Ein Bild, das es so nicht mehr zu sehen geben wird: Xavier Naidoo am "DSDS"-Jurypult.
Ein Bild, das es so nicht mehr zu sehen geben wird: Xavier Naidoo am "DSDS"-Jurypult.
Bild: dpa / Henning Kaiser
Analyse

Das System Xavier Naidoo: Warum die TV-Sender so lange an ihm festhielten

12.03.2020, 17:0914.03.2020, 14:58

Es war das Jahr 2002, ich saß mit rund 800 anderen Schülern auf dem Aulafußboden unseres Berliner Gymnasiums. Unsere Köpfe reckten sich Richtung Bühne, die mit zwei Topfpalmen hastig aufgehübscht wurde. Zwei Mitglieder der Söhne Mannheims übergaben dem Rektor eine Plakette der Initiative "Schule ohne RassismusSchule mit Courage".

Mit Annahme des Titels hatten wir uns als Schüler verpflichtet, aktiv gegen jede Form von Diskriminierung anzugehen. Im täglichen Umgang miteinander Toleranz und Respekt zu zeigen, andere Meinungen und Lebensweisen zu akzeptieren. Xavier Naidoo war an diesem Tag nicht dabei.

Er würde später im Jahr aber ein Konzert für uns geben, den Titel mit uns zusammen feiern, versprachen seine Bandkollegen. Xavier Naidoo kam nie.

Auch wenn er damals sicher wichtigere Dinge zu tun hatte, als vor ein paar Oberschülern in Pimkie-Schlaghosen und Minimal-Bartwuchs seine Nummer-Eins-Hits zu singen, fragten wir uns im enttäuschungsgeplagten spätpubertären Schülerkollektiv, wie ernst er die Sache mit der Anti-Rassismus-Kampagne wohl nahm.

18 Jahre später stelle ich mir diese Frage wieder.

Die Vorwürfe gegen Xavier Naidoo

Am Dienstag war auf sozialen Netzwerken ein Video aufgetaucht, in dem Naidoo kryptisch über scheinbar rechte Verschwörungstheorien spricht. Es folgte ein Aufschrei der Empörung angesichts seiner Aussagen. RTL, in dessen "DSDS"-Jury der Sänger seit 2019 sitzt, zog einen Tag später die Konsequenzen und kappte die Zusammenarbeit.

RTL stehe für Vielfalt im Programm, hieß es unter anderem in der Begründung. "Wir sind Verfechter der Meinungsfreiheit. Dazu gehört aber auch, das wir jede Form von Rassismus und Extremismus entschieden ablehnen." Naidoo indes hatte die Rassismus-Vorwürfe gegen ihn vehement zurückgewiesen. Er schrieb am Mittwoch bei Facebook, seine Aussagen seien absolut falsch interpretiert worden.

Naidoos Kokettieren mit rechten Verschwörungstheorien

Die Krux an der Geschichte: Es ist nicht das erste Mal, dass Xavier Naidoo öffentlich mit rechten Verschwörungstheorien kokettiert, um es behutsam zu formulieren.

  • 1999 sagte er in einem "Musikexpress"-Interview: "Ich bin ein Rassist, aber ohne Ansehen der Hautfarbe. Ich bin nicht mehr Rassist als jeder Japaner auch."
  • 2014 trat er in einem "Freiheit für Deutschland"-Shirt bei einer Demonstration von Reichsbürgern vor dem Bundestag auf.
    Er sagte auf der Bühne unter anderem: "Ich habe keine Ahnung, wer hier steht. Mir geht’s nur um Liebe."
  • 2016 wurde Naidoo als deutscher Kandidat für den ESC gesetzt, vor seiner Teilnahme aber beschuldigt, in Songs gegen Juden und Homosexuelle zu hetzen. Der NDR sagte Naidoos Teilnahme wieder ab.
    Der Sänger erklärte: "Mir widerstrebt, mich jetzt bekennerhaft für etwas zu rechtfertigen, was ich nicht bin und was ich schon mehrfach erläutert habe."
  • 2017 sang er im Söhne-Mannheim-Song "Marionetten" von "Volks-in-die-Fresse-Tretern" (Volksvertretern), die wie Marionetten von "dunklen Mächten" gesteuert würden.
    Naidoo erklärte dazu: "Beim Text des Liedes handle es sich um eine zugespitzte Zustandsbeschreibung gesellschaftlicher Strömungen, also um die Beobachtung bestimmter Stimmungen, Auffassungen und Entwicklungen."

Nun ist es aber nicht so, dass Xavier Naidoo durch diese Aussagen mit, sagen wir mal, Interpretationsspielraum, Kassengift wäre und ihm TV-Großkunden in den letzten Jahren weniger Plattformen geboten hätten – im Gegenteil.

Naidoo auf der Erfolgswelle

Selfie mit Xavier? Bitte ja, bitte gerne.
Selfie mit Xavier? Bitte ja, bitte gerne.
Bild: Getty Images Europe / Andreas Rentz

Im Vergleich zur "DSDS"-Staffel von 2018 stieg der Marktanteil mit seiner Juryverpflichtung im vergangenen Jahr um ein paar Kommastellen an, auch die durchschnittliche Zuschauerzahl nahm zu. 2019 erreichte Naidoo im Facebook-Ranking der beliebtesten deutschen Musiker mit 1,4 Millionen Fans Platz 11, knapp hinter Sido, aber vor seinem (jetzt) Ex-"DSDS"-Kollegen Pietro Lombardi.

Für zwei Staffeln saß er in der Sat.1-Jury von "The Voice", dort coachte er Sänger Max Giesinger, der heute noch erfolgreich ist. Von 2014 bis 2016 war er zudem Gastgeber der Vox-Sendung "Sing meinen Song".

Auch seine Musik verkauft sich. Sein letztes Studioalbum "Hin und weg" erreichte Platz drei der deutschen Charts, hielt sich elf Wochen in den Top 100.

Zeitpunkte, zu denen Naidoos umstrittene Aussagen schon seit Jahren in den Weiten des Internets kursierten. Doch erst jetzt distanzierte sich mit RTL ein großer Privatsender. Warum?

Musikexperte: "RTL nimmt Skrupellosigkeit in Kauf"

Watson sprach mit einem Musikexperten, der die Branche seit Jahrzehnten kennt und beobachtet. Er weiß: Naidoo fehlt es an reflektierenden Beratern, die ihn entweder vor sich selbst schützen, so dass es erst gar nicht zu derart kruden öffentlichen Aussagen kommt, oder, sich im Fall der Fälle, um Schadensbegrenzung bemühen, die sowohl Auftraggeber als auch die breite Masse zufrieden stellt.

Naidoo 2017 bei einem Auftritt in Schloss Salem.
Naidoo 2017 bei einem Auftritt in Schloss Salem.
Bild: imago images / Kadir Caliskan

Doch der Sänger kümmert sich selbst um seine Engagements, hat seine eigene Plattenfirma, mit der er seine Alben veröffentlicht. Kritiker in seinem direkten Umfeld? Fehlanzeige.

Der Musikexperte sieht im Gespräch mit watson die privaten Sender in der Pflicht – zumindest theoretisch. Denn:

"Die TV-Macher nehmen auf ihrer Jagd nach guten Quoten jede Form von Skrupellosigkeit in Kauf."

Als Coach hätte Naidoo dem Sat.1-Format "The Voice" gut getan, angehende Sänger mit seinem Fachwissen unterstützt. Bei der Sendung stünde aber auch die Musik im Vordergrund – nicht so bei einer Show wie "DSDS", die von den Persönlichkeiten von Jury und Kandidaten getragen wird und aus der Xavier Naidoo nun gekickt wurde.

Heißt: RTL hätte es eigentlich besser wissen müssen. Und sicher haben sie das beim Sender auch. Der Experte: "RTL hat seine Sorgfaltspflicht mit dem Engagement von Xavier Naidoo vernachlässigt. So einen umstrittenen Künstler wie ihn kannst du nicht mit gutem Wissen an Bord holen. Da steckt die Gier nach Quoten dahinter – und nach PR."

Am Samstag findet die erste "DSDS"-Liveshow ohne Naidoo statt. Und sicher wird man bei RTL trotzdem noch vom Schlechten im Guten profitieren. Denn eine offizielle Stellungnahme der prominenten Jury und Show-Dino Dieter Bohlen steht noch aus. Naidoo wird einen neuen Sender finden, der auf der Suche nach PR ist. There is no such thing as bad publicity.

Und das "Schule ohne Rassismus"-Schild, das Xavier Naidoo 2002 eigentlich an meiner Schultür festschrauben sollte? Fängt mittlerweile an zu rosten.

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