "wie mit jedem anderen Patienten auch" umgegangen, sagt Heinold: "Mit Empathie und nach aktuellem wissenschaftlichem Standard."

Kliniken, die von EM-Austragungsorten weiter weg gelegen sind, haben weniger Sorge

In anderen Orten Deutschlands machen sich die Intensivmediziner – aufgrund der Distanz zur Austragungsstätte – keine Sorgen wegen einer möglichen Überbelastung ihrer Stationen. "Insgesamt hoffen wir, dass der Inzidenzwert weiter sinkt, für uns alle die Normalität ein Stück näher rückt und wir alle – natürlich mit dem entsprechenden Abstand und den nötigen Hygienemaßnahmen – die EM genießen können", sagt Sprecher Maurice Scharmer des Krankenhauses St. Joseph-Stift in Bremen.

Was Fans aus dem Ausland betrifft, versichert Scharmer: "Sollten im Großraum Bremen internationale Gäste an Covid-19 erkranken, werden diese natürlich auch in unserem Krankenhaus behandelt. Kein Patient wird abgewiesen."

"Impfungen und vor allem Covid-Tests dürften das Risiko eine Corona-Infektion bis dahin weitgehend ausschließen. Zumindest wollen wir das mal alle hoffen."
Mathias Eberenz von den Asklepios Kliniken in Hamburg

Auch in Hamburg und Berlin bleiben die Krankenhäuser gelassen. "Ich gehe nicht davon aus, dass sich aus den Nachbarländern eingereiste Touristen oder Fußballfans im Stadion oder rund um München versammeln und dann anschließend mit einer Covid-Erkrankung in die Kliniken kommen", sagt der Sprecher Mathias Eberenz von den Asklepios Kliniken in Hamburg.

"Das ist nichts, worüber sich die Pflegekräfte Gedanken machen", erklärt Lilian Rimkus, Sprecherin der Johannesstift Diakonie in Berlin, gegenüber watson. Es sei aktuell "keine große Krise" und man solle viel mehr "ganz entspannt bleiben", denn die Distanz zwischen München und Berlin sei einfach zu groß als dass es eine direkte Auswirkung hätte.

Auch in Hannover beruhigt sich die Lage langsam. "In unseren Häusern nehmen wir nach wie vor eine relativ hohe, mittlerweile leicht rückläufige, konstante und beherrschbare Versorgungssituation mit Patientinnen und Patienten wahr", sagt Steffen Ellerhoff vom Klinikum Region Hannover hinsichtlich der Covid-Erkrankungen.

Intensivstationen verschiedenen Krankenhäuser in Deutschland blicken mit gemischten Gefühlen auf die Europameisterschaft.
Intensivstationen verschiedenen Krankenhäuser in Deutschland blicken mit gemischten Gefühlen auf die Europameisterschaft.
symbolBild: dpa / Jefferson Bernardes

Großveranstaltungen sollten lieber abgesagt werden

Im Gegensatz zu den Intensivmedizinern zeigt Epidemiologe Timo Ulrichs hinsichtlich der EM deutlich größere Zweifel. Ihn hat watson, neben den Kliniken, um eine Einschätzung der aktuellen Lage hinsichtlich des Sportevents gebeten.

Einerseits gäbe die epidemiologische Lage in Zusammenhang mit Hygienekonzepten und Testsystemen mehr Sicherheit. Doch andererseits steige das Risiko, wenn sehr viele Menschen zusammenkommen, sagt der Professor von der Akkon-Hochschule in Berlin.

Als größtes Risiko sieht Ulrichs die "sehr leichte Verbreitung des Coronavirus, wenn nicht auf Abstände und Maskentragen geachtet wird." Er fügt hinzu: "Die effektivste Maßnahme in der Pandemiebekämpfung war und ist die Absage von Großveranstaltungen."

"Es ist sehr dreist von den EM-Veranstaltern, die ausrichtenden Städte dazu zu verpflichten, Zuschauer in die Stadien zu lassen."

Der Experte übt Kritik an der UEFA. Es sei "sehr dreist von den EM-Veranstaltern, die ausrichtenden Städte dazu zu verpflichten, Zuschauer in die Stadien zu lassen."

Zwar schreitet die Impfkampagne in Deutschland schnell voran, aber "die Durchimpfung wird uns noch nicht ausreichend Sicherheit geben, wenn die EM stattfinden wird", so der Epidemiologe.

Eine vorsichtige Entwarnung gibt Ulrichs aber trotzdem: "Von lokalen Ausbruchsgeschehen abgesehen, wird bei Einhaltung der genannten Sicherheitsmaßnahmen keine vierte Welle in Europa zu beobachten sein, da könnte die Reisetätigkeit generell gefährlicher sein."

Fazit: Kliniken eher unbesorgt, aber eine Entwarnung in Hinblick auf die EM gibt es nicht

Selbst Kliniken in Süddeutschland, also in der Nähe der EM-Austragungsorte, schlagen in Hinblick auf das Großevent keinen Alarm – sind allerdings gewappnet, sollte es zu einem größeren Corona-Ausbruch kommen. Sollten die Hygiene- und Testkonzepte eingehalten werden, sehen sie keine Gefahr größerer Ausbrüche. Die Intensivstationen sind zwar noch recht voll, aufgrund der sinkenden Inzidenzen entspannt sich die Lage auch dort zunehmend.

Aus epidemiologischer Sicht ist es allerdings nach wie vor nicht ratsam, Großevents wie die EM stattfinden zu lassen oder sie aufzusuchen. Wer das dennoch plant, sollte sich auf jeden Fall vorher testen lassen, auch im Freien Abstand halten – und idealerweise schon vollständig geimpft sein.

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