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"Hart aber fair": Einfamilienhaus verbieten? Plasberg spottet über Hofreiter-Vorschlag

dirk krampitz

Am kommenden Sonntag finden Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz statt, CDU und CSU haben gerade mit der Masken-Affäre zu tun und diese Pandemie gibt es ja auch noch. Aber Talkmaster Frank Plasberg kündigt gut gelaunt an: "Wir gönnen uns einen coronafreien Abend." Bei "Hart aber fair" geht es ums Wohnen. "Wie radikal soll Wohnungspolitik sein?" Es diskutieren:

Einfamilienhäuser verbrauchen rund ein Drittel mehr Rohstoffe und Platz und 10 Prozent mehr Heizenergie als Mehrfamilienhäuser. Bereits Mitte Februar sorgte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter in einem "Spiegel"-Interview für Aufsehen, weil er sich kritisch zu dieser Wohnform äußerte. Schnell wurde daraus in der medialen Wahrnehmung ein geplantes Verbot von Einfamilienhäusern, das die Grünen aber schnell dementiert haben.

Plasberg spottet in Richtung Hofreiter

"Ich finde, es gehört schon eine große Portion politischer Tollkühnheit dazu, das deutsche Einfamilienhaus in Frage zu stellen", spottet Plasberg in Richtung Hofreiter. Schließlich wollen 63 Prozent der Deutschen so wohnen, wenn es geht.

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Immobilien-Lobbistin Aygül Özkan will mehr und billiger bauen. bild: screenshot ard

Für Aygül Özkan, Geschäftsführerin des Zentralverbands der Immobilienwirtschaft Deutschland, trifft diese Diskussion ohnehin nicht das Problem des mangelnden Wohnraums. "Die Diskussion lenkt von den wahren Problemen ab." Man müsse schneller, günstiger und viel flexibler bauen. In Deutschland würde der Quadratmeter im Bau 3700 Euro kosten, in den Niederlanden nur die Hälfte. Natürlich kritisiert die Lobbyistin auch den Berliner Mietendeckel ("Investitions- und Baubremse") und generell, dass es "20.000 Bauvorschriften" gebe. Man brauche ein investitionsfreundlicheres Klima.

Wohnungen auf Supermärkten

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Kai Wegner (CDU) will Supermärkte aufstocken. bild: screenshot ard

Das sieht auch Kai Wegner, baupolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, so. "Ich will, dass Menschen so wohnen können, wie sie es sich wünschen." Dafür müsse man eben die Möglichkeiten schaffen. Seine Idee für mehr Wohnraum: Innenstadtverdichtung, zum Beispiel Aufbauten auf Supermärkten. "Wenn ich sehe, was da für Flächen weggehen." Keine neue Idee, denn so etwas wird bereits praktiziert.

Den Berliner Mietendeckel, der sich nicht auf Neubauten bezieht, sieht er ebenfalls als Hinderungsfaktor: "Es werden Investoren, die bauwillig sind, aus der Stadt getrieben." Alles in allem also keine mitreißenden Visionen für jemanden, der solche Fragen als CDU-Kandidat für den Posten des Regierenden Bürgermeisters von Berlin maßgeblich mitbestimmen will.

Aber die größte Stadt Deutschlands krankt auch an vielfältigen, langjährig durch Fehlplanungen geschürten Wohnungsproblemen und natürlich zu wenig bezahlbarem Wohnraum im Stadtzentrum. Das kennt abgeschwächt auch die Grüne Oberbürgermeisterin von Bonn, Katja Dörner. Sie setzt darauf, Wohnraum im ländlichen Raum attraktiver zu machen, alte Häuser zu renovieren. In Deutschland würden 2 Milliarden Häuser leer stehen, sagt sie. Dabei handelt es sich wohl um einen Versprecher: Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung standen 2017 2,14 Millionen Wohnungen leer. Es gibt sie also, die freien Wohnungen – nur eben eher in der Peripherie.

Enteignen und deckeln

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Linke-Fraktionsvorsitzende Amira Mohamed Ali will, dass die öffentliche Hand mehr baut. bild: screenshot ard

Auch Amira Mohamed Ali, Fraktionsvorsitzende Die Linke, zieht mit ihrem Mann bald lieber in eine Doppelhaushälfte am Rande von Oldenburg. Gegen Einfamilienhäuser hat sie also schon einmal nichts. Aber gegen den Mietendeckel auch nichts. Der sei für sie sogar in Ballungszentren "auf jeden Fall ein Exportmodell". In Berlin könne man ja noch weiter investieren, weil sich der Deckel ja nicht auf Neubauten beziehe, die durch ihn also nicht behindert würden. Das Bauen gehöre mehr in die öffentliche Hand. "Damit die Mietpreise nicht weiter explodieren können."

Gleichermaßen hat sie kein Problem mit dem in Berlin von einer Initiative angestrebten Volksentscheid zur Enteignung von Immobilienunternehmen. "Unser Grundgesetz sieht das vor" – natürlich nur für ganz bestimmte Fälle. Das sei zwar "ein Holzhammer" und man dürfe ihn nur mit großem Bedacht einsetzen. Aber es gehe ja auch nur um Konzerne mit mehr als 3000 Wohnungen. Und die hätten sich in der Vergangenheit "unanständig" verhalten.

"Glück, wer einen Garten hat"

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Architektur-Journalist Gerhard Matzig kaufte ein günstiges Grundstück, das keiner wollte. bild: screenshot ard

Vor diesen Enteignungen warnt dagegen der Architektur-Journalist Gerhard Matzig: "Ich finde die Idee, zu enteignen, wahnsinnig bizarr. Das würde den Wohnungsmarkt endgültig über die Klippe fahren." Und auch der Rest der Runde meint, dass es besser wäre, für das Geld lieber neue, zusätzliche Wohnungen zu bauen. Die Schätzungen reichen hierbei weit auseinander und reichen von 8 bis 36 Milliarden Euro in der Runde.

Hofreiters Eigenheim-Bashing sieht Matzig skeptisch. "Einfamilienhaus ist nicht gleich Einfamilienhaus. Aber ich finde die Debatte nicht verkehrt." Er selbst wohnt auf 4,80 x 16 Meter Grundfläche, einem Restgrundstück, das sonst keiner kaufen wollte und dass die Familie "sich gerade noch leisten" konnte. Es sind 130 Quadratmeter Wohnfläche für ihn, seine Frau, drei Kinder. Das sei immer noch mehr, als die meisten hätten und Matzig weiß das sympathischer- und glaubwürdigerweise auch zu schätzen: Das Haus habe während Corona sein Potenzial gezeigt: "Glück, wer einen Garten hat".

Wie alle in der ungewohnt einig-einmütigen Runde für den Talkabend findet auch er, der Staat solle mehr bauen:

"Sozialen Wohnungsbau gab es schon mal Deutschland. Der war sehr weit vorn und es gab Millionen von Wohneinheiten."

Gerhard Matzig

Außerdem plädiert Matzig für ein Umdenken. Man müsse "andere Wohnungen" bauen. Solche, die auch zu den heutigen Lebensmodellen passen.

Irgendwie glücklich auf dem Land

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Lehrerin Katja Greenfield ist von Köln aufs Land gezogen. bild: screenshot ard

Lehrerin Katja Greenfield hat sich mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern ein flexibles und altersgerechtes Haus gebaut und ist von Köln aufs Land gezogen. Weil die Immobilien in Köln "unbezahlbar" waren. Der Phantomschmerz nach dem Verlust des Großstadtlebens sei "sehr groß", versichert sie. Sie ist nun wieder da, woher sie in jungen Jahren mit großer Geste – "bloß weg hier" – in die nächste größere Stadt aufgebrochen war. Sie wirkt aber eigentlich ganz glücklich. Die Kinder betreuenden Großeltern sind schließlich auch schön in der Nähe nun und können gegebenenfalls später dann auch einmal in das modular ausgerichtete Haus einziehen. Das Konzept, das ein Einfamilienhaus nicht nur für eine Kleinfamilie für ein paar Jahre dient, wird von allen in der Runde auch für gut befunden.

Nach Plasbergs Corona-Runden, bei denen es eigentlich immer hoch hergeht, ist dieser Talk ziemlich harmonisch. Die Beteiligten sitzen alle in kommoden Wohnsituationen, die zornige Berliner Initiative "Deutsche Wohnen und Co enteignen" ist seltsamerweise gar nicht im Studio vertreten, obwohl über ihr Anliegen gesprochen wird. Und so sind sich im Prinzip alle einig: Es müssen mehr Wohnungen her, am besten auch vom Staat bzw. mit dem Staat gemeinsam gebaut. Nur über das genaue Wie diskutieren sie leider zu wenig.

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