Der Ministerpräsident Niedersachsens, Stephan Weil, gibt zu, dass Deutschland nicht genügend Impfstoff bestellt habe.
Der Ministerpräsident Niedersachsens, Stephan Weil, gibt zu, dass Deutschland nicht genügend Impfstoff bestellt habe.
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Stephan Weil bei "Lanz" über Impfstoff: "Wir haben nicht aggressiv genug bestellt"

22.01.2021, 06:5922.01.2021, 11:23
Deana Mrkaja
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Obwohl die Zahlen langsam etwas sinken, bleibt die Corona-Infektionsrate in Deutschland hoch - noch immer sterben täglich hunderte Menschen. Am Donnerstagabend diskutierte Markus Lanz mit seinen Gästen nicht nur über die verlängerten Corona-Maßnahmen, sondern auch über die schleppende Impfversorgung im Land. Dabei fand Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) ehrliche Worte.

Zu Beginn der Sendung geht es zunächst um das Thema Bildung. Dabei greift der "Spiegel"-Redakteur Markus Feldenkirchen nicht nur den anwesenden Ministerpräsidenten Stephan Weil an, sondern auch gleich andere Politiker. "Wir werden im Sommer im Wahlkampf wieder Reden hören, dass die Bildung das wichtigste Gut unserer Gesellschaft ist. Aber Kitas, Schulen und vor allem Grundschulen kommen bei der Priorisierung in der Pandemie zu kurz. Insofern stelle ich die Glaubwürdigkeit solcher Sonntagsreden infrage."

Markus Feldenkirchen kritisiert die Regierung in Bezug auf Bildungseinrichtungen.
Markus Feldenkirchen kritisiert die Regierung in Bezug auf Bildungseinrichtungen.
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Moderator Markus Lanz kritisiert, dass zunächst Beschlüsse in Bezug auf Schulen bei der Ministerpräsidentenrunde getroffen wurden, dann jedoch wieder jeder in seinem Land andere Maßnahmen trifft. So habe der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann noch während der Pressekonferenz zu den Corona-Maßnahmen vor zwei Tagen geäußert, er würde sich nicht an die Vereinbarungen zu den Schulen halten. "Kretschmann hat nichts Falsches gesagt", verteidigt Weil seinen Kollegen, "es gelten die bisherigen Beschlüsse, aber mit kritischerer Handhabung." Da wirft die Journalistin Vanessa Vu ein, dass sich die Aussagen verschiedener Politiker überlagern würden und somit nicht mehr bei den Bürgern ankämen: "Die Leute wissen nicht mehr, was die Lage genau ist."

Eine solche "kleinschrittige Kommunikation" sei generell sinnvoll, aber in einer Krise "kontraproduktiv", ergänzt die "Zeit-Online"-Autorin. Andere Länder, die erfolgreicher waren in der Pandemie-Bekämpfung hätten "klar kommuniziert" und das "sehr früh, sehr einheitlich" und seien dann auch dabei geblieben.

In Niedersachsen wird es den Eltern überlassen, ob sie ihre Kinder in den Präsenzunterricht mit halben Klassen schicken wollen. Das kritisiert Lanz stark: "Ich sage es mal böse: Sie wälzen die Entscheidung auf die Eltern ab, einzuschätzen, ob die Lage bedrohlich ist oder nicht." "Das sehe ich anders", antwortet der SPD-Politiker Weil. In einer solchen Situation wüssten die Eltern am besten, was gut für ihr Kind ist. Doch diese Antwort findet der Moderator nicht zufriedenstellend und hakt nach: "Sie lassen sich von den Besten der Besten beraten und dann am Ende müssen doch die Eltern entscheiden?" Weil kontert, dass sich auch die Wissenschaft uneinig sei und somit auch Experten zu unterschiedlichen Dingen rieten.

Bei "Markus Lanz" zu Gast (v.l.n.r.): Stephan Weil, Vanessa Vu, Dr. Wiebke Nehls und Markus Feldenkirchen.
Bei "Markus Lanz" zu Gast (v.l.n.r.): Stephan Weil, Vanessa Vu, Dr. Wiebke Nehls und Markus Feldenkirchen.
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Vu versteht nicht, warum die gesamte Strategie der Regierung nicht verändert wurde. Nur auf Eigenverantwortung zu setzen, habe "uns dorthin gebracht, wo wir jetzt sind". Die Asien-Expertin blickt auch nach Fernost und berichtet über positive Beispiele im Umgang mit Corona. Dabei spricht sie nicht nur von autoritären Regimen, sondern erwähnt explizit liberale Demokratien wie Taiwan. Dort habe es gerade einmal sieben Corona-Tote gegeben, unter anderem weil die Quarantäne streng überwacht wurde. Dazu gäbe es eine App, die die Daten erkrankter Menschen zwei Wochen verfolgt, damit die Quarantäne auch wirklich eingehalten wird. Danach würden alle Daten gelöscht. Dieses Vorgehen soll in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung entwickelt worden sein. Das Leben in vielen asiatischen Ländern gehe mittlerweile ganz normal weiter - alles hat geöffnet. Der Lockdown sei eine lang entfernte Erinnerung aus dem vergangenen Frühling.

Die Journalistin Vanessa Vu beschreibt die Corona-Situation in Asien.
Die Journalistin Vanessa Vu beschreibt die Corona-Situation in Asien.
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"Es wurde viel falsch gemacht in der deutschen Politik", wirft Feldenkirchen ein. Der "Herbst und Sommer wurden verschlafen." Für den Journalisten waren "Ambitionslosigkeit und Bräsigkeit vorherrschend".

"Wir hangeln uns von Maßnahme zu Maßnahme, von Verschärfung zu Verschärfung. Ohne dass die Gesamtsituation besser wird. Das ist einfach frustrierend."
Markus Feldenkirchen

Stephan Weil sieht das anders und sagt, dass auch in Ländern, in denen der Lockdown viel härter war, wie beispielsweise in Frankreich oder Irland, nun die Zahlen noch höher seien als bei uns. Was er jedoch anerkennt, ist, dass man von den Asiaten die bessere "Durchdringung von IT" lernen kann. Die deutsche Corona-Warn-App hat den Politiker nicht überzeugt. Er habe keinen "praktischen Nutzen" festgestellt. Ihn mache jedoch vor allem eine andere "Schwachstelle" betroffen: die Alten- und die Pflegeheime. Auch Feldenkirchen nennt die vielen dortigen Ausbrüche und Todesfälle als "größtes Versagen der Politik". Man hätte dort schon im vergangenen März mehr Schnelltests gebraucht. Für Weil sind es jedoch "strukturelle Probleme im Pflegewesen", die er sehr bedauert und die ihn betroffen machen.

Und noch ein Thema beschäftigt den 62-Jährigen - dass nicht genügend Impfstoff da ist. Ihm falle natürlich auf, dass in anderen Ländern wie den USA, Großbritannien, Israel oder Kanada viel mehr Impfstoff bestellt wurde als in der EU und auch in Deutschland.

"Man hat am falschen Ende gespart. Wir haben nicht aggressiv genug bestellt."
Stephan Weil

Was bisher kaum ein Politiker so offen zugegeben hat, spricht der niedersächsische Ministerpräsident ehrlich an. Er hoffe nun jedoch auf den Impfstoff von AstraZenica, von dem sich Deutschland genügend gesichert habe, um 50 Millionen Bürger zu impfen. Feldenkirchen bleibt dennoch dabei zu sagen, dass das Nicht-Bestellen des Impfstoffes das "zweite große Versagen der Politik" war. Der jetzige Lockdown und die Maßnahmen seien für den Staat viel teurer, als wenn er sich mehr Impfstoffe gesichert hätte, ohne zu wissen, ob sie funktionieren werden oder nicht. Die EU habe 750 Milliarden Euro für ein Corona-Aufbauprogramm aufgelegt, aber sei bei der Impfstoffbeschaffung "knauserig" rangegangen.

Palliativmedizinerin sorgt für emotionalen Moment

Am Ende der Sendung kommt Dr. Wiebke Nehls zu Wort. Sie ist Palliativmedizinerin in einem Berliner Krankenhaus und berichtet von ihrem derzeitigen Alltag. Sie erzählt davon, dass gerade Menschen mit Vorerkrankungen viel häufiger von Corona betroffen sind. Was sie ärgert, ist, dass die ganze Zeit nur darüber diskutiert werde, wie man aus der Pandemie herauskommt, aber nicht darüber, wie jetzt gehandelt werden soll. Sie sagt beispielsweise, dass viele Schwerkranke, die sich dann noch zusätzlich mit Covid infizierten, gar nicht intensivmedizinisch versorgt werden möchten und somit auf anderen Stationen liegen - auch diese Patienten müssten unter den gegebenen Hygienemaßnahmen behandelt werden. Trotzdem würde die Politik immer nur freie Intensivbetten analysieren.

Dr. Wiebke Nehls ist Palliativmedizinerin in Berlin.
Dr. Wiebke Nehls ist Palliativmedizinerin in Berlin.
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In dieser Pandemie würden Menschen "isolierter und einsamer sterben", sagt Niehls. Trotzdem würden sie und ihr Team alles dafür tun, diese letzten Momente im Leben so gut wie möglich zu begleiten. Sie berichtet von einer älteren Frau mit einer fortgeschrittenen Tumorerkrankung, die Corona bekam und wusste, dass sie bald sterben würde. Sie wollte keine intensivmedizinische Behandlung, aber es durfte auch kein Angehöriger bei ihr sein. So ermöglichte die Medizinerin zumindest ein letztes Video-Telefonat mit ihrer Tochter. Am Ende ihres Lebens, berichtet die Ärztin, würden Menschen noch letzte, wichtige Liebesbotschaften äußern. Damit sorgt Niehls für einen emotionalen Moment. Sie versichert, dass sie als Palliativmedizinerin zumindest sagen kann, dass die Menschen in diesem medizinischen Bereich am Ende ihres Lebens keine Schmerzen mehr spüren müssten.

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