GNTM 2020

2020 war Lucy Hellenbrecht Kandidatin bei "GNTM". Bild: Screenshot ProSieben.de

Als Transgender-Model bei "GNTM" – Lucy Hellenbrecht musste sich auch sehr intimen Fragen stellen

Bei "Germany's next Topmodel" steht 2021 alles im Zeichen von Diversity. Zumindest in der Vorstellung von Heidi Klum. Die Chef-Jurorin legt nämlich Wert darauf, dass bei "GNTM" jeder eine Chance bekommt – sei es das Curvy-, das Petite-Model oder die etwas ältere Generation. Auch Transgender sind bei "GNTM" gerne gesehen. Und das nicht erst seit diesem Jahr.

In der vergangenen Staffel versuchte bereits Lucy Hellenbrecht ihr Glück. Das Transgender-Model begeisterte Heidi Klum und belegte den 16. Platz. Die damals 21-Jährige ging ganz offen mit ihrer Geschichte um und machte kein Geheimnis daraus, dass bei ihr die geschlechtsangleichende OP noch nicht stattgefunden hat.

Jetzt, ein knappes Jahr nach der Show, hat sie die OP allerdings hinter sich gebracht und berichtet im watson-Interview, wie es ihr mittlerweile geht, was sie von der verstärkten Diversity-Offensive der Klum-Show hält und wie es für sie nach der "GNTM"-Teilnahme weitergegangen ist.

watson: Wie war die Zeit bei "GNTM" rückblickend für dich?

Lucy Hellenbrecht: Es war auf jeden Fall eine extrem geile Zeit und ein einmaliges Erlebnis. Dadurch hat sich überhaupt erst mein ganzes jetziges Leben aufgetan mit dem Modeln und Instagram. Ich kann deshalb nur extrem dankbar sein rückblickend.

Und du bist auch nach wie vor aktiv im Modelbusiness?

Genau. Mal mehr, mal weniger. Durch Corona ist es natürlich gerade bei jedem etwas schwieriger. Aber es ist auf jeden Fall weiterhin mein Ziel, im Model- und Instagram-Business zu bleiben.

"Ich wusste natürlich auch, dass es polarisiert und Gesprächsthema sein wird."

Wie hast du dich damals als Transgender bei "GNTM" gefühlt? Du hattest es ja immer offen thematisiert.

Ich wusste durch die vergangenen Staffeln ja bereits, dass das gar kein Problem ist. Transgender sind ja bereits seit 2016 oder 2017 Teil der Show. Ich wusste deshalb, dass Transgender für ProSieben und für Heidi Klum gar kein Problem darstellen. Deshalb hatte ich da erstmal gar keine Sorgen, bevor ich das angesprochen habe.

Und das war auch gut so?

Ich wusste natürlich auch, dass es polarisiert und Gesprächsthema sein wird, wenn ich mit solch einem Thema in die Show komme – das muss ja nicht mal Transgender sein. Deshalb hatte ich mich darauf eingestellt. Ich fand es auch gar nicht schlimm, aber an manchen Tagen war es tatsächlich so, dass ich mir dachte: "Okay, das waren jetzt aber mal genug Fragen zu dem Thema." Aber ich würde sagen, dass ich schon sehr genau wusste, worauf ich mich eingelassen habe.

Wie fandest du, wie das Thema im TV behandelt wurde?

Es war im TV tatsächlich so, dass sehr viele Zuschauer von dem Thema genervt waren, weil ich gefühlt alle fünf Minuten darüber geredet habe, was aber dem Zusammenschnitt geschuldet war. Ich habe natürlich nicht vor Ort alle fünf Minuten über dieses Thema gesprochen, das wurde schon so geschnitten. Aber ich fand es jetzt auch nicht so schlimm.

Dennoch gab es genervte Reaktionen. Konntest du das nachvollziehen?

Natürlich habe ich verstanden, dass es die Leute genervt hat, weil wir hatten nun mal 2020 und eigentlich muss man nicht mehr über das Thema reden. Ich saß auch teilweise vom Fernseher und dachte mir: "Mensch Lucy, jetzt halt doch mal die Klappe!"

"Es gab ein paar Fragen, die waren sehr intim."

Aber du bist sonst mit deiner Darstellung und mit dem Umgang mit dir und dem Thema zufrieden gewesen?

Ja, auf jeden Fall. Natürlich haben sie das Thema sehr stark aufgegriffen, aber sie haben in keiner Weise versucht mich oder das Thema schlecht darzustellen oder mich als Witzfigur darzustellen. Das ist in keiner Weise passiert. Ich war immer zufrieden mit meiner Darstellung. Es wurde nichts verdreht.

Der Pressesprecher des Lesben- und Schwulenverbands hatte kürzlich in einem Interview mit watson kritisiert, dass beim Thema Transgender im TV sehr oft und sehr intim nachgefragt wird und Grenzen überschritten werden. Hast du das auch so erlebt?

Es gab ein paar Fragen, die waren sehr intim, ja. Aber ich durfte tatsächlich immer nein sagen. Wenn ich eine Frage gestellt bekommen habe, die mir zu privat war, dann habe ich einfach gesagt, dass ich es nicht beantworten möchte und dann war die Sache auch gegessen und es kam nicht wieder vor.

Für dich war das also unproblematisch?

Ich gehe ja auch verdammt offen mit dem Thema um, das kennt man ja mittlerweile von mir und das habe ich denen vor Ort natürlich auch gesagt, dementsprechend musste ich auch damit rechnen, alles gefragt zu werden.

Was hältst du von dem Diversity-Konzept bei "GNTM"? Also keine Mindestgröße, Plus-Size etc.?

Das ist ja immer wieder im Gespräch. Ich finde das absolut nicht absurd, weil es in der echten Model- und auch Instagram-Welt so ist, dass Diversität unglaublich gut ankommt. Und dafür, dass "GNTM" eine TV-Show ist, die auf die Quote setzt, natürlich Diversität zeigen wollen, weil es so gut ankommt. Ich finde das sehr, sehr gut. Ich beispielsweise bin ja sehr dankbar, dass mir dort so eine große Plattform geboten wurde und ich über meine Geschichte und mein Leben reden konnte. Genauso ist auch vielleicht ein Plus-Size-Model dankbar, dass es im großen Rahmen gezeigt wird.

Für dich geht das also nicht an der Modelrealität vorbei?

Was heißt normale Modelrealität? Es gibt natürlich immer noch die Sparte Models, die viel größer und viel, viel dünner sind, als wir es waren. Das haben wir auch immer von den Gastjuroren mitbekommen. Das ist zwar ein Großteil, aber es ist nicht alles. "GNTM" könnte diese Sparte bedienen, wenn sie sagten, sie bleiben bei dem ganz klassischen Bild, aber sie haben sich nun mal für Diversity entschieden und das ist auch wunderbar so.

"Das kommt am besten an und gefällt auch Heidi definitiv am besten."

Was rätst du den Kandidatinnen der diesjährigen Staffel?

So blöd es auch klingt: Einfach machen. Man wird täglich in ganz neue, wilde Situationen hineingeworfen. Wenn man da zweifelt oder sich querstellt, dann ist das einfach nicht gut und deswegen würde ich sagen: Einfach machen und die Situation annehmen, wie sie kommt – auch wenn sie noch so crazy ist. Das kommt am besten an und gefällt auch Heidi definitiv am besten.

Ganz anderes Thema: Wie gehts dir nach deiner geschlechtsangleichenden OP?

Mittlerweile geht es mir sehr, sehr gut. Ich habe kaum Beschwerden.

Kannst du ein wenig etwas zur OP erläutern? Wie kann man sich das vorstellen?

Da möchte ich jetzt gar nicht so sehr im Detail drauf eingehen. Ich sag mal so: Alles, was nicht mehr gebraucht wird, wird weggeschnitten. Tatsächlich ist es auch so, dass im Intimbereich sehr viele Nerven verlaufen, deshalb versucht man sehr viel zu behalten, aber verpackt es halt anders. Gerade von Mann zur Frau wird dann das, was sonst nach vorne absteht, eher nach innen und an den Körper angelehnt. Aber man versucht, um das Gefühl zu erhalten, so viel wie möglich mit dem zu arbeiten, was man hat.

Hättest du dir manchmal gewünscht, dass diese geschlechtsangleichende OP schon vor "GNTM" erfolgt wäre?

Das ist ein schwieriges Thema, weil ich habe in Bezug auf "GNTM" nie an meine Operation gedacht. Ich habe das immer getrennt. Ich war ja vorher immer eine Privatperson und habe auch schon gewusst, wie mein Weg hinsichtlich der OP aussehen wird, dass der Termin irgendwann im Winter 2020 sein wird. Ich habe mich halt trotzdem beworben. Das hätte ich ja nicht machen müssen, ich hätte warten können, da wie gesagt, der Termin schon grob feststand.

Aber das war für keine Option?

Ich hab das aber nicht für nötig erachtet. Ich habe mich in meinen Körper wohl gefühlt und wusste, was ich leisten kann und habe da ProSieben auch ein Stück weit vertraut, dass sie das nicht als negativ auslegen werden, dass die angleichende OP noch nicht stattfand. Und das haben sie auch nicht. Das war also meine freie Entscheidung, die ich jeder Zeit hätte anders treffen können. Dementsprechend bereue ich es auch nicht.

Heidi Klum vor dem neuen

2021 setzt Heidi Klum auf noch mehr Diversity. Bild: Screenshot / Instagram / heidiklum

"Ich habe das große Los gezogen, dass es mir durch Instagram tatsächlich nicht so schlecht geht wie anderen."

Du hattest es schon angeschnitten, dass es nach "GNTM" mit dem Modeln weiterging. Was passierte sonst nach der Sendung bei dir?

Nachdem die Show vorbei war, kam die Ausstrahlung und man hat erst mal gemerkt, dass das unheimlich viel Aufmerksamkeit im Medienbereich und auf Instagram generiert. Was natürlich schön ist. Wir "GNTM"-Mädels wurden damals auch auf eine große Filmpremiere nach Berlin eingeladen, um uns zu präsentieren. Und dann kam Corona. Mittlerweile ist es so, dass ich sehr viele Aufträge im Influencer-Bereich bekomme, ich aber durch die Show auch sehr viele Fotografen an der Hand habe, die jederzeit Shootings mit mir machen. Da bin ich Gott sei Dank breit aufgestellt.

Durch Influencer-Aufträge konntest du aber gut durch das schwierige Corona-Jahr 2020 kommen?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe das große Los gezogen, dass es mir durch Instagram tatsächlich nicht so schlecht geht wie anderen. Da bin ich sehr dankbar für.

Wie stellst du dir deine Zukunft vor – auch mit Blick auf die Zeit nach Corona?

Definitiv blicke ich positiv und freudig in die Zukunft. Ich denke, es kann nur besser werden. Gerade auch jetzt nach der OP. Denn je wohler ich mich in meinem Körper fühle, desto mehr kann ich das auch ausstrahlen und es wird anderen auffallen. Und ich habe definitiv vor weiter Model zu bleiben und auf Instagram ebenfalls. Ich sage dennoch lieber, ich bin Model. Das kommt besser an als die Bezeichnung Influencerin. Das ist ja leider ein nicht so schön behaftetes Wort mittlerweile. Das ist auf jeden Fall mein Plan.

"Damals habe ich mich krassen Hass-Mails aussetzen müssen."

Gibt es einen Plan B?

Natürlich habe ich auch darüber nachgedacht, was ein sichererer Job sein könnte, aber der Hauptfokus liegt erst mal auf dem Modeln. Ich habe darin einfach den Job gefunden, für den ich brenne, da wäre es schade, wenn ich mir jetzt etwas anderes suchen müsste.

Das Influencer-Sein hat auch seine Schattenseiten. Hast du viel mit Hassnachrichten zu tun gehabt?

Oh ja. Damals bei der Ausstrahlung massiv. Damals habe ich mich krassen Hass-Mails aussetzen müssen. Die waren teilweise auch gar nicht so leicht zu schlucken. Die ersten Folgen wusste ich donnerstags schon: Oh Gott, da kommt wieder eine echte Hate-Welle auf mich zu. Da hatte ich echt zu kämpfen. Aber das hat sich gelegt. Mittlerweile folgen mir nur noch die Leute, die echtes Interesse an mir haben und wissen, wie ich bin und auch damit klarkommen. Aber natürlich schleicht sich ab und zu wieder Hate ein. Gerade jetzt habe ich wieder zwei Hater, die alles kommentieren, was ich mache. Jede Story. Aber man härtet einfach ab.

Als ob die nichts anderes zu tun haben...

Auf jeden Fall, was die für einen Aufwand betreiben…

Hast du noch Kontakt zu Mädels aus deiner Staffel?

Ja, wir verstehen uns immer noch alle sehr gut. Natürlich haben wir nicht alle den riesigen Kontakt und können uns nicht jede Woche treffen. Aber ich schreibe ab und zu mit einigen – vor allem auch über Instagram. Von den Top 25 – oder mit den Nachrückern 28 – sind nach meiner OP fast alle auf mich zugekommen und haben sich nach mir erkundigt und viel Glück gewünscht. Das fand ich sehr schön.

Aber mit Heidi besteht kein Kontakt mehr?

Nee, nee.

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