Nein, das ist nicht die echte Agnetha – zumindest nicht ganz.
Nein, das ist nicht die echte Agnetha – zumindest nicht ganz.Bild: ABBA Voyage/instagram
Musik

"ABBA Voyage" befriedigt langjährige Fan-Sehnsüchte – auch ohne die Stars

30.05.2022, 16:00

Als ABBA 1982 ihren vorerst letzten gemeinsamen Auftritt absolvierten, waren viele ihrer Fans noch gar nicht geboren. Sie waren die erste Band, deren Musik ich bewusst hörte und mochte – meine Mutter ist schuld. Während so vieler Autofahrten ließ sie "ABBA Gold" auf Kassette durchlaufen und irgendwie machten diese Songs etwas mit mir, obwohl ich natürlich kein Wort von dem verstand, was Agnetha Fältskog und Frida Lyngstad da sangen. Ich war drei oder vier Jahre alt und mit Benny Anderssons Klavier-Comeback am Ende von "Chiquitita" erschloss sich mir ein Universum.

Zu meiner Grundschulzeit war es gang und gäbe, sich gegenseitig in Poesiealben zu schreiben, häufig verbunden mit ein paar Angaben über sich selbst. In meinem ersten Eintrag für eine Freundin nannte ich ABBA als meine Lieblingsband (nicht nur, weil es leicht zu schreiben war!) und erntete dafür schiefe Blicke, denn Anfang der 90er Jahre war die Gruppe gerade out. Doch was soll ich sagen: Knapp 30 Jahre später könnte ich das immer noch ausfüllen, ohne, dass es eine Lüge wäre.

Allerdings blieb ABBA für mich immer auch eine Sehnsuchtsband, da ich nie die Gelegenheit hatte, sie live zu sehen. "ABBA Voyage" in London verspricht nun gewissermaßen, Abhilfe zu schaffen. Und das, obwohl die Bandmitglieder nicht persönlich auf der Bühne stehen, sondern sich durch digitale Avatare vertreten lassen. Ich war bei der ersten öffentlichen Vorführung am 27. Mai dabei und kann nur festhalten: Das Erlebnis ist insgesamt zwiespältig und doch irgendwie erfüllend.

Wie ABBA die jüngeren Fans versöhnen wollen

In der ABBA-Arena im Osten Londons (die Halle wurde eigens für das Event gebaut) begegnen die Bandmitglieder ihren Fans nun als technische Projektion: Die von George Lucas ("Star Wars") gegründete Spezialeffekte-Firma Industrial Light und Magic macht es möglich. Fünf Wochen lang, sieben Stunden pro Tag, wurden Mimik und Bewegungen der gealterten Schweden per Motion-Capture-Verfahren gescannt und mit Archiv-Aufnahmen verrechnet.

Die ABBA-Arena kurz vor dem großen Ansturm.
Die ABBA-Arena kurz vor dem großen Ansturm.Bild: privat

So erscheint das Quartett jetzt in verjüngter Form und entführt die Zuschauer zurück in die 70er Jahre, als es seine größten Erfolge feierte. Eine "echte" Tour wollen sich die Vier mit Verweis auf ihr fortgeschrittenes Alter nicht mehr antun, vor allem von Agnetha ist ohnehin seit jeher bekannt, dass sie lieber im Studio Songs einsingt als auf der Bühne vor Tausenden zu performen. So bleibt es beim Abschiedsalbum "Voyage", das am 5. November 2021 (und damit zugleich an meinem 36. Geburtstag) erschien – und eben dieser sonderbaren Veranstaltung in London.

Apropos Agnetha: Der "ABBA Voyage"-Gesang von ihr und Frida stammt "von damals", kommt also vom Band, wird aber von einer zehnköpfigen Live-Band unterstützt, die eine Menge Druck hinter die Songs bringt. Das Ergebnis ist überraschend homogen und vorerst bis zum 28. Mai 2023 zu bewundern: Bis dahin werden in der ABBA-Arena, die 3.000 Menschen fasst, täglich bis zu zwei Shows mit den "ABBAtaren" gezeigt.

"ABBA Voyage": Geldmacherei oder technische Revolution?

Kurz nach der Ankündigung von "ABBA Voyage" ließ der Spott im Netz nicht lange auf sich warten: ABBA wollen noch einmal groß abkassieren, ohne selbst besonders viel dafür zu tun, lautete der Tenor zahlreicher Kommentare bei Social Media. So ganz entkräften lässt sich der Vorwurf zwar nicht, und doch ist diese Show mehr als ein kalt durchkalkuliertes Karriere-Anhängsel. Zumindest technisch setzt sie Maßstäbe und könnte weitere große Bands zu diesem Ansatz inspirieren.

Zu Beginn sprießen die Avatare wie Blumen aus dem Boden, der Reichtum an Details ist für eine digitale Nachstellung verblüffend. Ist man bereit, sich darauf einzulassen, kann man fast glauben, die realen Bandmitglieder vor sich zu haben.

Einzig der Umstand, dass Björn, Agnetha, Benny und Frida nicht nach vorne oder hinten gehen, also immer auf einer Ebene bleiben, raubt die Illusion. Bald aber werden sie rechts und links auf riesigen Leinwänden von weiteren "Doppelgängern" unterstützt, sicherlich auch, damit das Publikum weiter hinten im Saal mehr von der Show hat.

Jener Zoom-Effekt an den Seiten offenbart dann doch minimale Mäkel. Insbesondere die Gesichter der beiden ABBA-Sängerinnen könnten noch einen Tick lebhafter wirken, teilweise starren sie beispielsweise ins Leere, was sogar ein wenig gruselig ist. Das aber ist schon Meckern auf einem sehr hohen Niveau.

"ABBA Voyage" begeistert mit abwechslungsreicher Inszenierung

Was man dem Spektakel zugutehalten muss: Es bietet eine Menge Abwechslung. Bei "Knowing Me, Knowing You" kommen Splitscreens zum Einsatz, die auf wundersame Weise das Gefühl von Melancholie und die Unumgänglichkeit von Schmerz wiederaufleben lassen, das auch das offizielle Musikvideo verbreitet: Es ist einer von mehreren ABBA-Songs über das Scheitern einer Paarbeziehung und wird rückwirkend auch im Lichte der Trennung der einstigen Ehepaare Agnetha/Björn und Frida/Benny betrachtet.

In der Reihe hinter mir liegen sich einander fremde Menschen in den Armen, Tränen fließen. Corona ist egal und die Tatsache, dass ABBA eigentlich gar nicht da sind, ist es offenbar ebenso.

Im Verlauf des Abends gibt es dann auch noch einen Cartoon ganz ohne die "ABBAtare" zu sehen und auch bei "Why Did It Have to Be Me" haben die digitalen Vertreter Sendepause. An dieser Stelle performt allein die Band und übernimmt auch den Gesang, während sie ansonsten zumindest im Wortsinne im Schatten der Projektionen bleibt.

Die Avatare wiederum wechseln mehrmals die Outfits und jedes Bandmitglied adressiert in seiner neuen, alten Gestalt kurz die Fans. Als Björn sich vor "Waterloo" daran erinnert, dass es beim Grand Prix 1974 null Punkte von Großbritannien für ABBA gab, ertönen Buhrufe. Viel Mühe gegeben hat sich das Effekte-Studio mit den Kulissen und Lichteffekten: Einmal schießen Lasterstrahlen in Richtung des Publikums, ein anderes Mal wird vor den Polarlichtern gesungen.

Mit "I Still Have Faith in You" und "Don't Shut Me Down" haben es zwei neue Stücke in die Show geschafft, die ebenfalls von den jüngeren Versionen der Stars zum Besten gegeben werden. Wäre es hier nicht sinnvoller gewesen, Projektionen der älteren Musiker zu zeigen? Womöglich schon, aber das tut dem Lichterspektakel zwischen Vergangenheit und Gegenwart keinen Abbruch.

Im Allgemeinen könnte die Auswahl der Lieder im Gegensatz zu den visuellen Gimmicks kaum konventioneller sein. Ein Hit reiht sich an den Nächsten, Experimente mit weniger bekannten, aber von Fans sehr geschätzten Songs sind praktisch nicht vorhanden.

Ich persönlich hätte jederzeit "Waterloo" gegen "The Day Before You Came" eingetauscht, der Gedanke hinter der Setlist leuchtet mir aber ein: "ABBA Voyage" ist nicht nur für Hardcore-Fans gemacht, sondern soll, im Gegenteil, in den nächsten Monaten in erster Linie viele Zuschauer anziehen. Die zahlreichen Vorstellungen müssen gefüllt werden.

Jubel für die "ABBAtare": Das fühlt sich seltsam an

Es ist nicht selbstverständlich, wie intensiv das Publikum mit den "ABBAtaren" interagiert – für mich fühlte es sich bis zum Schluss ein wenig befremdlich an, digitalen Kopien von Menschen zuzujubeln. Natürlich kann man einwenden, dass der Applaus auch der Band vor Ort gilt, aber seien wir ehrlich, es ist bei Weitem nicht nur das. Die Attraktion sind die "ABBAtare".

Letztlich geht es bei "ABBA Voyage" jedoch um noch etwas anderes: das Zusammenkommen mit anderen Fans und das gemeinsame Feiern der Musik, das in dieser Form 40 Jahre lang nicht möglich war. Bei allen technischen Errungenschaften, die die Show eindrucksvoll zur Schau stellt, ist dies ein vollkommen weltliches Bedürfnis, dem die Aufführung eben auch gerecht wird, und sei es nur beiläufig.

Würde ich ein reales Konzert diesem Event vorziehen? Natürlich, jederzeit! Diese Frage steht auf einem anderen Blatt und wird hoffentlich auch weiterhin von den meisten bejaht. Näher als mit "ABBA Voyage" werden Fans einem wirklichen ABBA-Konzert andererseits wohl nicht mehr kommen. Man verbleibt mit komplexen Gefühlen.

Fest steht immerhin: "ABBA Voyage" ist zugleich Teil und Zeugnis des Vermächtnisses der Band. Wenn der Gesang der Fans den vom Band gefühlt in manchen Momenten beinahe übertönt und neben mir junge Frauen in 70er-Jahre-Outfits stehen, die rechnerisch meine Töchter sein könnten, ist dies der ultimative Beweis dafür, dass ABBA nicht verloren geht, sondern die Musik über Generationen weitergereicht wird. Was bleibt da noch zu sagen außer: Thank you for the music.

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