Ismael Cruz Cordova spielt in "Die Ringe der Macht" den schwarzen Elfen Arondir – für manche Fans ein No-Go.
Ismael Cruz Cordova spielt in "Die Ringe der Macht" den schwarzen Elfen Arondir – für manche Fans ein No-Go.Bild: Amazon Prime
Analyse

"Ringe der Macht" und "House of the Dragon": Diverse Besetzung löst riesige Kontroverse aus

06.09.2022, 16:02

"House of the Dragon" und "Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht" sind aus mehreren Gründen die Serien-Highlights des Jahres: Beide Produktionen knüpfen jeweils an ein extrem erfolgreiches Franchise an und in beide Produktionen wurden geradezu absurde Geldsummen hineingesteckt. Entsprechend groß sind die Erwartungen.

Schon nach den ersten Folgen allerdings ist eine heftige Debatte um die Serien entbrannt. Der Vorwurf, der von einigen Fans erhoben wird: Durch die diverse Besetzung einiger Rollen soll in erster Linie einem Zeitgeist der politischen Korrektheit Rechnung getragen werden, und dabei entstehe mitunter sogar ein offener Widerspruch zur literarischen Vorlage.

"Herr der Ringe"-Serie entfacht Kontroverse

In der "Herr der Ringe"-Serie der Showrunner Patrick McKay und J. D. Payne gibt es unter anderem einen schwarzen Elf (gespielt von Ismael Cruz Cordova) und eine schwarze Zwergen-Prinzessin (Darstellerin: Sophia Nomvete) – beides Neuheiten im Tolkien-Kosmos. Zudem ist mit Galadriel die zentrale Figur der Serie eine Frau, was ebenfalls Unmut hervorruft. In keiner bisherigen Tolkien-Verfilmung gab es eine weibliche Hauptrolle zu verzeichnen.

Diese Person ist nur eine von vielen, die sich auf Social Media über den "woken" Ansatz der Serie beschweren. Der originale Stoff werde "auf links gedreht" und einem (progressiven) Weltbild angepasst:

Der Autor Brandon Morse des konservativen US-Portals "Red State" wird sogar noch deutlicher. Seiner Meinung nach wird Tolkiens Werk "pervertiert und korrumpiert". Die Besetzung besagter Rollen vertrage sich nicht mit der Tatsache, dass das Ursprungsmaterial auf europäischer Kultur basiere.

Somit sei die Fantasy-Welt in "Die Ringe der Macht" eine ganz andere als die von Tolkien beschriebene. Spöttisch schreibt Morse, Amazon begehe den Versuch, eine "Politik der sozialen Gerechtigkeit" in das Universum des Kult-Autors einzuflechten. Der Aufbau einer guten Geschichte gerate damit automatisch in den Hintergrund. Morse' Fazit lautet:

"Sie machen effektiv Propaganda oder Kunst, die zu einer Botschaft passen soll, nicht eine Botschaft, die zur Kunst passt."
Galadriel ist die Heldin aus "Die Ringe der Macht".
Galadriel ist die Heldin aus "Die Ringe der Macht".Bild: Amazon Studios / Matt Grace

Amazon-Serie "korrigiert" Tolkien-Vorlage

Die ganze Diskussion um die Amazon-Serie entbehrt auch deshalb nicht einer gewissen Brisanz, weil es seit Jahren Rassismus-Vorwürfe gegen Tolkiens Bücher gibt. Die Fantasy-Autorin N.K. Jemisin bemängelte auf ihrer Website insbesondere die literarische Darstellung der Orks. Diese seien "dunkelhäutige, schurkische Fußsoldaten, die Hobbits, Elfen und andere blassgesichtige Helden terrorisieren". Die Orks würden nur existieren, damit "die Guten fröhlich Völkermord" an ihnen verüben könnten.

Die umstrittenen Orks gibt es auch in "Die Ringe der Macht" zu sehen.
Die umstrittenen Orks gibt es auch in "Die Ringe der Macht" zu sehen.bild: amazon

Über Tolkiens private politische Ausrichtung wurde immer wieder spekuliert, da seine Geschichten überwiegend weiße, männliche Helden kennen, wogegen die Bösewichte häufig von dunkler Hautfarbe sind. Nun wirkt es ein Stück weit, als wollten die Amazon-Serien-Macher mit einer diversen Besetzung eine Form von Abbitte für den Autor leisten.

John Garth, der das Sachbuch "The Worlds of J.R.R. Tolkien" geschrieben hat, gibt jedoch (via CNN) zu bedenken, dass die extreme Rechte Tolkien "lange Zeit als Vertreter ihrer eigenen rassistischen Ansichten missverstanden" habe. Ob sich in der Welt von Mittelerde ursprünglich wirklich ein rassistisches Weltbild spiegelt, kann daher nicht mit Sicherheit beantwortet werden, gleichwohl zumindest eine entsprechende Interpretation natürlich möglich ist.

Die Argumente für "Die Ringe der Macht"

Was in jedem Fall für Amazon spricht: Das alte Europa, von dem Mittelerde inspiriert ist, war diverser als von vielen Fans angenommen. Wie Wissenschaftler erst 2018 herausfanden, waren die ersten modernen Briten, die vor 10.000 Jahren lebten, nicht weiß, sondern hatten eine "dunkle bis schwarze" Haut und lockiges Haar. Nachzulesen ist dies unter anderem bei "The Guardian".

Sophia Nomvete spielt Disa in "Die Ringe der Macht".
Sophia Nomvete spielt Disa in "Die Ringe der Macht".bild: amazon prime

Hinzukommt: Es gibt kein Gesetz, welches vorschreibt, dass eine Film- oder Serienadaption zu 100 Prozent originalgetreu sein muss. Amazon darf sich künstlerische Freiheiten herausnehmen, muss dann allerdings auch mit kritischen Reaktionen rechnen. In diesem Fall war die Kontroverse durchaus absehbar.

Nicht zuletzt handelt es sich bei "Der Herr der Ringe" um ein Fantasy-Projektdass einige Fans komplett fiktive Gestalten wie Elfen problemlos akzeptieren können, aber dann durch schwarze Menschen angeblich aus der Geschichte herausgeworfen werden, erscheint schon ein wenig absurd.

"House of the Dragon": Die Diskussion wiederholt sich

Ganz ähnlichen Vorwürfen wie "Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht" ist das "Game of Thrones"-Prequel "House of the Dragon" ausgesetzt. Mit Rhaenyra Targaryen ist der wichtigste Charakter auch hier eine Frau, daneben ist der Part des einflussreichen Corlys Velaryon mit dem schwarzen Schauspieler Steve Toussaint besetzt. Der Darsteller sprach bereits in einem Interview mit "Men's Health" über rassistische Anfeindungen durch Fans und erklärte:

"Sie sind glücklich mit einem fliegenden Drachen. Sie sind glücklich mit weißen Haaren und violetten Augen, aber ein reicher Schwarzer? Das ist inakzeptabel."

Der Aufruhr verwundert an der Stelle doch stark, schließlich war Diversität auch für den gefeierten Vorgänger "Game of Thrones" keineswegs ein Fremdwort. Die Serie wartete von Daenerys Targaryen über Cersei Lennister bis hin zu Sansa Stark mit zahlreichen emanzipatorischen Frauenfiguren auf, durch Arya Stark und Brienne von Tarth wurden traditionelle Geschlechterrollen hinterfragt. Das war in gewisser Weise schon sehr woke, doch kaum jemand beschwerte sich seinerzeit – vielmehr wurden vielerorts Neugeborene nach "Game of Thrones"-Heldinnen benannt.

Letztlich gilt zum Glück: Niemand, der nicht will, muss sich "House of the Dragon" oder "Die Ringe der Macht" anschauen. Es allen recht zu machen, war ohnehin unmöglich. Vermutlich würde es auch Kritik hageln, würde Amazon Tolkien 1:1 kopieren – dann mit dem Vorwurf, die Showrunner hätten keine eigenen Ideen.

(ju)

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