Die deutsche Nationalmannschaft beim lockeren Auslaufen.
Die deutsche Nationalmannschaft beim lockeren Auslaufen.
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"Niemand wird bei 100 Prozent sein": Athletiktrainer spricht über den Fitnesszustand des DFB-Teams

13.06.2021, 13:57

Noch vor elf Tagen lagen sich Antonio Rüdiger, Timo Werner und Kai Havertz in Porto in den Armen, während ihr DFB-Kollege Ilkay Gündogan niedergeschlagen und gedankenverloren auf den Rasen des Estádio do Dragão blickte. Soeben hatte der FC Chelsea Ligakonkurrent Manchester City im Champions-League-Finale besiegt.

Nun will das Premier-League-Quartett auch dafür sorgen, Jogi Löw zum Ende seiner Laufbahn als DFB-Coach mit dem EM-Titel verabschieden zu können. Wirklich Pause blieb den vier DFB-Stars nicht nach der strapaziösen Saison, doch damit geht es ihnen wie vielen anderen Top-Spielern bei dem Turnier. "Ich glaube, wirklich bei 100 Prozent wird keiner der Spieler nach der langen Saison sein", sagt Athletiktrainer Jannik Kirchenkamp im Gespräch mit watson. "Aber topfit sind sie sicherlich alle", fügt der Fitnesscoach hinzu, der auch DFB-Star Robin Koch für die Endrunde in Form brachte.

Für die Fitness sorgte auch Bundestrainer Jogi Löw mit seinem Team im Trainingslager in Seefeld. Nicht nur Co-Trainer Andreas Köpke, sondern auch Spieler wie Mats Hummels und Thomas Müller machten in Presserunden deutlich, wie intensiv die Trainingseinheiten waren. Doch mit einer erschöpften DFB-Elf brauche man laut Kirchenkamp nicht zu rechnen. "Die meisten Jungs hatten nach der Saison ein paar Tage Pause und wenn sie im Rhythmus bleiben wollen, müssen sie die Intensität aus der Saison beibehalten. Es geht darum, dass sie die Intensität behalten und spielfit bleiben", sagt der 28-jährige Athletiktrainer.

Jannik Kirchkamp begleitete die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft Ende Mai als Athletiktrainer.
Jannik Kirchkamp begleitete die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft Ende Mai als Athletiktrainer.
Bild: Sportfoto Zink / Thomas Hahn / Sportfoto Zink / Thomas Hahn

Ein Großteil der DFB-Spieler hatte nach der Saison ein paar Tage Ruhe, und um die hohe Belastung eines Turniers auszuhalten, sei intensives Training notwendig. "Ansonsten kommen sie in eine Unterbelastung und dann könnten sie sich einem erhöhten Verletzungsrisiko aussetzen", erklärt Kirchenkamp.

Zumal es zum Ende der Saison kaum möglich sei, viel an zusätzlicher körperlicher Fitness aufzubauen.

Klassische Eistonne hilft bei der Regeneration

An seiner körperlichen Fitness arbeitete Leon Goretzka seit vergangenem Sommer eindrucksvoll. Ihm fehlt aktuell viel mehr die Spielpraxis, doch nach einem Muskelfaserriss, den er sich Anfang Mai zuzog, trainierte er am Mittwoch zum ersten Mal wieder mit der Mannschaft. Auch Teamkollege Niklas Süle fiel im Saisonendspurt mit einem Muskelfaserriss für mehrere Wochen aus.

"Von außen betrachtet ist es schwer einzuschätzen, aber es könnte sicher an der enorm hohen Belastung liegen, die sie in den Wochen und Monaten davor hatten", erklärt der Fitnessexperte. Der jedoch auch erklärt, dass Verletzungen dieser Art präventiv entgegengewirkt werden kann.

Diese enorme Belastung hatten in den vergangenen Wochen und Monaten auch Spieler wie Joshua Kimmich und Thomas Müller. Müller absolvierte allein in dieser Saison 46 Pflichtspiele, Kimmich 39. Doch an ein erhöhtes Verletzungsrisiko glaubt der Fitnessexperte nicht.

"Ich glaube, wirklich bei 100 Prozent wird keiner der Spieler nach der langen Saison sein."
Fitnesstrainer Jannik Kirchkamp

"Es gibt genug Fachmänner im DFB, die die Belastungssteuerung im Auge haben. Ich glaube nicht, dass es zu deutlich mehr Muskelverletzungen kommen wird."

Um dennoch Verletzungen während des Turniers vorzubeugen, kommt es laut Kirchenkamp nach den Spielen vor allem auf die aktiven und passiven Regenerationsphasen an. Dazu würden ein leichtes Ausdauertraining, Stretching, die Arbeit mit einer Faszienrolle oder die klassische Eistonne zählen. Hinzu käme die Arbeit mit einem der drei Physiotherapeuten.

"Das muss aber sehr individuell gestaltet werden. Jeder Spieler hat bei Regenerationsmaßnahmen ein subjektives Empfinden. Wichtig ist, dass jeder aktiv regeneriert", sagt Kirchkamp.

DFB-Star Robin Koch profitiert vom
Athletiktraining

Als persönlicher Athletiktrainer von DFB-Star Robin Koch sorgte Jannik Kirchenkamp dafür, dass der Defensivmann nach einer viermonatigen Knieverletzung nun beim Turnier dabei sein kann. Er bereitete ihn bis Mitte April in Kochs sportlicher Heimat Leeds auf die Endrunde vor. Beide verbindet zudem eine enge Freundschaft, denn vor gut zwei Jahren gründeten sie gemeinsam in Krefeld das Fitness- und Performance-Center "Black Hall".

"Ich habe ihm in der Reha-Phase geholfen und er ist wieder bei 100 Prozent, da braucht man sich keine Sorgen zu machen." Im EM-Vorbereitungsspiel gegen Dänemark durfte der 24-Jährige 30 Minuten spielen, bei der Generalprobe gegen Lettland kam er nicht zum Einsatz.

"Seine Einsatzchancen werden nicht allzu hoch sein, aber in einem Turnier kann kurzfristig so viel passieren. Er wäre nicht dabei, wenn er dem Team nicht helfen könnte", schätzt Kirchenkamp die Situation ein.

Athletiktraining nimmt immer größere Rolle ein

Robin Koch und Fitnesstrainer Kirchkamp arbeiten aber nicht nur zusammen, wenn der Defensivspezialist verletzt ist, sondern auch in jeder Sommerpause. Doch das ist kein Phänomen, das nur den DFB-Spieler betrifft, sondern im Fußball immer wichtiger ist.

"Im Fußball gibt es drei Bereiche: Technik, Taktik und Athletik. Ich glaube, ein richtig ambitionierter Fußballer versucht in allen drei Bereichen besser zu werden und auf diesem Niveau können zwei, drei Prozent den Unterschied machen. Da ist Zusatztraining unumgänglich", sagt der Athletikcoach.

Nur so sei es für Cristiano Ronaldo auch möglich, selbst im hohen Fußballeralter von 36 Jahren noch zu den besten Spielern der Welt zu gehören. "Er ist ein absoluter Vorzeigeathlet. Hätte er diese Athletik nicht, würde er nicht mehr auf dem allerhöchsten Niveau spielen können", sagt Kirchkamp.

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