Nemi El-Hassan wird künftig nicht mehr für den WDR arbeiten.
Nemi El-Hassan wird künftig nicht mehr für den WDR arbeiten.Bild: nemi_elh/instagram
Analyse

"Der WDR hat sich unprofessionell verhalten": Expertin übt harte Kritik nach El-Hassan-Entscheidung

04.11.2021, 15:4304.11.2021, 15:52

Der WDR wird künftig nicht mehr mit Nemi El-Hassan zusammenarbeiten. Dies stellte der Sender nun klar, nachdem die Journalistin dem WDR in der "Berliner Zeitung" vorgeworfen hatte, die Linie der "Bild" übernommen zu haben. Die Zeitung hatte zuvor unter anderem über die Teilnahme der Moderatorin an der antisemitischen Al-Quds-Demonstration berichtet – die 28-Jährige spricht im Hinblick auf die erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe von einer "gezielten Kampagne zur Demontage einer Person", auf die schließlich auch der Sender aufgesprungen sei.

Nach Bekanntwerden der Antisemitismus-Vorwürfe gegen El-Hassan hatte der WDR entgegen seinen vorangegangenen Plänen beschlossen, sie doch nicht als Moderatorin für "Quarks" einzusetzen – jedoch wurde geprüft, ob sie stattdessen als Autorin für die Wissenschaftssendung tätig werden könne.

In ihrem Gastbeitrag in der "Berliner Zeitung" kritisiert El-Hassan den Sender nun auch für dessen Wankelmütigkeit und fragt, wie sie denn hinter der Kamera arbeiten könne, wenn man sie doch für eine Antisemitin halte. Der WDR habe sich allen Argumenten der "Bild" angeschlossen in der Hoffnung, sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen. Dies jedoch bestreiten die Verantwortlichen des WDR in der aktuellen Ankündigung. Die Medienexpertin Janine Griffel schätzt gegenüber watson die Reaktion des Senders ein – und findet klare Worte. Der WDR wiederum widerspricht.

Das Dilemma des WDR

"Das Vertrauen für eine künftige Zusammenarbeit ist nicht mehr vorhanden", heißt es in der Stellungnahme des WDR als Reaktion auf El-Hassans Artikel. Der Vorwurf, der Sender würde seine Moderatorinnen-Auswahl von einer "Bild"-Kampagne abhängig machen, sei außerdem "unsinnig" – ausschlaggebend für die Entscheidung war demnach vielmehr das Verhalten der Journalistin in den sozialen Netzwerken und der Umgang damit gegenüber dem WDR, ist in dem Statement zu lesen. Und weiter: "Relevante Informationen – wie zum Beispiel das Löschen von Likes – erfuhr der WDR erst aus den Medien, obwohl er mit Nemi El-Hassan im intensiven Austausch war. Dies hatte von Beginn an das Vertrauensverhältnis belastet."

El-Hassan erhob Vorwürfe gegen den WDR.
El-Hassan erhob Vorwürfe gegen den WDR.Bild: dpa / Tilman Schenk

"Der WDR war in diesem Fall natürlich in einer schwierigen Situation", stellt Medienexpertin Griffel nun fest, denn: "Sowohl das auch nur vermeintliche Unterstützen von antisemitischen Äußerungen wie auch der Anschein von Zensur sind gleichermaßen für einen öffentlich-rechtlichen Sender kritisch." Der Sender gab an, der berufliche Weg der jungen Journalistin sollte nicht leichtfertig behindert werden, was die Expertin "verständlich" findet. El Hassan sei schließlich "nicht aufgrund ihres Muslima-seins oder politischen Meinungen für die Moderatorenrolle ausgewählt" worden, "sondern, weil sie sich als Journalistin bewiesen hat". Jedoch erklärt Griffel andererseits:

"Gleichzeitig ist aber auch der WDR ein Unternehmen und geht daher den Weg des geringsten Widerstandes. Nemi El-Hassan den Moderations-Job zu entziehen war schlussendlich einfacher, als sich für die gesamte Dauer ihrer Moderationskarriere dafür rechtfertigen zu müssen, dass sie vor der Kamera steht."

Hinzukommt: "Der WDR hätte natürlich ebenso 'Quarks' politisiert, wenn er El-Hassan direkt entlassen hätte. Denn wir sehen ja jetzt: Der Aufschrei, dass eine junge, aufstrebende Journalistin nun doch nicht mehr Teil des 'Quarks'-Teams wird, weder vor noch hinter der Kamera, ist ebenso groß wie das Getöse vor der Ankündigung", fügt die Geschäftsführerin der Agentur "Griffel & Co" hinzu.

Expertin erhebt Vorwürfe gegen Sender

Aus Sicht der Expertin hat der WDR in der komplizierten Situation um El-Hassan allerdings klare Fehler begangen: "Die Beeinflussung durch die 'Bild'-Zeitung fand ja bereits mit dem Erscheinen des Berichts statt. Aber anstatt einen Plan für den kommunikativen Fallout zu entwickeln, wurde der Kampagne der 'Bild' direkt Kredibilität gegeben, indem es hieß, dass El-Hassan nicht vor der Kamera stehen würde", klagt sie an. Ihr Fazit lautet dementsprechend:

"Der WDR hat sich hier äußerst unprofessionell verhalten."

Allerdings schloss der Sender eine künftige Zusammenarbeit mit der Journalistin nicht direkt aus, als die Antisemitismus-Anschuldigungen durch die "Bild" laut wurden, sondern zog sie zunächst nur von dem Moderationsposten bei "Quarks" ab. Anderenfalls wäre der Eindruck entstanden, "die 'Bild'-Zeitung wählt Moderatoren der öffentlich-rechtlichen Sender aus", analysiert Griffels. Der Medientenor wäre dann jedenfalls "sehr deutlich gewesen".

Auch die Begründung des WDR, warum das Vertrauen schon länger belastet gewesen sei, sieht die Medienexpertin als klaren Hinweis, der nicht für das Verhalten des Senders in diesem Fall spreche: "Dass sich der WDR dann auf Likes [im Netz] bezieht, die El-Hassan gegeben hat, verdeutlicht, dass es wohl keinen langfristigen Plan gab, El-Hassan die Stelle zu entziehen. Das wirkt alles sehr unüberlegt, spontan und durchwegs peinlich für den WDR."

WDR mit weiterer Klarstellung

Auf Anfrage von watson widerspricht der WDR den Ausführungen von Janine Griffels. In einer weiteren Stellungnahme teilt eine Sprecherin mit:

"Diese Darstellung ist nicht korrekt. Im Gegenteil: Unabhängig von der medialen Berichterstattung und dem öffentlichen Druck hat der WDR sorgfältig und umfangreich beraten, weil die Verantwortlichen den beruflichen Weg der jungen Journalistin nicht leichtfertig behindern, sondern ihr eine Chance geben wollten."
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