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Bischof Georg Bätzing ist natürlich gegen Sterbehilfe. bild: screenshot ard

"Hart aber fair": Plasberg kontert Bischof – "Sie haben verloren"

dirk krampitz

Richard Gärtner ist 78 Jahre alt und will sterben. Dabei ist er kerngesund. Seit dem Tod seiner Frau jedoch hat ihn jeglicher Lebenswille verlassen. Nun will er selbstbestimmt sterben und fordert ärztliche Hilfe, um sein eigenes Leben durch ein Medikament zu beenden.

Diesem fiktiven Fall widmete sich der ehemalige Strafverteidiger Ferdinand von Schirach in seinem Theaterstück "Gott". Die TV-Version lief am Montagabend vor "Hart aber fair" in der ARD.

Die große Frage dahinter: Ist es ethisch in Ordnung, Richard Gärtner das todbringende Medikament zu geben? Unter welchen Umständen darf man Menschen helfen, sich das Leben zu nehmen? Am Ende waren die Zuschauer aufgerufen, Richter zu spielen. Nach dem Film wurde das überraschend deutliche Ergebnis bei "Hart aber Fair verkündet": 70,8 Prozent sprechen sich für den selbstbestimmten Suizid aus, nur 29,2 Prozent der Zuschauer sind dagegen.

Über das Thema "Gottes Wille oder des Menschen Freiheit: Was zählt beim Wunsch zu sterben?" diskutieren bei Frank Plasberg:

Das Ergebnis der TV-Abstimmung habe er erwartet, sagt der katholische Bischof Georg Bätzing. Wenig überraschend kann er das "mit meiner ethischen Einstellung nicht vereinbaren", es gebe ja Hospize. "Da wird geholfen, wird erleichtert", sagt er. Dass Hospize keine gesunden Menschen zum Sterben aufnehmen ist ein Argumentationsfehler, auf den Plasberg den Kirchenmann genüsslich aufmerksam macht.

Den katholischen Geistlichen beziehungsweise dessen Organisation scheint Plasberg wirklich gefressen zu haben. Mal bringt er ihn mit einem Bischhof "des anderen Vereins", also der evangelischen Kirche, in Verlegenheit, mal fragt er ihn provokant, woher die katholische Kirche sich das Recht nehme, nach Kindesmissbrauchsskandalen, der Ausgrenzung von Frauen und Finanzskandalen sich als moralischen Kompass zu sehen.

Plasberg zu Bischof: "Sie haben verloren"

"Es gab viel, dass die Glaubwürdigkeit der Kirche in Zweifel ziehen lässt", gibt der Bischof zu, sieht sich aber dann doch irgendwie von den Gläubigen legitimiert. Twitter User sehen das anders. Sie reißen einen Pädophilenwitz nach dem anderen, als der Bischof sagt, dass er einen Suizid-Kandidaten nach den Namen seiner Enkel fragen würde, um ihn aufs Leben zu richten.

Am 26. Februar hat das Bundesverfassungsgericht mit einem Urteilsspruch klargestellt, dass nicht nur Kranke Hilfe beim Suizid suchen dürfen. "Ich bin schockiert, aber ich muss ihn hinnehmen. Aber ich nehme ihn nicht ohne Kritik hin", sagt der Kirchenmann. Das Gericht sei den Argumenten von Sterbehilfevereinen gefolgt und nicht denen der Kirche, die ebenfalls vor Gericht gehört wurde. Plasberg entgegnet dem empörten Bischof trocken: "Man könnte in einem Streitfall sagen: Sie haben verloren."

Schlimme Vermutungen des Bischof

Doch der Bischof lässt sich nicht abbringen. "Dieses Urteil hat eine Dynamik, von der man nicht weiß, wie man sie wieder einfangen soll." Schon jetzt gebe es Senioren, die lieber in deutschen Altersheimen wohnten als in niederländischen, wo der assistierte Suizid erlaubt ist. Plasberg kündigt dafür einen Faktencheck – das wird wirklich mal spannend.

Die Professorin für Medizinethik, Bettina Schöne-Seifert, stützt mit einer nüchternen Rechnung die These des Bischofs allerdings ein wenig: Verhältnisse wie in Holland würden in Deutschland 90 Sterbehilfe-Suizide am Tag bedeuten. "Keine niedrige Zahl", stellt die Sterbehilfe-Befürworterin klar. Sie beklagt, dass "jeder Suizid noch immer ein kleiner Skandal sei" und die 30 bis 40 Prozent der Ärzte, die bereit wären Verzweifelten zu helfen, von Ärzteverbänden keine Unterstützung bekommen.

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Susanne Johna befürchtet "impliziten Druck" auf alte Menschen. bild: screenshot ard

Susanne Johna, Internistin und aus dem Vorstand der Bundesärztekammer macht da auch gar keinen Hehl draus. Für sie sind Ärzte zum Leben retten da und nicht zum Helfen beim Sterben. "Nur weil ich akzeptieren kann, muss ich den Weg nicht gutheißen und auch noch helfen." Auch sie befürchtet einen "impliziten Druck" bei älteren Menschen, die ihren Angehörigen nicht zur Last fallen wollen. Ihre eigene Mutter hat Demenz. "Ich glaube, dass sie sich noch immer an Blumen erfreuen kann, an Tagen erfreuen kann. Der Mensch, wenn er leben kann, ist positiv", findet sie.

Er half seiner Mutter beim Sterben

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Olaf Sander war dabei, als seine Mutter das tödliche Medikament schluckte. bild: screenshot ard

Olaf Sander hat seine Mutter beim Suizid begleitet. "Ich habe meine Mutter nicht getötet, das hat sie selbst gemacht – ich habe es nur zurechtgestellt.“ Die meiste Zeit ihres 78-jährigen Lebens litt sie an den Folgen eine nicht behandelten Kinderlähmung und am Ende unter diversen Krankheiten, einer sogenannten "Multimorbidität". Sie hatte Schluckstörungen, konnte sich nur noch schwer selbst bewegen. "Sie hat gelitten und sie hatte Schmerzen", sagt ihr Sohn. "Niemand muss mich bedauern. Ich sehe das als mein Recht an", sagt seine Mutter in den Ausschnitten, die Moderator Plasberg aus der Doku zeigt, über ihre Entscheidung für den freiwilligen Tod.

Das Medikament hatte sie schon drei Jahre im Schrank stehen, bis sie ihrem Leben ein Ende setzte. Vor der Einnahme des Medikaments fragte Olaf Sander seine Mutter, ob sie weiß, was danach passiert.

"Dann werde ich hoffentlich sterben."

Olaf Sanders Mutter

Er fragt nach: "Ist es das, was du willst?" Eindeutige Antwort: "Ja." Im Hintergrund läuft Musik von Johann Strauss im Radio. "Ob ich jemals wieder unbefangen Johann Strauss hören kann?", fragt der Sohn. "Ja, da ist so viel Lebensfreude drin und Melodie", antwortet seine Mutter nur wenige Minuten vor ihrem Tod. Olaf Sander hat das alles gefilmt. Als Beweis seiner Unschuld, falls er angeklagt wird. Aus demselben Grund hat er die Wohnung dann auch schleunigst verlassen und ist in eine Spielothek mit Videoüberwachung geflüchtet. Vier Jahre ist das her. Die Doku ist noch auf dem SWR-Youtube-Kanal zu sehen.

"Es ist mir überhaupt nicht leicht gefallen. Natürlich hätte ich sie noch gern 20 Jahre gehabt, aber ich finde es egoistisch– wenn es dem anderen so schlecht geht ist es ein Akt der Gnade."

Olaf Sander

Als er zurückkam, saß sie in ihre Stuhl. "Ein sehr tröstendes Bild. Als wenn sie schläft." Auch Johann Strauss kann er heute wieder hören. "Ich fühle mich gut, ich habe überhaupt kein schlechtes Gewissen."

Plasberg wirkt angefasst

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Moderator Plasberg wirkt am Ende des Diskussion berührt. bild: screenshot ard

Gerade die Geschichte von Sander scheint Frank Plasberg nahe zu gehen. "Ein interessanter, aber auch anstrengender Abend, danke für die persönlichen Worte heute Abend", bedankt sich der Moderator am Ende bei seinen Gästen. Und dann kommt der ansonsten so routinierte Moderator ein bisschen ins Stocken. Bei der Übergabe an die Tagesthemen atmet er kurz, aber auffällig durch, als Caren Miosga spricht. Und wirkt fast als müsse er gegen Tränen kämpfen.

Einen ähnlichen Moment hatte es schon am Anfang der Sendung gegeben, als Plasberg im Rahmen der Diskussion um Hilfe beim Suizid kurz vom Sterben seiner Mutter Gertrud erzählte. "Was ist mit diesen Menschen, wo es um Würde und Kontrollverlust geht? Ich bin froh, dass sie mich nicht gefragt hat." Im Januar 2019 ist sie mit fast 90 Jahren gestorben. In diesem Jahr starb sein Vater.

Es ist eben ein Thema, das alle irgendwie berührt oder zumindest rührt.

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