Thomas Müller (l.) wurde von Jogi Löw (r.) zuletzt 2018 für die DFB-Elf nominiert.
Thomas Müller (l.) wurde von Jogi Löw (r.) zuletzt 2018 für die DFB-Elf nominiert.
Bild: SVEN SIMON / FrankHoermann/SVEN SIMON
Meinung

Mit Thomas Müller wird nicht alles besser: Vor dieses Problem stellt er Jogi Löw

20.05.2021, 16:30

Auch Thomas Müller gehört nun wieder zum DFB-Team. Im November 2018 gegen die Niederlande absolvierte Müller sein 100. und auch vorerst letztes Länderspiel. Vier Monate später folgte die damals unerwartete Ausbootung durch Löw. Während Müllers zweijähriger Abwesenheit hat es die junge und neu formierte DFB-Elf aber nicht geschafft, mit berauschenden Offensivauftritten eine Euphorie im Team und im Land zu entfachen.

Die Zeit des Umbruchs und der Experimente ist mit der Rückkehr von Thomas Müller vorbei. Für Jogi Löw zählt jetzt nur noch der Erfolg.

Sportlich gesehen steht es außer Frage, dass Joachim Löw Thomas Müller nach seinen elf Toren und 18 Vorlagen in der Bundesliga zur Europameisterschaft mitnehmen muss. Und eigentlich ist es auch keine Option, dass er den Weltmeister von 2014 nur für die gute Stimmung für die Endrunde nominiert, ihn aber ansonsten auf der Bank lässt. Müller hat eine Startelf-Garantie.

"Ich habe Lust, im Sommer nach Titeln zu jagen", sagte er kürzlich. Doch die Nominierung des Bayern-Stars könnte auch ein ganz großes Problem verursachen.

Denn die große Frage ist: Wo lässt Jogi Löw Thomas Müller spielen? Wenn der Bundestrainer weiterhin auf sein 4-3-3-System vertraut, dann gibt es eigentlich keine Position für den Münchner.

Müllers Position gibt es im System von Löw nicht

Eine genaue Positionsbeschreibung für Thomas Müller gibt es nicht. Er bewegt sich am liebsten und effektivsten im Raum hinter einem Stürmer, manchmal auch auf einer Höhe zwischen den Außenspielern und immer auch ein Stück vor den zentralen Mittelfeldspielern. Müller ist immer irgendwo im vorderen Angriffsdrittel zu finden. Eine Variabilität, die sein Spiel so unberechenbar und gefährlich macht, aber im Spiel von Jogi Löw in der Vergangenheit nicht vorgesehen war.

In das bestehende System lässt er sich zwar pressen, doch seine Stärken werden dabei nicht so klar zum Vorschein kommen. Als rechter Angreifer der offensiven Dreierreihe fehlt Müller die Schnelligkeit, zumal er sich ein Duell mit Teamkollege Serge Gnabry liefern müsste. Und der ist bei Löw unangefochtener Stammspieler. Auch wenn Gnabry schon unter Beweis gestellt hat, dass er auch im Sturmzentrum agieren kann und somit für Thomas Müller Platz auf der rechten Seite wäre.

Neben Thomas Müller (l.) könnte mit Mats Hummels (r.) ein weiterer Routinier sein Comeback im DFB-Team feiern.
Neben Thomas Müller (l.) könnte mit Mats Hummels (r.) ein weiterer Routinier sein Comeback im DFB-Team feiern.
Bild: Sven Simon / Anke Waelischmiller/SVEN SIMON

Die Position als vorderster Angreifer kann Müller auch bekleiden, jedoch lange nicht auf dem Niveau wie die Position hinter einer Sturmspitze. Beim FC Bayern gab es auch in diesem Jahr bereits Spiele, in denen der 31-Jährige im zentralen Mittelfeld aushelfen musste, doch das ist in der Nationalmannschaft keine Option. Schließlich ist das DFB-Team im Zentrum am stärksten besetzt.

Allein İlkay Gündoğan, Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Toni Kroos duellieren sich um die drei Plätze im Mittelfeld. Kroos ist beim 61-jährigen Bundestrainer gesetzt und auch Kimmich spielt eigentlich immer. Kommt Müller ins Team, müsste Goretzka, der die dringend nötige Dynamik und Wucht mitbringt, weichen. Und auch Gündogan, der die komplette Saison bei Manchester City auf einem Weltklasse-Niveau agiert hat, würde seinen Platz in der Startelf verlieren. Dem Bundestrainer könnte bei dieser Entscheidung aber in die Karten spielen, dass Goretzka noch mit einem Muskelfaserriss ausfällt und zu Turnierbeginn nicht zu 100 Prozent fit sein wird.

Mit Müller wird nicht alles auf Anhieb besser

Mit der Rückkehr von Müller erwarten viele auch, dass die Mannschaft auf Anhieb wieder funktioniert. Müller, der während eines jeden Bayern-Spiels 90 Minuten mit Anweisungen und Kommentaren zu hören ist, soll der jungen, verunsicherten Mannschaft neues Leben einhauchen und Sicherheit geben.

Klar, der Offensivspieler wird mit seinen unkonventionellen Laufwegen die ein oder andere Lücke in die gegnerischen Abwehrreihen reißen, die die schnellen Spieler wie Sané, Gnabry, Havertz oder Werner nutzen können. Doch auch er ist kein Einzelkönner, der in engen Situationen gegen tief stehende Mannschaften die nötigen Eins-gegen-Eins-Duelle gewinnt und für kreative Überraschungsmomente sorgt. Denn gerade dann tut sich die DFB-Elf besonders schwer und findet zu selten Lösungen.

Zumal im deutschen Spiel die inkonstante Offensive um Sané, Gnabry, Havertz und Werner gar nicht das größte Problem ist, sondern vielmehr die komplett instabile Defensive. Allein in den vergangenen sechs Spielen gab es zwölf Gegentore. Die Abwehr wirkt häufig unorganisiert, orientierungslos und ist nicht selten einen Schritt zu spät.

Dagegen könnte Löw einen Platz im Mittelfeld freiräumen und der Defensive einen Tick mehr Erfahrung verleihen, indem er Joshua Kimmich, wie schon bei der WM 2018, wieder als Rechtsverteidiger auflaufen lässt. Mit Antonio Rüdiger gibt es aktuell wohl nur einen deutschen Verteidiger, der in absoluter Top-Form ist und für defensive Stabilität sorgen kann.

Doch auch hier hofft Jogi Löw mit der Rückholaktion von Mats Hummels auf den Effekt eines Routiniers.

Damit Müllers Stärken aber voll zur Entfaltung kommen und er einen entscheidenden Einfluss auf das Spiel des DFB-Teams nehmen kann, wird Jogi Löw sein Spielsystem wohl ändern müssen. Doch das ist ebenso eine schwierige und gefährliche Aufgabe, denn nur knapp zwei Wochen Vorbereitungszeit und lediglich zwei Testspiele geben Löw nur wenig Zeit für Experimente.

Aber die Zeit des Umbruchs und der Experimente ist mit der Rückkehr von Thomas Müller (und wahrscheinlich Mats Hummels) sowieso vorbei. Für Jogi Löw zählt jetzt nur noch der Erfolg – egal wie und mit welchem System.

Meinung

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