"Geh aufs Ganze!" ist nicht die einzige Retro-Show, die ihr Comeback feiert.
"Geh aufs Ganze!" ist nicht die einzige Retro-Show, die ihr Comeback feiert.Bild: sat.1 / frank hempel
Analyse

"Geh aufs Ganze!" und andere alte Fernsehshows sind zurück: So hängt die TV-Retrowelle mit Corona zusammen

27.11.2021, 09:2327.11.2021, 11:33

Wenn man sich das aktuelle TV-Programm anschaut, fühlt man sich in die 90er-Jahre zurückversetzt. Viele Shows, die in dieser Dekade erfolgreich waren, finden zurzeit wieder ihren Weg zurück in die Fernsehlandschaft.

Diese Retro-Shows feiern ein Comeback

Am Freitag feiert eine beliebte Gameshow ihre Rückkehr: "Geh aufs Ganze!". Das Format lief zwischen 1992 und 1997 und wurde in den ersten vier Jahren von Jörg Draeger moderiert, anschließend führte Elmar Hörig durch die Show. Nach einer kurzweiligen Neuauflage Anfang der 2000er kehrt "Geh aufs Ganze!" wieder für drei Folgen zurück. Als Moderator steht erneut Jörg Draeger vor der Kamera. Er bekommt mit Daniel Boschmann jedoch einen Co-Moderator an die Seite gestellt.

"Geh aufs Ganze!" ist allerdings nicht die einzige Show, die aktuell ein Revival erlebt. Den Anfang der Retrowelle machte Anfang November "Wetten, dass..?": Am 6. November feierte "die größte Fernsehshow Europas" nach sieben Jahren ihr Comeback – und zwar wieder mit Thomas Gottschalk als Moderator. Eigentlich war nur eine einmalige Rückkehr der Show geplant. Doch aufgrund der hervorragenden Resonanz, fast 14 Millionen Zuschauer sahen zu, überlegt das ZDF, weitere Ausgaben produzieren zu lassen.

Wenige Tage später durften sich die Zuschauer über ein weiteres Wiedersehen mit einer alten Sendung freuen. Seit dem 10. November strahlt ProSieben nach sechs Jahren Pause wieder wöchentlich "TV total" aus. Allerdings führt nicht mehr Stefan Raab durch die Kultsendung, sondern Sebastian Pufpaff.

Deutschland sehnt sich nach der "guten alten Zeit"

Aber warum kehren aktuell so viele alte Shows auf den Bildschirmen zurück? Es ist interessant zu beobachten, zu was für einem Zeitpunkt die Retrowelle das deutsche Fernsehen überschwemmt. Aktuell befindet sich Deutschland in der vierten Welle der Corona-Pandemie und die Situation scheint schlimmer denn je zu sein. Jeden Tag werden neue traurige Rekorde vermeldet. Höchstwerte an Neuinfektionen und Inzidenzen und die Sorge wegen der zu geringen Impfquote gehören quasi zum Alltag. Inzwischen gibt es hierzulande über 100.000 Corona-Tote zu betrauern.

Man kann es nicht anders sagen: Deutschland ist pandemiemüde. Die Sehnsucht nach Normalität wächst von Tag zu Tag. Das Comeback alter Shows wie unter anderem "Geh aufs Ganze!" scheint eine fast natürliche und logische Reaktion auf die aktuelle Situation zu sein.

Sebastian Pufpaff moderiert die Neuauflage von "TV total".
Sebastian Pufpaff moderiert die Neuauflage von "TV total".Bild: ProSieben / Willi Weber

So erklärt sich zumindest Daniel Boschmann, warum momentan so viele alte Shows ein Revival erleben. Bei einer Pressekonferenz erklärte er auf eine Nachfrage von watson: "Es ist ja nicht so, dass sich alle Senderchefs zusammensetzen und sich absprechen: 'Wisst ihr, was jetzt gut funktionieren würde? Wir gucken mal in die Vergangenheit.' Es ist eher so, das merken wir auch beim Frühstücksfernsehen, ein gemeinschaftliches Gefühl, dass man von viel Unheil, von viel Komplexität, einfach mal die Schnauze voll hat."

Man sehne sich in eine Zeit zurück, in der alles gut gewesen sei, fügte er hinzu und ergänzte: "Ein Teil der Wahrheit ist eben auch, für alle, die es früher gesehen haben, da war alles gut."

Medienpsychologe Jo Groebel sieht ebenfalls einen Zusammenhang zwischen der aktuellen Retrowelle im Fernsehen und der anhaltenden Corona-Pandemie. Er bestätigt gegenüber watson:

"Es hat auf jeden Fall mit den aktuellen Krisen, der Weltlage, politischer Unsicherheit und vor allem Covid-19 zu tun. Man sehnt sich nach der vermeintlich guten alten Zeit, nach dem Gemeinschaftserlebnis vor dem Bildschirm, das wieder alle zusammenbringt."

Der Pawlowsche Reflex spielt eine große Rolle

Man kann also zusammenfassen: Angesichts der aktuellen Gesundheitskrise sehnen sich die Menschen offenbar nach Vertrautem und verbinden mit Shows wie zum Beispiel "Geh aufs Ganze!" die "gute alte Zeit".

In diesem Zusammenhang spielt der Pawlowsche Reflex eine wichtige Rolle, wie Jo Groebel erklärt. Das ist aber noch nicht alles: "Sozialpsychologisch wirkt besonders ein schon bekannter Moderator wie Gottschalk wie der lange abwesende Onkel oder Freund, der endlich wieder zu Besuch kommt. Beides löst Glücksgefühle aus, die auch körperlich zu spüren sind, zum Beispiel durch Dopaminausschüttung im Gehirn."

Damit sich Zuschauer beim Schauen in die "gute alte Zeit" zurückversetzt füllen, müssen ein paar Bedingungen erfüllt sein. Unter anderem ist es wichtig, dass die Show von der Person moderiert wird, die sie auch früher moderiert hat. Warum das so ist, erklärt Jo Groebel so:

"Die Person erst schafft die so genannte parasoziale Interaktion, das Gefühl, es handele sich um einen Freund, eine Freundin."

"Emotionales Rückgrat" darf nicht fehlen

"TV total" stellt hier eine Ausnahme dar, da das Format nicht wieder von Stefan Raab moderiert wird. Hierzu stellt Groebel fest: "Ein sehr guter Moderator wie Pufpaff kann dem bekannten Format aber auch den eigenen Stempel aufdrücken. Das ist allerdings selten, zunächst umso beachtlicher. Allerdings geht es bei Pufpaff jetzt auch schon mit der Kritik los. Ein Abklatsch des Früheren kann aber ein neuer Moderator nie sein."

Zwar wurde der Moderator von "TV total" ausgetauscht, aber viele Elemente von früher sind geblieben: Die Stimme von Manfred "Mannix" Winkens begrüßte die Zuschauer wieder aus dem Off und kommentierte die Beiträge, die Heavytones sorgten für die musikalische Untermalung und der fahrende Schreibtisch sowie das Nippelboard sind auch wieder da.

"Wetten, dass..?" ohne Thomas Gottschalk? Unvorstellbar!
"Wetten, dass..?" ohne Thomas Gottschalk? Unvorstellbar!Bild: Daniel Karmann / dpa

Auch bei "Geh aufs Ganze!" weiß man, dass ein paar Dinge das "emotionale Rückgrat" der Show bilden, wie es Daniel Boschmann formuliert. Deshalb habe man bestimmte Dinge wie den Zonk oder die Eingangsmelodie nicht verändert, erklärt er weiter. Außerdem dürfen sich die Zuschauer wieder auf bestimmte Spiele freuen, die man mit der Show verbindet.

Diese Faktoren sind für den Erfolg der Retro-Shows ebenfalls von Bedeutung

Der Nostalgie-Faktor spielt bei dem Erfolg der Retro-Shows also eine große Rolle. In diesem Zusammenhang sagt Jörg Draeger bei der Pressekonferenz von "Geh aufs Ganze!": "Mein Vater hat schon gesagt, früher war alles schöner. Ich neige nicht dazu, das zu sagen, aber das menschliche Gehirn ist zum Glück so gepolt, dass es die unschönen Dinge aus der Vergangenheit ausblendet. Es sei denn, es waren ganz tragische Dinge." Die Vergangenheit erscheine also immer schöner als die Gegenwart, lautet sein Fazit.

Medienpsychologe Jo Groebel gibt allerdings zu bedenken, dass es mehr für den Erfolg bedarf:

"All die genannten Effekte funktionieren nur, wenn die gesamte Inszenierung das gleiche Qualitätsniveau wie früher hat. Beispiele für misslungene, peinliche Wiederaufwärmung gibt es auch, insgesamt zählen 'Wetten, dass..?' und TV total' für die meisten aber wohl nicht zu diesen Peinlichkeiten."

Es sei wichtig, dass das "kreative und professionelle Niveau" hoch bleibe, fasst er zusammen.

Hohe Standards bei der Produktion sieht auch Jörg Draeger als Schlüssel zum Erfolg. "Alle, die gescheitert sind, sind gescheitert, weil sie dachten, sie können es aus dem Ärmel schütteln", ist er sich sicher. Ob "Geh aufs Ganze!" ein Erfolg und es eine weitere Staffel geben wird, muss sich erst noch zeigen.

Gibt es weitere TV-Comebacks?

Falls "Geh aufs Ganze!" wie "Wetten, dass..?" und "TV total" ebenfalls gut beim Publikum ankommen sollte, könnte es gut sein, dass in Zukunft noch weitere alte Shows eine Rückkehr im Fernsehen feiern. Aber wie wäre es, wenn nicht nur Männer aus den 90ern zurückkämen, sondern zur Abwechslung auch Moderatorinnen? Erfolgreiche Shows mit weiblicher Moderation gab es genügend: Unter anderem "Traumhochzeit" mit Linda de Mol und "Die 100.000 Mark Show" mit Ulla Kock am Brink.

Natürlich darf in dieser Aufzählung auch "Die Mini Playback Show" mit Marijke Amado nicht fehlen. Gegenüber watson sagt die Moderatorin in diesem Zusammenhang:

"Natürlich könnte auch mit Moderatorinnen der 90er ein solches Comeback gelingen. Da sollte es die gleichen Chancen geben. Die Männer sind in der gleichen Zeit auch nicht weniger älter geworden und es stört niemanden, weil es in den 90ern noch Personality-Shows waren – durch die Männer und die Frauen."
Marijke Amado moderierte in den 90ern die "Mini Playback Show".
Marijke Amado moderierte in den 90ern die "Mini Playback Show".Nadine Dilly

Eine Rückkehr der "Mini Playback Show" könne sie sich gut vorstellen, allerdings nur unter einer Bedingung: "Ich glaube, dass die Kinder von heute genauso ihre Idole haben wie damals. Also kann es auch genauso funktionieren. Ich würde es allerdings nur machen wollen, wenn ich es mit Liebe machen kann, so wie damals."

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