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Football - 2019 / 2020 Premier League - Manchester City vs. Burnley Manchester City Manager Josep Guardiola at the Etihad Stadium. COLORSPORT/LYNNE CAMERON PUBLICATIONxNOTxINxUK

Pep Guardiola, Trainer von Manchester City, in seinem Element. Der Spanier darf sich im Sommer auf die nächste Millionen-Einkaufstour freuen. Bild: imago images/Colorsport/ Lynne Cameron

Interview

Experte zu Financial Fairplay: "Mechanismus, um Wettbewerbsverhältnisse zu zementieren"

Manchester City ist mit einem himmelblauen Auge davongekommen. Am Montag hat der internationale Sportgerichtshof (Cas) die vom europäischen Fußballverband Uefa verhängte zweijährige Europapokal-Sperre gegen die Skyblues aufgehoben.

Die Richter des Cas sahen die seitens der Uefa erbrachten Beweise über Verstöße gegen das sogenannte Financial Fairplay als nicht ausreichend oder verjährt an. Von allen Seiten hagelte es Kritik für den Cas und die milde Strafe gegen den englischen Vizemeister. Viele Fans und Experten sind enttäuscht, unzufrieden, fassungslos.

Jürgen Klopp, Trainer von Liga-Konkurrent FC Liverpool, hatte die Entscheidung nur wenige Stunden später mit Sorge kommentiert: "Ich denke nicht, dass es ein guter Tag für den Fußball war". Auch Trainerkollege José Mourinho hatte die Aufhebung des Zwei-Jahres-Banns von City für die Champions League als "Desaster" bezeichnet. Der Tottenham-Coach sieht das Financial Fairplay ausgehöhlt: "Die Zirkustür ist offen."

Was ist Financial Fairplay?

Das Regelwerk gibt es seit dem Jahr 2013. Es besagt, dass Fußballklubs nicht mehr Geld ausgeben dürfen, als sie einnehmen. Laut Uefa soll das helfen, dass Klubs nicht in finanzielle Nöte kommen.

Auch die Tatsache, dass ManCity statt 30 Millionen nur noch zehn Millionen Euro wegen mangelnder Kooperation im Verfahren zahlen muss, verstärkte die verheerende Wirkung für die Uefa. Die Summe wirkt im Vergleich zu den finanziellen Sphären, in denen City sich bewegt, verschwindend gering.

Christoph Kaserer kennt sich gut aus mit dem Financial Fairplay. Er ist Finanzexperte, lehrt an der Technischen Universität München. Gemeinsam mit Stephan Birkhäuser und Daniel Urban veröffentlichte er im Jahr 2019 eine Studie, die zu dem Schluss kam, dass die Ungleichheit zwischen kleinen und großen Vereinen in den fünf größten europäischen Ligen durch das Financial Fairplay eher noch größer geworden ist.

Wir haben mit Christoph Kaserer über seine Einschätzungen zum Urteil, den Mechanismus Financial Fairplay und mögliche Alternativen gesprochen.

Das Cas-Urteil zu Manchester City verstärke das Ergebnis seiner Studie nochmal:

"Die Großen werden geschützt – und sie müssen sich nicht einmal an die Regeln halten."

Prof. Dr. Christoph Kaserer, TU München.

Bildnummer: 52479805  Datum: 31.03.2008  Copyright: imago/Hoffmann
Christoph Kaserer (Dekan Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät Technische Universität München) anlässlich der Tage der Fernsehkritik in Mainz, Personen , Nachdenklichkeit; 2008, Mainz, TV, , Wissenschaft, Wirtschaftswissenschaften; , hoch, Kbdig, Einzelbild, close, Randbild, People, Universität, Bildung

Prof. Dr. Christoph Kaserer (2008). imago images

watson: Herr Kaserer, Sie sagten schon im Februar in einem Interview mit der "Deutschen Welle", dass sie ein großes Fragezeichen dahinter setzen würden, dass die Strafe für Manchester City vor dem internationalen Sportgerichtshof Cas Bestand haben wird – Warum dachten Sie das bereits vor einem halben Jahr?

Christoph Kaserer: Ich bin mit den juristischen Details dieses Falles nicht vertraut, ich verfolge ihn auch nur in der Presse. Ein zentraler Vorwurf der Uefa scheint gewesen zu sein, dass überhöhte Sponsoring-Einnahmen ausgewiesen wurden. Jeder, der sich ein bisschen mit der Frage beschäftigt, was angemessene Preise für Sponsoring sind, weiß, dass es da einen großen Interpretationsspielraum gibt. Deswegen hatte ich schon im Februar große Bedenken, dass man in der Lage sein wird, dafür gerichtsfeste Beweise vorzulegen.

Sie sagten damals auch, dass sie die Bestrafung für ManCity völlig richtig fänden. Wie bewerten Sie das Cas-Urteil nun? Wurde das Financial Fairplay (FFP) hier ad absurdum geführt?

Ja, es gibt dabei zwei Aspekte. Der eine ist der, dass das Urteil zeigt, wie schwierig die Durchsetzbarkeit der FFP-Regeln ist. Das ist immer ein Problem, wenn man weiche, interpretationsfähige Regeln hat, die zu harten Konsequenzen führen. Das Urteil zeigt nun, dass die Regeln nicht so klar sind, dass man sie gerichtsfest machen kann. Der zweite Aspekt: Man muss sich wundern, wie es so weit kommen konnte. Denn ein weiterer Grund, warum der Cas ManCitys Europapokal-Sperre für ungültig erklärt hat, ist wohl, dass es zu einer Verjährung gekommen ist. Das ist etwas, was die Uefa und die zuständige Finanzkontrollkommission eigentlich vorher hätte erkennen können. Warum konnte das nicht vermieden werden?

Christoph Kaserer (*1963) ist Professor an der Technischen Universität München, Fakultät Wirtschaftswissenschaften, und forscht auf dem Gebiet der Unternehmensfinanzierung, Kapitalmärkte und Finanzintermediation. Nach einem Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien (1988), promovierte (1992) und habilitierte (1998) er sich an der Universität Würzburg. Im Jahr 1999 folgte er einem Ruf auf einen Lehrstuhl für Finanzmanagement und Rechnungswesen an der Université de Fribourg. Von 2005 bis 2010 war er Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Technischen Universität München.

Das Urteil wirkt wie eine Niederlage des Konzepts FFP, wie ein Zeichen, dass sich niemand an die Regeln halten muss. Muss die Uefa ihr Konzept überdenken? Oder ist es gar gescheitert?

Es gibt zwei Überlegungen, die man daraus ableiten kann. Die eine wäre, sich ganz ernsthaft die Frage zu stellen, ob man bei der Uefa professionell genug aufgestellt ist, die Einhaltung der Regeln durchzusetzen. Da habe ich gewisse Zweifel. Auch deswegen, weil es bis vor kurzem nicht den politischen Willen bei der Uefa gegeben hat, das FFP durchzusetzen. Man muss sich im Klaren sein, dass es bei der Komplexität der Regeln auch einen professionellen Stab von gut ausgebildeten Leuten geben muss, die die Einhaltung kontrollieren. Das scheint mir bei der Uefa aktuell nicht unbedingt gegeben zu sein. Die zweite Frage ist, ob man, selbst wenn man eine professionell aufgestellte Kontrollbehörde hätte, tatsächlich in der Lage wäre, diese Regeln effektiv umzusetzen. Da habe ich große Bedenken. Man sollte dieses Urteil jetzt zum Anlass nehmen, mal darüber zu diskutieren, ob es nicht Alternativen zu diesem FFP gibt.

Was wären denn Alternativen? Wie könnte man das FFP reformieren?

Man kann immer über Details reden. Offensichtlich war ja ein Problem in der ganzen Untersuchung die mangelnde Kooperationsbereitschaft des Klubs. Das hat dann wohl auch dazu geführt, dass das Verfahren so sehr in die Länge gezogen wurde, und dann auch Dinge verjährt sind. Das wäre etwas, was man mit einer Regelreform härter durchsetzen und beheben hätte können. Am Ende glaube ich, muss man sich beim FFP aber darüber im Klaren sein, dass das dahinterstehende Konzept, dass ein Klub nicht mehr ausgeben als er einnehmen darf, sehr schwer umzusetzen ist. Weil die Frage, was Einnahmen und was verdeckte Kapitaleinlagen sind, einfach schwer zu beantworten ist.

Glauben Sie, dass in anderen Klubs ähnliche Dinge passieren wie im Fall von ManCity?

Ja. Davon würde ich ausgehen. Wenn man weiche Regeln mit harten Konsequenzen verknüpft, gibt es immer den Anreiz das zu umgehen. Denn die Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden, ist dann relativ klein. Und die Gefahr, dass so etwas passiert, ist überall dort besonders groß, wo es eine Nähe zwischen Sponsoren, Investoren und Fußballklub gibt. Da fallen mir eine ganze Reihe von Klubs ein, auf die das zutrifft. Auch in der Bundesliga gibt es Beispiele für eine solche Nähe. Man sollte das also realistisch sehen: FFP-Verstöße wird es nicht nur bei ManCity gegeben haben.

Manchester City: Scheich-Klub seit 2008

Scheich Mansour Bin Zayed Al Nahyan, 49, kaufte Manchester City im Jahr 2008. Er ist Mitglied der Herrscherfamilie von Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Die Anteile der Manchester City Football Club Limited werden vollständig von der City Football Group gehalten. An dieser sind die Abu Dhabi United Group Investment & Development Limited zu 86,21 Prozent und die China Media Capital Football Holdings Limited zu 13,79 Prozent beteiligt.

Seit der Übernahme aus den Emiraten verbuchte der Klub mehr als 1,6 Milliarden an Transferausgaben.

"Das FFP ist ein Mechanismus, um Wettbewerbsverhältnisse zu zementieren und es den neuen Wettbewerbern schwerer zu machen, in den Markt zu kommen."

Wären in anderen Wirtschaftsbereichen bei solchen Verdachtsmomenten schon personelle Konsequenzen gezogen worden?

In der Wirtschaft wäre der Skandal sicherlich viel größer. Im Fußball wird der Verstoß gegen FFP-Regeln eher als Kavaliersdelikt angesehen. Es gibt sozusagen keinen moralischen Imperativ, sich an diese Regeln zu halten. Das ist auch der Grund, warum es nicht zu personellen Konsequenzen kommt. Das ist schade. Das wäre eine Möglichkeit gewesen, seitens der Klubs einen stärkeren Druck auf das Management auszuüben. Vermutlich will man das aber gar nicht.

Gibt es in anderen Wirtschaftsbereichen denn eigentlich so etwas wie Financial Fairplay?

Nein, das gibt es nicht. Und darüber sollte man auch mal nachdenken. Dafür gibt es ja gute Gründe. In der Wirtschaft wollen wir ja, dass neue Wettbewerber an den Markt kommen, um den Etablierten Konkurrenz zu machen. Das wirkt sich positiv auf Preise und Qualität aus. Letztlich muss man sich darüber im Klaren sein, dass das FFP ein Mechanismus ist, um die Wettbewerbsverhältnisse zu zementieren und es den neuen Wettbewerbern schwerer zu machen, in den Markt zu kommen.

Das ist auch eines der Ergebnisse ihrer 2019 erschienenen FFP-Studie. Da kamen Sie zu dem Schluss, dass das FFP kontraproduktiv sei, weil es kleinere Vereine eher benachteilige als fördere. Können Sie das erklären?

Genau. Es gibt den Befund, dass die Ungleichheit in allen europäischen Ligen immer größer wird. Es gibt in diesen Wettbewerben jeweils eine kleine Gruppe, meistens gar nur zwei Klubs, die die Meisterschaft unter sich ausmachen – und es gibt den großen Rest. Das kann man an den vergebenen Punkten messen und an deren Verteilung, die über die Jahre immer ungleicher geworden ist. Daran ist nicht nur das FFP Schuld. Aber den Trend dieser zunehmenden Ungleichheit hat es nochmal verstärkt. Es führt dazu, dass Wettbewerb von unten immer schwieriger wird. Wenn ich einem kleinen Klub sage, du darfst nur so viel ausgeben, wie du einnimmst, wird es für ihn viel schwieriger, etwas aufzubauen, um den Großen Konkurrenz zu machen. Dafür müsste der kleine Klub groß investieren, er darf das aber im Sinne des FFP nur in einem sehr kleinen Rahmen. Natürlich war das immer schon schwierig für kleine Klubs, durch das FFP ist es aber noch schwieriger geworden.

Fühlen Sie sich durch die aktuelle Entwicklung des ManCity-Urteils in Ihrer Studie nochmal bestätigt?

Nein, die Studie hat sich ja damit beschäftigt, ob das FFP das gesetzte Ziel eines ausgeglichenen Wettbewerbs erreicht hat. Das Gegenteil ist aber der Fall. Eine Interpretation des aktuellen Urteils – um es mit meiner Studie in Zusammenhang zu bringen – ist, dass es zwar das FFP gibt, aber nur bei den kleinen und nicht bei den großen Klubs durchgesetzt wird. Das würde dann das Studienergebnis nochmal verstärken: Die Großen werden geschützt und müssen sich nicht einmal an die Regeln halten.

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