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Millionen von Fans jubelten dem argentinischen Team zu. Bild: AP / Natacha Pisarenko
Fußball-Kolumne

Ausnahmezustand in Argentinien: Die Fußball-Euphorie, nach der wir uns sehnen

In seiner wöchentlichen Kolumne schreibt der Fanforscher Harald Lange exklusiv auf watson über die Dinge, die Fußball-Deutschland aktuell bewegen.
21.12.2022, 14:1028.01.2023, 09:19

In Argentinien ist die Fußballwelt in Ordnung. Lionel Messi führt das Team zum dritten WM-Titel. Der Staatspräsident Alberto Fernández ruft spontan einen Nationalfeiertag aus und die Fans feiern tagelang in den Straßen von Buenos Aires. Zuletzt sollen es über fünf Millionen gewesen sein. Die Straßen waren verstopft, Handynetze waren überlastet und die WM-Helden mussten aus dem offenen Bus in Hubschrauber umsteigen, um die jubelnden Massen aus der Vogelperspektive sehen und bewundern zu können.

Angesichts dieser ansteckenden Euphorie schließen sich Fußballfans weltweit an und freuen sich mit dieser Fußballnation. Die Instagram-Accounts der argentinischen WM-Helden erreichen neue Rekordmarken und alle, die den Fußball lieben, entwickeln zurzeit den einen Wunsch: "Das will ich auch irgendwann einmal erleben."

"Wir sehnen uns nach Spielern, die träumen und uns genau dabei mitnehmen können."

Die ansteckende Euphorie wirkt in Deutschland wahrscheinlich auch deshalb so stark, weil wir hier seit Jahren das Gegenteil erleben. Seit dem legendären WM-Titel am 13. Juli 2014 im Endspiel gegen jene Argentinier ging es mit dem Fußball der Deutschen Nationalmannschaft im Eiltempo bergab. Nicht nur sportlich, sondern vor allem in Hinblick auf die Bindung zum Team, das sich fortan abgehoben "Die Mannschaft" nannte und auch während der WM in Katar vor allem eines transportierte: Distanz.

Deutscher Fußball entfernte sich bei der WM weiter von Anhängern

Der DFB residierte weit weg vom WM-Geschehen am äußersten Zipfel des Landes, war für die Fans im Training nicht erreichbar und noch nicht einmal in der Lage auf den Pressekonferenzen im Medienzentrum von Doha genügend Spieler mitzubringen.

Stattdessen disponierte man noch während des Rückflugs von Katar aus um und legte eine Zwischenlandung in München ein. Die Stars vom FC Bayern, der Trainer und Oliver Bierhoff sollten schneller und wieder einmal bequemer nach Hause gelangen, wurde als Grund genannt. Die Wirkung war aber auch diesmal eine andere. Uns allen ist klar: Es geht einzig und allein um die da oben. Eine Handvoll Fans hatte in Frankfurt zur Begrüßung gewartet. Aber für die interessiert sich im DFB offensichtlich niemand mehr.

02.12.2022, Bayern, München: Fußball, WM in Katar, Deutschland, Nationalmannschaft, Rückkehr DFB, Nationalspieler Leon Goretzka kommt am Flughafen München an. Nach dem Aus in der Vorrunde reist das Te ...
Für Leon Goretzka und die anderen Bayern-Star plante der DFB eine Zwischenlandung in München ein.Bild: dpa / Lennart Preiss

Wie wird es weitergehen? Was wird sich ändern? Wer hat Ideen? Wer hat eine Vision? Wer hat das Problem erkannt und wer kann uns den Weg bereiten, das wir im Sommer 2024 ein Fußballfest in den Stadien und auf den Straßen Deutschlands erleben werden?

Personell gab es mit dem Rücktritt von Oliver Bierhoff und der Taskforce bereits einige Änderungen. Wird es also der neue starke Mann im DFB, Hans-Joachim Watzke sein, der diese Fragen beantworten kann? Wird die DFL die Kontrolle über den Verband übernehmen? War die Einrichtung der Taskforce der erste Schritt in die Fortsetzung der arroganten Machtstruktur des DFB?

Heißt es nun künftig weiterhin Macht statt Diversität? Macht anstelle von Basisorientierung? Macht und Geld anstatt ideeller Werte? Welche sind das überhaupt? Wer hat da einen Plan in der DFB-Chefetage? Werden uns wieder irgendwelche Werbeagenturen vorgaukeln wollen, welchen Fußball wir schön finden und abfeiern sollen? Hoffentlich nicht!

Argentiniens Fußballkultur als Vorbild für Deutschland

Mit Blick auf die Bilder aus Argentinien sehnen wir uns nach authentischen Spielern, nach einem Verband, der die vorhandene Fußballbegeisterung der Basis bis in seine Spitze durchdringen lässt. Wir sehnen uns nach Spielern, die träumen und uns genau dabei mitnehmen können.

Im Grunde ist es ganz einfach. Wir brauchen für die EM 2024 keine Kraftanstrengung, sondern lediglich eine glaubwürdige Vision. Schaltet einfach den PR-Apparat des DFB und die Marketingberater und Werbeagenturen der deutschen Nationalspieler ab. Schaut auf Lionel Messi, der gestern auf Instagram folgendes veröffentlichte:

"Es waren fast drei Jahrzehnte, in denen mir der Ball viel Freude und auch etwas Traurigkeit bereitet hat. Ich hatte immer den Traum, Weltmeister zu werden, und ich wollte nicht aufhören, es zu versuchen, auch wenn ich wusste, dass es vielleicht nie passieren würde."

Ukraine-Krieg: Fußball-Profi über Spielpausen im Bunker und Flucht der Mutter
Seit fast einem Jahr herrscht der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Illya Shevtsov ist ukrainischer Fußball-Profi, der damals nicht in der Heimat war, zwischendurch in den USA spielte und seine Eltern deshalb lange nicht gesehen hat.

Er strahlt breit über das ganze Gesicht und hat funkelnde Augen, als der Video-Call beginnt. Illya Shevtsov sah bei den vorangegangenen Interviews lange nicht so glücklich aus, wie er es jetzt, Anfang Februar tut. Der Grund ist eigentlich simpel, aber gerade in Kriegszeiten doch besonders: Er ist gerade zu Besuch bei seiner Mutter, lässt sich von ihr bekochen und genießt die Zeit.

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