Oberst André Wüstner sprach über den kritischen Zustand der Bundeswehr.
Oberst André Wüstner sprach über den kritischen Zustand der Bundeswehr.Bild: ZDF/Jule Roehr
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Offizier mit dramatischem Appell bei "Maybrit Illner": "Mehr oder weniger nackt"

20.01.2023, 06:14

Am Donnerstag trat Boris Pistorius sein Amt als Verteidigungsminister an, wenige Stunden später nahm der SPD-Politiker bereits die ersten Termine wahr. Der Nachfolger der glücklosen Christine Lambrecht hat keine Zeit zu verschenken. Die Aufgaben, die auf ihn warten, sind alles andere als leicht.

Pistorius muss zunächst schnell über die Lieferung von Kampfpanzern des Typs Leopard 2 in die Ukraine entscheiden. Während Krieg in Europa herrscht, muss er unter Hochdruck die angeschlagene Bundeswehr auf Vordermann bringen und die von Bundeskanzler Olaf Scholz angekündigte Neuausrichtung der deutschen Verteidigung einleiten.

"Neuer Minister, alte Probleme – letzte Chance für die Zeitenwende?", fragte deshalb Maybrit Illner am Donnerstagabend in ihrer gleichnamigen ZDF-Talkshow ihre Gäste.

Das waren die Gäste bei "Maybrit Illner" am 19. Januar:

  • Kevin Kühnert: Der Politiker ist Generalsekretär der SPD.
  • Serap Güler: Die Politikerin ist Mitglied des Bundestages und des Verteidigungsausschusses.
  • Carlo Masala: Der Militärexperte ist Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in München.
  • Anna Sauerbrey: Die Journalistin ist Koordinatorin Außenpolitik bei der "Zeit".
  • Thomas Kleine-Brockhoff: Der Journalist und Experte für Außenpolitik ist stellvertretender Vorsitzender der transatlantischen Think Tanks "German Marshall Fund of the United States (GMF)".
  • André Wüstner: Der Oberst ist Vorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbandes

Da Pistorius zum Zeitpunkt der Sendung noch keinen ganzen Tag im Amt verbracht hatte, war eine erste Beurteilung der Arbeit des neuen Chefs im Bendlerblock natürlich nicht möglich. Stattdessen gab es gute Wünsche aus der Talkrunde. Er sei froh, dass Pistorius nun im Amt sei, sagte Kühnert. Oppositions-Politikerin Güler erklärte, dass der neue Chef im Bendlerblock parteiübergreifend Anerkennung genieße und gute Voraussetzungen für seinen Posten mitbringe.

"Die kleine Truppe die wir haben, soll modern, einsatzbereit und abschreckungsfähig gehalten werden", umriss Kleine-Brockhoff die Aufgaben des neuen Verteidigungsministers. Der Militärexperte Masala erklärte, dass Pistorius nun in den nächsten drei Jahren die Weichen für eine Neuausrichtung der Bundeswehr stellen müssen, da es sonst in der kompletten Dekade für die Einsatzfähigkeit der Armee schlecht aussehe.

"Maybrit Illner": Diskussion um über Leopard-2-Lieferungen

Im Anschluss drehte sich die Diskussion weniger um Pistorius, als um das große Thema dieser Tage, die mögliche Lieferung von Leopard-2-Kampfpanzern an die Ukraine. Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung in der Frage, ob geliefert werden soll oder nicht, gespalten ist. Was die CDU-Politikerin Güler direkt zur Kritik an Kanzler Scholz nutzte. Die zeigte sich überzeugt:

"Die Umfragen würden anders ausfallen, wenn wir einen Kanzler hätten, der erklären könnte."

Masala schlug in die gleiche Kerbe. "Deutschland liefert total viel. Das Problem ist nur, dass von Tag eins des Krieges die strategische Kommunikation dieser Regierung bei der Frage, was Deutschland liefert, grottenschlecht ist", erklärte der Politikwissenschaftler.

Einigkeit herrschte in der Runde auch bei der Frage, welchen Effekt die Kampfpanzer überhaupt haben könnten. Diese seien keine Wunderwaffen, kein "Gamechanger", stellte Kühnert klar, sondern "eine von vielen Fragen". Ähnlich sah es Kleine-Brockhoff, der eine Lieferung der Panzer aber als wichtigen Fingerzeig in Richtung von Wladimir Putin sehen würde, dass der Westen durchhält und zusammensteht.

Bundeswehr-Offizier gibt Einblick in Zustand der Truppe

Warum die Waffenlieferungen aus Beständen der Bundeswehr so schwierig sind, verdeutlichte dann der zugeschaltete André Wüstner. "Wir sind mehr oder weniger nackt. Die Lage in der Bundeswehr ist so prekär, so schwierig wie noch nie zuvor", gab der Oberst einen schonungslosen Einblick in die Situation der Truppe.

Es fehle der Bundeswehr so ziemlich an allem. Von den Panzern und Waffensystemen seien nur 30 bis 40 Prozent einsatzbereit, Munition sei knapp, Ersatzteile würden fehlen. Die in Deutschland verbliebenen Panzerhaubitzen müssten teilweise ausgeschlachtet werden, um Ersatzteile für die Haubitzen zu liefern, die bereits in der Ukraine im Einsatz sind.

"Es ist noch nicht verstanden worden, dass wir in eine Art Kriegswirtschaft müssen. Ich will nicht sagen, dass Siemens statt Kühlschränken Munition produzieren muss. Aber wir müssen beschleunigen mit Blick auf die Industrie", appellierte der Offizier und verwies auf die massive Mobilisierung, die in Russland gerade vorangetrieben werde. "Die Politik hat teilweise noch nicht den Schuss gehört", sagte Wüstner.

Auch Masala nimmt Politik und Industrie in die Pflicht

"Wir agieren noch wie in Friedenszeiten", warnte auch Masala und nahm ebenfalls Politik und Industrie in die Pflicht. Was passieren würde, sollte die Ukraine den Krieg verlieren, wollte sich niemand aus der Runde ausmalen. "Angenommen wir gehen All-in. Was ist, wenn das nicht reicht? Was ist denn die Strategie dahinter?", fragte Wüstner, der davon ausgeht, dass der Krieg noch sehr lange dauern wird.

Auf Boris Pistorius kommt jedenfalls eine Menge Arbeit zu, die schwierige Lage erfordert schnelles Handeln. Die Talkshow von Maybrit Illner am Donnerstag verdeutlichte noch einmal eindrücklich, in was für einer schlechten Verfassung die Bundeswehr ist, während ein Krieg bedrohlich nahe in Europa tobt. Sollte der neue Verteidigungsminister am Ende seines ersten Arbeitstages das ZDF eingeschaltet und die Show verfolgt haben, dürfte das nicht gerade zuträglich für einen ruhigen Schlaf gewesen sein.

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