Malu Dreyer, SPD-Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, ist für die Impfpflicht.
Malu Dreyer, SPD-Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, ist für die Impfpflicht. bild: screenshot ard

"Hart aber fair": Malu Dreyer befürchtet "Totalaufstand der Gesellschaft" im Herbst

18.01.2022, 16:51

Die Corona-Pandemie geht ins dritte Jahr. Inzwischen dominiert die Variante Omikron auch in Deutschland – und läutet wohl eine neue Phase der Pandemie ein. Die Zahl der erfassten Neuinfektionen hat in Deutschland erstmals die Schwelle von 90.000 am Tag überschritten. Über das Wochenende ist die 7-Tage-Inzidenz auf 528,2 (375,7 in der Vorwoche) gewachsen – die neue Höchstmarke. Frank Plasberg diskutiert mit seinen Gästen das Thema "In der Omikronwelle: Was bringt eine Impfpflicht?"

  • Malu Dreyer, SPD, Ministerpräsidentin des Landes Rheinland-Pfalz
  • Christine Aschenberg-Dugnus, FDP, Bundestagsabgeordnete; gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion
  • Prof. Dr. Timo Ulrichs, Epidemiologe; Professor für internationale Not- und Katastrophenhilfe an der Berliner akkon Hochschule für Humanwissenschaften
  • Michael Bröcker, Journalist, Chefredakteur der Media Pioneer GmbH Prof.
  • Dr. Malte Thießen, Medizinhistoriker; erforscht die Geschichte des Impfens

Die Zahlen sind hoch wie nie und doch herrscht eine bisher ungewohnte Gelassenheit. Das liegt wohl daran, dass die Omikron-Variante zwar viel ansteckender ist, aber auch auch weniger schwere Erkrankungen hervorruft nach bisherigem Stand. Und das schlägt sich eben auch in der allgemeinen Haltung nieder. Moderator Frank Plasberg spricht ganz offen von seinen Überlegungen zum Ski-Urlaub: "Komm, der Sohn braucht’s, machen wir, vielleicht auch nicht vernünftig." Und Malu Dreyer, SPD, Ministerpräsidentin des Landes Rheinland-Pfalz, findet:

"Ich habe keine Angst, ich habe keine Befürchtungen. Ich halte mich an all die Regeln, von denen ich den ganzen Tag erzähle."
Malu Dreyer

Zudem habe sie persönlich den Eindruck, wenn man geschützt sei durchs Impfen, "ist es gar kein Drama mehr, wenn man sich ansteckt".

Das ist ein Gedanke, der derzeit wohl viele beschleicht. Aber öffentlich von einem hochrangigen Politiker war er so deutlich bisher noch nicht zu hören.

Andererseits stellt sie später auch noch klar: "Wir sollten nicht so tun, als wäre das eine harmlose Variante für alle." Dreyer meint damit vor allem die Ungeimpften. Und so plädiert die Ministerpräsidentin auch weiterhin ganz stark für die Impfplicht. Auf Plasbergs Frage, ob eine Impfpflicht, die für die derzeitige Welle ja keine Wirkung mehr hat, nicht ein Vorratsbeschluss und damit problematisch sei, betont sie, dass die Impflücke geschlossen werden müsse, um einschränkende Maßnahmen im Herbst 2022 zu verhindern. Denn wenn es zum dritten Mal im Herbst Corona-Maßnahmen geben würde, ahnt sie Schlimmes: "Dann glaube ich schon, dass wir einen Totalaufstand in der Gesellschaft haben."

Christine Aschenberg-Dugnus (FDP) verwirrte die Zuschauer mit ihrer Halskette.
Christine Aschenberg-Dugnus (FDP) verwirrte die Zuschauer mit ihrer Halskette. bild: screenshot ard

Selten war so viel Bewegung in der Politik wie während der Corona-Krise. Standpunkte ändern sich. Manchmal auch mehrfach. Nachdem die Impfpflicht über fast zwei Jahre einhellig abgelehnt worden war, wuchs Ende des vergangenen Jahres die Gruppe der Befürworter und es sah für einige Wochen so aus, als käme die Impfpflicht schneller als je gedacht. Nun ist die Diskussion wieder weniger eindeutig.

Christine Aschenberg-Dugnus, gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, hält nichts von einer Impfpflicht, vor allem, wenn diese für die Zukunft beschlossen wird. Sie findet, man müsse mit den Maßnahmen "auf der Höhe der Zeit sein", wenn Viren sich ändern, müssten sich auch die Maßnahmen ändern und Omikron sei vielleicht eine Chance. Sie plädiert fürs FDP-Mantra "Eigenverantwortung". Mit einer Impfpflicht würde man auch nicht alle erreichen. "Es gibt Menschen, die haben diffuse Ängste – Sie können doch nicht mit einer Pflicht die Ängste nehmen." Sie hat da einen anderen Vorschlag: Man müsse die Menschen locken, zum Beispiel mit einer Jahreskarte für den Sportverein. Ob das wirklich klappt?

Eine ganz andere Frage aber bewegt die Zuschauer: Aschenberg-Dugnus trägt gern ausgefallene Halsketten. Im Juli hatte sie bei Markus Lanz ein auffälliges Modell mit ihren Initialen. Diesmal baumelt um ihren Hals ein geschwungener Schriftzug, der ein wenig wie das englische Wort "Empathy" aussieht – na, Einfühlungsvermögen schadet nie.

Epidemiologe Timo Ulrichs will "zu Potte" kommen.
Epidemiologe Timo Ulrichs will "zu Potte" kommen.bild: screenshot ard

Der Epidemiologe Timo Ulrichs hat es mehr mit Infektions- als mit Halsketten. Und so sieht er Omikron nicht ganz so unproblematisch wie die Vorredner. Es gebe ja durchaus noch schwere Verläufe und Long Covid sei auch noch nicht gut genug erforscht. Sein Fazit: "Wir haben unsere Hausaufgeben noch nicht gemacht, wir haben noch zu viele Ungeimpfte." Er rechnet damit, dass die Infektionszahlen saisonal bedingt ab März wieder absinken und befürchtet, dass dann das Thema impfen wieder schleifen gelassen wird.

"Wir müssen schon sehen, dass wir irgendwann zu Potte kommen. Die Frage ist dann nur aufgeschoben und sie kommt wieder."
Timo Ulrichs

Im Herbst hätten wir noch immer 10 Millionen Ungeimpfte. Er hält die Impfpflicht zwar für "die schlechteste aller Möglichkeiten", aber für die einzig verbliebene.

Der Journalist Michael Bröcker war selbst an Corona erkrankt und hatte einen nicht ganz leichten Verlauf. Er wirbt für Impfungen so viel er kann, aber ist gegen die Impfpflicht, sie sei "fast wie eine Panikreaktion der Politik, die leider das Ziel nicht erreicht". Und weil die Impfung nicht unbedingt vor Anstecken und Ansteckung schützt, hält er eine Pflicht juristisch für problematisch. Außerdem würde man den harten Kern der Impfgegner mit einer Pflicht nicht zur Impfung bewegen können.

Für Medizinhistoriker Malte Thießen ist die Impfung mehr als nur ein Pieks.
Für Medizinhistoriker Malte Thießen ist die Impfung mehr als nur ein Pieks.bild: screenshot ard

Dass sich bei der Impfskepsis über die Jahrhunderte erstaunlich wenig geändert hat, weiß der Medizinhistoriker Malte Thießen. Ende des 18. Jahrhunderts gab es bei der Pocken-Impfung auch schon Impfskeptiker. Weil mit für den Menschen weniger gefährlichen Kuhpocken-Viren geimpft wurde, hatten Skeptiker Angst, sich in eine Kuh zu verwandeln. Übrigens: Bis 2019 lag die generelle Impfquote in den östlichen Bundesländern über der im Westen. Bei der Corona-Impfung ist die Akzeptanz dann gekippt. Thießens Schlussfolgerung:

"Das ist der Beleg dafür, dass es beim Impfen nicht um den Pieks geht, sondern um Politik. Das Impfen ist immer auch ein Testfall für die Vertrauensfähigkeit in politische Einrichtungen."
Malte Thießen
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