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Mats Hummels. Bild: imago images/Pressefoto Baumann

Meinung

Nach Süle-Verletzung: Löw wird Hummels nicht zurückholen – zu Recht

Am 12. Juni 2020 startet die Europameisterschaft. Niklas Süle, designierter Abwehrboss der Nationalelf, hat sich im Oktober, 237 Tage vor dem EM-Start, im Bundesligaspiel des FC Bayern gegen den FC Augsburg das vordere Kreuzband im linken Knie gerissen. Die Ausfallzeit bei dieser Verletzung dauert, das hat die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) mal untersucht, bei Fußballspielern durchschnittlich 244 Tage.

Ob Süle bis zur EM fit werden wird? Es wird knapp. Zumal es bereits sein zweiter Kreuzbandriss im gleichen Knie ist, eine Verletzung, die schon viele Fußballerkarrieren zerstört hat.

Nach Ansicht von Uli Hoeneß muss sich Jogi Löw einen neuen Innenverteidiger für die Europameisterschaft suchen, denn das Turnier sei für Süle "ad acta gelegt, die können Sie total vergessen", sagte der Vereinspräsident des FC Bayern ein paar Tage nach der Verletzung des Spielers.

Viele Experten und noch mehr Fans fordern deshalb die Rückkehr von Mats Hummels in die Nationalelf.

Unter anderem Steffen Freund, Ex-Profi und Europameister von 1996, machte sich stark für eine Rückkehr des ausgebooteten Weltmeisters in die Nationalmannschaft: "Wenn Jogi Löw es jetzt nicht macht, bin ich riesig enttäuscht", sagte der frühere DFB-Juniorentrainer in der TV-Sendung "100 Prozent BundesligaFußball bei Nitro": "Wenn wir mit Rüdiger und Ginter in die EM gehen, können wir nicht Europameister werden."

Der übertriebene Schrei nach Hummels

Der Schrei nach Hummels, er ist verständlich. Hummels ist immer noch ein guter Innenverteidiger.

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Steffen Freund, 49, spielte unter anderem für Borussia Dortmund und Tottenham Hotspur. Für Deutschland lief er 22 Mal auf. Bild: imago images / Revierfoto

Der im Sommer vom FC Bayern München zu Borussia Dortmund zurückgekehrte Innenverteidiger hat mit seinen 30 Jahren schon so ziemlich alles in der Fußballwelt gesehen und gewonnen. Wenn er wie jetzt gerade in guter Verfassung ist, ist er ein Ass. Hummels ist abgeklärt, Hummels ist zweikampfstark, besitzt ein gutes Stellungs- und Aufbauspiel, Hummels hat Boss-Aura. Eigentlich spricht viel dafür, dass Löw mindestens eine Nacht darüber schlafen sollte, den BVB-Profi nicht doch nochmal in den DFB-Kader zu berufen.

Aber der Schrei nach Hummels ist übertrieben.

Die Verantwortlichen bei Borussia Dortmund, Michael Zorc und Hans-Joachim Watzke, versuchen schon seit einiger Zeit, "ihren" Hummels mit öffentlichen Huldigungen wieder ins Nationalteam zu reden. Kein Wunder, das ist auch ihr gutes Recht. Aber, dass auch Außenstehende, Experten und Journalisten behaupten, dass Hummels überragend spiele und unbedingt zurück in die Nationalelf müsse, ist Quatsch.

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Fuß vor! Hummels luchst Messi den Ball ab. Bild: imago images/Nordphoto/mauelshagen

Ja, Hummels hat im Champions-League-Spiel gegen den FC Barcelona alle seine Zweikämpfe gewonnen, das war grandios. Griezmann, Suárez und der später eingewechselte Messi, sie alle prallten an Hummels ab. Aber: Er ist nicht schneller geworden. Die Duelle gegen die Stars aus Barcelona gewann er allesamt durch sein cleveres Verhalten im Duell Mann gegen Mann oder sein gutes Stellungsspiel. Jogi Löw braucht hinter seiner Highspeed-Offensive um Serge Gnabry, – und hoffentlich bald auch wieder Leroy Sané, der ebenfalls an einer Kreuzbandverletzung laboriert – eben auch eine Highspeed-Defensive, die schnell umschalten können muss. Betonung liegt auf schnell.

Löw braucht Hummels nicht für das, was er vorhat

Deswegen wird Löw Hummels nicht zurückholen. Denn Hummels ist nicht der Innenverteidiger, den er braucht.

Gerade wenn der Bundestrainer das Team um Toni Kroos als Taktgeber im Mittelfeld plant. Kroos, allem Anschein nach bei der EM als Bindeglied zwischen Abwehr und Sturm vorgesehen, ist ebenfalls nicht der Schnellste. Das hat man bei der WM im vergangenen Jahr gesehen, da liefen Kroos, Hummels und die anderen Weltmeister von 2014 meist nur hinterher – um sich am Ende schleichend vom Turnier zu verabschieden.

Hummels selbst weiß um die Kritik. Vom "leidigen Tempo-Thema" sei er jedoch genervt, wie er mal gegenüber der "Sport Bild" sagte. In diesem Interview sagte er auch über seine Schnelligkeit, dass er wisse, kein Süle zu sein. Der Bayern-Verteidiger ist trotz seiner fast 100 Kilogramm auf 1,95 Meter ziemlich flink.

Doch nicht nur der fehlende Speed von Hummels ist der Grund, warum Löw nicht bei Hummels anrufen wird. Es gibt noch zwei weitere Gründe.

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Körpersprache: "Ick verschränk' die Arme, nenn' mich den Wandschrank" (K.I.Z., "Der durch die Tür Geher"). Bild: imago images/Hartenfelser

Erstens brächte eine Rückkehr des Dortmunders die durch den Umbruch forcierte neue Hierarchie in der Nationalelf komplett durcheinander. Löw wollte, als er Hummels, Boateng und Müller aussortierte, den jungen Spielern nicht nur mehr Chancen geben, sich sportlich zu beweisen, sondern sie auch vom Macht-Anspruch der alten Garde befreien.

Hummels' Rückkehr wäre das falsche Signal

Ja, Niklas Süle soll der neue Führungsspieler in der Abwehrkette der Nationalelf werden. Aber allen anderen, die hierarchisch auf einer Stufe mit Süle oder knapp hinter ihm stehen, jetzt einen Hummels vor die Nase zu setzen, wäre das falsche Signal.

19.11.2018, Fussball, UEFA Nations League, Saison 2018 2019, 6. Spieltag, Deutschland - Niederlande 2:2, Mats Hummels (Deutschland) DFB REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND/OR QUASI-VIDEO. *** 19 11 2018 Football UEFA Nations League Season 2018 2019 6 Matchday Germany Netherlands 2 2 Mats Hummels Germany DFB REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND OR QUASI VIDEO Team2

Werden wir nicht wieder sehen: Mats Hummels im Nationaltrikot. Bild: imago/Team 2

Zweitens ist Löw bei seinen Personalentscheidungen stur. Das sah man zuletzt während der Torwartdiskussion um Neuer und ter Stegen, aber auch daran, dass er Spieler wie Kevin Volland, die kontinuierlich gute Leistungen zeigen, gekonnt ignoriert. Hummels nach seiner Ausbootung wieder einzubooten? Das wäre untypisch für Löw. Zumal er mit Antonio Rüdiger, Matthias Ginter, Jonathan Tah, und Thilo Kehrer oder auch Niklas Stark sowie Neuling Robin Koch ausreichend Innenverteidiger im Kandidatenkreis für die Europameisterschaft hat. Zudem könnte Löw denken, dass ein Umdenken seinerseits als Schwäche angesehen wird, und dann auch andere Debatten, in denen er eine endgültige Entscheidung traf, hinterfragt werden.

Mit denen kann man vielleicht, so wie es Steffen Freund stellvertretend für viele vertritt, keine EM gewinnen. – Aber mit Hummels kann man offensichtlich auch keine WM mehr gewinnen.

Lothar Matthäus riet Löw, "wenn Mats mit dem BVB eine überragende Rückrunde spielt und der Bundestrainer vor der EM die gleiche Situation vorfindet wie aktuell", dass er zum Hörer greifen und Hummels anrufen, nominieren und mitnehmen solle.

Doch das wird nicht passieren. Erst recht nicht, sollte Süle doch noch fit werden. In spätestens 232 Tagen sind wir schlauer.

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