ARCHIV - 10.06.2022, Nordrhein-Westfalen, K
Campino ist bekannt als Sänger der Toten Hosen, übernimmt immer wieder aber auch andere Projekte. Ab dem 15. September ist er als Erzähler in "Into the Ice" zu hören.Bild: dpa / Rolf Vennenbernd
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Sänger Campino fordert nachhaltigere Politik: "Verstehe nicht, dass jemand wie Christian Lindner in der Politik überlebt"

13.09.2022, 15:42

Für Sänger Campino von den Toten Hosen ist Klimaschutz ein wichtiges Anliegen. Die Verdienste der jungen Aktivistin Greta Thunberg bezeichnete er in der Vergangenheit als "immens", und auch mit seiner Band möchte er einen Beitrag leisten. Zusammen mit Die Ärzte wollen Die Toten Hosen Live-Auftritte nachhaltiger machen, zu diesem Zweck veranstalteten die Kult-Acts im August eine nachhaltige Konzert-Reihe. Das Besondere daran: der Bezug von Ökostrom, der Einsatz von Humus-Toiletten und der Verkauf von kompostierbaren T-Shirts.

Und damit nicht genug: Ab dem 15. September ist Campino als Sprecher der Kino-Dokumentation "Into the Ice" zu hören, die sich ganz dem Thema Klimawandel verschrieben hat. Der dänische Regisseur Lars Ostenfeld begab sich mit Forschenden nach Grönland, um neue Erkenntnisse über die Eisschmelze in Erfahrung zu bringen, und zeigt im Film mehrere wissenschaftliche Ansätze auf. Dabei brachte er sich bei den Drehs selbst in Gefahr, als er sich in einen über 150 Meter tiefen Eistrichter abseilte.

Im Interview mit watson erklärt Campino, wie er an seine Erzähler-Rolle im Film kam und verrät, wie umweltschonend er eigentlich privat lebt. Mit Kritik an einem bestimmten Politiker hält er sich während des Gesprächs nicht zurück – mit Kritik gegen sich selbst allerdings auch nicht.

watson: "Into the Ice" zeigt den Klimawandel anhand der Gletscher Grönlands und der Gewalt der Natur. Siehst du Kunst auch als eine mögliche Form von Aktivismus?

Campino: Auf jeden Fall. Aktivismus gibt es in allen möglichen Formen: Als Sportler kannst du dich einbringen, aber auch als Schauspieler oder in anderen Kunstformen.

Du bist in erster Linie Musiker, wie kam es überhaupt zu deiner Beteiligung an der Dokumentation?

Der Filmproduzent Stefan Kloos, den ich seit vielen Jahren kenne und der auch schon einige Male mit den Toten Hosen zusammengearbeitet hat, wurde in Skandinavien auf dieses Projekt aufmerksam. Als es dort vorgestellt wurde, wollte er sofort dabei sein, hat den Film mitfinanziert und angeschoben. Für die deutsche Version hatte er die Idee, mich als Sprecher zu gewinnen. Er rief mich an, schickte mir einen Rohschnitt des Films. Als ich mir das angesehen habe, musste ich keine fünf Sekunden darüber nachdenken, ob ich zusage oder nicht.

"Ich bin weiß Gott kein Heiliger und lebe ein ziemlich inkonsequentes Leben, was das Thema Nachhaltigkeit betrifft – so wie wir alle mit Kompromissen leben."

Der Film zeigt, wie Wissenschaftler ihr Leben riskieren, um neue Erkenntnisse über den Klimawandel zu gewinnen. Der Regisseur Lars Ostenfeld hat sich sogar selbst in eine Gletschermühle hineinbegeben. Könntest du dir so etwas auch vorstellen?

In der Theorie kann ich mir das sehr gut vorstellen. Allerdings fürchte ich, dass ich das körperlich nicht mehr schaffen würde. Ich wäre schnell vor Probleme gestellt. Wenn ich aber für irgendetwas nützlich sein könnte, würde ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten einbringen, statt nur zuzugucken. Das steht für mich außer Frage.

Die Eislandschaft Grönlands birgt Gefahren.
Die Eislandschaft Grönlands birgt Gefahren.bild: Rise and shine cinema

Die Toten Hosen und Die Ärzte veranstalteten jüngst auch eine klimafreundliche Konzertreihe. Wie nachhaltig lebst du privat?

Ich bin weiß Gott kein Heiliger und lebe ein ziemlich inkonsequentes Leben, was das Thema Nachhaltigkeit betrifft – so wie wir alle mit Kompromissen leben. Anders kommt man gar nicht durch. Wir Menschen können aber Prioritäten setzen und unser Bestes tun, um unseren ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten.

Wo bist du inkonsequent?

Es ist kein Geheimnis, dass ich Fan des Liverpool FC bin und mir die Spiele gerne vor Ort anschaue. Nach England zu fliegen, ist natürlich eine Umweltsauerei, doch ich habe mich noch nicht dazu durchgerungen, die Spiele deshalb nur im Fernsehen zu verfolgen. Wenn ich mir das zugestehe, kann ich mich zum Ausgleich aber in anderen Bereichen verändern.

Zum Beispiel?

Erst einmal mit dem Zahlen von Kompensationskosten. Am wichtigsten ist Awareness. Es gibt sehr viele Handlungen, die einen Unterschied machen können und uns in der Konsequenz gar nicht wirklich wehtun, zum Beispiel die Umstellung unserer Ernährung. Die Frage nach dem täglichen Stück Fleisch ist bei mir schon lange beantwortet. Ich bin zwar kein Vegetarier, aber ich habe meinen Fleischkonsum auf ein Minimum heruntergefahren, ohne dass mir das schwerfällt. Dann gibt es Dinge wie den zu lange laufenden Wasserhahn oder unnötig brennendes Licht, über die man früher kaum nachgedacht hat. Das hört sich alles sehr klein an, aber wenn jeder dafür sensibilisiert wäre, wären wir schon zwei Schritte weiter. Irgendwo müssen wir ansetzen.

"Jeder Einzelne sollte sich fragen, was er oder sie tun kann, bis die Politik Maßnahmen im Angesicht der vielen Interessenskonflikte umsetzen kann."
Campino und Lars Ostenfeld bei der Premiere des Dokumentarfilms Into the Ice im Zoo Palast. Berlin, 24.08.2022 *** Campino and Lars Ostenfeld at the premiere of the documentary Into the Ice at Zoo Pal ...
Campino und Regisseur Lars Ostenfeld bei der Premiere zu "Into the Ice" – in Berlin trafen sich die beiden zum ersten Mal.Bild: www.imago-images.de / imago images

Schert es dich, wenn dir Doppelmoral vorgeworfen wird?

Wenn du dich zu diesem Thema äußerst, wird es immer jemanden geben, der versucht, dich zu diskreditieren, indem er dir deine Verfehlungen aufzeigt. Meistens kommt das von Leuten, die sowieso einer grundsätzlich anderen Meinung sind. Die ärmsten Menschen hinterlassen den kleinsten Abdruck und die Reichen sind die größten Umweltschweine, so viel ist klar. Ich habe eine ganze Menge Geld, also werde ich wahrscheinlich eher in der Gruppe der Schweine zu finden sein, ob ich will oder nicht. Das zeigt sich am Reiseverhalten, der Größe der Wohnung, dem ganzen Lebensstil. Ich wohne nun einmal nicht in einem Schuhkarton. Wenn es vor den Richter geht, findet man also auch bei mir viele Schwächen.

"Ich verstehe nicht, dass jemand wie Christian Lindner, der sich gegen das Tempolimit sträubt, in der Politik überlebt."

Das heißt, zuerst sollten sich die Reichen einschränken müssen?

Immer nur gegen die Großen und Reichen zu wettern, ist mir dann doch zu einfach. Jeder Einzelne sollte sich fragen, was er oder sie tun kann, bis die Politik Maßnahmen im Angesicht der vielen Interessenskonflikte umsetzen kann. Darauf können wir nicht warten. Wir sehen ja, wie das Thema Umweltschutz im Zuge des Ukraine-Kriegs in den Hintergrund gedrängt wird. Durch die Corona-Pandemie erleben wir ebenfalls viele Rückschläge. Das alles verschlingt finanzielle Mittel und Ressourcen, die es jetzt auch im Kampf gegen den Klimawandel bräuchte. Das ist tragisch.

Die Toten Hosen wollen Konzerte nachhaltiger machen und gehen mit gutem Beispiel voran.
Die Toten Hosen wollen Konzerte nachhaltiger machen und gehen mit gutem Beispiel voran.Bild: dpa / Rolf Vennenbernd

Wäre es eine Lösung, für den Klimaschutz Verbote durchzusetzen?

Bei Inlandsflügen könnte man zumindest versuchen, so etwas wie einen Dringlichkeitskatalog aufzubauen: Fliegen im Inland nur noch dann, wenn es nicht anders geht. Innerhalb Deutschlands hat für mich der Zug die absolute Priorität. Auch ein Tempolimit auf Autobahnen halte ich für notwendig. Ich verstehe nicht, dass jemand wie Christian Lindner, der sich gegen das Tempolimit sträubt, in der Politik überlebt. Ich registriere, dass er auch von vielen jungen Menschen in dieser Republik gewählt wurde. Das kann ich nur schwer fassen.

Wenn du irgendwann nicht mehr auf der Bühne stehst: Machst du dann weiter Projekte wie "Into the Ice"?

Es ist kein besonderes Anliegen von mir, als politische Person wahrgenommen zu werden. Ich habe auch kein Programm, das ich strategisch abarbeiten würde. In meinem Leben war es meistens so, dass mich die interessanten Dinge angesprungen haben. Manchmal rennt man in Situationen hinein und deine Intuition sagt dir: Hier kannst du was tun, hier musst du aktiv werden. In diesem Fall bin ich vor allem von der Emotionalität des Films und den starken Bildern mitgerissen worden. Die Rasanz des voranschreitenden Klimawandels wird sehr greifbar, das ist eine harte Ohrfeige für uns.

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