Nemi El-Hassan (hier in einem Bild aus dem Jahr 2016) soll ab Oktober "Quarks" im WDR moderieren.
Nemi El-Hassan (hier in einem Bild aus dem Jahr 2016) soll ab Oktober "Quarks" im WDR moderieren.
Bild: imago stock&people / Christian Ditsch
Analyse

Antisemitismus-Vorwurf gegen "Quarks"-Moderatorin Nemi El-Hassan – WDR reagiert scharf und setzt ihren Start aus

14.09.2021, 18:0414.09.2021, 19:06

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) setzt den geplanten Start der Moderation von Nemi El-Hassan bei der Wissenschaftssendung "Quarks" vorerst aus. Das teilte der öffentlich-rechtliche Sender am Dienstag in Köln mit. Eigentlich hätte die 28-Jährige im November starten sollen. Hintergrund ist das Bekanntwerden ihrer Teilnahme an einer Al-Kuds-Demo in Berlin vor einigen Jahren.

Vom WDR hieß es:

"Die Vorwürfe gegen sie wiegen schwer. Es wiegt aber auch schwer, einer jungen Journalistin eine berufliche Entwicklung zu verwehren. Deshalb ist eine sorgfältige Prüfung geboten."

Bei den alljährlichen Al-Kuds-Demonstrationen in Berlin waren in der Vergangenheit immer wieder antisemitische Parolen gerufen und Symbole der pro-iranischen libanesischen Hisbollah-Bewegung gezeigt worden. Gegen die Hisbollah hat Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) ein Betätigungsverbot erlassen.

Am Al-Kuds-Tag, der am Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan liegt, ruft der Iran jedes Jahr zur Eroberung Jerusalems auf. Hintergrund ist die Besetzung Ost-Jerusalems durch Israel während des Sechstagekrieges 1967. Al-Kuds ist der arabische Name für Jerusalem.

Die "Bild"-Zeitung hatte im Kontext der neuen Aufgabe El-Hassans für den öffentlich-rechtlichen Sender von der Demo-Teilnahme in Berlin berichtet. Daraufhin hatte sich El-Hassan von der Demo distanziert und der Deutschen Presse-Agentur in einem Statement mitgeteilt: "An den Al-Kuds-Demos vor sieben Jahren in Berlin teilzunehmen, war ein Fehler."

In dem Statement der Journalistin, Medienmacherin und Ärztin hieß es weiter zu ihrer damaligen Teilnahme: "Keinesfalls habe ich während der Demo antisemitische Parolen von mir gegeben, noch Menschen jüdischen Glaubens körperlich angegriffen." Während Ausschreitungen sei sie nicht zugegen gewesen.

"Bild" warf El-Hassan vor, Islamismus zu verharmlosen

Die "Bild" hatte El-Hassan zudem vorgeworfen, Islamismus zu verharmlosen. Sie verwies auf ein Aufklärungsvideo über die Herkunft und Bedeutungen des Begriffs "Dschihad" der Bundeszentrale für politische Bildung aus dem Jahr 2015, in dem El-Hassan sich äußert. Im Jahr zuvor hatte sie zudem offenbar am Al-Kuds-Marsch durch Berlin teilgenommen, in dessen Rahmen es zu antisemitischen Äußerungen und Gewalt kam.

In dem Clip der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) erklärte die Moderatorin, "mein Dschihad" bedeute für sie "freundlich sein", "arbeiten" und "geduldig sein" – dies legte die "Bild" ihr als Verharmlosung aus.

Den Begriff "Dschihad" verwenden islamistische Kämpfer und Terroristen, von radikalen Palästinenserorganisationen bis zur Terrormiliz "Islamischer Staat", seit Jahrzehnten, um ihre Gewalttaten gegen Andersgläubige und politische Gegner zu rechtfertigen.

El-Hassan nimmt im Video auch darauf Bezug. So sagt sie: "Sie sagen Dschihad und meinen dabei nichts anderes als Hass, Gewalt und Intoleranz. Sie wähnen sich auf Gottes Weg und hissen dabei schwarze Flaggen." Von dieser Aussage berichtete die "Bild" nicht.

Florence Randrianarisoa und Nemi El-Hassan (rechts) sollten "Quarks" gemeinsam moderieren.
Florence Randrianarisoa und Nemi El-Hassan (rechts) sollten "Quarks" gemeinsam moderieren.
bild: WDR Kommunikation/Redaktion Bild

El-Hassan erklärt in dem Video die verschiedenen Arten, den Begriff "Dschihad" zu verwenden

In dem Video der BPB wird auch erklärt, dass Dschihad wörtlich übersetzt "das Bemühen oder die Anstrengung, ein bestimmtes Ziel zu erreichen" bedeute. Im religiösen Sinne ist das Ziel dabei die Verteidigung und Verbreitung des Islam.

El-Hassan spricht in dem Clip auch davon, dass "Dschihad" ein Wort sei, mit dem nicht-muslimische Menschen "ihre Vorurteile gegen eine ganze Weltreligion erklären", "eine Misinterpretation" von selbsternannten "Islam-Experten", um "Vorurteile zu hegen" – hierauf bezieht sich wiederum die "Bild", die dann Islamwissenschaftler Dr. Abdel-Hakim Ourghi von der Pädagogischen Hochschule Freiburg mit deutlichen Worten zitiert:

"Das ist eine absolute Relativierung. Der Dschihad als Kampf gegen Ungläubige – wie Juden und Christen – wurde schon im Jahr 624 durch den Propheten betrieben, indem er Andersdenkende bekämpft hat."

Islamwissenschaftler Rüdiger Seesemann widerspricht "Bild"-Deutung scharf

Der Islamwissenschaftler Rüdiger Seesemann, Inhaber des Lehrstuhls für Islamwissenschafen an der Universität Bayreuth, widerspricht gegenüber watson dieser Einschätzung Ourghis scharf. Wörtlich sagt Seesemann:

"Die Einlassungen des 'Bild'-Experten erscheinen als Ausdruck einer populistischen, generalisierenden und antiislamischen Haltung."

Weiter meint er: "Ohne weitere Belege ist es abwegig, Frau El-Hassan auf dieser Basis als 'Islamistin' zu bezeichnen. Insofern halte ich die Aufregung nicht für angemessen".

Seeseman erläutert, dass die Äußerungen El-Hassans "über den Dschihad als Vision, Arbeit und Ideal der Freundlichkeit und Geduld" sich "mit heute gängigen Auslegungen unter Muslimen, sowohl Laien als auch Autoritäten" deckten. Weiter erklärt er:

"Grundsätzlich bezieht sich Dschihad auf den persönlichen Einsatz für die Sache Gottes und die Ideale des Islams; dieser Einsatz kann unterschiedliche Formen annehmen, etwa 'Dschihad des Herzens' oder 'Dschihad der Zunge'. In der Frühzeit des Islams gab es auch den 'Dschihad des Schwertes', den sich gewaltbereite islamische Bewegungen als Kampfbegriff und Vorbild angeeignet haben. Doch das bedeutet keineswegs, dass Muslime heutzutage nicht auch ein breiteres und allgemeineres Verständnis davon haben können, was Dschihad bedeutet."
Nemi El-Hassan in einem Foto ihres Instagram-Accounts.
Nemi El-Hassan in einem Foto ihres Instagram-Accounts.
Bild: nemi_elh/instagram

Journalistin hatte sich selbst geäußert

Am Montagabend hatte sich El-Hassan selbst zu den Vorwürfen mit einem Statement bei Instagram geäußert. Darin hatte sie betont, dass ihr Zitat über den Begriff "Dschihad" aus dem Kontext gerissen worden sei. "Ich relativiere in diesem Beitrag keineswegs Terrorismus", sagte die Journalistin hierzu knapp. Zudem äußert sie sich zu dem Vorwurf, sie habe 2014 an dem antisemitischen Al-Kuds-Marsch teilgenommen.

"Daran teilzunehmen war ein Fehler. Keinesfalls habe ich während der Demo antisemitische Parolen von mir gegeben. Dass dort Menschen jüdischen Glaubens körperlich attackiert worden sind, habe ich erst im Nachhinein erfahren"
Nemi El-Hassan, Ärztin und Journalistin

In dem Instagram-Post erklärt die neue WDR-Moderatorin, dass sie mit 19 an dieser Demo teilgenommen habe und dies heute als Fehler sehe. "Mit den Hintergründen der Demo habe ich mich leider erst später eingehend befasst – und auch nicht mehr daran teilgenommen", schreibt sie. Es sei ihr wichtig, sich gegen Hass und Gewalt jeglicher Art zu positionieren.

El-Hassan sagt, sie habe Solidarität mit Palästinenserinnen und Palästinensern "während der Gaza-Offensive 2014" ausdrücken wollen, die Mittel seien aber die Falschen gewesen. Und weiter: "Ich distanziere mich daher klar und ausdrücklich von den Al-Quds Demos, sowie weiteren Demonstrationen in einem ähnlichen Kontext."

Bei Instagram nahm Nemi El-Hassan am Abend Stellung zu den Vorwürfen des Antisemitimus.
Bei Instagram nahm Nemi El-Hassan am Abend Stellung zu den Vorwürfen des Antisemitimus.
bild: Screenshot/Instagram/nemi_elh
"Ich verurteile jegliche antisemitischen Äußerungen und Aktionen, sämtliche Arten von Gewalt und insbesondere die Gewalt, die auf diesen Demos stattgefunden hat"
Nemi El-Hassan

(mit Material von dpa)

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