Alle Farben live im Kulturgarten in der Bonner Rheinaue. Bonn, 30.08.2020 *** All colours live in the Kulturgarten in the Bonn Rheinaue Bonn, 30 08 2020 Foto:xC.xHardtx/xFuturexImage

Der DJ und Musikproduzent Alle Farben leidet als Künstler auch unter der Pandemie. Bild: imago images/Future Image

"Es gibt keine Lobby" – DJ Alle Farben kritisiert Bundesregierung für Corona-Krisen-Management

Alle Farben gehört zu den bekanntesten DJs und Musikproduzenten Deutschlands. Er spielte bereits auf den größten Festivals und war gerade erst zum Staffelstart in Heidi Klums ProSieben-Show "Germany's next Topmodel" zu sehen. Darin lieferte er die Musik für den Entscheidungswalk der Kandidatinnen. Auftritte wie diese waren zuletzt selten. Das lag natürlich vor allem an der Corona-Krise, denn die sorgt dafür, dass Live-Events so gut wie gar nicht stattfinden können.

Auch für Frans Zimmer, wie Alle Farben bürgerlich heißt, ist das eine Belastung. Im Interview mit watson spricht er ganz offen über sein Corona-Jahr, seine neue Musik und eine Leidenschaft, der er dank der Zwangspause in den vergangenen Monaten viel intensiver nachgehen konnte.

watson: Was macht den Remake von "Lemon Tree" so besonders für dich?

Alle Farben: Ich muss sagen, ich verbinde mit dem Song sehr viele Stunden an Musikhören. Ich war viel auf Homepartys und Studentenpartys, da lief der immer. Auch schon in der Zeit, in der ich noch nicht selbst auf jeder Homeparty gespielt habe. Das sind einfach Erinnerungen, die sind wunderschön. Ich fand das Lied einfach toll, hab's immer gefeiert und durch einen schönen Zufall hat mein Manager den Sänger von "Lemon Tree" kennengelernt. Das war aber schon 2019 und dann haben wir uns zusammengesetzt und gesagt, wir machen einen Remake.

Jetzt haben wir bereits 2021…

Ja, das hat sehr lange gedauert. Es gab 1000 Versionen, weil das Lied ist schon besonders und sollte einen Rahmen bekommen und nicht komplett sein Gewand verlieren. So haben wir doch länger gebraucht, um dorthin zu kommen, wo wir hinwollten. Aber was lange währt, wird endlich gut. Ich bin sehr glücklich und zufrieden mit der Version und bin auch froh, dass Fools Garden mit der Version happy ist.

"Von Rea Garvey hatte ich ja 'Supergirl' gecovert und Rea hat sich dann sogar bei mir bedankt."

Wie viel Absprache mit den Originalkünstlern steckt denn in solchen Songs?

In dem Fall sehr viel, weil es kein Cover ist, sondern eine Zusammenarbeit mit Fools Garden – eine Neuinterpretation. Das heißt, die Band war auch sehr erpicht darauf, mitzureden und involviert zu sein. Das kann aber auch ganz anders sein. Bei manchen Remakes oder Covern ist der Originalkünstler gar nicht mit in der Produktion. Dann nimmt man auch den Gesang neu auf. Aber bei "Lemon Tree" haben wir sogar Teile des Originalgesangs drin.

Kam im Nachhinein auch schon mal ein Künstler auf dich zu und sagte: "Boah nee, damit bin ich nun gar nicht einverstanden?"

Hatte ich noch nie. Eher im Gegenteil. Von Rea Garvey hatte ich ja "Supergirl" gecovert und Rea hat sich dann sogar bei mir bedankt. Natürlich wird er dadurch auch einiges an Geld verdient haben, aber er war auf jeden Fall sehr glücklich, dass ich diese Version gemacht habe und hat mich vor Kurzem erst gefragt, ob ich ihm für seine Tour nicht meine Version mit meinen Parts schicken kann. Er möchte nämlich gerne meine Version auf seiner Tour spielen.

Nicht schlecht, so kann's also auch gehen.

Ich denke, die meisten Künstler fühlen sich geehrt, wenn man ein Cover macht – zumindest, wenn es jetzt nicht total verhunzt ist. Daher glaube ich, die meisten Künstler haben die Version von mir auch gehört und es offenbar gefeiert. Denn negative Nachrichten habe ich nie bekommen.

Du meintest gerade, dass Rea Garvey da vermutlich auch viel Geld mit verdient hat, kannst du einschätzen, wie viel das ist? Geht's dabei einfach um Einnahmen durch die Gema?

Ja genau, das ist die Gema. Denn er hat das 100%ige Urheberrecht, weil ich nur ein Cover gemacht habe. Da müsste man tatsächlich direkt die Gema fragen.

"Mich inspiriert vor allem die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern."

Du hast schon Remakes zu vielen bekannten Songs gemacht. Was macht einen Song für dich dabei besonders interessant?

In erster Linie muss ich Bock auf das Original haben. Und ich mache die Remakes auch nicht, um sie im Radio zu spielen. Meistens mache ich eine Version, um sie live zu spielen, um sie tanzbarer zu machen. Zum Beispiel von "Kids" habe ich schon vor drei oder vier Jahren eine Version gehabt, um sie live mit meinem Sänger zu performen. Ich spiele halt gerne Versionen, die so sonst niemand hat. Und wenn die dann gut ankommen oder sie mir besonders gut gefallen, überlege ich mir, ob ich sie vielleicht nochmal anderweitig releasen kann.

Kommen Künstler auch extra auf dich zu, um ihre Songs für Remakes "anzubieten"?

Das passiert eher selten oder gar nicht. Es passiert schon, dass Künstler auf mich zukommen und sagen: "Hast du Bock mit mir zusammenzuarbeiten?" Aber bei Remakes ist es eher ein Impuls von mir, der kommt eigentlich nicht von anderen Künstlern.

 Techno-Musiker und DJ Alle Farben , bürgerlich Frans Zimmer  fotografiert beim Stadtspaziergang auf de Admiralbrücke am Landwehrkanal in Berlin-Kreuzberg. Berlin Berlin Deutschland *** Techno musician and DJ Alle Farben , bourgeois Frans Zimmer photographed during a walk on the Admiralbrücke at the Landwehrkanal in Berlin Kreuzberg Berlin Berlin Germany Copyright: xThiloxRückeisxTSPx

Der DJ hat bereits auf den größten Festivals der Welt gespielt. Bild: imago images/tagesspiegel

Aber dein Repertoire besteht natürlich bei weitem nicht nur aus Remakes. Was inspiriert dich?

Mich inspiriert vor allem die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. Ich muss sagen, ich habe so viel in den vergangenen Jahren ausgeschöpft aus den verschiedenen Zusammenarbeiten und den Geschichten, die man sich erzählt und die dann entstehen. Aus einem Zusammenspiel entstehen meist auch Songs.

"Ich habe wirklich viel Musik gemacht, aber ich kann nicht sieben Tage die Woche im Studio sitzen."

Gibt’s einen Künstler, mit dem du gerne mal zusammenarbeiten würdest?

Na klar (lacht). Ich habe nie darauf hingearbeitet, mit irgendwelchen Idolen zusammenzuarbeiten, weil ich den größten Erfolg meiner Karriere eigentlich immer mit Leuten hatte, mit denen ich gerne zusammengearbeitet habe, mit denen quasi eine Freundschaft entstanden ist. Aber, um auf deine Frage zurückzukommen: Es gibt dennoch einen Künstler, mit dem ich gerne mal was zusammen machen würde – und das ist Pharrell Williams.

Wieso er?

Ich finde, er hat sowas Positives. "Happy", klar, das ist ein riesiger Welt-Hit, aber da ist so viel Sonne in diesem Song. Ich stelle mir vor, wie man meine Musik am besten hört: Es ist ein sehr warmer Sommertag, über 30 Grad, und man fährt mit einem Cabriolet über eine Landstraße auf dem Weg zum Meer an Feldern vorbei, die goldgelb leuchten. Und dann weht der Wind durch die Haare und man dreht meine Musik laut auf und genießt das Leben. So stelle ich mir das bei meinen Songs vor und ich finde, "Happy" und auch einige andere seiner Songs, sind genauso.

Wirkt sich die Pandemie auf deinen Schaffensprozess aus?

Ich muss sagen, am Anfang der Pandemie habe ich mir durchaus viel Positives rausziehen können. Vor allem hatte ich eine Pause, davor war ich fünf Jahre lang durchgetourt. Ich habe die Zeit außerdem sehr positiv genutzt und ein Album rausgebracht mit etwas anderer Musik: ein Chill-out-Album. Ich habe außerdem viel, viel Zeit im Studio verbracht. Aber irgendwo ist dann auch ein Limit. Ich habe wirklich viel Musik gemacht, aber ich kann nicht sieben Tage die Woche im Studio sitzen. Dann habe ich meine kreative Kraft neu verwendet und mir gesagt, ok, ich lerne etwas dazu. Ich habe sehr viel Zeit ins Kochen und Backen investiert, um es zu professionalisieren, um es auf ein neues Level zu bringen.

Inwiefern?

Durch die Pandemie habe ich zum Beispiel online mit Tohru Nakamura gekocht. Das ist einer der berühmtesten Köche Deutschlands und der hat mich unter seine Fittiche genommen. Ich werde vielleicht auch in Kürze ein Praktikum bei ihm beginnen. Ich finde es großartig, dass ich diese Sachen jetzt gerade machen darf.

Spannend! Wie kommt es überhaupt zu dieser Koch- und Back-Leidenschaft?

Ich habe früher schon gebacken. Das hat mir immer schon Spaß gemacht. Ich glaube, dass es durch meine Eltern kommt. Meine Mutter hat mir schon als Kind kleine Öfen geschenkt. Wie Puppenöfen, die aber tatsächlich funktionierten. Da konnte ich beispielsweise Pfannkuchen machen. Meine Eltern haben mich immer bei solchen kreativen Dingen unterstützt – sei es kochen, Malerei oder Musik.

"Ich musste viel von meinem Ersparten, das ich mir für meine Zukunft zurückgelegt hatte, nutzen, um einfach zu leben."

Du hattest ja auch in früheren Interviews bereits mal erwähnt, dass du ohne die Musikkarriere vielleicht Konditor geworden wärst. Kam dir durch die Pandemie manchmal der Gedanke, wäre ich mal doch in diese Richtung gegangen?

Das Schöne ist, ich sehe es jetzt als Chance. So hart das auch gerade alles für mich ist, denn Anfang 2020 habe ich noch jemand Neues eingestellt und im März musste ich die ersten entlassen und Ende des Jahres ist mein Team auf eine Person geschrumpft. Das sind alles ziemlich harte Rückschritte gewesen. Ich musste viel von meinem Ersparten, das ich mir für meine Zukunft zurückgelegt hatte, nutzen, um einfach zu leben und meine Kosten zu decken. Das sind alles extrem negative Aspekte, aber ich sehe es einfach als Chance, weil ich es nicht einsehe, mich zu Hause zu verkriechen und depressiv zu werden. Ich möchte Sachen machen und weiterhin tolle Dinge erleben, deswegen habe ich mich einfach aufgerafft und gearbeitet.

Die Pandemie trifft ja vor allem die Künstler hart. Meinst du, man kann für dieses Jahr überhaupt noch Pläne schmieden? Glaubst du daran, dass es dieses Jahr noch wieder auf die Bühne gehen wird?

Ja! Wie weiß ich aber noch nicht. Letztes Jahr gab es ja Alternativen. Es wird, denke ich mal, bei Festivals noch brenzlig, die wird es dieses Jahr vielleicht nicht geben. Aber es wird Partys geben, da bin ich mir sicher – unter welchen Umständen auch immer. Es wird Möglichkeiten geben, sich mit Menschen zu connecten – und das nicht nur übers Internet. Aber ich denke, man sollte vorsichtig sein mit Prognosen, weil wir einfach nicht wissen, wie es weitergehen wird. Wichtig ist, dass man jetzt versucht, kleinere oder unbekanntere irgendwie zu unterstützen. Ich werde es irgendwie überleben. Natürlich kann man auch mich sehr gerne unterstützen durch Merch-Kauf, durch Musikkonsum, durch Kaufen von Singles – aber die Kleinen, die brauchen auf jeden Fall gerade Hilfe, damit die Kultur weiterlebt.

"Gerade im Bereich Kunst und Kultur sehe ich mehr Handlungsbedarf:"

Siehst du da bei der Politik auch mehr Handlungsbedarf?

Ja, gerade im Bereich Kunst und Kultur sehe ich mehr Handlungsbedarf. Es gibt da die Organisation Alarmstufe Rot, die sich dafür stark macht. Denn es gibt keine Lobby für die Veranstaltungsbranche. Man muss dennoch sehen, dass die Veranstaltungsbranche eine der größten Branchen in Deutschland ist, die aber trotzdem keine bis sehr geringe Unterstützung bekommen hat. Dagegen hat die Lufthansa zum Beispiel noch und nöcher Geld bekommen, weil es dafür eine größere Lobby gibt – oder überhaupt eine Lobby.

Worauf freust du dich nach der Pandemie am meisten?

Tatsächlich einfach aufs Leute sehen. Mit Leuten auf Festivals gehen. Ich kann das Gefühl kaum beschreiben, wie es sein wird, wenn wir wieder auf die Bühne gehen können. Ich denke, die ersten Partys nach der Corona-Pandemie werden die besten Partys im Leben von allen Leuten sein, die je auf Partys gehen. Ich glaube, das wird so ein Hochgefühl, egal, ob man jetzt 20 Jahre schon auf irgendwelchen Feiern war oder ob es vielleicht die ersten Partys im Leben werden. Denn es gibt ja genügend Leute, deren Ausgeh-Zeit erst mit Beginn der Pandemie begonnen hat.

Das Autokonzert mit Allen Farben fand am Samstag 09.05.2020 auf den Bauernfestgelände in Blieskastel statt. Im Bild: Frans Zimmer Alle Farben. *** The car concert with Allen Farben took place on Saturday 09 05 2020 on the farmers festival area in Blieskastel In the picture Frans Zimmer Alle Farben bub

Der Künstler ist froh, wenn er wieder auf ein Festival gehen kann. Bild: imago images/Becker&Bredel

Ich frage mich ja, ob man direkt wieder so offen den Menschen gegenüber ist, wenn es wieder losgeht mit den Partys. Ob man überhaupt die Nähe wieder zulässt. Oder ob das Abstandhalten schon viel zu sehr im Kopf verankert ist.

Ich denke, das könnte tatsächlich anfangs zum kleinen Problem werden, weil da wirklich eine kleine Zurückhaltung vorhanden sein könnte. Aber ich glaube, es liegt einfach in unserer Natur, dass wir Kontakt haben, das wir sozial sind. Deshalb wird sich das ganz schnell wieder einrenken.

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