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Bild: instagram/joeykelly

Reportage

Kelly Family in Berlin: Warum immer noch der Hype? Eine Annäherung in 5 Akten

Als die Kelly Family in den 90ern ihre größten Erfolge feierte, waren die Spice Girls, Nirvana und Johnny Cash meine Helden. Mit dieser auf einem Hausboot lebenden Hippie-Großfamilie konnte ich nichts anfangen. Ich wusste um deren Existenz, aber der Hype um sie war mir fremd – und Papa Kelly, das omnipräsente Familienoberhaupt fand ich damals sogar ziemlich gruselig.

2019, und damit über 25 Jahre später, will ich verstehen, warum es die Band immer noch schafft rund 23.000 Menschen in die Waldbühne, eine der größten Locations in Berlin, zu locken. Deshalb begleite ich Fan Esther und ihre Eltern zu dem Konzert in Berlin. Es wird ein Abend, der mich etwas verstört, aber auch versöhnlich zurücklässt.

Eine Annäherung in 5 Akten:

Vor dem Konzert der Kelly Family:

"Ich würde dich gerne nach dem Konzert interviewen"

Das sagt Esther zu mir, als ich mich mit ihr und ihren Eltern treffe. Denn: Ich sehe die Kellys an diesem Samstagabend zum ersten Mal live. Es ist auch das erste Mal, dass ich mich mit der Band, ihren Songs und dem Konzept beschäftige. Esther, Peter und Regina sind hingegen schon lange im Kelly-Business.

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Familien-Erlebnis Kelly Family: Esther mit ihren Eltern Regina und Peter. Helena düll

Papa Peter erzählt mir – mit einem gewissen Stolz in der Stimme – von früher. Damals, als er in der Adventszeit 1989 durch die Fußgängerzone von Duisburg schlenderte und diese Straßenmusiker sah, die ihn mit ihren irischen Klängen begeisterten. Durch einen Zufall begegnete er im selben Jahr ebendieser Band in einem Zirkuszelt. Es war die Kelly Family. Sie spielten auf einem Boden aus Holzspänen, er und die anderen Zuschauer saßen auf Gartenstühlen.

Ein Erlebnis, das auch Esther geprägt haben muss. Wie und wann sie genau Fan der Kelly Family wurde, kann sie heute nicht mehr sagen. Sie weiß nur, dass ihr Zimmer irgendwann voller Poster war – vor allem Paddy hatte es ihr angetan. In den sei sie richtig doll verliebt gewesen, erzählt sie mir.

Die Trennung von der Kelly Family:

Was folgte war eine typische Kelly-Romanze. 1997, im Alter von acht Jahren, das erste Konzert der Kelly Family mit Mama. Doch wie es in beinahe jeder jungen Fan-Liebe so ist, wurden Esthers Gefühle für die Band immer kleiner. Irgendwann nahm sie die Poster ab und verkaufte sogar ihre CD's.

Das Comeback der Kelly Family:

Auch die Band ging in der Zwischenzeit getrennte Wege – einige Mitglieder konzentrierten sich auf ihre Solo-, Model-, oder Sportkarrieren. Bis 2017. Als die Kelly Family ein Comeback-Konzert in Dortmund ankündigten, stand für Esther fest, dass sie dort hingehen wird.

Das Konzert wurde so ein großer, zweiter Durchbruch, dass die Band eine Tour anschloss – und von diesem Erfolg zehrt die inzwischen auf sechs Bandmitglieder geschrumpfte musikalische Großfamilie noch heute. Auch Esther war damals so begeistert von den Tränen und der Liebe beim Comeback, dass sie der Kelly Family mittlerweile wieder treu folgt. Sie besucht insgesamt drei Konzerte der aktuellen Tour: In Dortmund, in Rotterdam und in Berlin.

Doch was ist es, was die heute 29-Jährige 2017 wieder zurück in die Arme der Kelly Family holt?

Es ist, wie bei den meisten Fans, die an diesem Abend das Konzert auf der Berliner Waldbühne besuchen eine Mischung aus Pathos, Nostalgie und ganz viel Liebe. Es ist die Band, die jedem das Gefühl gibt, gleich liebenswert zu sein. Es sind die Fans, viele von ihnen sind wohl die kreischenden Teenies von damals, die als Gemeinschaft wieder zusammengefunden haben. Es ist das über allem stehenden Bild der wiedervereinten Großfamilie. Einer Familie, die einst am Erfolg zerbrach und dabei ist, die Scherben wieder aufzukehren.

Kelly-Family-Nostalgie auf der Berliner Waldbühne:

Es ist Folk, es ist Pop, es ist Rock, es ist Straßenmusik und es ist ganz viel 90er-Jahre-Nostalgie, was die Kelly Family an diesem Abend in Berlin auf der Bühne zeigen.

Und es ist ganz viel Liebe:

"Ihr seid die Sonne, zeigt mal ganz viel Liebe",

sagt ein Bandmitglied etwa, als bei einem Song tatsächlich eine Kiss-Cam auf die Leinwand hinter der Band geworfen wird. Ich kann nicht glauben, was da passiert. Esther lacht immer wieder, wenn sie mich und meine Ungläubigkeit sieht und sagt Sätze wie:

"Das sind eben die Kellys."

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Dieses Bild ist zwar aus Erfurt – die Kiss Cam gab es aber auch in Berlin. Bild: www.imago-images.de

Egal ob Band oder Fans: Alle liegen sich in den Armen, es wird fröhlich geschunkelt und im Kreis getanzt. Ein junger Fan vor uns singt und tanzt das gesamte Konzert wie wild – und nimmt alles im Selfie-Modus auf. Wahrscheinlich für TikTok. Ich stelle fest: Es sind auch jede Menge Fans nachgewachsen. Vorbei ist das mit der Kelly Family noch lange nicht.

Beim Schunkeln mache ich noch mit. Doch als sich die gesamte Waldbühne an den Händen hält, muss ich mich erst einmal setzen. Ich beobachte die Flugzeuge, die am Flughafen Tegel zum Himmel steigen, und denke nach: Es ist doch eigentlich schön, wenn jeder so eine Familie hat, bei der er, wenn auch nur für zweieinhalb Stunden lang, glücklich sein kann.

Eine große Familie bei der sogar der "verlorene Bruder" Paul Kelly nun einen Platz gefunden hat. Früher kein Teil der Kelly Family gibt er in Berlin in der Umbaupause auf einer 300 Jahre alten Drehleier keltische Folklore zum Besten:

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Bruder Angelo bekommt seine Bühnenzeit mit einem Drum-Solo, welches im dramatischen Öffnen seines Zopfes und anschließendem Head-Bangen gipfelt. Joey bekommt eine Feuershow. Das verwirrt mich dann doch etwas, hätte ich das doch überall, aber nur nicht bei der Kelly Family erwartet.

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Als sich das Konzert dem Ende neigt, werden noch einmal die Konfetti-Kanonen an ihre Belastungsgrenze gebracht – was mich wiederum nicht überrascht. Das hatte ich nun wirklich erwartet. So viel Liebe geht nicht ohne Konfetti.

Dass die Konfetti-Party gerade erst am Anfang steht, zeigt die Ankündigung einer großen Jubliäums-Tour Ende des Jahres. Zweimal wird die Kelly Family dann in der Mercedes Benz Arena auftreten, ein Bandmitglied scherzt:

"Das sind insgesamt mehr Menschen als im kleinen Olympiastadion. Das überlassen wir lieber kleinen Bands wie Rammstein."

Das Konzept der liebenden Großfamilie:

Wir verlassen das Konzert und ich spreche mit Esther über den Abend. Darüber, dass es bei der Kelly Family nicht die Musik ist, die im Vordergrund steht, sondern vielmehr das Konzept einer großen liebenden Familie, die alle Menschen bei sich aufnimmt.

Es ist aber auch eine Familie, die ihren Glauben und ihre traditionellen Werte nach außen trägt. Ob sie als junge bisexuelle Frau da nicht Angst hätte ausgeschlossen zu sein, frage ich sie. "Nein", sagt sie. "Das sei ja das Schöne. Man könnte zwar meinen, dass traditionelle Denkweisen mit Homophobie einhergehen, es ist mir aber bei der Kelly Family noch nicht untergekommen." Zwar habe sie mal von einer leicht homophoben Aussage eines Bandmitglieds gehört, aber das habe sie verdrängt. Denn:

"Nach so einem Konzert bin ich immer ganz glücklich und weiß, dass die Welt gut ist."

Ein Gefühl, dass die Kelly Family an diesem Abend bei allen Fans zu hinterlassen scheint. Meine Band wird die Kelly Family trotzdem nicht werden, aber ich beginne zu verstehen, warum sie immer noch der Safe Place für so viele Menschen sind. Auch ich bin geneigt dazu, ihnen das glauben zu wollen, diese Sache mit der liebenden Großfamilie. Denn das ist eigentlich etwas sehr Schönes.

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"Ich hasse Menschen auf Konzerten!"

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