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Olympia 24: Diskuswerferin Kristin Pudenz beschreibt Probleme im Leistungssport

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Kristin Pudenz holte 2021 in Tokio Silber und hat schon die Norm für Paris 2024 geschafft.Bild: Imago Images / Chai v.d. Laage
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Olympia 2024: Kristin Pudenz – zwischen Vanlife und Medaillen-Hoffnung

Noch dauert es einige Monate, bis die Olympischen Spiele in Paris beginnen. Watson hat bei Deutschlands Top-Athlet:innen nachgefragt, wie die Vorbereitung läuft. Heute: Diskuswerferin Kristin Pudenz.
16.11.2023, 08:1208.04.2024, 09:56
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Nach dem letzten Wurf fingen die Tränen an zu kullern. Der Diskus flog ins Netz. Der letzte Versuch war ungültig. Trotzdem waren es keine Tränen der Enttäuschung, die Kristin Pudenz Anfang August 2021 in Tokio vergoss. Es waren Tränen der Freude. Sie hatte gerade bei ihren ersten Olympischen Spielen die Silbermedaille gewonnen.

Schon vor dem letzten Wurf konnte sie den zweiten Platz nicht mehr verlieren. Weil der Diskus ins Abfangnetz flog, wurde sie aber auch nicht mehr zur Gefahr für Valarie Allman, die im Anschluss die Gold-Medaille feierte. Als "unglaublich" bezeichnete Pudenz damals ihre Silbermedaille. Vor allem, weil ihr eigentliches Ziel die Top 8 war. Auch etwas mehr als zwei Jahre später ist sie stolz auf ihren Erfolg.

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Obwohl es da eine Sache gibt, an die sie in Verbindung mit den Spielen in Tokio nicht gerne erinnert werden will. "Oft fragen Leute, was ich von Tokio gesehen habe. Das ist immer etwas schade, weil die Stadt während der Olympiade wegen Corona total abgeschottet war und wir von der Kultur und dem Land nichts sehen konnten", erklärt Pudenz im Gespräch mit watson.

Die von Olympia-Gründervater Pierre de Coubertin geforderte Grundidee des kulturellen Austauschs fand 2021 lediglich im Olympischen Dorf statt. Trotzdem will Pudenz ihre Tokio-Erfahrung nachholen. 2025 findet die Leichtathletik-WM in der Hauptstadt Japans statt. Wenn alles gut läuft, ist sie dabei.

Vorher steht mit den Olympischen Spielen 2024 in Paris aber noch ein weiteres Highlight an. Die Olympianorm hat sie bereits geschafft, weil aber nur drei Athletinnen einer Nation starten dürfen, muss sie im kommenden Frühjahr zeigen, dass sie zu den besten Deutschen gehört.

"Es wären komplett andere Olympische Spiele als in Tokio. Damals waren es meine ersten Spiele, weshalb ich es noch gar nicht kenne, mit Zuschauern, Fans und dem berühmt-berüchtigten Deutschen Haus, das es in Tokio auch nicht gab", schildert Pudenz ihre Vorfreude.

Olympia 2024: Kristin Pudenz will sich Rugby-Wettbewerb angucken

Insbesondere eine Sache hat sie sich vorgenommen. "In Paris freue ich mich auch darauf, andere Sportarten kennenzulernen", schwärmt sie jetzt schon. Dabei hat sie eine Disziplin ganz besonders im Visier: "Ich habe im Fernsehen zuletzt sehr oft die Rugby-WM verfolgt und bei Olympia gibt es Siebener-Rugby. Das würde ich mir auf jeden Fall live angucken. Ich finde es faszinierend, wie die sich gegenseitig zu Boden bringen, aber dennoch im sportlichen Wettkampf sind."

"Oft reise ich von Wettkampf zu Wettkampf und bin froh, wenn ich mal ein freies Wochenende habe, um die Füße hochzulegen oder an einen See zu fahren."

Damit sie sich ihren Traum von ihrer zweiten Olympia-Teilnahme erfüllen kann, muss sie einen Weg bestreiten, der für viele Leistungssportler bekannt und beschwerlich ist. Sie kann zwar hauptsächlich ihrem liebsten Sport nachgehen, muss aber auch damit klarkommen, dass die Zeit mit Freunden und der Familie vor allem im Sommer, dann, wenn die Leichtathletik-Saison ihren Höhepunkt hat, eingeschränkt ist.

"Oft reise ich von Wettkampf zu Wettkampf und bin froh, wenn ich mal ein freies Wochenende habe, um die Füße hochzulegen oder an einen See zu fahren", erklärt sie den Ablauf ihres Sommers.

Es sei schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen. Eine Hochzeit von einem befreundeten Pärchen musste sie sogar schon absagen. "Das sind Punkte, bei denen es schade ist, dass ich diese Ereignisse nicht miterleben kann", stellt sie fest und sagt aber auch klar, dass sich der Sport und die eingebüßte Zeit mit Freunden und der Familie noch sehr gut aufwiegen würden: "Wenn aber irgendwann der Punkt kommt, an dem ich mehr Zeit mit Freunden verbringen will, dann ist der Sport nicht mehr das Richtige."

Unter der fehlenden Zeit leidet auch eine ganz besondere Leidenschaft von Pudenz: Gemeinsam mit ihrem Freund hat sie einen alten Feuerwehr-Bus ausgebaut. "Also besser gesagt: Er hat ausgebaut und ich die Anweisungen gegeben", ergänzte sie schmunzelnd im Gespräch mit watson.

Beide genießen es, mit dem umgebauten Van durch Europa zu reisen. Das Lieblings-Ziel: Norwegen. Bei den Van-Trips schätze sie besonders die Natur und die Tatsache, dass in Skandinavien auch erlaubt sei, frei zu stehen, wo man wolle. "Es ist super, dass wir einfach entscheiden können, wo wir den Bus parken, oft mitten in der Natur, mit einer schönen Aussicht."

Einen Haken gibt es allerdings trotzdem: "Bedingt durch die Saison ist es aber schwierig den Van zu nutzen." In diesem Jahr hatte sie erst ab Oktober frei. "Da kann es sein, dass das Wetter nicht so mitspielt. Es ist auf jeden Fall ein Traum, längere Zeit mit dem Bus wohin zu fahren."

Olympia-Hoffnung: Kristin Pudenz erklärt Vorteil von Studium bei Polizei

Die Urlaubsplanung von Pudenz wird vielen Spitzensportler:innen in Deutschland bekannt vorkommen. Es ist aber nicht die einzige Einschränkung. Neben den zeitlichen Einbußen kommt auch hinzu, dass viele eine finanzielle Unsicherheit mit sich tragen. Sie machen Leistungs-, aber eben keinen Profisport und sind von Fördermitteln abhängig.

Pudenz ist deshalb 2020 von der Bundeswehr zur Landespolizei Brandenburg gewechselt. Dort kann sie ein Studium zum gehobenen Dienst machen und sich auf ihren Sport fokussieren, sie ist Kommissaranwärterin. Das eigentlich dreijährige Studium ist für sie und neun weitere Leistungssportler:innen auf fünf Jahre gestreckt.

Eigentlich habe sie aktuell ein Praxis-Jahr. "Das konnte ich aber zurückstellen und mich freistellen lassen, damit ich mich voll und ganz auf Paris konzentrieren kann", sagt Pudenz.

Für sie sei die Vereinbarkeit von Sport und Studium enorm wichtig. Bei der Landespolizei hat sie statt einer 40 nur eine 24-Stunden-Woche. Von Montag bis Mittwoch ist sie bei Lehrveranstaltungen eingespannt, die restliche Zeit ist für ihr Training vorgesehen. Sie ergänzt: "Aber wenn eine wichtige Trainingseinheit beispielsweise am Montag ist, bekomme ich keinen Ärger, wenn ich fehle. Ich muss den Inhalt der Veranstaltung allerdings eigenständig nacharbeiten."

Dabei hilft die Online-Lernplattform, die auch noch einen ganz anderen Vorteil mit sich bringt. "Einige Veranstaltungen werden auch digital abgehalten. Das ist für uns besonders gut, wenn wir im Trainingslager sind", weist Pudenz auf die Vorzüge hin.

Ihren Wechsel von der Bundeswehr zur Landespolizei begründet sie mit dem Verlangen nach Planungssicherheit: "Selbst, wenn der Worst-Case eintritt, habe ich die Chance, ins normale Polizei-Studium zu gehen. Die Bundeswehr ist auch ein super Arbeitgeber, aber da würde man nach dem Ende der Sportfördergruppe ohne Abschluss dastehen." Vielmehr müsste sie nebenbei ihr Studium organisieren und hätte im schlimmsten Fall einen Leerlauf, wenn die Zeit in der Fördergruppe vorbei ist.

Außerdem besteht die Gefahr, dass Pudenz bei einer Verletzung schneller aus der Bundeswehr-Förderung fallen könnte. "Es ist immer auch ein Kampf um die Unterstützung. Das ist in der Polizei etwas entspannter", vergleicht die fünfmalige Deutsche Meisterin die Förderangebote.

"Mein Papa hatte jahrelang den Hausrekord. Seit ich ihm den abgenommen habe, hat er nicht mehr viel zu necken."
Kristin Pudenz über die Sportbegeisterung in ihrer Familie

Die insgesamt schwierige Lage bei der Sportförderung beschreibt Pudenz als fehlende Wertschätzung: "Nach Tokio habe ich zwar mehr Aufmerksamkeit bekommen, aber irgendwie habe ich mir das krasser vorgestellt. Sicherlich wäre der Hype größer, wenn ich 100-Meter-Sprinterin statt Diskuswerferin wäre. Generell ist der Sport aber nicht mehr ganz so angesehen."

Viel Anerkennung ist sie sich von ihrer Familie sicher. Ihr Vater war Diskuswerfer, ihre Mutter Kugelstoßerin, ihr älterer Bruder ebenfalls Diskuswerfer. Lachend erzählt Pudenz zum sportlichen Wettkampf innerhalb der Familie: "Mein Papa hatte jahrelang den Hausrekord. Seit ich ihm den abgenommen habe, hat er nicht mehr viel zu necken. Er gibt mir aber trotzdem noch technische Tipps." Sicherlich auch auf dem Weg zu und bei den Olympischen Spielen in Paris.

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