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"Willkommen"-Schild zeigt, wie sich Rammstein gerade politisieren

18.07.2019, 18:27
philipp luther

Schlauchboote gehören zu Rammstein-Konzerten, wie teutonisch-gerollte "R's" zu Till Lindemann. Spätestens seit 2015 werden die aufblasbaren Gummiboote allerdings auch mit einer der größten Tragödien der jüngeren Geschichte verbunden – dem täglichen Sterben von Migranten auf dem Mittelmeer. Im Schnitt ertrinken dort pro Tag drei Migranten. Und Europa tut sich bekanntermaßen mehr als schwer damit, diese Leute menschenwürdig zu behandeln.

Dieser neue Zusammenhang zwischen Schlauchbooten, Migration und sinnlosem Sterben ist auch an Rammstein nicht vorbeigezogen. Im Musikvideo zum Lied "Ausländer" paddelt die Band in einem Gummiboot an eine fremde Küste, eine Schwarze Frau wartet dort auf die im kolonialen Stil gekleidete Band.

Hier könnt ihr euch das Video reinziehen:

Nun hat die Band die politische Dimension des Schlauchboots offenbar auch in ihre Bühnen-Show integriert. Im Netz kursieren seit Tagen Bilder vom Konzert in Frankfurt am vergangenen Wochenende – dem letzten Tourstopp der Band in Deutschland dieses Jahr.

Die Fotos sind offenbar gegen Ende der Show aufgenommen worden, als Mitglieder der Band in den Gummibooten in der Menge "schwammen". Soweit, so Rammstein.

Als Flake und Co. allerdings wieder an der Bühne ankamen, wartete dort Till Lindemann auf seine Kollegen und hielt ein "Willkommen"-Schild in der Hand. Ein Schild, wie wir es seit Herbst 2015 kennen, als zehntausende Geflüchtete aus Syrien an deutschen Bahnhöfen ankamen.

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Für Rammstein ist das eine eher ungewöhnliche Aktion. Die Band verzichtete in der Vergangenheit auf politische Statements, obwohl – oder gerade weil – sie mit ihrer weltweiten Fanbase eine gigantische Plattform hat.

Ob Rammstein hier wirklich politisch werden wollten, bleibt Interpretationssache. Die Fans fassten die Aktion allerdings als ein Statement auf. "Danke an Rammstein für ihr eindeutiges Statement: Willkommen, wenn ein Boot anlegt. Top!", kommentierte etwa eine Twitter-Nutzerin unter dem Hashtag #RefugeesWelcome.

Doch nicht nur das "Willkommen"-Schild lässt den Schluss zu, dass die Band sich aktuell politisiert.

Auch das neue Album "RAMMSTEIN" enthält Tracks mit eindeutig politischem Inhalt. Allen voran das "Deutschland"-Lied, das einen Parforce-Ritt durch die deutsche Geschichte unternimmt und das zwiespaltige Verhältnis der Deutschen zu ihrer Nation thematisiert:

"Deutschland, deine Liebe
Ist Fluch und Segen,
Deutschland, meine Liebe
Kann ich dir nicht geben
Deutschland!"

Hier gibt's das ganze "Deutschland"-Video:

"Ausländer" wiederum hebt mit dem Video auf die europäisch-deutsche Kolonialvergangenheit ab, in der fremde Kulturen nicht wertgeschätzt wurden, sondern als "exotisch" betrachtet auf Jahrmärkten zur Schau gestellt wurden. Von wesentlich handfesteren Verbrechen gegen die Menschheit mal ganz abgesehen.

Die Lyrics des Liedes hingegen thematisieren eine ähnliche Form des Kolonialismus – Sextourismus:

"Ich bin kein Mann für eine Nacht,
Ich bleibe höchstens ein, zwei Stunden"

Auch "Radio" hat eine politische Dimension – der Song und das Video sind eine späte Abrechnung der Band mit dem Unrechtsstaat der DDR und seiner restriktiven Kulturpolitik, die unter anderem das Verbot westlicher Musik, Fernsehen und anderer (popkultureller)-Inhalte mit sich brachte. Gleichzeitig besingt die Band auch die Sehnsucht nach Freiheit, nach einem Leben gemäß eigener Vorstellungen:

"Jenes Liedgut war verboten,
So gefährlich fremde Noten,
Doch jede Nacht ein wenig froh,
Mein Ohr ganz nah am Weltempfänger"

Zum Abschluss nochmal "Radio":

Ein Politisierungs-Prozess – verstanden als Einmischung, Nicht-mehr-Schweigen und Nutzen der eignen Plattform – lässt sich allerdings gerade definitiv beobachten.

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