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Tätowierer Maik Frey gibt Sophia Thomalla recht und hinterfragt, warum Tattoostudios geschlossen bleiben und Friseure nicht. Bild: instagram/ sophia thomalla/ dpa/ Daniel Maurer

Interview

Nach Thomallas Tattoo-Streit mit Spahn – Tätowierer: "Lockerungen gehen zu schnell"

Sophia Thomalla kritisierte in einem Instagram-Post, dass Friseursalons trotz der andauernden Corona-Pandemie wieder öffnen dürfen und Tattoostudios nicht. Sie stellte an Gesundheitsminister Jens Spahn die Frage: "Warum dürfen Friseurläden ab dem 4.5. wieder öffnen, während die komplette Piercing- und Tätowierszene am Stock geht, auf keine Öffnung hoffen darf und eventuell ihre Läden schließen muss?" Weiter erklärte sie, dass die Hygienebestimmungen in einem Tätowierstudio mehr gegeben seien, als in einem vollbesetzten Salon.

Wie Thomalla im Interview mit "Bild" verriet, antwortete ihr der Gesundheitsminister: "Jens Spahn schrieb mir, er wisse, das jedes Studio, jeder Salon seine eigene Geschichte habe. Es gehe nicht nur um Arbeitsplätze, sondern um die DNA einer unglaublich kreativen Szene." Die Friseure seien im ersten Schritt dabei, weil der Wunsch nach einem Haarschnitt aktuell größer sei als der nach einem Piercing.

Tätowierer Maik Frey, Sprecher von DOT e.V. (Deutsche Organisierte Tätowierer), erklärt im Interview mit watson, warum er Sophias Ansicht versteht, wieso er generell gegen eine schnelle Ladenöffnung ist und wie es aufgrund der Corona-Krise wirklich um die Tattoo-Szene steht.

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Maik Frey: Seit 31 Jahren tätowiert der Künstler selbst. Bild: dpa/ daniel maurer

watson: Was bedeutet die Corona-Pandemie für die Szene und die Tattoostudios?

Maik Frey: Die Corona-Pandemie bedeutet völligen Stillstand. Wir haben einen bundesweiten Shutdown. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwelche Kollegen Tätowierungen hinter geschlossenen Türen illegal durchführen. Dafür sind die Strafen zu hoch. Natürlich bedeuten die Maßnahmen einen erheblichen finanziellen Ausfall, speziell, weil die Kosten für das Betreiben eines Studios sehr hoch sind. Die Gefahr ist da, dass Tätowierer vor einem kompletten Ruin stehen und ihre Läden schließen müssen.

Was denken Sie über den von Sophia Thomalla kritisierten Punkt, dass ab dem 4. Mai in Deutschland Friseure wieder öffnen dürfen, Tattoostudios aber nicht?

Da bin ich auf der Seite von Sophia Thomalla. Ich finde die Entscheidung der Bundesregierung seltsam, weil unsere Tattoostudios auf einem hohen hygienischen Niveau geführt werden. Es gibt Kollegen, die schon vor Corona mit Mundschutz gearbeitet haben. Bei uns wird in ganz anderen Maße auf Hygiene geachtet. Das ist natürlich nicht bei allen Studios in Deutschland oder Europa hundert Prozent so und es wird auch unsaubere Studios geben.

Der TŠtowierer Maik Frey, portraitiert am 06.04.2016 in seinem Tattoo Studio in Esslingen (Baden-WŸrttemberg). Foto: Daniel Maurer/dpa

Maik Frey: Der Tätowierer steht hier in seinem Studio in Esslingen. Bild: dpa/ Daniel Maurer

Der echte Profi kümmert sich allerdings um die Hygiene. Das bedeutet einen hohen Einsatz von Desinfektionsmitteln, häufiger Handschuhwechsel und häufiger Mundschutzwechsel. Ich verstehe nicht, warum das nicht bei der Entscheidung berücksichtigt wird. Zugegeben, Friseure sind wichtig und Tattoos sowie Piercings sind eher Luxus.

Moderatorin Thomalla richtet in einem Instagram-Post deutliche Wort an Gesundheitsminister Jens Spahn. Teilen Sie die Meinung?

Ich gebe Sophia Thomalla recht und teile ihre Meinung. Innerhalb unseres Verbandes diskutieren wir den Hintergrund und sehen das ähnlich. Friseure sind prinzipiell natürlich näher am Kopf des Kunden. Wir sind hingegen näher am Fuß, am Bein oder am Arm dran. Wir haben zwar auch nicht die nötigen zwei Meter Abstand zum Kunden, aber wir sind weiter weg. Vom Kopf geht die Gefahr aus.

Zudem mahnt die Moderatorin an, dass die Hygienebestimmungen in einem Tätowierstudio mehr gegeben seien, als in einem vollbesetzten Friseursalon. Was sagen Sie dazu?

Ich vermute, dass Friseursalons zunächst nicht vollbesetzt sein werden. Da wird es mit Sicherheit eine Warteschlange geben. Ob die dann eingehalten oder kontrolliert wird, steht auf einem anderen Blatt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei fünf Friseurstühlen der ganze Salon mit ungenügendem Abstand überfüllt sein wird. Generell sollte überprüft werden, ob wirklich die Abstände von Kunde zu Kunde eingehalten werden und ob genügend Platz für Wartende im Raum ist. In der Lebensmittelversorgung oder beim Baumarkt haben wir dasselbe Problem.

Sollten die Hygienemaßnahmen in den Studios, die ohnehin schon gelten, ein Grund mehr dafür sein, dass die Tätowierer ihre Läden auch wieder öffnen dürfen?

Die Tätowierer sind von den Gesundheitsämtern verpflichtet, dass sie sich an die Hygienemaßnahmen halten. Ich kann jetzt von meinem Laden sagen, dass ich das letzte Mal vor 19 Jahren vom Gesundheitsamt kontrolliert wurde. Es kann sein, dass sie damals schon festgestellt haben, dass ich alles richtig mache und sie mir deswegen nicht alle drei Jahre einen Besuch abstatten. Zudem haben sie auch auf anderen Ebenen genug zu tun. Aber tatsächlich ist nicht gewährleistet, dass Gesundheitsämter permanent Kontrollen durchführen.

Welche Hygienemaßnahmen gibt es in den Studios?

Einige Kollegen haben neben Desinfektionsmitteln bei den Hygienevorkehrungen Mundschutz eingeführt. Das hat damit zu tun, dass sie selbst eine Erkältung haben oder den Kunden in Verdacht haben, dass er sich erkältet hat. Die Tätowierer schützen sich natürlich auch selbst. Es ist zudem ein häufiger Handschuhwechsel vorgesehen, wodurch die Kreuzkontamination vermieden wird. Diese kann auftreten, wenn ich während einer Sitzung mit dem Handschuh zum Telefon, der Türklinke oder zur Lampe greife.

Ich kritisiere an der Entscheidung, dass die Friseurläden schon so schnell wieder öffnen.

Finden Sie die Entscheidung somit richtig oder falsch?

Mir gehen die Lockerungsmaßnahmen insgesamt zu schnell. Darunter fällt auch die Öffnung von Friseursalons, von Eiscafés, aber auch die zügige Öffnung von Tattoo- und Piercingstudios. Wenn wir nicht aufpassen, befürchte ich eine zweite Welle, die schwierig zu beherrschen sein wird, weil alle Läden schon wieder geöffnet haben. Ich kritisiere an der Entscheidung, dass die Friseurläden schon so schnell wieder öffnen und nicht, dass die Tattoostudios geschlossen bleiben. Dasselbe gilt auch für Nagelstudios und Kosmetikstudios. Die Maßnahmen waren sinnvoll.

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Ein Friseursalon in Köln: Am 4. Mai dürfen die Salons wieder geöffnet werden. Bild: imago images/ Eduard Bopp

Warum das?

Wenn jetzt jemand in zwei Monaten zwei Zentimeter Haarwuchs hat, dann ist das eben so. Die Öffnung finde ich in diesem Zusammenhang gefährlich. Ich kann mich auch täuschen. Durch die Lockerungen könnte es auch ganz allmählich, ohne eine zweite Welle von Ansteckungen, wieder in den Normalzustand übergehen. Obwohl es mir finanziell weh tut, wäre ich in dem Fall zurückhaltender mit der vorschnellen Lockerung.

Mir wurde geraten, dass ich mir ein digitales Thermometer für die Temperaturmessung an der Stirn holen soll.

Wie viele Kunden hat ein Tattoo-Studio denn im Vergleich zu einem Friseursalon?

Tattoostudios haben normalerweise keine Kunden im 20-Minuten-Takt, wie es im Friseursalon passieren kann. Ich habe auch mal nur einen Kunden für vier bis sechs Stunden am Tag. Ich finde, das ist vertretbar, wenn die Vorsichtsmaßnahmen eingehalten werden. Mir wurde geraten, dass ich mir ein digitales Thermometer für die Temperaturmessung an der Stirn holen soll. Das werden wir machen. Keiner darf meinen Laden mit erhöhter Temperatur betreten.

Jens Spahn hatte gegenüber Sophia Thomalla geschrieben, dass es nicht nur um Arbeitsplätze ginge, sondern um die DNA einer unglaublich kreativen Szene. Die Friseure seien im ersten Schritt dabei, weil der Wunsch nach einem Haarschnitt größer sei. Wie fassen Sie die Aussage vom Gesundheitsminister auf?

Wir können davon ausgehen, dass sich wesentlich mehr Menschen frisieren lassen möchten. Noch sind nicht 100 Prozent der Menschen tätowiert. 80 Prozent der Bevölkerung geht regelmäßig zum Friseur. Wir liegen bei einer Tätowierrate von 30 bis 35 Prozent. Das ist natürlich nicht die Masse, die bei Friseuren aufschlägt.

 Bundesgesundheitsminister Jens Spahn CDU spricht zur Presse im Rahmen eines Besuchs der Universitaetsklinik Giessen am 14.04.2020. Giessen Germany *** Federal Health Minister Jens Spahn CDU speaks to the press during a visit to the University Hospital Giessen on 14 04 2020 Giessen Germany Copyright: xXanderxHeinl/photothek.netx

Jens Spahn: Der Gesundheitsminister besuchte hier vor wenigen Tagen die Universitätsklinik in Gießen. Bild: imago images/ photothek

Das könnte man zu unseren Gunsten auslegen. Die Gefahr, dass wir es verbreiten oder wir uns selbst anstecken, ist natürlich aufgrund der Statistik nicht so hoch. Wir haben bundesweit nicht so viel Kundschaft wie die Friseure. Ich finde es schön, dass Herr Spahn die DNA im Blick hat. Er sieht, dass es eine kreative Szene gibt. Aber es hängen auch Arbeitsplätze dran. Ich habe bei mir vier Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt und die Soforthilfe von 5.000 Euro beantragt.

Ist die Krise für Sie ein harter wirtschaftlicher Schlag?

Das Coronavirus ist für uns alle ein harter Einschnitt ins Leben. Das bezieht sich nicht nur auf die finanzielle Seite. Dieses Ausmaß hatten wir noch nie. Wenn ich mir die Politik weltweit anschaue, dann gehen die Politiker sehr unterschiedlich mit der Pandemie um. Donald Trump möchte so schnell wie möglich wieder hochfahren. Ich denke, dass er damit einen riesigen Fehler macht. Dann kommt die zweite Welle. Wir sollten auf Menschen hören, die sich wirklich gut damit auskennen und mit diesem Rat eine gemäßigte Lockerung anpeilen.

Ich war nie ein großer Fan von Söder, aber ich muss sagen, dass er sehr gut agiert.

Welche Unterstützung wünschen Sie sich von der Bundesregierung?

Wenn die Wiedereröffnung noch länger als bis Ende Mai dauert, dann brauche ich wie Großkonzerne eine weitere Hilfe. Wie die dann aussieht, ob das über Kredite abgewickelt wird oder eine Soforthilfe für Kleinbetriebe ist, sehen wir dann. Langfristig wird es aufgrund der Ausgaben sicher zu Steuererhöhungen kommen. Alle Steuereinnahmen sind weggebrochen.

Markus Soeder Söder besucht bayerische Masken Mundschutz Produktion bei Automobilzulieferer Fa. Zettl in Weng / Datum: 02.04.2020 / *** Markus Soeder Söder visits bavarian mask mouthguard production at automotive supplier Fa Zettl in Weng Date 02 04 2020

Markus Söder: Der Ministerpräsident führt in Bayern eine Masken-Pflicht ein. Bild: imago images/ Overstreet

Wie schnell die Konjunktur wieder hochfährt, wird sich zeigen. Corona ist ein großes Problem. Ich wünsche mir für die Leidtragenden eine sinnvolle Unterstützung. Wie das aussehen soll, muss ich den Politikern überlassen. Ich war nie ein großer Fan von Söder, aber ich muss sagen, dass er sehr gut agiert. Ich kenne weltweit keine Regierung, die so ein gutes Krisenmanagement hat.

Wie sehen Sie die Zukunft der Tattoostudios?

Wie bei vielen Berufen und kulturellen Einrichtungen auch wird es bei den Tattoostudios Pleiten geben. Auf Dauer können das nicht viele durchhalten. Etliche Läden werden in finanzielle Schwierigkeiten geraten und früher oder später bankrottgehen. Ob wir immer noch so viele Kunden nach Corona haben, werden wir sehen. Ich habe etliche Anfragen von Kunden bekommen, ob zukünftige Termine noch stehen oder verschoben werden müssen. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir die ganze Kundschaft wegbricht.

Sind die Kunden verständnisvoll?

Meine Kunden haben Verständnis für die derzeitige Situation. Ich glaube nicht, dass bei mir das große Erwachen kommt. Allerdings kommt es auch darauf an, wie gut die Tattoostudios finanziell aufgestellt sind. Etliche Studiobetreiber werden nach der Krise ihre Studios schließen müssen oder haben sie schon geschlossen. Ein Kollege, der 25 Jahre tätowiert, musste seinen Laden aufgeben. Der sagt, dass er die Miete und die Fixkosten nicht mehr zahlen kann. Ich sehe die Gefahr bei mir noch nicht. Da müsste es passieren, dass die Studios ein ganzes Jahr nicht mehr eröffnen dürfen. Ich bin 30 Jahre Tätowierer und habe immer gut gewirtschaftet. Es wird eine Bereinigung der Szene geben.

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