Sven Hannawald ist nun als Experte der ARD bei den Olympischen Spielen im Einsatz.
Sven Hannawald ist nun als Experte der ARD bei den Olympischen Spielen im Einsatz.Bild: www.imago-images.de / Ulrich Wagner
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"Wäre die einzige Berufung, bei der ich Signale übergehen würde": Warum Skisprung-Legende Hannawald kein Trainer werden möchte

04.02.2022, 15:1907.02.2022, 07:24

Gemeinsam mit Martin Schmitt war Sven Hannawald Anfang der 2000er Jahre einer der ersten deutschen Teenie-Schwärme. Die Herzen junger Sportfans flogen ihm zu. Vor allem, weil er während seiner Karriere als Skispringer extrem erfolgreich war.

Hannawald nahm an den Olympischen Winterspielen 1998 in Nagano und 2002 in Salt Lake City teil. Bei diesen Ereignissen holte er eine Gold- und zwei Silbermedaillen. Dazu war er der erste Springer, der alle Springen der Vierschanzentournee innerhalb einer Saison gewann. 2001 sicherte er sich dadurch den Sieg in der Tournee.

Engagement für Aufklärung über Burnout

Neben den sportlichen Höhepunkten hatte Hannawald aber auch Tiefpunkte. Seine Karriere beendete er offiziell 2005. Zuvor war er am Burnout-Syndrom erkrankt. Heute spricht er in Vorträgen offen über die Krankheit und ist während der Olympischen Spiele Experte für die ARD.

Im watson Interview hat er über die Burnout-Erkrankung gesprochen und erklärt, warum er kein Trainer sein will. Außerdem kritisiert er das IOC und den Vergabeprozess.

watson: Herr Hannawald, in Ihrer aktiven Sportlerkarriere drehte sich alles ums Skispringen. Wie sieht der Alltag jetzt als Experte aus?

Sven Hannawald: Ich bin froh, dass ich der Sportart treu bleiben kann und gleichzeitig als Experte nicht so tief drinstecke, wie ein Trainer. Als Trainer bist du über 200 Tage im Jahr unterwegs und hast kaum Zeit für die Familie, was du als Sportler ja auch schon nicht hattest. Das ist ein Grund, weshalb ich kein Trainer sein möchte. Trotzdem bin ich in der Winterzeit gut aufgestellt und ausgelastet.

Und in der Sommerzeit?

Da gebe ich das weiter, was mir widerfahren ist und möchte dadurch Menschen vor dem Schicksal bewahren, das ich erfahren musste.

Sie sprechen ihr Burnout während ihrer aktiven Karriere an.

Genau. Ich weiß, wie der Körper reagiert und wie ich damals umgegangen bin. Wenn man sich zu viel vornimmt und den Körper überlastet, dann kommt er an eine Grenze. Da ist es egal, ob man Profisportler, Privatperson, Arbeitnehmer oder Firmenchef ist.

Ist das auch ein Grund, weshalb Sie kein Trainer werden wollen?

Ich wollte nie und werde nie Trainer werden. Es wäre wohl die einzige Berufung, bei der ich die Signale meines Körpers übergehen würde und mir der Erfolg meiner Sportler wichtiger wäre als meine Gesundheit. Während sie sich ausruhen würden, würde ich mir weiter Gedanken machen, wie ich die Profis besser machen könnte. Das ist in meinen Augen die einzige Gefahr, die es bei mir für einen Rückfall gibt.

"Der Körper macht eine ganze Menge mit, aber ein erstes Symptom ist eine Grundmüdigkeit"
Sven Hannawald über erste Symptome eines Burnouts

Beobachten Sie hin und wieder selbst noch Anzeichen eines Burnouts?

Diese Frage bekomme ich immer wieder gestellt. Einen erneuten Burnout kann ich bei mir aber mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen. Meine Antennen sind ständig ausgefahren und ich höre auf meine innere Stimme. Wenn die mir sagt, dass es zu viel ist, dann ziehe ich die Reißleine. Mir ist dann völlig egal, was sonst passiert. Als Trainer hätte ich diese Möglichkeit nicht.

Wie kann man sich grundsätzlich vor einer Burnout-Erkrankung schützen oder sie frühzeitig erkennen?

Es ist ein schleichender Prozess und oft bemerken die Menschen gar nicht, dass sie auf dem Weg zum Burnout sind. Der Körper macht eine ganze Menge mit, aber ein erstes Symptom ist eine Grundmüdigkeit.

Gerade im Winter würden allerdings viele Menschen sagen, dass sie müde sind.

Richtig. Von 100 Leuten würden das sicherlich 98 sagen. Ich meine aber die Müdigkeit beispielsweise nach einem Urlaub. Wenn man zurückkommt und sich genauso platt fühlt wie davor, muss man wirklich aufpassen. Wenn man dann nicht aus dem Hamsterrad rauskommt, ist ein nächster Punkt eine wachsende Unruhe.

Wie äußert sich die?

Man sehnt sich nach Ruhe und wenn man alleine in einem Raum sitzt und Zeit für sich hätte, kommt man mit dieser Ruhe nicht klar. Es ist ein Kreislauf, der sehr schwer zu durchtrennen ist, aber an dem Punkt würde ich sagen, dass es zu spät ist.

Sven Hannawald (r.) und Martin Schmitt (l.) während ihrer aktiven Sportlerkarriere.
Sven Hannawald (r.) und Martin Schmitt (l.) während ihrer aktiven Sportlerkarriere.

Wie kann man sich dagegen schützen?

Man sollte ganz genau auf die innere Stimme achten. Wenn man mal keine Lust auf seine täglichen Aufgaben hat, sollte man sich hinterfragen, warum das so ist? Auch ich habe immer wieder Tage, an denen es mir schwerfällt, auf Mails zu antworten. Das sind erste Anzeichen und an solchen Tagen versuche ich mich zu bremsen.

Viele Angestellte können das aber nicht so einfach machen…

Und das ist auch ein großes Problem. Da müssen sich die Menschen leider irgendwie durchboxen. Wichtig ist dann aber, dass man die Arbeit mit dem ersten Schritt aus dem Büro abhakt, nicht mehr daran denkt und sich versucht auszugleichen mit einer Sache, die einem gut tut. Sei es Sport, Lesen, oder Menschen zu treffen. Man muss weg von dem Arbeitsalltag, der anstrengend ist.

Ist das aber nicht die größte Schwierigkeit? Raus aus dem Alltag zu kommen und sich auszugleichen?

Das gilt für die meisten Menschen. Viele wissen morgens gar nicht, wie sie den Tag schaffen sollen, weil so viel ansteht. Natürlich sind sie am Ende stolz, wenn sie es geschafft haben. Aber das "Zu-viel-sein" beim Aufstehen ist eigentlich schon ein Zeichen dafür, dass man etwas ändern muss.

Mittlerweile wird über psychische und mentale Gesundheit in der Öffentlichkeit noch viel offener gesprochen als vor 20 Jahren. Warum könnte das so sein?

Ich kann nur aus meiner Sicht sprechen, aber ich gehe da proaktiv ran, weil ich weiß, dass im Sport oder auch in der Musik- und Filmbranche Helden geschaffen werden. Diese Images lassen oft keine Kratzer zu, obwohl es völlig normal ist, dass der Druck größer wird, umso erfolgreicher man wird.

"Burnout betrifft nicht nur den Leistungssport, sondern auch die alleinerziehende Mutter"

Wie kann man das ändern?

Man muss sich von vornherein bewusst sein, wie hoch hinaus man möchte und was es mit sich bringt. Das ist nicht nur auf den Profisport oder andere Showbranchen anzuwenden, sondern gilt auch für das Arbeitsleben. Man muss sich fragen, was einem guttut? Ich denke, dass die Corona-Pandemie da den Fokus verändert hat.

Inwiefern?

Viele Menschen haben sich in dieser Zeit um mehr Balance gekümmert und sich damit beschäftigt, wie viel Arbeit guttut und was schädlich ist. Höher, schneller und weiter macht in gewissen Bereichen keinen Sinn, weil du dir da nur dein eigenes Grab schaufelst. Burnout betrifft nicht nur den Leistungssport, sondern auch die alleinerziehende Mutter, die 24 Stunden für ihr Kind da ist oder auch den Firmenchef, der mit aller Macht noch weiter nach oben will.

Nach den Ausführungen könnte man auf die Idee kommen, dass die Olympischen Spiele durch den Druck, die Erwartungshaltung von außen und die Ansprüche der Sportler selbst, Burnout begünstigen könnten.

Ich glaube nicht, dass die Olympischen Spiele alleine am Ende entscheidend zu einem Burnout führen. Da steckt wenn überhaupt die gesamte sportliche Karriere mit drin. Aber grundsätzlich nehmen die kommenden Spiele eine ganz andere Rolle ein, wegen der ganzen Begleitumstände.

Einer davon ist der Fakt, dass vor 14 Jahren in Peking noch Sommerspiele stattgefunden haben. Jetzt werden es Winterspiele. Wie kann das möglich sein?

Es beschreibt leider klar und deutlich den Weg des IOC. Wenn sich Länder aus Skandinavien einheitlich gegen eine Austragung entscheiden, muss sich das IOC doch hinterfragen und nicht nach China oder Südkorea gehen. Ich bin froh, dass die nächsten Sommerspiele in Paris und die Winterspiele in Mailand sind.

Wie sollte es danach weitergehen?

Es wäre gut und wichtig, dass das IOC auf die öffentliche Meinung hört und wieder in klassische Winterregionen geht. Sonst gibt es irgendwann Winterspiele in Südafrika.

Haben Sie dennoch Eindrücke vor Ort sammeln können, wie die Verhältnisse an der Skisprungschanze sind?

Wenn ich die Schanze sehe, habe ich direkt Gänsehaut. Da wäre ich auch gerne gesprungen, weil sie von der Architektur sehr gut aussieht. Auch die Nutzung nach den Spielen ist gut durchdacht, da der Bereich ja auch als Fußballstadion dient. Insgesamt soll es vor Ort ziemlich windig sein. Aber das ganze Springen an sich wird gut ablaufen. Ich freue mich auf die Wettkämpfe, aber gleichzeitig muss man auch bedenken, dass für die Schanze ein ganzes Dorf platt gemacht wurde.

Skisprung-Schanze bei den Olympischen Spielen in Peking.
Skisprung-Schanze bei den Olympischen Spielen in Peking.Bild: www.imago-images.de / GEPA pictures/ Matic Klansek

Wie sehen Sie denn die sportlichen Chancen für deutsche Skispringer wie Karl Geiger oder Markus Eisenbichler?

Man kann eine Medaille als Ziel ausgeben. Gerade im Team und im Mixed-Team haben wir da gute Chancen. Mit Karl Geiger und Markus Eisenbichler haben wir zwei Eisen im Feuer. Karl Geiger ist unser stabilster Springer und bei Eisenbichler kann es an einem guten Tag auch funktionieren.

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