Nathalie Reis berichtet bei "WWM" von einem Spiel aus dem Flugzeug.
Nathalie Reis berichtet bei "WWM" von einem Spiel aus dem Flugzeug.
Bild: TVNOW / Stefan Gregorowius

"WWM"-Kandidatin berichtet offen von sexistischem Spiel unter Flugbegleitern

12.08.2021, 16:24
Andrea Zschocher

Gutaussehende Männer begrüßt die Stewardess Nathalie Reis mit einem überaus freundlichen "herzlich willkommen". Das verkündete die Kandidatin am Montagabend ganz offen bei "Wer wird Millionär?" auf dem Ratestuhl. Weniger gutaussehende bekommen stattdessen nur ein "guten Morgen". Den Fluggästen fällt die unterschiedliche Begrüßung im Zweifelsfall nicht auf, die Crew signalisiert sich so untereinander aber, welchen Passagier sie besonders hot finden.

Natürlich gäbe es da auch mal Meinungsverschiedenheiten so Reis, dann würde im Zweifelsfall aber, wenn alle Gäste sitzen, noch mal nachgeschaut, ob die Wahl der Kollegin denn das "herzlich willkommen" überhaupt wert war. "Wir schauen uns unsere Gäste schon sehr genau an", urteilt Reis und irgendwie ist das doch too much information für eine Quizshow.

Sexismus vor laufender Kamera

Mal ehrlich, hätte ein Mann von diesem Spiel berichtet, dass Reis' Aussage nach bei der größten deutschen Fluggesellschaft auf Kurzstrecken-Flügen gespielt wird, Günther Jauch hätte vermutlich nicht süffisant lächelnd drüber hinweggesehen. So aber, weil die junge, hübsche Frau vor ihm sitzt, überlegt er stattdessen, wie er auf seinem letzten Flug eigentlich begrüßt wurde. Dabei bleibt Sexismus verachtenswert, in alle Richtungen.

Natürlich wird es viele geben, die jetzt argumentieren, "no harm no foul", immerhin wüssten wir alle ja nichts von diesem Bewertungssystem, hätte Reis nicht darüber gesprochen. Und hey, "girls just wanna have fun", oder? Der Beruf einer Stewardess ist ganz sicher oft kein Spaß, weil es genügend Männer gibt, die Grenzen übertreten. Ist das Begrüßungsspiel also eigentlich nur fair, immerhin kommt ja niemand zu Schaden? Vielleicht – aber schön wäre doch auch, wenn dieser ganze Sexismus irgendwann mal komplett aufhören würde.

"Wer wird Millionär?"-Offenbarung zeigt: Es ist ein langer Weg

Liest man sich die Kommentare auf Twitter zur "WWM"-Sendung durch, ist der Weg bis dahin aber noch sehr weit.

Und auch Günther Jauch selbst, der nach dem 32.000-Euro-Gewinn der Stewardess noch unbedingt loswerden muss, dass sie es gar nicht nötig hätte, sich ihre Nase operativ verschönern zu lassen, sollte hier vielleicht noch mal in sich gehen. Denn auf die Frage, was sie mit ihrem Gewinn anstellen möchte, sagte Reis: "Meine Mama wünscht sich ein Alpaka." Damit war ja eigentlich alles gesagt. Bis Jauch eben doch noch erwähnen muss, dass sie angegeben hätte, sich einer Nasenkorrektur zu unterziehen. Der Kandidatin ist dieser Hinweis sichtlich unangenehm und einen echten Erkenntnisgewinn hat man da als Zuschauer jetzt auch nicht bekommen.

Nathalie Reis gewann 32.000 Euro.
Nathalie Reis gewann 32.000 Euro.
Bild: TVNOW / Stefan Gregorowius

Jauch im Urlaub und Katzen die fauchen

Den gab es allerdings bei der Frage, an der Nathalie Reis scheiterte: Welches Tier wird nicht zu den Groß-, sondern zu den Kleinkatzen gezählt? A: Puma B: Jaguar C: Leopard D: Tiger. Reis setzt als Telefonjoker auf ihren Vater, der Jauch mit den Worten "Ich freue mich, dass Sie Spaß haben mit meiner Tochter" begrüßt. Ein echter Schenkelklopfer.

Immerhin schafft es der Ingenieur dann noch, dass es auch kurz für Jauch unangenehm wird, denn er berichtet, wie er den TV-Moderator vor Jahren mal im Urlaub auf Sylt, genau genommen auf Westerland, gesehen hätte, umgeben von Fans. So schnell hat Günther Jauch wohl keine Sehnsucht, verliert er nicht den Verstand, will er nicht zurück nach Westerland.

Die richtige Antwort weiß Papa Reis nicht, oder er ist sich immerhin nicht sicher genug. Seine Tochter beendet den Abend mit 32.000 Euro und der Moderator klärt auf: Der Puma ist eine Kleinkatze, weil er, im Gegensatz zu den Großkatzen, nicht brüllen, sondern nur fauchen kann.

Make-up für Männer, motzende Rentner und Männerkrankheiten

Bei Tino Pavic, Straßenbahnfahrer aus Karlsruhe, läuft Jauch ebenfalls zu Höchstformen auf. Der Mann, der sichtlich aufgeregt ist und sehr durchdachte Antworten gibt, ist sich kurz unsicher, ob "Highlighter" die richtige Antwort auf die Frage nach einem Make-up-Produkt ist. Er zockt und liegt richtig, was den Moderator dazu animiert, ganz genau zu erklären, dass ein Highlighter "zu einem leicht schimmerigen Glanz" führt – und zur Frage, ob er selbst "seit 21 Jahren gehighlightet" wird.

Kandidat Tino Pavic.
Kandidat Tino Pavic.
Bild: TVNOW / Stefan Gregorowius

Die Maskenbildnerin gibt später durch, dass das nur sehr selten der Fall sei, er "würde auch so strahlen". Pavic beeindruckt dieses Wissen nicht, der Straßenbahnfahrer, der die Musik von Heintje liebt, berichtet stattdessen von ungeduldigen Rentnern und Rentnerinnen, die schlimme Schimpfworte kennen. Dabei ist der 33-Jährige so freundlich unaufgeregt, dass man ihm wünscht, in den nächsten Tagen würden Menschen mit Blumen an den Tramhaltestellen Karlsruhes auf ihn warten. Auch er scheitert an der 64.000-Euro-Frage, die da lautet:

Wobei sind rund 80 Prozent der betroffenen Erwachsenen männlich?

  • A: Arthrose
  • B: Schielen
  • C: Stottern
  • D: Hühneraugen

Pavic überlegt, geht im Kopf seinen Bekanntenkreis durch, stellt fest, dass der "nicht repräsentativ" sei und nutzt den Telefonjoker, seinen letzten Joker. Der Ersterwählte geht nicht ans Telefon, beim zweiten, leider ein Dr. des Ingenieurwesens, hat Pavic Glück. Aber auch er kennt die Antwort nicht. So bleibt es bei 32.000 Euro und dem neu erworbenen Wissen, dass C die richtige Antwort gewesen wäre.

Der Straßenbahnfahrer wird seinen Gewinn dazu nutzen, die Ausbildung eines Blindenhundes zu verfolgen, weil ihn das interessiert. Gleichzeitig tut er ein gutes Werk, weil dieser Hund dann einem anderen Menschen eine große Stütze im Alltag sein wird.

Geldgewinn für Klettertour

Kandidatin Judith Engelhardt, die Jauch als "Bergziege" bezeichnet, nutzt ihren Gewinn von 64.000 Euro, um mit ihrem Mann auf den Aconcagua, einen der Seven-Summits-Berge zu klettern. Sie war bereits im Himalaya und auf dem Kilimandscharo. Allerdings war sie dort allein, ihr Mann, der die Verlobung auf dem Gipfel geplant hatte, war gesundheitlich angeschlagen und machte ihr vor dem Aufstieg den Antrag. "Das war ganz dramatisch", erzählte die Marketing-Teamleiterin, weil sie den Ring nach dem Antrag zunächst aus Versehen verloren hatte.

Am Ende ging aber alles gut, nicht nur für die Ehe, sondern auch der Auftritt bei "Wer wird Millionär?". An der 125.000-Euro-Frage, die sich darum drehte, in welchem Bundesland eine Legislaturperiode nur vier statt fünf Jahren dauert, gab Engelhardt auf. Sie wusste nicht, ob dies in Bayern, Baden-Württemberg, Bremen oder Brandenburg der Fall ist. Da auch kein Joker mehr zur Verfügung stand, beendete sie ihr Spiel. Die richtige Antwort, Bremen, wusste immerhin – aber außer Konkurrenz – ein Zuschauer im Saal.

"Wer wird Millionär?" verabschiedet sich mit dieser Sendung in eine kurze Sommerpause, im September geht es dann mit neuen Folgen weiter.

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