Sport
Interview

Leichtathletik-WM: Ex-Sportlerin Eleni Frommann empört sich über Vorwürfe

Eleni Frommann wollte immer nur Leichtathletin sein, hat 2022 aber dem Leistungssport den Rücken gekehrt.
Eleni Frommann wollte immer nur Leichtathletin sein, hat 2022 aber dem Leistungssport den Rücken gekehrt.bild: privat
Interview

Ex-Leichtathletin Eleni Frommann rechnet mit WM-Diskussion ab: "Das ist Quatsch"

Ein Interview mit einer Frau, die das System von innen kennt. Und noch heute traurig ist, dass sie aussteigen musste.
03.09.2023, 08:35
Mehr «Sport»

Eleni Frommann war Leichtathletin durch und durch. Sie gewann Medaillen bei der Junioren-Weltmeisterschaft und war in der Jugend mehrfach Deutsche Meisterin über 200 Meter. 2022 stieg sie aus dem Leistungssport aus.

Die 26-Jährige entschied sich gegen ihren Traum und für die berufliche Karriere. Heute ist sie PR-Managerin für die European League of Football. Die Debatte über die Leichtathletik-WM ohne eine deutsche Medaille verfolgt sie nun mit ein wenig Abstand, aber nicht weniger emotional.

Watson sprach mit Frommann über die hitzigen Diskussionen, die Sportförderung in Deutschland und mentale Belastungen von Sportler:innen.

Watson: Eleni, was macht die aktuelle Debatte über das schlechte Abschneiden Deutschlands bei der Leichtathletik-WM mit dir?

Eleni Frommann: Ich bin traurig, enttäuscht und ein bisschen wütend. Mir tun die Athlet:innen leid, die jeden Tag ihr Bestes geben und dafür nicht belohnt werden. Doch ich weiß eben auch: Die Probleme bestehen schon lange und sie betreffen in Deutschland ja nicht nur die Leichtathletik, sondern am Ende fast jede Sportart, außer natürlich den Männerfußball.

"Wer jetzt überrascht ist, kennt das System nicht. Das merkt man auch an einigen Reaktionen."

Du warst vom Ergebnis nicht überrascht?

Sagen wir es so: Wer jetzt überrascht ist, kennt das System nicht. Das merkt man auch an einigen Reaktionen. Hinzu kam: Es gab einige Spitzenkräfte, die verletzt waren, viele Sportler:innen haben persönliche Verbesserungen erzielt und gute Leistungen und Platzierungen erlangt. Es sollte keine Sensation sein, dass Länder, die für ihre effektiven Förderungssysteme bekannt sind, deutlich besser abschneiden.

Spielst du auf die Debatte über die Bundesjugendspiele an? Und die Vorwürfe, junge Deutsche wüssten nicht mehr, wie man sich anstrengt?

Diese Bundesjugendspiele-Debatte ist doch Quatsch. Die hat damit einfach nichts zu tun, da vergleichen Menschen Äpfel mit Birnen und instrumentalisieren das Abschneiden, um ihre Argumente vorbringen zu können. Wir reden hier von Menschen, die jeden Tag alles geben, um erfolgreich zu sein. Die reißen sich über Jahre hinweg den Allerwertesten auf.

Neu: dein Watson-Update
Jetzt nur auf Instagram: dein watson-Update! Hier findest du unseren Broadcast-Channel, in dem wir dich mit den watson-Highlights versorgen. Und zwar nur einmal pro Tag – kein Spam und kein Blabla, versprochen! Probiert es jetzt aus. Und folgt uns natürlich gerne hier auch auf Instagram.

Die Gründe für die Probleme sind komplex. Kannst du herunterbrechen, woran das System in Deutschland deiner Meinung nach am meisten krankt?

In anderen Ländern kannst du als Sportler:in den Alltag auf den Leistungssport ausrichten. In Deutschland musst du den Leistungssport dem Alltag anpassen. Und das funktioniert nicht, wenn du nicht zu den fünf bis zehn besten Sportler:innen im Land gehörst.

Wann hast du selbst gemerkt, dass du an deine Grenzen stößt?

Nach dem Abitur. Ich hatte das Privileg, im Gegensatz zu vielen anderen, auf einer Sportschule gewesen zu sein. Ich bin mir sicher: Wir verlieren zwischen Abi und Studium oder Start ins Berufsleben die meisten Talente. So war es bei mir auch. Ich war 19, ich wollte zu Hause ausziehen, ich wollte studieren, vor allem aber wollte ich Leichtathletik machen. Doch das funktionierte nicht. Zumal man ja auch noch Geld verdienen sollte, um die Miete zu bezahlen. Wie zur Hölle soll das funktionieren?

Du hast dennoch ein Jahr in deiner Heimatstadt Jena studiert.

Ja, ich bin nicht zu Hause ausgezogen und habe es versucht. Doch es war auch so nicht unter einen Hut zu bringen, was extrem frustrierend war, weil ich auf dem Peak meiner Leistungen war. Also bin ich in die USA gegangen.

Wo die Sportwelt eine andere ist.

Ja. Ich war drei Jahre mit Stipendium auf dem College. Ich weiß, dass da unglaublich viel Geld drin steckt und dass man das System nicht einfach in Deutschland implementieren kann. Aber wer das gesehen hat, weiß, wie es funktionieren kann.

2022 hast du die Leichtathletik dann in Deutschland beendet. Kannst du beschreiben, wie deine Tage zuvor aussahen?

Ich hatte einen Arbeitgeber, der mir ermöglichte, meinen Arbeitstag aufzusplitten. Das hieß: Um 7.30 Uhr zur Arbeit, mittags zweieinhalb Stunden Training, danach die Meetings und Arbeit nachholen, die man verlegt hat, um am späten Abend nochmal eine kleine Krafteinheit zu machen. Und um 22 Uhr bin ich dann ins Bett gefallen. Nach sechs Monaten habe ich gemerkt: Die mentale und körperliche Belastung ist zu hoch.

"Teilweise hatte ich montags Herzrasen, wenn ich an den Wettkampf am Samstag gedacht habe."

Du hast die Notbremse gezogen?

Man darf die mentale Belastung nicht unterschätzen. Du musst im Job performen, du musst am Wochenende performen, du hast keine Zeit für gar nichts. Teilweise hatte ich montags Herzrasen, wenn ich an den Wettkampf am Samstag gedacht habe. Da wurde mir klar: Es geht nicht. Und da ich auch Karriere machen will, wollte ich im Job nicht kürzertreten.

Also fehlt den Athlet:innen unterm Strich das Geld, um besser und konzentrierter trainieren zu können?

Die faire Bezahlung ist der Punkt. Es gibt wenig Möglichkeiten, die Bundeswehr oder für manche Kaderathlet:innen die Sportfördergruppe. Ich hätte zum Beispiel zur Polizei gehen können, aber es war klar: Da sehe ich mich beruflich nicht. Zudem müssten die Verbände viel besser zusammenarbeiten und die Vereine näher an die Schulen heranrücken. Das ganze System ist nicht für den Leistungssport gemacht.

Wie unfair findest du die Kritik, die auf die Leichtathlet:innen einprasselt?

Das geht gar nicht. Wenn ich da von der "Deutschland-Schande" lese, weiß ich auch nicht weiter. Hinzu kommen oft ganz kluge Kommentare. Auf Linkedin schrieb jemand: "Wer sich genügend anstrengend, wird auch erfolgreich und verdient Geld. Oder muss eben Fußball spielen."

Noch besser sind die, die sagen: "Was beschwerst du dich, du kannst dich mit deinem Aussehen doch super bei Instagram vermarkten und dir das so finanzieren." Mag sein, aber erstens will sich nicht jeder selbst vermarkten, auch wenn ich beispielsweise bei Instagram aktiv bin. Und: Es kann doch nicht von irgendwelchen Bikinifotos abhängen, ob ich mir meinen Sport leisten kann!

Was ist, wenn sich am deutschen System nichts ändert?

Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir da ran. Wenn wir gar nichts ändern, müssen wir uns eingestehen, dass wir nie so erfolgreich sein können, wie wir sein wollen.

EM 2024: Nach kontroversen Äußerungen – Spanien droht Konsequenzen durch Uefa

Nach dem Gewinn der Europameisterschaft hat die spanische Nationalmannschaft am Montag wieder heimisches Festland betreten. Am frühen Nachmittag landeten die Iberer in der Hauptstadt Madrid, um sich nach einem kurzen Aufenthalt im Hotel von König Felipe beglückwünschen zu lassen.

Zur Story