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BVB-Vorstand Hans-Joachim Watzke mit Moderator Jochen Breyer im "aktuellen Sportstudio" des ZDF. Bild: www.imago-images.de / Martin Hoffmann Berliner Str.31

Meinung

Profifußball hat das Privileg, weitermachen zu dürfen: Jetzt muss er Solidarität zeigen

Die Corona-Krise war ein Schock für den gesamten, milliardenschweren Profifußball in Deutschland. Trotzdem lässt sich heute sagen: Die Profiklubs hatten Glück. Mehr als der Amateurfußball oder Branchen wie Kultur und Gastronomie. Die sind jetzt auf fremde Hilfe angewiesen. Und auch der Profifußball sollte sich hier solidarisch zeigen, findet unser Autor.

Nach zwei harten Monaten der Ungewissheit folgte die Erlösung. Auf der Bundespressekonferenz Anfang Mai gab Kanzlerin Angela Merkel der Deutschen Fußball-Liga (DFL) das Go für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs noch im selben Monat. Die DFL hatte ein umfangreiches Sicherheits- und Hygienekonzept vorgelegt.

Und tatsächlich: Als erste europäische Profiliga rollte in Deutschland am 16. Mai wieder der Ball. Ohne Zuschauer, dafür mit regelmäßigen Corona-Tests für Spieler und Mitarbeiter. Dass sich die Spieler während des Kontaktsports Fußball natürlich trotzdem berühren, sei nur am Rande erwähnt.

Erleichterung auf der Chefebene der Bundesliga

Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge sah im Bundesliga-Restart Chancen: "Ich gehe davon aus, dass wir auf der ganzen Welt ein Milliardenpublikum haben werden", sagte der 64-Jährige im Mai dem Magazin "Sport Bild". Die Entscheidung sei Werbung für den deutschen Profifußball, "für das ganze Land und insbesondere für die deutsche Politik, die das mit ihrem sehr guten Vorgehen erst ermöglicht" habe, sagte Rummenigge.

Auch BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke war froh über die Nachricht. Er war beteiligt an der Ausarbeitung des 41-seitigen Hygienekonzepts. Zu diesem Zeitpunkt legte er großen Wert darauf, dass der Fußball sich nicht in den Vordergrund drängt. "Wir unterwerfen uns komplett der Politik", sagte Watzke im April im ZDF bei "Markus Lanz".

Doch in Wirklichkeit drängten die Verantwortlichen auf einen erneuten Anpfiff in der Bundesliga. Watzke hatte mehrfach öffentlich die Wichtigkeit eines baldigen Restarts betont. "Ob wir am 9. Mai oder am 16. Mai spielen, die Situation ist die gleiche. Jede Woche später wird kritisch." Die Nachricht war eindeutig: Der Ball muss so schnell wie möglich wieder rollen, sonst "säuft die ganze Bundesliga ab". Ganz nach dem Motto: Wenn ihr uns nicht spielen lasst, sterben wir. Aber bloß keinen Stress.

Amateurfußball, Kultur und Gastronomie akut bedroht

Aber was wird aus den Amateurfußballern, den Kulturschaffenden und den Gastronomen? Der Reihe nach.

Der Amateurfußball und die Corona-Krise

Die Corona-Krise hat den Amateurfußball vor große Herausforderungen gestellt. Denn während Profiklubs und Halbprofiklubs Zugang zu einem 200 Millionen Euro schweren Hilfspaket der Bundesregierung haben, haben Amateure existenzielle Sorgen.

Die lokalen Wettbewerbe, das Training und die Abläufe in den Vereinen waren im Sommer gerade wieder ins Rollen gekommen, jetzt müssen sie schon wieder ruhen. Das schmerzt, vor allem finanziell. Der "Tagesschau" erklärte ein Amateursportverein aus Karlsruhe beispielsweise, dass ausbleibende Ticketverkäufe "pro Spiel ein Verlust von mehreren Tausend Euro" bedeuten. Für einen kleinen Verein kann das die Insolvenz bedeuten.

Eine andere, weniger beachtete Sorge vieler Amateurklubs ist natürlich Mitgliederverlust. Immerhin zahlen Vereinsmitglieder einen monatlichen oder jährlichen Beitrag. Und nicht jede Person hat so viel Geld, dass sie in Corona-Zeiten für einen Verein bezahlen kann, in dem nicht gespielt oder trainiert werden darf.

2013 fuhr der DFB eine großspurige Kampagne mit dem Motto: "Unsere Amateure. Echte Profis." Die Kampagne soll eine Würdigung aller ehrenamtlichen Mitglieder im deutschen Amateurfußball sein. Die Kernaussage: Ohne die Amateure könnte der Ball in Deutschland nicht rollen. Wo ist der Profifußball jetzt, wenn die Amateure vor einer scheinbar aussichtslosen Krise stehen? Sind die Amateure immer noch "echte Profis", wenn es drauf ankommt?

Warum die Profis weitermachen dürfen, die Amateure aber nicht, das ist simpel. Watzke erklärte, dass es rein wirtschaftliche Gründe hat: "Weil die Spieler bei uns ihrer Arbeit nachgehen, das ist der Unterschied. Das ist ein Wirtschaftszweig – und genau wie VW die Arbeit wieder aufnimmt, muss der Fußball wieder die Möglichkeit haben".

Harte Worte für Amateurvereine, – die "echten Profis" – wenn sie sich darum sorgen, ob es sie nach der Krise noch geben wird. Doch die Bundesregierung scheint das Argument zu überzeugen: Vom 1. September an gleicht man den Ausfall von Einnahmen durch Ticketverkäufe bei Profiklubs mit bis zu 800.000 Euro aus, berichtet die "FAZ". Die Finanzspritzen gehen an die Vereine, denen für die Saison 2020/21 Einnahmen durch Fernsehgelder in Höhe von insgesamt 992 Millionen prognostiziert werden. Wir reden von den 18 Vereinen der ersten Bundesliga.

Wie der Amateursport haben auch Kultur und Gastronomie aktuell große Probleme

Haben nur die Hobby-Sportler diese Probleme? Definitiv nicht. Weitere Branchen, die sich nach den strengen Maßnahmen im März existenzielle Fragen stellen mussten, waren die Gastronomie und die Kulturbranche. Während sich viele Bars, Restaurants, Museen, Kinos und andere Kultureinrichtungen durch die Lockerungen im Frühling und Sommer gerade so über Wasser halten konnten, hatten vor allem die wirtschaftlich wichtigen Musikveranstaltungen auch im Sommer kaum Entlastung. Die machten zum Beispiel im Jahr 2017 über 70 Prozent des Umsatzes des gesamten Musikmarktes in Deutschland aus. Dabei kamen allein Festivals auf einen Umsatz von rund 400 Millionen Euro. Wirtschaftlich irrelevant sieht anders aus.

Dass es in Zeiten von Corona völlig realitätsfern ist, Festivals und Konzerte mit teilweise zehntausenden Besuchern zuzulassen, steht außer Frage. Das ist ja auch beim Fußball nicht anders. Doch die Einnahmen, die die Kultur und Gastronomie so dringend bräuchten, fallen durch den von der Bundesregierung ausgerufenen "Lockdown Light" im November komplett flach.

Der Profifußball dagegen, ein "Wirtschaftszweig wie VW", darf trotzdem weitermachen, damit der Betrieb aufrechterhalten werden kann. Glück für die Branche, dass sie auch ohne die körperliche Anwesenheit von Fans funktioniert.

Selbiges können Musiker, Comedians und andere Künstler, die auf Live-Auftritte angewiesen sind, nicht behaupten – genauso wenig wie Amateurvereine. Es gilt für sie: Alarmstufe Rot.

Am Dienstag hat die Bundesregierung ein "Rettungs- und Zukunftsprogramm für das kulturelle Leben in Deutschland" unter dem Namen "Neustart Kultur" präsentiert. Die Stimmen aus der Kulturszene waren nach neuen Maßnahmen für den November immer lauter geworden. Viele hatten in umfangreiche Sicherheitskonzepte investiert und fühlen sich jetzt ungerecht behandelt. Das rund eine Milliarde Euro schwere Programm zeigt zumindest, dass die Bundesregierung reagiert. Es gebe aber mehr Verlierer als Gewinner, schreibt beispielsweise der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Anfang der Woche in einer Mitteilung.

Liebe Profis, bitte helft der Kultur, der Gastronomie und dem Amateurfußball!

Hier könnte der deutsche Profifußball wieder ins Spiel kommen. Der Vorschlag an Spieler und Vereine: Helft, zeigt Solidarität.

Es wäre doch ein großartiges Zeichen, wenn der deutsche Profifußball signalisiert, dass er sich, sobald er über den Berg ist, nicht nur um sich selbst schert. Es braucht Kooperationen und Spenden, um die blutende Kulturbranche zu retten. Es braucht sehr viel Geld, um die vielen Restaurants, Cafés und Bars zu retten, die nun erneut komplett auf ihre Einnahmen verzichten müssen. Und es braucht ein Zeichen in Richtung an die Basis: die Amateure. Die Jugendarbeit in lokalen Vereinen ist für den deutschen Profifußball sehr wichtig. Es wird Zeit für die Profis, den Amateuren zu zeigen, wie wichtig sie sind.

Ja, auch die Profifußballbranche hat in Corona-Zeiten gelitten, wie die meisten Branchen. Der Unterschied ist, dass auch wenn die Verluste immens sind, sind sie nicht existenzbedrohend. Bei Borussia Dortmund beläuft sich das Minus im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2020/21 auf rund 35,8 Millionen Euro, wie aus dem vorläufigen Konzernbericht hervorgeht. Das Ergebnis zeigt nämlich ebenfalls: Der BVB hatte eine Fallhöhe von 112,4 Millionen Euro. Diesen Umsatz verzeichnete der Verein im gleichen Zeitraum vor einem Jahr.

An dieser Stelle sei betont, dass sich diese Aufforderung nicht nur an die Vereine und Institutionen richtet. Im Durchschnitt verdient ein Bundesliga-Profi 30.000 Euro im Monat. Damit kommt er auf ein Jahresgehalt von 360.000 Euro.

In den Bundesliga-Topklubs denkt man aber noch in ganz anderen Größenordnungen. Bei den Vertragsverhandlungen zwischen David Alaba und dem FC Bayern stand ein Jahresgehalt von rund 20 Millionen Euro im Raum. Anders formuliert geht es hier um über 50.000 Euro am Tag. Was Spieler wie Lewandowski, Neuer und vielleicht bald Alaba also am Tag verdienen, könnte lokalen Kultureinrichtungen, wie Theatern, Opernhäusern oder Kino enorm helfen, die einkommensfreie Zeit zu überbrücken.

Profisportler könnten sich an Spielern wie den Bayern-Stars Leon Goretzka und Joshua Kimmich ein Beispiel nehmen. Sie haben die Initiative "We Kick Corona" in Leben gerufen. Sie unterstützt 500 karitative Projekte an Tafeln, in Krankenhäusern oder mit Obdachlosen. Goretzka und Kimmich selbst haben auf der Plattform eine Millionen Euro gespendet. Oder Teamkollege Serge Gnabry: Der unterstützt die Initiative "Common Goal", bei der Fußballprofis ein Prozent ihres Gehalts weltweit an soziale Projekte mit Fußballbezug spenden.

Warum nicht als Profifußballer oder Klub eine ähnliche Initiative für Kultur, für Gastronomie oder den Amateursport starten? Es wäre ein tolles Zeichen. Und es wäre eine Investition in ein besseres Image, das in den Augen vieler Leute Kratzer bekommen hat, die nicht nachvollziehen können, warum die Profis wichtiger scheinen als der Rest.

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