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Gina Rodriguez (l.) und Ariana Greenblatt als Jill und Matilda im Netflix-Film "Awake". Bild: Netflix

Schlaflosigkeit in "Awake" auf Netflix: Schlafexpertin schätzt ein, wie realistisch der Film ist

Seit Anfang Juni ist die Netflix-Eigenproduktion "Awake" zu sehen. In dem Science-Fiction-Thriller mit Gina Rodriguez, Ariana Greenblatt und Frances Fisher wird den Menschen nach einem globalen Ereignis die Fähigkeit zu schlafen geraubt. Das hat schnell verheerende Auswirkungen – es kommt zu Konzentrationsschwierigkeiten, Halluzinationen und schließlich zu Tumulten und Ausschreitungen.

Im Mittelpunkt der Handlung steht die Ex-Soldatin Jill, die sich und ihre beiden Kinder vor der Schlaflos-Apokalypse schützen, hinter die Gründe der Situation kommen will – und ums Überleben kämpfen muss. In die Top-10 der deutschen Netflix-Charts hat es der Streifen trotz einiger Kritiken ebenfalls schon geschafft.

Awake: (L-R) Lucius Hoyos as Noah, Gina Rodriguez as Jill, Ariana Greenblatt as Matilda. Cr. Peter H. Stranks/NETFLIX © 2021

Jill kämpft mit ihren beiden Kindern in "Awake" ums Überleben. Bild: Netflix / Peter H. Stranks

Doch wie realistisch sind die gezeigten Ereignisse, die durch Schlaflosigkeit ausgelöst sein sollen, wirklich? Die Schlafexpertin Dr. Verena Senn, Neurobiologin und Head of Sleep Research bei Emma – The Sleep Company, ordnet die Wichtigkeit von Schlaf im Zusammenhang mit "Awake" auf Anfrage der Agentur "Hoschke & Consorten" ein.

"Awake" hat reales Krankheitsvorbild

Zunächst stellt Frau Dr. Senn fest, dass es gar kein mysteriöses Ereignis wie in "Awake" geben muss, damit Menschen ganz plötzlich die Fähigkeit zu Schlafen verlieren können. "Es gibt tatsächlich eine extrem seltene Erkrankung, die tödliche familiäre Schlaflosigkeit. Sie wird vererbt und tritt meistens im Alter zwischen 30 und 70 Jahren auf."

Die Symptome der Erkrankung seien vielfältig: Neben der Schlaflosigkeit können laut Senn kognitive Beeinträchtigungen, der Verlust des Kurzzeitgedächtnisses, Gewichtsverlust, Schwierigkeiten bei der Bewegungskoordination, Bluthochdruck, Schwankungen der Körpertemperatur und übermäßiges Schwitzen auftreten. Die Schlafexpertin weiter:

"Bislang gibt es leider keine wirksame Behandlung. Der Tod tritt üblicherweise zwischen 7 und 73 Monaten nach Beginn der Symptome ein."

Ein weitaus höheres Sterberisiko gehe allerdings von Schlafmangel aus. "So sind beispielsweise etwa 20 Prozent aller schweren Verkehrsunfälle auf Übermüdung zurückzuführen."

Emma – The Sleep Company

Dr. Verena Senn, Neurobiologin und Head of Sleep Research bei Emma – The Sleep Company. Bild: Emma – The Sleep Company / Moritz Reich

Konsequenzen von Schlaflosigkeit in "Awake" real

In "Awake" geht alles ganz schnell – den meisten Menschen wird es bald unmöglich, ihre Arbeit zu verrichten, sie werden gewalttätig oder halluzinieren. Das alles seien durch intensiven Schlafentzug realistische Folgen, wie Senn weiter ausführt. Als Beleg zieht sie eine Studie des Instituts für Psychiatrie an der Sungkyunkwan University School of Medicine (Seoul) heran, bei der die Auswirkungen von Schlaflosigkeit und belastenden Lebensereignissen auf Wut untersucht wurden.

Es wurden dazu Gruppen an Teilnehmern gebildet, abhängig davon, ob Schlaflosigkeit oder persönliche Krisen in der Vergangenheit vorhanden waren. Das Ergebnis: "Die Wut war bei Personen, die unter Schlaflosigkeit litten, ausgeprägter als bei der Gruppe mit gesundem Schlaf. Diejenigen, die nach belastenden Ereignissen unter Schlaflosigkeit litten, zeigten in allen Wutkategorien höhere Werte als typische Schläfer ohne vergleichbare Erfahrungen."

Eine weitere Studie des Instituts für Psychiatrie der Universität Oxford legt zudem nahe, dass bereits leichte Schlafstörungen "zu einer zwei- bis dreifach erhöhten Wahrscheinlichkeit führen, Halluzinationen zu entwickeln. Bei schwerer Schlaflosigkeit hat sich die Wahrscheinlichkeit vervierfacht", so Senn. Wut und Halluzinationen scheinen also direkt mit Schlafstörungen und -entzug einherzugehen.

Medikament, das in "Awake" wachhält, kann abhängig machen

Unter anderem versuchen die Menschen in "Awake" schließlich die negativen Begleiterscheinungen ihrer Schlaflosigkeit mit Medikamenten einzudämmen und konzentriert zu bleiben. Auch hier gab es ein real existierendes Vorbild: "Das im Film verwendete Medikament weist Ähnlichkeiten zum Wirkstoff Modafinil auf. Dies ist ein wachhaltender Arzneistoff, der die Müdigkeit vermindert, die Aufmerksamkeit erhöht, die Tagesschläfrigkeit verringert und die Stimmung verbessert", sagt Dr. Senn.

In Europa ist das Medikament zur Behandlung von Narkolepsie zugelassen, allerdings zeigen Studien, dass Modafinil körperlich und geistig abhängig machen kann. Senns Fazit dazu auch deshalb:

"Es ist immer riskant, den Wachzustand künstlich zu verlängern. Schlaf ist ein wichtiger Faktor unserer Gesundheit und unseres Wohlbefindens, der nicht durch Drogen oder andere Substanzen manipuliert werden sollte."

Bewusstlosigkeit ist keine Lösung des "Awake"-Problems

Schließlich legt der Film noch eine andere Lösung für das Problem Schlaflosigkeit nahe – künstlich herbeigeführte Bewusstlosigkeit könnte den natürlichen Schlaf ersetzen. Doch das stimme so nicht ganz, wie Dr. Verena Senn erläutert. Der Unterschied zwischen Bewusstlosigkeit und Schlaf sei, dass man beim Schlafen bewusste Erfahrungen sammeln, also träumen kann.

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Lucius Hoyos, Gina Rodriguez und Ariana Greenblatt in "Awake". Bild: Netflix / Peter H. Stranks

Dabei sei Schlaf auch eine Form der Bewusstlosigkeit, nur eben mit besonderen Eigenschaften, wie verschiedenen Schlafphasen oder der Möglichkeit, schnell wieder aufzuwachen. "Dies ist bei keiner anderen Bewusstlosigkeit zu finden. Die Narkose beispielsweise löst eine dem Tiefschlaf ähnliche Hirnaktivität aus, allerdings in anderen Hirnarealen. Außerdem lassen sich Betroffene nicht so leicht aufwecken", vergleicht Dr. Senn.

Dass Schlaf überlebenswichtig ist, zeigt also "Awake" sehr richtig. Aber nicht nur die Fähigkeit einzuschlafen, sondern auch die Qualität des Schlafes ist von entscheidender Bedeutung. Das heißt, dass alle Phasen des Schlafzyklus durchlaufen werden sollten:

"Zum Beispiel ist der Tiefschlaf grundlegend für unsere Erholung. Wenn wir jedoch aufstehen, nachdem wir ausschließlich mehrere Zyklen des Tiefschlafs abgeschlossen haben, berauben wir uns wichtiger Schlafstadien wie des Leichtschlafs (zur Gedächtnisverarbeitung und -konsolidierung) und des REM-Schlafs (zur Verarbeitung von Erinnerungen oder Erfahrungen in einem stressfreien Zustand)."

Wie und ob in "Awake" das Problem der plötzlichen, globalen Schlaflosigkeit gelöst wird, kann auf Netflix nachgeschaut werden.

(cfl)

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