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Ende Mai komme die Normalität langsam wieder, sagt Lauterbach bei "Illner" – "Ich verspreche es nicht, ich sage es voraus"

Dirk krampitz

Inzidenz- und R-Wert sinken viel schneller als erwartet. Vollständig Geimpfte bekommen schon am Wochenende einige Freiheiten zurück, aber Gastronomie, Hotellerie und Sportstudios wartet auf Öffnungen. Unsere Nachbarländer öffnen, Deutschland zögert. "Erst Notbremse, jetzt Vollgas – für wen ist die Pandemie vorbei?" fragt Maybrit Illner ihre Gäste:

Noch Mitte April war die Angst vorm exponentiellen Wachstum der dritten Corona-Welle groß in Deutschland. Nun sinken die Zahlen kontinuierlich. Ist das der Erfolg der Maßnahmen, die es nun so aussehen lassen, als wären sie gar nicht nötig gewesen. Also das, was man als "Präventionsparadoxon" bezeichnet? Oder war es nur Panikmache?

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Karl Lauterbach hatte vor zwei Wochen eine Augen-OP, sein rechtes Auge ist noch stark gerötet. bild: Screenshot zdf

Einer der beharrlichsten Warner war immer SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Nun ist er nach seiner Augen-OP vor zwei Wochen mit noch deutlich gerötetem rechten Auge wieder im TV zu Gast. "Übertrieben habe ich nicht", sagt er. Seine Erklärung für die sinkenden Zahlen: Der "Selbstbremseffekt" habe gewirkt: Die Bevölkerung sei vorsichtiger geworden, weil die Menschen merkten, dass die Situation sehr ernst ist. Die Diskussion um die Osterruhe habe die Menschen veranlasst, weniger Kontakte zu Ostern zu haben, dazu gab es keine Lockerungen, stattdessen die Notbremse. Und auch die Impfungen hätten ihren Teil geleistet. Bisher noch gar nicht so sehr durch die Immunität. Viel eher dadurch, dass Menschen, die kurz vor ihrem Impftermin stehen, sich vorsichtiger verhalten – das hätten Studien in Großbritannien gezeigt. Und trotzdem warnt Lauterbach mit einem Seitenhieb gegen weniger besorgte Virologen wie Hendrik Streeck vor den Stimmen, die nun in seinen Augen vorschnelle Lockerungen fordern. "Wir wissen alle, welche Wissenschaftler uns damals in falscher Sicherheit gewogen haben – ich möchte hier keine Namen nennen."

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Für Katarina Witt ist ein Leben ohne Sport nicht vorstellbar. bild: screenshot zdf

Die ehemalige Eislauf-Olympiasiegerin und heutige Sportstudiobesitzerin Katarina Witt würde am liebsten sofort wieder öffnen. Sicherlich aus Geschäftsinteresse. Aber auch aus Überzeugung, wie sie sagt:

"Meiner Meinung nach geht Gesundheit nicht ohne Sport. Das ist wie Zähneputzen, das ist Körperpflege. Sport gehört zu unserem Leben.“

Katarina Witt

Seit 9 Monaten haben die Sportstudios geschlossen. "Grundsätzlich wird den Bürgern, den Unternehmern zu wenig zugetraut." Es gebe gute Ideen, Hygiene- und Öffnungskonzepte.

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Hotelchefin Caroline von Kretschmann kommt mit Krediten durch die Krise. bild: screenshot zdf

Und auch die Hotelchefin Caroline von Kretschmann glaubt, dass es auch ohne geschlossene Häuser gut ausgehen kann. "Die Hotels in der Schweiz waren die ganze Zeit offen, die Inzidenzen waren zeitweise höher als in Deutschland, inzwischen sind sie viel geringer." Die Kollateralschäden aber seien in der Schweiz kleiner durch die weniger strengen Maßnahmen.

"Jede Woche, die wir länger im Lockdown sind, sterben mehr Unternehmen ab."

Caroline von Kretschmann

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband e.V. rechne mit mit der Pleite von einem Viertel der Unternehmen. Sechs Prozent müssten sogar in den nächsten drei Wochen Insolvenz anmelden, sagt von Kretschmann. Ihr Hotel hätte im Moment eine Auslastung von gerade einmal 8 Prozent und andererseits würden sie noch immer auf 35 Prozent der staatlichen Dezemberhilfe warten. "Sie können sich vorstellen, wie es bei uns auf dem Konto aussieht. Wir werden überleben, wir werden aber weiter Verluste anhäufen, die wir über Kredite abfedern."

Doch der Politiker und Mediziner Karl Lauterbach hat da eine strikt medizinische Sicht: Eine hohe Inzidenz bleibe gefährlich. Gerade für Ungeimpfte steige da das Risiko. Für Kinder gibt es bisher keinen zugelassenen Impfstoff. Und auch sie können an Corona erkranken, 7 Prozent von ihnen hätten mit Long-Covid zu kämpfen.

Allerdings hat Lauterbach auch eine gute Nachricht: Ab einer Impfquote von 40-50 Prozent falle die Inzidenz exponentiell ab. "Diesen Kipppunkt werden wir Ende Mai erreichen, spätestens. Wollen wir nicht noch diese drei Wochen durchhalten, und dann den vollen Genuss haben?“, fragt er. Alle renommierten Wissenschaftler würden dazu raten, die Inzidenz unter 50 zu drücken – die Gefahr von Mutationen sei sonst zu groß. "In der Gesamtschau sind das jetzt ganz kritische Wochen."

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Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) erinnert an die Einschränkungen, die junge Menschen erdulden. bild: screenshot zdf

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier hält dagegen, wenn die Gefahr nicht mehr da ist, müssten die Grundrechte zurückgegeben werden. Und bei dieser Gelegenheit verweist er vor allem auch auf die Einschränkungen, die junge Menschen erdulden müssen:

"Alles was ihnen Spaß macht, haben wir verboten – junge Menschen haben das Gefühl, wir haben ihnen das Leben weggenommen."

Volker Bouffier

Er spricht sich dafür aus, die Schüler bis Ende des Jahres impfen – wenn ein Impfstoff da ist.

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Alena Buyx mahnt, dass junge Menschen nicht vergessen werden dürfen. bild: screenshot zdf

Auch Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, gibt angesichts der Priorisierungsreihenfolge und der Freigaben für Geimpfte zu bedenken, dass das zu "einer Art doppelten Nachteil" vor allem für die junge Generation führt. Sie schlägt vor: "Lass uns auch die Jungen impfen, sie haben sich ganz solidarisch lange zurückgenommen." Sie könne sich bald eine Änderung der Priorisierung zugungsten junger Menschen vorstellen. Und von der Politik wünscht sie sich für die gedulgigen jungen Menschen, "dass es anerkannt wird, dass man Angebote schafft für die, die es ganz lange aushalten". Wie das genau aussieht, sagt sie aber nicht.

Bouffier drängt hingegen auf ein "vernünftiges Erwartungsmanagement" für den Fortgang der Pandemie. Also nicht zu oft etwas ankündigen und doch nicht einhalten. "Ich verspreche niemandem, dass wir das alles in drei Wochen so lösen können." Aber da springt ihm der ansonsten pessimistische Realist Lauterbach überraschend optimistisch beiseite: "Ich verspreche es nicht, ich sage es voraus."

Die Lösung ist also drei Wochen entfernt. Das klingt ungewohnt optimistisch. Wir freuen uns auf Ende Mai.

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