Frankfurts Filip Kostic (l.) und Leipzigs Benjamin Henrichs könnten im Europa-League-Finale aufeinandertreffen.
Frankfurts Filip Kostic (l.) und Leipzigs Benjamin Henrichs könnten im Europa-League-Finale aufeinandertreffen. Bild: www.imago-images.de / imago images
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Europa League: Warum Frankfurt und RB Leipzig sich falsch auf das Halbfinale vorbereitet haben könnten

In seiner wöchentlichen Kolumne schreibt der Fanforscher Harald Lange exklusiv auf watson über die Dinge, die Fußball-Deutschland aktuell bewegen.
04.05.2022, 13:2816.05.2022, 15:02
harald lange

Die Europa League ist in diesem Jahr eine Bank für allerbesten Fußball: leistungsstarke Mannschaften aus allen Ligen Europas, mitreißende Spiele, dramatischer K.-o.-Modus und euphorische Fans. An den Spieltagen herrscht Spannung pur, sodass die Europa League hinsichtlich ihres Unterhaltungswerts durchaus mit den Titelrennen in den nationalen Meisterschaften und zuweilen sogar mit der Dramatik der Champions League mithalten kann.

Diese Wertschätzung wird ihr vor allem aus der Bundesliga und ihrer Fans entgegengebracht. In diesem Jahr haben wir die Aussicht auf ein deutsches Finale. Sowohl RB Leipzig als auch Eintracht Frankfurt haben die Hinspiele der Halbfinals gegen die Glasgow Rangers und West Ham United gewonnen.

Wenn die beiden Teams am Donnerstag um 21 Uhr diesen vermeintlichen Rückenwind aufnehmen und nutzen können, dann steht einem deutschen Finale am 18. Mai im spanischen Sevilla nichts mehr im Wege.

"Gewinnen werden die Mannschaften, die Spieler in ihren Reihen haben, die am Tag X über sich hinauswachsen."

Womit wir beim Thema wären: die Mannschaftspsychologie für die beiden Rückspiele im Halbfinale. Sowohl Frankfurt wie auch RB Leipzig haben (rechnerisch gesehen) Rückenwind, Vorsprung, Vorteile: einfach eine bessere Ausgangslage. Trifft das wirklich zu? Oder wird sich der jeweils knappe Vorsprung von einem Tor sogar als Nachteil erweisen?

Mit Blick auf die anstehenden Rückspiele müssen wir deshalb ganz grundsätzlich nachfragen: Welche Fähigkeiten muss ein Team für so ein dramatisches Halbfinale mitbringen?

null / Uni Würzburg
Über den Autor
Harald Lange ist seit 2009 Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg. Er leitet den Projektzusammenhang "Fan- und Fußballforschung" und gilt als einer der bekanntesten Sportforscher in Deutschland. Der 53-Jährige schreibt und spricht täglich über Fußball, auch in seinem Seminar "Welchen Fußball wollen wir?"

Psyche wird entscheidenden Vorteil bringen

Letztlich spielen alle vier Mannschaften fußballerisch auf Augenhöhe. Zudem konnten sie sich im Saisonverlauf immer wieder durch mannschaftlichen Zusammenhalt und psychologische Vorteile ausweisen und deshalb vor allem in der Europa League spielstarke Teams bezwingen.

"Alles wurde so gestaltet, dass die Spieler am kommenden Donnerstag topfit sein sollen."

Für mich steht daher fest: Der Einzug ins Finale hängt zuallererst von der Mannschaftspsychologie ab. Gewinnen werden die Mannschaften, die Spieler in ihren Reihen haben, die am Tag X über sich hinauswachsen.

Wir werden also dramatische Fußballspiele erleben!

Frankfurt und RB Leipzig richten alles auf das Halbfinale aus

Für alle vier Mannschaften bedeutet die Endspielteilnahme die Krönung dieser Saison. Deshalb steuern auch alle Teams überaus akribisch auf die Rückspiele am Donnerstag zu.

Allein die Rangers hatten am letzten Wochenende noch die Chance gegen den Erzrivalen Celtic Glasgow das Rennen um die schottische Meisterschaft offenzuhalten und haben im sogenannten "Old Firm Derby" ein respektables 1:1 geschafft.

Alle anderen Halbfinal-Teilnehmer haben am vergangenen Spieltag verloren. Diese Niederlagen interessieren niemanden. Schließlich wurden vor allem bei Frankfurt, aber auch bei Leipzig Spieler für das Rückspiel in der Europa League geschont und auch trainingstechnisch wurde alles so gestaltet, dass die Spieler am kommenden Donnerstag topfit sein sollen. Alles andere diente der Vorbereitung auf diesen Tag.

Ob diese graue Theorie treffen wird, halte ich für fraglich. Auch wenn die zugrunde liegende Planungslogik plausibel klingt, so bleibt vieles offen. Schließlich sind Fußballspiele komplexer als wir es uns manchmal wünschen. Vor allem dann, wenn derart spannende Entscheidungsspiele anstehen.

Rangers und West Ham konnten Spieler nicht schonen

Vielleicht ist es sogar ein Vorteil für die Rangers und West Ham, dass sie das hohe Niveau der vergangenen Wochen halten konnten und sich keine Pause gegönnt haben. Glasgow absolvierte mit dem Spiel gegen Stadtrivale Celtic die schwerste Partie der Saison und West Ham konnte sich gegen den Champions-League-Kandidaten Arsenal London keine B-Mannschaft leisten.

Leipzig und Frankfurt haben bei ihren Spielen am Montag am ganz bewusst einen Gang rausgenommen. Das könnte trotz der zugrunde gelegten trainingstechnologischen Idee ein Fehler gewesen sein.

Wie dem auch sei: Die Trainer der Teams, die es in das Finale schaffen sind, genial! Nur im Sport hat man die Möglichkeit, die körperliche und psychologische Leistungsfähigkeit von Teams auf so hohem Niveau derart punktgenau zu koordinieren und zu entfalten. Das ist absolut faszinierend.

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